Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Falsche Propheten

kath.nets Vatikankorrespondent Armin Schwibach erinnert in einem aktuellen Beitrag an die "Regensburger Rede" Benedikt XVI, die damals für einige Aufregung in der Welt sorgte, weil er ein Zitat benutzte, in dem ein byzantinischer Kaiser dem Islam Inhumanität und Schlechtigkeit vorwarf. Ziel der Rede Benedikts war es aufzuzeigen, dass es Gottes Willen zuwider läuft, unvernünftig zu handeln. Religion und Vernunft, das große Thema des emeritierten Papstes.

Ob das, was Schwibach in seinem Beitrag macht, so vernünftig ist, wage ich zu bezweifeln. Ohne jeden Anschluss an die Rede Benedikts disqualifiziert er den Islam als "Religion der Eroberung", die mit dem christlichen Abendland unvereinbar ist. Terrorismus sei "fest verankert in der islamischen Kultur" und "Ausdruck eines religiösen Lebensstils". Der Islam sei "keine Religion des Friedens". 

Wie zuvor die Zitate aus der "Regensburger Rede" werden diese Aussagen teilweise in Anführungszeichen gesetzt. Schwibach missbraucht hier Benedikt XVI für seine eigene Islamphobie, ein wahrhaft unredliches Verfahren. Es wäre spannend zu erfahren, was Benedikt zu diesen Ausführungen sagen würde...

9.8.16 09:47, kommentieren

7000 Meter über dem Zaubertrum

Nachdem Papst Franziskus darauf hingewiesen hat, dass man den Islam nicht pauschal mit Gewalt gleichsetzen dürfe, hat sich in der rechtskatholischen Szene ein Empörungssturm entladen. Selbst der weiße Zauberer Gandalf, der sich nur noch selten im Kommentarbereich seines Zauberturmes aufhält, war nicht mehr zu bremsen.

"Das Gute ist...
.. Interviews von Päpsten über den 7000 Meter sind keine lehramtlichen Mitteilungen ;-) P. S. Unabhängig davon bin ich überzeugt, dass mind. 90 % der Katholiken mit diesen Papst-Aussagen nicht mitgehen werden und diese Aussagen leider Franziskus schaden werden."

Gandalf macht den Fehler, die Katholiken seines Zauberturmes für 90% aller Katholiken zu halten. Ein Hauch von Größenwahn umhaucht den guten Weißen, dem die Popularität Franziskus sicherlich schlaflose Nächte bereiten muss. Vielleicht holt er sich deshalb Linderung in seinem Kommentarbereich, wo eine Eruption der Islamophobie seiner geschundenen Seele Linderung verschaffen wird.

Dann muss man Gandalf noch entgegnen, dass es selbstverständlich auch lehramtliche Äußerungen gibt, auf die sich Franziskus mit seiner Stellungnahme beziehen könnte, etwa die Aussagen des Zwieten Vatikanums zum Islam:

"Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde (5), der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten.
Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen."

Allerdings zählt im Zauberturm wohl nur das eigene Lehramt, das dem Papst schon wiederholt Irrtümer nachgewiesen hat. Wann wird Gandalf den Vatikan endlich übernehmen und wieder für Ordnung sorgen?
 
 
PS: Der Beitrag auf kath.net schließt mit einer Twitternachricht von Show-Prediger Johannes Hartl ab:

"Der eine schneidet 84-jährigem Priester Kehle durch. #PereHamel gibt sein Leben. Beide im Namen ihrer Religion. Selten war Unterschied klarer."

Man möchte ihm antworten:

"Der selbstlose Prediger engagiert sich bis zuletzt im interreligiösen Dialog mit den Muslimen in der Gemeinde, der Starprediger spaltet mit Twittennachrichten. Selten war ein Unterschied klarer."

2.8.16 11:05, kommentieren

Gott im Geringsten finden

Auszug aus der Ansprache des Papstes an die Jugend der Welt nach seinem Auschwitzbesuch:

"Schauen wir zunächst auf die sieben Werke der leiblichen Barmherzigkeit: Hungernde speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde beherbergen, Kranke besuchen, Gefangene besuchen, Tote begraben. Umsonst haben wir empfangen, umsonst wollen wir geben. Wir sind aufgefordert, dem gekreuzigten Jesus in jedem ausgegrenzten Menschen zu dienen, seinen heiligen Leib zu berühren im Ausgeschlossenen, im Hungrigen, im Durstigen, im Nackten, im Gefangenen, im Kranken, im Arbeitslosen, im Verfolgten, im Heimatvertriebenen und im Migranten. Dort finden wir unseren Gott, dort berühren wir den Herrn. Jesus selbst hat uns das gesagt, als er erklärte, welches das „Protokoll“ sein wird, nach dem wir einst gerichtet werden: Jedes Mal, wenn wir das dem Geringsten unserer Mitmenschen getan haben, haben wir es ihm getan (vgl.  Mt 25,31-46).

Den Werken der leiblichen  Barmherzigkeit folgen die der geistlichen Barmherzigkeit: die Zweifelnden beraten, die Unwissenden lehren, die Sünder zurechtweisen, die Trauernden trösten, Beleidigungen verzeihen, die Lästigen geduldig ertragen, für die Lebenden und die Verstorbenen zu Gott beten. Mit der Aufnahme des Ausgegrenzten, der leiblich verwundet ist, und mit der Aufnahme des Sünders, der seelisch verwundet ist, steht unsere Glaubwürdigkeit als Christen auf dem Spiel. Mit der Aufnahme des Ausgegrenzten, der leiblich verwundet ist, und mit der Aufnahme des Sünders, der seelisch verwundet ist, steht unsere Glaubwürdigkeit als Christen auf dem Spiel! Nicht mit den Ideen: dort!" (Die ganze Ansprache hier, Unterstreichungen von mir)

30.7.16 13:01, kommentieren

Flucht in die Scheinwelt

Theologische Sachfragen empfinde ich in der aktuellen Situation geradezu als Flucht in die wissenschaftliche (Schein-)Welt, nur weg aus der Realität, die zur Zeit kaum zu ertragen ist.
 
Das Deutschlandradio brachte vor Kurzem einen Beitrag, der sich mit der kirchlichen Aufwertung der Maria Magdalena in den Rang eines Apostels beschäftigte. Und obwohl man eine Theologin interviewte, geht in dem Beitrag doch einiges durcheinander.

"Der Namenstag der Heiligen Maria Magdalena wird in der Katholischen Kirche an diesem Freitag zum ersten Mal als Festtag einer Apostelin gefeiert. Papst Franziskus hat die Weggefährtin Jesu Christi schon vor einiger Zeit in diesen Rang erhoben. Seither gibt es also 13 Apostel statt bisher zwölf. Die Vereinigung der österreichischen Frauenorden begrüßte diese Veränderung ausdrücklich in einer Erklärung. "

Das Neue Testament unterscheidet deutlich zwischen dem Zwölferkreis und den Aposteln. Die Zwölf galten Jesus als Symbol für die jüdischen Menschen seiner Zeit. Seine Botschaft galt vor allem den zwölf Stämmen Islraels. Eine Frau hätte diese Symbolik unverständlich gemacht, so dass die Anmerkung, dass Da Vinci nun Maria Magdalena mit in das "Abendmahl" malen müsste, völlig unsinnig ist.

In der nachösterlichen Zeit entsteht das Amt des Apostels, die Zwölf werden wohl durchweg als Apostel gegolten haben, doch es kommen noch viele mehr dazu. Der bekannteste unter ihnen sicherlich der Apostel Paulus, der nachnominierte Matthias, der den Verräter Judas ersetzt, und ja, sicherlich auch Maria Magdalena, die von den frühen Kirchenvätern tatsächlich als Apostelin der Apostel bezeichnet wurde, weil sie vom Auferstandenen vor allen anderen die Verkündigung der frohen Botschaft aufgetragen bekommen hat. Letzteres ist übrigens Paulus Definition des Apostelamtes, weshalb er sich selbst auch als solchen bezeichnet: Verkündigungsauftrag vom Auferstandenen.
 
Paulus kennt viele weitere Apostel, die er scharf vom Zwölferkreis trennt (1 Kor 15, 4-9), so dass man davon ausgehen kann, dass auch die erste Transsexuelle der Kirchengeschichte, Junia (Röm 16,7), die durch eine postmortale Geschlechtsumwandlung zum Mann verändert wurde, eine weibliche Apostelin war.

Leider haben diese Erkenntnisse auch nur in der wissenschaftlichen Scheinwelt Bedeutung. Die reale Kirche wird in näherer Zukunft wohl kaum Konsequenzen daraus ziehen und Frauen zur Weihe zulassen. Zu sehr ist sie Teil der Welt und muss politisch-strategisch denken.

27.7.16 19:04, kommentieren

Gefährliche Konstruktionen

Nach den Gewaltakten der letzten Tage brechen im rechten und rechtskatholischen Spektrum die Dämme. Die seit jeher gepflegte Islamphobie schlägt nun in puren Hass um. Dabei verrät die Sprache wie so oft die totalitäre Ideologie der Protagonisten.
 
In der Jungen Freiheit wird nun unverholen die Verdrängung aller Muslime aus Europa gefordert. Dabei instrumentalisiert man gleich noch den Amokläufer von München als "Iraner mit deutschem Pass", also Moslem. Dass der Attentäter eher mit dem rechten politischen Spektrum liebäugelte und sein Deutschsein herausstellte, interessiert nicht. Iraner gleich Moslem gleich Terroist, so einfach funtioniert die rechtsradikale Gleichung.
 
Und dass Iraner zu 95% Schiiten sind und damit die am heftigsten verfolgte Gruppe des Islamischen Staates, das wird ein Detail sein, mit dem man den jungen Freihen wohl gar nicht mehr kommen muss. Viel zu kompliziert, das Volk braucht einfache Konzepte und einfache Lösungen.
 
Und auch auf kath.net arbeitet man kräftig mit an diesem einfachen Weltbild mit dem bösen Islam. "Würde sich ein Bischof im Zug zwischen Islamisten setzen?", fragt die Überschrift eines aktuellen Beitrags. Wie kath.net Islamisten von anderen Muslimen unterscheidet, wird dann auch gleich veranschaulicht: lächelnde "junge Männer mit Bärten und islamischen Kopfbedeckungen". So good, so easy.
 
Schade nur, dass dies gerade nicht für die Gewalttäter der letzten Tage galt. Der Attentäter von Ansbach wurde gar als Rambo gerufen, weil er eine so unislamische Langhaarfrisur trug wie Sylvester Stallone in seinen Rambofilmen. So stuften ihn auch seine Mitbewohnen als wenig gläubig ein. Aber das ist für die rechte Ideologie alles unwichtig: Moslem gleich Islamist und fertig. Das werden noch heiße Zeiten in Deutschland...

26.7.16 07:20, kommentieren

Der Splitter im Auge des Muslimen

Es ist ermüdend und ja, ich wiederhole mich, aber die rechtskatholischen Schreihälse fordern es immer wieder ein, deshalb noch einmal in aller Kürze...

Die "papsttreue katholische Publizistik" gefällt sich gerade wieder in ihrer Islamkritik. Der eine oder andere Bischof bläst mittlerweile in dasselbe Horn. Der Islam hat ein Gewaltproblem, Terrorismus sei nicht international, sondern islamisch, friedliche Muslime müssten sich viel mehr gegen den islamistischen Terrorismus stellen und ihm öffentlich abschwören.

Dem muss man mal wieder entgegen halten, dass man doch erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren sollte. Bei den Opferzahlen unschuldiger Zivilisten ist der Westen immer noch uneinholbar in Führung. Im Irak, im Jemen, in Syrien, in Afghanistan, Pakistan und anderswo sterben Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder, wie die Fliegen. Und ich höre von den obigen Schreihälsen auch nicht nur ein einziges Wort darüber.

Wer hat den Nahen Osten denn überhaubt in Brand gesetzt? Und wer will mit den daraus resultierenden Flüchtlingsströmen gleichzeitig nichts zu tun haben? Christliche Nationen, christliche Bomberpiloten, christliche Drohnenpiloten. Wir haben wirklich keinen Grund, unseren muslimischen Mitbürgern gegenüber auf dem hohen moralischen Ross zu sitzen und auch nur irgendetwas von diesen Leuten einzufordern, wenn wir nicht ganz laut das Mea Culpa singen. Wer Krieg sät, darf über die eigenen Opfer nicht lamentieren. Und damit meine ich auch den drittgrößten Waffenlieferanten der Welt, Deutschland!

7 Kommentare 19.7.16 11:36, kommentieren

Der Jesus des Philosophen

Kath.net übt sich weiter in der Kritik an Papst Franziskus. Nun lässt man den Philosophen Robert Spaemann antreten, um dem Papst häretische Tendenzen nachzuweisen. "Was ich sagen wollte, war, dass einige Äußerungen des Heiligen Vaters in eindeutigem Widerspruch stehen zu Worten Jesu, zu Worten der Apostel sowie zu der traditionellen Lehre der Kirche."

Dabei stellt sich Spaemann ähnlich plumb an wie die kath.net-Papst-Kritiker zuletzt, indem mit kaum zu entschuldigender Naivität mit einzelnen Bibelversen hantiert wird. So, sagte schon mein Lehrer für Altes Testament, kann man mit der Bibel wirklich alles beweisen. Allerdings lasse sich dieses Verfahren leicht aushebeln, weil es völlig unproblematisch sei, einem jeden einzelnen Vers einen anderen zur Seite zu stellen, der das genaue Gegenteil behaupte. Das kann man ja einmal ausprobieren...

"Jesus habe etwa gebieten können "wie einer, der Macht hat und nicht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer", und Jesus verweise im Gespräch mit dem reichen Jüngling "auf die innere Einheit der Nachfolge mit der Einhaltung der zehn Gebote" (Lk 18,18-23). Jesus predige somit keineswegs bloß ein Ideal, wie dies der Papst schreibe, so Spaemann, "sondern er stiftet eine neue Realität, das Reich Gottes auf Erden"."

Um Spaemann hier in die Parade zu fahren, muss man gar nicht erst auf andere Texte der Bibel zurückgreifen, liest man die Perikope bis zu ihrem Ende, erledigt sich die Kritik von alleine. Denn nachdem Jesus auf die Schwierigkeit hingewiesen hat, die wohlhabende Menschen haben, das Reich Gottes zu erlangen und die Umstehenden sich zurecht fragen, wer denn dann überhaupt noch gerettet werde, antwortet Jesus: "Was für Menschen unmöglich ist, ist für Gott möglich." Das, was die Franziskus-Kritiker so stört, die Fokussierung auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes zuungunsten von Gesetzen und Verboten, hat Franziskus nicht erfunden, das ist die reine Lehre des Herrn.

Und da nützt Spaemann auch sein ganzes hilfloses Entweder-Oder-Christentum nicht, Jesus war nicht der Rigorist, den er da herbeiphantasiert. Er war radikal, ja, aber radikal in seiner Liebe, in seiner Menschenzugewandtheit und Barmherzigkeit. Doch Spaemann will den spaltenden Jesus, nicht den versöhnenden. Deshalb greift er auf einen Vers aus dem Matthäusevangelium zurück: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich." Doch im älteren Markusevangelium steht: "Wer nicht gegen mich ist, ist für mich." Und nu, Herr Spaemann? Scheinbar kommen wir mit dieser "Ich such mir mal 'nen Vers, der das Evangelium nach Spaemann bestätigt" nicht weiter.

Auch das angebliche Ja oder Nein in der Frage der Ehescheidung ist neutestamentlich gar nicht so eindeutig, wie der Philosoph behauptet. Gerade sein Matthäusevangelist lässt ihn da schlecht aussehen, wenn er ihm die Unzuchtsklasel (Mt 19,9) unterjubelt, die dem Mann die Scheidung ermöglicht. Und auch der von Spamann als Rigorist gezeichnete Paulus kennt Ausnahmen, die eine Scheidung ermöglichen (1Kor 7).

Letztendlich kann man Spaemann nur raten, bei seinem philosophischen Geschäft zu bleiben und den Theologen und Exegeten die Bibelarbeit zu überlassen.

2 Kommentare 25.6.16 11:09, kommentieren