Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Bucklige Verwandtschaft

Die Entscheidung des Vatikans um die Wiedereingliederung der Piusbruderschaft unter das Dach der Kirche rückt näher. Die erwartungsvolle Spannung kann man an dem unterschiedlichen Umgang der beiden führenden Schreihalsportale mit diesem Thema ablesen. Während die Kreuzer sich mit zum Teil widersprüchlichen Meldungen nur so überschlagen, gaukeln die Kather Gelassenheit vor und bringen gar keine Meldung.
 
Was auch immer die Zukunft in dieser dem Papst so wichtigen Angelegenheit bringen mag, es liegt Sprengstoff darin. Die Ideallösung, dass die gesamte Bruderschaft die Aussagen des letzten Konzils akzeptiert, ist wohl lediglich theoretischer Art. Viel spricht dafür, dass der Konflikt weiter schwelen wird. Wenn explizit.net heute eine Meldung bringt, in der eine Verbindung zwischen kreuz.net und der Piusbruderschaft behauptet wird, dann kann man die Sorge vieler Katholiken dieser Entwicklung gegenüber verstehen. Es läge dann wohl auch ein Widerspruch zwischen den Bemühungen des Papstes um diese Traditionalisten und den Aussagen vieler deutscher Ortsbischöfe, die den Machern dieses Portals die Katholizität absprechen.
 
Es fällt schwer zu glauben, dass es der Einheit der Kirche dient, wenn diese hasserfüllten Fäkalsprachakrobaten wieder einen Platz in der Kirche fänden. So aber bleibt nur zu hoffen, dass das unendliche Bemühen des Papstes zu einer Mäßigung im rechtskatholischen Lager führt.

12.5.12 17:04, kommentieren

Katholischer Zickenkrieg

Die anstehende Entscheidung im Fall der Piusbruderschaft scheint in eine entscheidende Phase zu gehen. Nachdem Rom den Traditionalisten ein vierwöchiges Ultimatum für die Zustimmung zu einer lehrmäßigen Präambel, die man der Bruderschaft im letzten September zukommen ließ, gesetzt hatte, hat der Vatikan am 18. April den Eingang des Antwortschreibens bestätigt. Schon im Vorfeld wurde ein Wust von widersprüchlichen Meldungen und Spekulationen von mehr oder weniger informierten „Vatikanisten“ in der Presse lanciert. Die unerträgliche Spannung und das mediale Taktieren unterstreichen die Unruhe und die Tragweite der anstehenden Entscheidung für die Welt des Katholizismus.

Nun sollte die Abwendung eines Schismas und die Rückkehr von Abtrünnigen in die katholische Kirche grundsätzlich positiv und mit Freude aufgenommen werden. Gerade liberale Katholiken sollten sich genau an dieser Stelle von den Fundis unterscheiden, die unentwegt nach Exkommunikation schreien, und katholischen Geschwistern den Übertritt in eine außerkatholische christliche Gemeinschaft empfehlen.

Andererseits ist es natürlich völlig legitim und notwendig, auf die äußerst problematische Haltung der Piusbrüder zum Zweiten Vatikanischen Konzil hinzuweisen. Die Sorge um den Stellenwert wesentlicher Aussagen dieses Konzils ist verständlich. Bei der Bewertung der Auswirkungen der möglichen Wiedervereinigung für Lehre und Theologie wird wohl ganz viel von den Formulierungen der lehramtlichen Präambel und den von den Piusbrüdern vorgenommenen Korrekturen daran abhängen. Beide sind unveröffentlicht und es ist müßig über den Inhalt zu spekulieren. Dass der Papst in den letzten Monaten die Lehre von der Religionsfreiheit – eine Lehre, die die Piusbrüder massiv kritisieren – in den Vordergrund rückt, wirkt aber doch eher beruhigend.

Viel spannender scheint mir zurzeit das unkontrollierte Hauen und Stechen der innerkatholischen Gegner zu sein. Auf den einschlägigen katholischen Schreihalsportalen sind die Emotionen jedenfalls kaum zu bändigen. Die hormonelle Verfassung lässt allerdings eine rationale Auseinandersetzung kaum zu, im Überlebensmodus wird nun einmal der Verstand aus- und der Beißreflex eingeschaltet.

Aktuellstes Beispiel ist wohl der Zickenkrieg zwischen dem Pastoraltheologen Paul Zulehner nebst dem Theologen David Berger und den Betreibern und Unterstützern von kath.net. Die vollkommen berechtigte Kritik  der beiden Erstgenannten wird leider durch ein wenig hilfreiches Vokabular und die ein oder andere Indifferenz getrübt. Den "Rechtskatholiken" von kreuzundkath.net zu unterstellen, sie würden ihre Gegner - wenn sie nur könnten - auf dem Scheiterhaufen verbrennen, ist wohl ebenso den Hormonen geschuldet wie das Eingeständnis, dass man auf kath.net alle Texte von David Berger gelöscht habe, nachdem er sich als homosexuell geoutet hatte. Was vorher richtig war, scheint aufgrund des öffentlichen Eingeständnisses der sexuellen Prägung des Autors nun plötzlich falsch zu sein?!

Lustig ist auch Alexander Kisslers pseudointellektueller Gastkommentar zu dieser Fehde, wirft er Zulehner doch Unwissenschaftlichkeit aufgrund von Indifferenz vor. Auf seinen eigenen Doktorgrad insistierend setzt er die zulehnersche Kritik an kathundkreuz.net flux mit einer Kritik an allen Katholiken gleich, die nicht der Meinung des Pastoraltheologen zustimmten. Vor dem Hintergrund der jüngsten Plagiatsaffären könnte man zu dem Schluss kommen, dass man die Promotionen der letzten 50 Jahre wohl grundsätzlich einmal durchleuchten sollte.

Dass die Kritik an den genannten katholischen Portalen trotz der fehlenden Belege durch Zulehner und Berger natürlich berechtigt ist, kann man z.B. hier oder hier  in aller Ruhe studieren. Und dass Kissler selbst keine Belege für seine gegenteilige Meinung aufführt, macht den hormondurchtränkten Zickenkrieg dann auch perfekt. Naja, an Kratzern und ausgerissenen Haarbüscheln ist wohl noch keiner gestorben - anders als auf Scheiterhaufen…

20.4.12 10:39, kommentieren

Von Druck und Überdruck

Nachdem man sich auf kath.net in den letzten Wochen bemühte, dem Vorwurf rechter Tendenzen entgegenzuwirken, mäßigte sich der Ton  in Bezug auf Muslime und reformbereite Katholiken etwas. Sicherlich wirkte auch die sture Verweigerungshaltung der Piusbruderschaft, von der man sich urplötzlich abwandte, sie gar offen kritisierte, mäßigend auf das Portal.

Offensichtlich hat dieser moderate Kurs aber dazu geführt, dass sich die Wut und Aggression der Stammkommentatoren nun über Wochen nicht so recht entladen konnte. Dieser die Gesundheit fördernde Aspekt des Abreagierens ist bisher in der Diskussion um derartige Foren noch gar nicht berücksichtigt worden. Andererseits werden wohl auch viele Kommentatoren auf das von Adrenalin und Angsthormonen durchtränkte Portal kreuz.net ausgewichen sein.

Doch nun hat man wieder ein Thema gefunden, auf das man sich mit ganzem Eifer und zähneknirschender Wut stürzen kann, ohne in den Verdacht zu geraten, als Scharnier zum rechten politischen Spektrum zu fungieren. Schließlich gibt es zur Frage der Homosexualität eindeutige Aussagen der katholischen Glaubenslehre, mit deren Rückendeckung nun endlich wieder schonungslos zugeschlagen werden kann.

Was war geschehen? Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn hat in der Diskussion um einen in einer eingetragenen homosexuellen Partnerschaft lebenden Mann, der im österreichischen Stützenhofen mit großer Mehrheit in den Pfarrgemeinderat gewählt wurde, entschieden, dass dieser ein geeigneter Kandidat und die Wahl nicht zu beanstanden sei.

Mit 285 Kommentaren ist der Bericht über diese Entscheidung der absolute Spitzenreiter der letzten Monate und unterstreicht damit die Aufregung, die im fundamental-katholischen Lager herrscht. Der aufgestaute Druck konnte endlich entweichen (siehe auch hier und hier ).

Nun ist der Katechismus der katholischen Kirche tatsächlich recht eindeutig in der Frage nach gelebter Homosexualität. Zwar wird eingestanden, dass die Entstehung der Homosexualität weitgehend ungeklärt sei. Auch wird sie als Phänomen aller Zeiten und Kulturen benannt. Homosexuellen sei grundsätzlich mit "Achtung, Mitgefühl und Takt" zu begegnen! Nichtsdestotrotz werden homosexuelle Handlungen unter Verweis auf die Heilige Schrift als „schlimme Abirrung“ verurteilt, die gegen das „natürliche Gesetz“ verstößt und deshalb von der Kirche stets als „ungeordnet“, weil nicht auf die „Weitergabe des Lebens“ ausgerichtet, abgelehnt wurde.

In ihrem Kurzvortrag „Und David küsste Jonathan...“ - der Titel deutet schon an, dass man im Alten Testament wohl auf der Basis anderer Schriftstellen zu einer differenzierteren Sicht auf die Homosexualität kommen könnte - geht Marie-Theres Wacker, Professorin für Altes Testament an der Uni Münster, auf die angeführten Schriftstellen und die Argumentation des Katechismus ein und kommt zu dem Ergebnis:

„Aus der Unterscheidung von Neigung und Handlung in Abschnitt 2357 folgt zweierlei: auf der einen Seite (2358) ist homosexuell veranlagten Menschen mit „Achtung, Mitleid und Takt“ zu begegnen. Die Übersetzung des lateinischen „compassio“ mit „Mitleid“ – möglich wäre ja z.B. auch „Sympathie“! – ist hier, so meine ich, verräterisch: Sie macht deutlich, dass Homosexualität etwas Bedauernswertes ist, eine Anomalie, unter der Menschen leiden. Hier wird indirekt die Pathologisierung der Gleichgeschlechtlichkeit, wie sie mit der Einführung des Begriffs der Homosexualität im 19. Jahrhundert einherging, weiter fortgeschrieben.

Die zweite Folge hält Abschnitt 2359 fest: „Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen“, das heißt, sie dürfen auf keinen Fall ihre gleichgeschlechtliche Veranlagung auch entsprechendsexuell praktisch werden lassen.

Auch der Katechismus also macht keinerlei Unterschied zwischen der Situation einer Vergewaltigung zwischen Männern und zwischen Sex in freier Übereinkunft, und er sieht keine Möglichkeit, gleichgeschlechtlichem Begehren oder gleichgeschlechtlicher Sexualität irgendeine positive Dimension abzugewinnen.

Ja, schlimmer noch: wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die im Katechismus herangezogenen Bibelstellen richten, dann finden Sie zum einen den Abschnitt aus dem Römerbrief wieder, den wir eben angesehen haben und der ja in der Tat die kirchliche Position stützen kann. Die weiteren beiden Belege aus dem Corpus Paulinum enthalten nicht viel mehr als einige Bezeichnungen für abgelehnte Formen der Sexualität und führen nicht über die Argumentation des Römerbriefs hinaus, weshalb ich sie hier übergehe. Zum anderen aber stellen Sie fest, dass es aus dem Alten Testament nicht die beiden levitischen Verbote sind, sondern ausgerechnet Gen 19, die Lotgeschichte, in der es um eine Massenvergewaltigung der Gäste Lots durch die Männer der Stadt Sodom geht. Ich vermute, dass diese brutale Geschichte hier als Schrifterweis geeignet erschien, weil es der kirchlichen Argumentation ja auf die Perversität des Aktes als solchem ankommt, ganz unabhängig von seinen Umständen, und weil diese Geschichte eindeutig vom vernichtenden Urteil Gottes spricht. Eine Folge dieses Rückgriffs auf Gen 19 allerdings war nicht im Blick oder wurde billigend in Kauf genommen: wer die Lotgeschichte auf Homosexualität bezieht, vermittelt die Botschaft, dass alle Schwulen potentielle sexuelle Gewalttäter sind. Damit unterstützt der Katechismus, gewollt oder ungewollt, ein zutiefst diskriminierendes Klischee.“

Wenn Paulus im siebten Kapitel des ersten Korintherbriefes darauf verweist, dass Keuschheit nur diejenigen leben können, die diese Gnadengabe von Gott erhalten haben (1Kor 7,7), und das Böse drohe, wenn man dies ohne diese Gnadengabe versuchte (1Kor 7,5), dann erscheint mir die Forderung nach einem keuschem Leben für alle homosexuell veranlagte Menschen doch fraglich. Der Missbrauchsskandal gibt Paulus in seiner Einschätzung sogar auf traurige Weise Recht!! Diese Erkenntnis des Apostels scheint mir auch über der im Katechismus angeführten Stelle aus dem Römerbrief angesiedelt zu sein, wo zeitbedingte Vorurteile homosexuellen Handlungen gegenüber deutlich mitschwingen.

So kann man Kardinal Schönborn für seine mutige Entscheidung nur gratulieren und hoffen, dass diese eine erneute Diskussion über den Umgang mit homosexuell veranlagten Menschen in der katholischen Kirche befeuert.

2.4.12 19:12, kommentieren

Von kindlichen Erwachsenen und erwachsenen Kindern

Zurecht verweist Hans-Joachim Neubauer in der aktuellen  „Christ und Welt“ auf den markanten Widerspruch im Umgang mit Mitarbeitern der Kirche, die dem moralischen Anspruch der Kirche nicht genügen. Dabei stellt er einem aktuellen Fall aus Königswinter, wo einer Kindergartenleiterin aufgrund einer neuen Partnerschaft gekündigt wurde, den milden und nachsichtigen Umgang mit einem pädophilen Priester im Bistum Trier gegenüber, der wegen des Übergangs in den Ruhestand disziplinarisch nicht mehr zu maßregeln gewesen ist.

Bischof Ackermann stellte klar, dass man mit diesen Priestern nach den neuen Richtlinien verfahre und sie „nicht als normaler Pfarrer, sondern in eingeschränkten Feldern und mit Auflagen“ einsetzen werde, wenn entsprechende Gutachten einen solchen Einsatz unterstützten.

Neubauer konstatiert völlig folgerichtig: „Solange ein zweites Jawort dienstrechtlich schwerer wiegt als die Vergehen eines verurteilten Triebtäters, muss die Kirche damit rechnen, missverstanden zu werden, wenn sie erklärt, im Interesse der Opfer zu handeln.“

Das Skandalöse ist dabei nicht der zugewandte und begleitende Umgang der Kirche mit Priestern, die sich an Kindern vergriffen haben, skandalös ist tatsächlich das ungleiche Maß, mit dem hier gemessen wird. Missbrauch bedeutet eine schwere seelische Verletzung eines Menschen, die sich vielleicht ein Leben lang auswirkt.

Eine gescheiterte Ehe kann vielfältige Gründe haben. Selten ist die Schuldfrage eindeutig, nie ist nur ein Partner alleine verantwortlich, oft ist die Trennung wohl das Gesündeste für alle Beteiligten, selbst für die Kinder. Wer will sich anmaßen, das zu beurteilen?

Jesus selbst gibt uns ein Beispiel für den Umgang mit gescheiterten Menschen, als man ihm eine Ehebrecherin vorführt, die auf frischer Tat ertappt wurde, und sein Einverständnis für die Steinigung eingefordert wird. Bevor und nachdem er den programmatischen Satz spricht: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie“ (Joh 8,7), schreibt er etwas mit dem Finger auf die Erde. Leider erfährt der Leser des Johannesevangeliums nicht, was genau er da in den Sand schreibt, vermutlich aber sind es die Verfehlungen der Menschen, die hier die harte Strafe fordern. Schaut auf euch selbst, wenn ihr ohne Sünde und Verfehlung seid, dann könnt ihr sie bestrafen und töten. Beschämt verlassen die Ankläger den Raum. Jesus wendet sich der Frau zu und versichert ihr, dass auch er, den wir als frei von jeder Sünde glauben, sie nicht verurteilt. Er fordert sie nur auf ihr Leben zu ändern. Seine ausbleibende Verurteilung und seine Liebe haben es ihr vielleicht ermöglicht?!

An einer anderen Stelle spricht er auch von Menschen, die Kinder zum Bösen verführen. „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde“ (Mt 18,6). Es geht ihm hier wohl um den Schutz, den die Schwachen und Kleinen brauchen , um sich gesund entwickeln zu können. Dazu fordert er von den Starken und Mächtigen, sich klein zu machen, den Schwachen zu dienen. Dazu müsse ihr Gottvertrauen so stark sein, wie das Vertrauen der Kinder zu ihren Eltern: „Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Wer das Vertrauen eines Kindes missbraucht, der zerstört damit auch die Möglichkeit, dass es Gottvertrauen entwickelt, er zerstört diesen Menschen. Kein Wunder also, dass Jesus hier auf solch martialische Rhetorik zurückgreift. Für einen solchen Menschen wäre es wohl besser, er wäre statt Täter selber Opfer von Gewalt.

Diese beiden Perikopen unterstreichen noch einmal das, was Neubauer kritisiert. Die Kirche verspielt ihre Glaubwürdigkeit als moralische Autorität, wenn sie die schweren Verfehlungen von ordinierten Menschen milder bewertet als die weniger schweren von Laien. Beide brauchen Liebe und Zuwendung und nicht Strafe und Verbannung.

Dass auch die pädophilen Priester im Grunde genommen Opfer sind, das hat Eugen Drewermann  herausgestellt. Er bezeichnet ihre unterdrückte und deshalb fehlentwickelte Sexualität als kindlich. Wie und warum sind diese Kinder Gottes nur zum Bösen verführt worden? Nähern sich hier die beiden Problemfelder Scheidung und Missbrauch vielleicht sogar an, ist eine kindliche, unreife und damit nicht erwachsene Sexualität nicht auch oft der Grund für Eheprobleme? Letztendlich bleibt es die Aufgabe der Verantwortlichen in der Kirche, die katholische Sexualmoral vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals auf den Prüfstand zu stellen, will man sich nicht weiter mitschuldig machen an Leid und Unglück.

24.3.12 11:08, kommentieren

Ein Lehrstück in Schwarz und Weiß

Fundamental-katholische Mitchristen gefallen sich in der Pose des Opfers, das gegen alle Widerstände der bösen Welt das Licht des Evangeliums trägt. Dabei wird natürlich sauber zwischen Gut und Böse unterschieden.

Ein Paradebeispiel liefert das jüngste Interview von Roland „Gandalf“ Noe mit dem Spezialisten für physikalische Gottesbeweise Paul Badde, behauptet letzterer doch, dass mit der Verkündigung der frohen Botschaft „der Widerstand überall auf der Welt vorprogrammiert“ sei. Komisch, ich fühle mich als Christ in meiner Welt überhaupt nicht abgelehnt!?

Ob die naive Vorstellung von der „wunderbaren Christianisierung Mexikos“ einfach nur dumm oder kalkuliert böswillig ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls wird das Abschlachten der indianischen Bevölkerung durch die christlichen Konquistadoren kaum thematisiert. Dies würde im Übrigen der inneren Logik Baddes zuwiderlaufen, möchte er doch umgekehrt die Christen als Opfer darstellen, nicht die Ureinwohnerschaft, die es aber rein faktisch war!

Neutral spricht er deshalb von der alten aztekischen Kultur „mit ihrem rätselhaften Todeskult“, die in nur wenigen Jahren zerstört wurde. Opferzahlen, die sich im vielfachen Millionenbereich bewegen, würden hier nur stören. Die christlichen Opfer hingegen werden penibel aufgezählt. Seit der Unabhängigkeit Mexikos und der anschließenden Gründung einer „Freimaurerrepulik“ habe es unzählige Christenverfolgungen gegeben „Über dreitausend Priester haben in diesen Verfolgungen ihr Leben gelassen.“ Im Handumdrehen werden auch die unzähligen Opfer des in Mexiko tobenden Drogenkrieges zu Opfern der satanischen Christenverfolgung stilisiert und mit 50000 beziffert.

Zum krönenden Abschluss wird die ganze Geschichte auch noch Gott persönlich in die Schuhe geschoben, indem Badde auf „das ‚nicht von Menschenhand gemalte’ Bild der Gottesmutter von Guadalupe“ und dessen Bedeutung für die Mexikaner verweist:

„Denn die mexikanische Nation ist de facto – und das ist bestens dokumentiert – durch ein persönliches Eingreifen Gottes evangelisiert worden und nicht durch die vielfältigen und ehrenwerten Anstrengungen der europäischen Missionare, die mit den spanischen Eroberern ins Land gekommen waren.“

Na bravo!

Jesus selbst gelang es nur sehr begrenzt, dass die Menschen an ihn glaubten, das Jüngerunverständnis im Markusevangelium und der Verrat durch Judas mit der anschließenden Kreuzigung zeugen davon. „Wenn einst in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind - man hätte dort in Sack und Asche Buße getan.“ (Mt 11,21) Trotz Wunder, Gleichnissen und Reich-Gottes-Verkündigung scheitert Jesus zuerst einmal. Wie sollten dann heilige Tücher, Binden und Umhänge den Glauben fördern?

Nein, Herr Badde, wenn der Glaube diese physikalischen „Zeichen“ braucht, dann ist er von dieser Welt, dann ist er im wahrsten Sinne des Wortes „oberflächlich“. Jesus verwehrte den Schriftgelehrten Zeichen (Mk 8,11f), er forderte Glauben ein, aus diesem Glauben heraus sind dann - und nur in dieser Reihenfolge - Wunder und Zeichen möglich. „Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg“ (Mk 10,52)

Ohne den Glauben der Menschen vermochte er keine Zeichen und Wunder zu vollbringen, so z.B.in seiner Heimat: „Und er konnte dort kein Wunder tun; […]Und er wunderte sich über ihren Unglauben.“ (Mk 6,5f)

Wären die spanischen Konquistadoren weniger den weltlichen Dingen zugeneigt gewesen und hätten sie die Botschaft des Evangeliums mehr in ihr Herz gelassen, wäre es wohl kaum zu einer solch blutigen Auseinandersetzung gekommen.

20.3.12 18:15, kommentieren

Den Spatz in der Hand und den Geier auf dem Dach

Die österreichische Pfarrer-Initiative hat sich auch für das Jahr 2012 viel vorgenommen. Sollte es die Strategie der Kirchenführung sein, diese Bewegung einfach auszusitzen, dann scheint dies offensichtlich nicht zu funktionieren. So wachsen wohl die Netzwerke der Initiative in alle Welt und auch die Forderungen wurden zu Beginn des Jahres noch einmal in aller Deutlichkeit formuliert und veröffentlicht.

Deshalb verwundert es nicht, dass diese Bewegung immer wieder zum Thema auch führender Kirchenvertreter wird. Jüngst äußerte sich Kardinal Brandmüller zu der Gruppe, die öffentlich zum Ungehorsam gegen Rom aufruft. Dabei zieht er allerdings die ganz große Keule und rückt die Leute um den Initiator Helmut Schüller in die Nähe nationalsozialistischer Ideologie. Kardinal Brandmüller sieht die Pfarrer-Initialtive als Endpunkt einer Entwicklung, die mit der zu Beginn des letzten Jahrhunderts entstandenen „Los-von-Rom-Bewegung“ des Georg Ritter von Schönerer, der ebenso deutschnationale wie antiklerikale und antisemitische Ideen zu Grunde lagen“, begann.

Diese Strömung setzte sich „in der krisenhaften Zeit nach dem Zweiten Vatikanum durch die Anhänger von ‚Wir sind Kirche’, ‚Kirche von unten’ und die Kreise um das ‚Kirchenvolksbegehren’“ fort, bis sie schließlich in der Pfarrer-Initiative münde.

Nun sollte man nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen! Was auch immer man von dieser Initiative halten mag, eine Neigung zu antisemitischem Gedankengut vermag ich bei ihr nicht auszumachen. Diese kann man aber bei Vertretern der Piusbruderschaft ganz leicht nachweisen. Wo sind in diesem Zusammenhang die klaren Aussagen des Kardinals, der als Anhänger der „Alten Messe“ gerne auf der Homepage der Piusbrüder zitiert wird?!

Hat nicht gerade der Umgang Roms mit der schismatischen Piusbruderschaft Bewegungen wie die Pfarrer- Initiativen gefördert, indem man den Traditionalisten bis zur Schmerzgrenze entgegen kam und so zeigte, was solche Gruppen bewegen können?! Kann man Menschen, die wesentliche Aussagen des Zweiten Vatikanums ablehnen, zurück in die Kirche holen und gleichzeitig Reformer, die sich mitunter auf ebendieses Konzil berufen, aus der Kirche ausschließen, wie Brandmüller es in seinem Vergleich mit der tschechoslowakisch-hussitischen Nationalkirche andeutet?! Solche Beiträge helfen in der Auseinandersetzung zwischen den traditionellen und reformerischen Gruppen innerhalb der Kirche wohl kaum weiter.

 

10.3.12 13:31, kommentieren

Wie Weihbischof Laun Dostojewski widerlegte

Da bemüht Weihbischof Andreas Laun Fjodor Michailowitsch Dostojewski, um über den Religionsunterricht nachzudenken. Dostojewski stellt Religionslehrer als geldgierige Jammerlappen dar, die eine Arbeit verrichten, die wohl besser von Geistlichen durchgeführt würde, die sich anders als Religionslehrer nicht beklagten, sondern heroisch, den ersten Aposteln gleich, das Evangelium gegen alle Widerstände und trotz aller Entbehrungen und Schmerzen verkündeten.

Nach dieser stellvertretenden Abrechnung mit den Religionslehrern dient der russische Schriftsteller Weihbischof Laun als Überleitung zum eigentlichen Thema, dem Religionsunterricht:

„Das Beste wäre aber, wenn man den Kindern einfach aus der biblischen Geschichte erzählen wollte, ohne irgendwelche offizielle Moral, und der ganze Religionsunterricht zunächst darauf beschränkt bliebe! Eine Reihe schöner, reiner, heiliger Bilder könnte auf diese nach schönen Eindrücken lechzende Seelen einen mächtigen Einfluss haben.“

Diesen reinen und heiligen Bildern setzt Laun nach bekannter Schwarzweiß-Manier die widerlichen Bilder von Horror- und Pornofilmen gegenüber. Nun möchte ich hier sicher nicht als Fürsprecher von Horrorfilmen und Pornos auftreten. Aber Bischof Laun sollte wissen, dass Horror und auch sexuelle Gewalt in der Bibel vorzufinden sind. So widerspricht er sich auch gleich, wenn er als Beispiel für die „reinen und heiligen“ Texte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter nennt, geht es in ihm doch um einen von Räubern fast zu Tode geprügelten Mann, der hilflos am Wegesrand liegt. Und auch sein Beispiel von David und Goliath ist wohl nicht frei von Gewalt.

Damit ist man dann aber auch schon mitten in der Diskussion über den Religionsunterricht. So macht Bischof Laun den Leser glauben, dass guter Religionsunterricht den biblischen Texten lediglich Raum geben müsse. Lehrpläne und Pädagogik seien sekundär. Das Ergebnis eines solchen Unterrichtes läge auf der Hand: „Die Kinder würden zuhören, für den Lehrer wäre der Unterricht streckenweise leichter, und dem „Heil der Seelen“ wäre „nachhaltig“ gedient durch  Geschichten von Gott, über Gott, mit Gott als Hauptfigur der Handlung“.

Ein adressatenbezogener oder kindbezoger Erzählrahmen, der den jungen Menschen erst eine Identifikation erlaubt, eine Übertextung der historischen Situation in die „Sprache“ der Kinder sind offensichtlich modernes pädagogisches Beiwerk, das im Grunde unnötig ist. Besser man konfrontiert die Kleinen gleich mit Räubern, Töten, Martern und Kreuzigen, hat ja früher auch nicht geschadet. Deshalb empfiehlt Bischof Laun sie auch gleich noch als Gute-Nacht-Lektüre.

Man muss Bischof Laun wohl dafür danken, dass er auf seine ganz eigene Art die naiven Vorstellungen Dostojewskis zum Religionsunterricht disqualifiziert hat.

29.2.12 16:18, kommentieren