Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Zöllitsch, Wulf und das kisslersche Mittelmaß

Da hat der SWR wirklich Humor bewiesen, als man Alexander Kissler ins Nachtcafé ausgerechnet zum Thema "Ernstfall Humor" eingeladen hat. So konnte sich Kissler als wahrhaft ernster Fall von Humorlosigkeit profilieren, indem er, wie so oft, mit einem pseudointellektuellen Fremdwortsalat gekonnt das Fehlen jedweden Humors bewies und Kabarettisten und Comedians als "Oberlehrer und Nörgler" disqualifizierte.

Nun ist Humor sicherlich keine grundlegende Voraussetzung für einen Kulturjournalisten wie Kissler, eine sachlich fundierte journalistische Arbeit sollte auch ohne Humor gelingen.

Tragischerweise aber versucht sich Herr K. in seinem Online-Tagebuch mitunter in satirischer Schreibkunst. Dass er dabei in prophetischer Weitsicht gleich drohende Lächerlichkeit ahnt, entschuldigt die Qualität nur bedingt.

Zuletzt wurde der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Zöllitsch, Opfer dieser Bemühungen. Und wie so oft, wenn sich ein satirischer Text aus der Quelle des puren Hasses speist, misslingt er und wird so zum Spiegel für seinen Verfasser.

Die Unterstellung, Zöllitsch habe mit seinem Einsatz für eine Änderung im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen eine PR-Kampagne gestartet, mutet vor dem Hintergrund der von Herrn K. herbeigeschriebenen Kirchenspaltung in Deutschland schon fast komisch an, wäre das alles nicht so traurig. Den Humor hat er also wieder knapp verpasst.

Und dann setzt der Kolumnist, wie er sich selbst bezeichnet, zum gnadenlosen Schlag gegen den Bundespräsidenten an. In der Manier eines selbstgefälligen Oberlehrers wird die Trennung und anschließende Präsentation der neuen Lebensgefährtin seziert und verurteilt. Und trotz aller Verachtung für Margot Käßmann und den Feminismus ist sich Herr K. auch nicht zu schade, gerade diese als Kronzeugin für das "schamfreie" Verhalten des Bundespräsidenten zu instrumentalisieren. Das ist wirklich nicht lustig.

Doch das war nur ein Zwischenspiel in der Konzeption des Textes, Zielpunkt ist und bleibt der Freiburger Erzbischof, der nun in bewährter und trister Schwarzweiß-Überzeichnung als Marionette des Modernen und böser Feind des Papstes durch das finstere Kunst-Werk des Herrn K. bewegt wird.

Es gehe dem Erzbischof doch gar nicht um die nur vorgeschobene Barmherzigkeit, es gehe nur um die moderne Sucht, alle Wünsche zu erfüllen.

Ich wünschte mir, Herr K. würde der Satire abschwören und wieder Sachbücher schreiben. Ansonsten droht dem Humor tatsächlich der Ernstfall.

13.9.11 21:09, kommentieren

Glaube kommt vom Hören, nicht vom Lesen

Der Deutschlandbesuch des Papstes geht heute in Freiburg zu Ende. Für mich als Katholik waren viele bewegende Momente dabei, auch wenn mir die Inszenierung, die dem Papst selbst - wenigstens nach meiner Beobachtung - auch ein Stück weit unangenehm war, teilweise eine Spur zu „bildheischend“ war. Doch das gehört wohl, gerade nach dem Pontifikat Johannes Pauls II, dazu.

Was bleibt nach diesen vier Tagen im Heimatland des Papstes? Welche Grundlinien waren in seinen Reden und in seinem Auftreten zu erkennen? Auf diese Fragen möchte ich im Folgenden meine persönliche Antwort geben.

„Wo Gott ist, da ist Zukunft“, das war das Motto, unter dem dieser Besuch stand. Und dieses Motto durchzog auch die Reden des Heiligen Vaters. Diese positive Aussage verortet die Zukunft der Menschheitsgeschichte in der Anwesenheit Gottes im Leben eines jeden Menschen. Menschenwürdige Zukunft ist da, wo der Mensch Gott in die Welt lässt, wo der Mensch Gott spürt und auf dessen Stimme achtet.

So macht Benedikt XVI schon zu Beginn seiner Reise im Deutschen Bundestag deutlich, dass menschliche Zukunft dort gefährdet ist, wo die Menschen die Stimme Gottes ignorieren, weil ein selbstgerechtes also gottloses Recht und Gesetz die Gefährdung der unveräußerlichen Menschenrechte bedeute. Eine rein positivistische Rechtsprechung und Gesetzgebung widerspräche dem Menschen und gefährde seine Menschlichkeit. Dass er dabei das Bild von den „aufzureißenden Fenstern“ benutzt, mit dem Johannes XXIII die Forderung der Öffnung der Kirche zur Welt veranschaulichte, meint wohl, dass auch die Welt sich nicht dem Bereich des Göttlichen verschließen dürfe. Glaube und Vernunft sind für Benedikt die Grundkonstanten einer „Ökologie des Menschen“, wie er in Anlehnung an die grüne Bewegung für die Ökologie der Natur formuliert, die ein menschenwürdiges Leben garantieren.

„Wo Gott ist, da ist Zukunft“, dieses Motto bleibt, folgt man den Zwischenstationen der Deutschlandreise, nicht auf den christlichen Bereich begrenzt. Neben Gesprächen mit Protestanten, Orthodoxen und katholischen Vertretern rückt auch die Weite des monotheistischen Gottesglaubens in den Fokus. So stehen auch Treffen mit jüdischen und muslimischen  Gesandtschaften auf dem Programm.

Immer aber bleibt die Notwendigkeit dieses Gottesglaubens für die Gegenwart Zielpunkt der Reden des Papstes. Und immer sucht der Papst die Gemeinsamkeiten herauszustellen, die von diesem Gottesglauben ausgehen, in ihm gründen. Gleichzeitig betont er in allen Gesprächen die Notwendigkeit von Dialog und kritischer Auseinandersetzung, um ein immer tieferes Verständnis füreinander zu erreichen, so dass wahres Kennenlernen gelingt, um eine größtmögliche Einheit im Blick auf diesen einen Gott zu erreichen.

Liebevoll spricht er vor den Muslimen von einem Text, der einer „radikal verschiedenen geschichtlichen Epoche“ entstammt, aber auch heute noch stimmig ist und in die Gesellschaft passt. Ja, er spricht vom Grundgesetz, aber meint er nicht auch den Koran, wenn er im Folgenden das ethische Fundament betont, das einer jeden positiven Rechtsformulierung vorausgeht? Auf diesem Fundament könne ein gemeinsamer Dialog reiche Frucht für die Gesellschaft bringen, in der beide Religionen neben- und miteinander leben.

Vor den Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Berlin hebt der Papst die Bedeutung der Erinnerung hervor. Erinnerung an den Holocaust und die schrecklichen Konsequenzen einer gottvergessenen Zeit. Erinnerung ist wesentlicher Bestandteil des jüdischen Glaubens an einen Gott, der sein auserwähltes Volk aus der Gefangenschaft befreit hat. Dank der intensiven Dialoge und Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte – auch und gerade im Bereich der biblischen Schriftlektüre - sei man auf einem guten Weg, Gottes Willen recht zu verstehen und für eine säkulare Gesellschaft fruchtbar zu machen.

Als ein besonders heikler Zwischenstopp muss wohl der Besuch des Augustinerklosters in Erfurt betrachtet werden. Das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und den Kirchen des Protestantismus ist besonders sensibel, da von beiden Seiten von Beginn an mit schweren Geschützen geschossen wurde. Jedes Wort würde hier wohl auf die Goldwaage gelegt werden. Eine gewisse Anspannung war dann auch allen Beteiligten anzusehen.

Mit der Selbstbezeichnung als Bischof von Rom schien Benedikt den Weg in seiner Ansprache an die Vertreter der EKD ebnen zu wollen. Dass er anschließend den Ungehorsam Luthers seinem Vater gegenüber betonte, der trotz des väterlichen Wunsches nach einem Rechtsstudium doch ein Theologiestudium vorzog, um Priester zu werden, entbehrt nicht einer gewissen komischen Tiefgründigkeit. Mag man darüber spekulieren, ob der Papst nicht doch insgeheim wünschte, der Sprössling hätte auf seinen Vater gehört. Dem heiligen Vater wäre einiges, wie auch diese Ansprache, erspart geblieben!

Jedenfalls macht Benedikt die Frage Luthers nach einem gnädigen Gott auch zu seiner Fragen, die ihn immer wieder auf’s Neue treffe. So wird nicht nur der Ort und die Person Luther zum Scharnier für einen Dialog zwischen beiden Kirchen, auch die Theologie Luthers, die der Papst als christozentrisch lobt, könnte diese Brücke sein. So habe auch Luther diesen Jesus, den die Christen als Gott denken, der sich als Mensch in die Welt hineingeboren hat, nicht als "philosophische Hypothese" gedacht. Und ohne den Begriff der Rechtfertigungslehre zu verwenden veranschaulicht der Papst die Konsequenzen, wenn wir es uns allzu gemütlich in unserer Erlöstheit einrichten und auf ein christliches Leben in dieser Welt verzichten. Dann werde die Welt zur Wüste und das Böse erhalte die Macht. Er fordert die Erinnerung an Luthers Frage nach Gott ein, bezeichnet sie gar als brennende Frage für jeden Christen. Hier sieht er die großen Gemeinsamkeiten beider Konfessionen, die wichtig für die Welt seien. Diese Gemeinsamkeiten wertet er stärker als die Unterschiede, auf die man sich viel zu lange konzentriert habe. Über diese Gemeinsamkeiten grenzt er sich gemeinsam mit den klassischen evangelischen Kirchen von „einer neuen Form von Christentum“ ab, die er als "beängstigend" bezeichnet. Sicherlich spielt er hier auf die radikal missionierenden christlichen Freikirchen an, die weltweit einen ungemeinen Zulauf zu verzeichnen haben. Frei von "rationalem und dogmatischem Denken" stünden sie den „klassischen Konfessionskirchen“ gegenüber. Hier müsse die Frage entschieden werden, wie Glaube neu gedacht und gelebt werden könne, damit sich der Glaube nicht verdünne, sondern erstarke und auch in der säkularisierten Welt positiv wirke. In seiner Predigt im Ökumenischen Gottesdienst stellt er deshalb auch heraus, dass der Glaube keine Verhandlungssache sein könne, Ökumene nach seinem Verständnis keine „verdünnenden“ Kompromisse anstreben sollte. Gemeinsames Denken, Leben und Glauben seien der richtige Weg zu einer glaubhaften Ökumene.

Auch in seiner Ansprache vor Vertretern der orthodoxen Kirchen betont Benedikt die Gemeinsamkeiten, die hier besonders groß seien. Auch hier stellt er die Notwendigkeit des Dialoges in den Vordergrund, der die Differenzen klären möge, die der vollen Einheit im Wege stünden. Konkret nennt er den Primat. Doch trotz dieser Unterschiede wird das positive Wirken beider Kirchen für die säkulare Gesellschaft betont. Indem er die Einzigartigkeit der Ehe als zu schützendes Gut herausstellt, verweist er auf unterschiedliche Praktiken im Umgang mit gescheiterten Ehen, leider ohne von dieser Diagnose aus weiterführende Gedanken anzuschließen.

In seiner Ansprache vor Vertretern des Zentralkomitees der deutschen Katholiken führt er die in den vorhergehenden Reden nur angedeuteten Analysen zur aktuellen Situation des Gottesglaubens in der Gesellschaft nun konkreter aus. Er kommt auf den Relativismus zu sprechen, der seiner Meinung nach die Gesellschaft, das Menschliche bedrohe. Dieser stehe gerade dem Katholizismus kämpferisch gegenüber, der von „Wahrheit und Sinn des Lebens“ spräche. Er greift die Diskussion um die Kirchenkrise in Deutschland auf und spricht sich in diesem Zusammenhang gegen die Analyse einer Strukturkrise und für die Diagnose einer Glaubenskrise aus. Kirchliche Strukturen habe Deutschland im Übermaß, doch scheine es wohl an Glaube und Geistlichkeit zu mangeln, so dass viele Menschen kein Zugang mehr zu Gott aufgezeigt würde. Deshalb schlägt der Papst Lösungen für die Neuevangelisierung der Menschen aus dem gelebten Glauben heraus vor. Unter Rückbindung an das eucharistische Mahl könnten Gemeinschaften und Freundschaften in Beruf und Familie entstehen, die gemeinsam beten und sich mit der Frage nach Gott auseinander setzten. Über diese Vorposten im säkularen Bereich könne man Menschen für die Kirche zurückgewinnen und so als Christ zum Licht in der Welt werden.

Heute Morgen in seiner Predigt auf dem Freiburger Flughafen kommt dann doch noch eine Spur von Strukturkritik auf, wenn er „kirchliche Routiniers“ ausfindig macht, die „nur noch den Apparat sehen, ohne dass ihr Herz vom Glauben berührt wäre.“ Und ganz deutlich scheint er von dieser Gruppe all jene abzugrenzen, die haupt-, neben- oder ehrenamtlich in sozialen oder karitativen Einrichtungen arbeiten oder das Leben der Pfarreien aufrechterhalten. Bei diesen bedankt er sich ausdrücklich. Mit Paulus stellt er Einheit und Demut als wichtige christliche Tugenden heraus, die einen friedlichen und erfolgreichen Gesprächsprozess erst ermöglichen, in dem Christus im Mittelpunkt stehen müsse. Worte, die Erzbischof Zöllitsch, der den Gesprächsprozess innerhalb der Kirche in Deutschland in Gang gesetzt hat, wohl mit Freuden vernommen hat.

Auch am Nachmittag legt er dann noch einmal den Finger in die Wunde der Kirche in der säkularen Gesellschaft und analysiert ein Ungleichgewicht zwischen Organisation und Instutitionalisierung der Kirche zuungunsten der Berufung zur Offenheit. In der Geschichte der Kirche seien Phasen der Säkularisierung immer wieder Phasen der Erneuerung der Kirche weg von Privilegien und Reichtum hin zu glaubhaftem missionarischem Handeln gewesen. Von materiellen und politischen Lasten befreit könne Kirche sich wieder auf ihre missionarsiche Pflicht konzentrieren, die auch die Struktur der Kirche bestimmen sollte. Nur so könne man Menschen nicht einer Institution, sondern Gott zuführen. Konventionen und Gewohnheiten, die dem widersprächen, müssen überwunden werden.

Abschließend wendet er sich den Skandalen der jüngeren Vergangenheit zu und verurteilt sie als das, was sie sind: Verhinderungen der Botschaft Gottes in der Welt.

So bleibt abschließend zu sagen, dass es Benedikt XVI trotz der oft fehlenden Konkretion in den brennenden inner- wie außerkatholisch Fragen gelingt, auf eher abstrakter Ebene eine Fundament zu legen, von dem aus ein möglicher Weg in eine von Einheit, Menschlichkeit und Frieden bestimmten Zukunft aufzeigt wird. Als Handwerkzeug schlägt er Freundschaft, Respekt, Toleranz, Dialog und nicht zuletzt ein offenes Herz, das von Liebe erfüllt ist, vor. Aus meiner Sicht hat er dies nicht nur gesagt und geschrieben, er hat es vorgemacht und vorgelebt, weil auch er nicht nur von Gott gelesen hat, er hat auch zugehört.

2 Kommentare 25.9.11 12:41, kommentieren

Dialog, Zeitgeist und die Entweltlichung der Kirche

Entweltlichung – das scheint mir eine geeignete Überschrift für die Reden und Predigten des Papstes in Deutschland zu sein. Es waren theologisch-philosophische Grundsatzreden, die den konkreten Kontakt zur Realität der Welt nur andeuteten, ihn auf direktem Wege eher vermieden. Damit ist noch nichts über die Qualität der Worte des Papstes ausgesagt. Viele kritisieren sie, einige loben sie und alle finden Anknüpfungspunkte, um sich in Ihrer Meinung zu Welt und Kirche bestätigt oder widerlegt zu sehen. Die Diskussion um die Zielrichtung der Reden erinnert mich an die Auseinandersetzung von Exegeten um die rechte Auslegung des Neuen Testamentes. Jeder führt „seine“ Verse an, um die eigene Position zu bekräftigen.

Was meint Benedikt XVI, wenn er dieses Wort verwendet? Meint er hier ein Gegenüber zur Welt, das konstitutives Element der Kirche ist. Eine Kirche, die der Welt ununterbrochen ihre Schwäche und Sündhaftigkeit vor Augen führt, so wie es wohl viele fundamentalistische Katholiken verstehen? Träfe dies zu, müsste man diesen wohl entgegen halten, dass die 2000-jährige Kirchengeschichte wohl nichts bewirkt haben könnte, eine Wirkung von Kirche in die Welt hinein so gar nicht erst möglich wäre. Dann  hätten wir hier die Kirche und da die Welt. Dies hat der Papst so wohl nicht meinen können, unterstreicht er doch gerade in der hoch gelobten Rede vor dem Bundestag den positiven Einfluss des Christentums auf die Europäische Kulturgeschichte.

Ein prinzipielles sich gegen den Zeitgeist Stellen ist hier wohl nicht gemeint, schließlich beruht dieser Zeitgeist auch auf christlichen Wurzeln und einer Jahrhunderte langen Auseinandersetzung zwischen Christentum und Welt. So gründet unser demokratischer Rechtsstaat auf einem jüdisch-christlichen Fundament. Und auch die Kirche hat umgekehrt im Laufe dieses Miteinanders viel Weltliches angenommen. Und hier kommen wir wohl der Intention der Rede des Papstes ein Stück näher.

Mit Paul VI stellt der Papst Christus, dann die Liebe des dreieinigen Gottes und schließlich die missionarische Ausrichtung der Kirche in den Vordergrund, um die Entweltlichung genauer zu umschreiben. Armut, Demut, Anbetung sieht er dabei als entscheidende Faktoren, auf die Kirche sich in ihrer missionarischen Pflicht in dieser Welt besinnen sollte. Erst so könne sich die Kirche wahrhaft weltoffen geben und die Menschen von der Botschaft des Evangeliums überzeugen. Politische und materielle Last, Gewohnheiten und Konventionen müsse die Kirche abstreifen, um den Glaubenskern des Evangeliums für die Menschen greifbar zu machen, so dass diese über Gott zu sich selbst finden können.

Es wundert mich, dass diese „Kirchenkritik“ in der ganzen Debatte überhört wird. Und diese Kirchenkritik ist grundsätzlicher Art, sie gilt nicht nur für die Kirche in Deutschland, sie kann nur für die Kirche an sich gelten!

Was aber heißt dies nun konkret für die Kirche in der Gesellschaft? Wie müsste sie sein, was müsste sich ändern? Diese Fragen stellt der Papst auch und antwortet mit Mutter Theresa: „Sie und ich.“ Und er bestätigt anschließend, dass wir alle angesprochen sind und dass es tatsächlich Anlass für Veränderungen gibt. So möchte ich im Folgenden meine persönliche Antwort geben.

Immer wieder wird von „rechtskatholischer“ Seite die Zeitgeistigkeit und der Anachronismus der Reformdebatte in der deutschen Kirche betont. Forderungen nach einer Lockerung des Zölibats, nach Frauenpriestertum und einer Änderung im Umgang mit wiederverheiraten Geschiedenen seinen alte Zöpfe und fußten lediglich in einer falschen Anbiederung an den Zeitgeist. Deshalb möchte ich an einem dieser Streitpunkte aufzeigen, dass diese Deutung lediglich eine politische Strategie, ein Trick in der hart geführten innerkirchlichen Debatte ist.

Tatsächlich ist die Unmöglichkeit Frauen zu Priesterinnen zu weihen in dem Apostolischen Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“ 1994 definitiv entscheiden worden. Trotzdem hat die Diskussion seither nicht aufgehört. Woran liegt das?

Die Argumentation beruht auf der bereits 1976 veröffentlichten Erklärung der Glaubenskongregation „Inter Insigniores“. In der Vorbereitung dieses Textes ist durch eine undichte Stelle im Vatikan an die Öffentlichkeit gedrungen, dass die Päpstliche Bibelkommission, besetzt mit führenden Exegeten, zu dem Ergebnis gekommen ist, dass man aufgrund des Neuen Testamentes die Frauenordination nicht untersagen könne (Groß, Walter: Bericht der päpstlichen Bibelkommission (1976), in: ders. (Hrsg.): Frauenordination – Stand der Diskussion in der Katholischen Kirche, München 1996, S. 25-31). Dieses Ergebnis hat jedoch im Folgenden keinen Einfluss auf die lehramtliche Entscheidung genommen.

Es wird vielmehr auf das Vorbild Christi verwiesen, der nur Männer zu Aposteln wählte, die konstante Tradition der Kirche, die niemals anders handelte und das Lehramt, das an dieser Lehre auch beharrlich festhielt. Soziologische und kulturelle Gründe werden hingegen ausgeschlossen.

Problematisch wird diese Argumentation vor dem Hintergrund theologischer und exegetischer Arbeiten nicht zuletzt auch aus dem Bereich der feministischen Theologie. Ohne hier im einzelnen die facettenreichen Überlegungen, Ergebnisse und Forderungen darstellen zu wollen, möchte ich einige wenige Punkte aufgreifen, wissend, dass sich Vieles in der Diskussion befindet und oft nur Wahrscheinlichkeiten angenommen werden können.

Dass Jesus die Zwölf als engsten Kreis um sich scharrte, wird wohl von keinem Theologen bezweifelt. Als Sinnbild für die Ausrichtung seiner Botschaft auf ganz Israel, auf alle 12 Stämme, waren sie im Bereich des Judentums ein verständliches Symbol. Eine Frau in diesen Kreis aufzunehmen, hätte diese Aussage verunmöglicht.

Die Zwölf sind aber nicht mit allen Aposteln gleichzusetzen, so würde beispielsweise Paulus herausfallen. Dieser nennt in 1Kor 15,5-7 in Abgrenzung zu den Zwölf auch „alle Apostel“, die er teilweise auch in den Briefen mit Namen nennt. Bei einem dieser Namen ist man sich gar unsicher, ob es sich nicht um eine Frau handelt (Röm 16,7), da der männliche Name Junias in der antiken Welt unbekannt war, Junia als Mädchenname aber gut belegt. Allerdings kann auch so übersetzt werden, dass Junia nicht als Apostelin, sondern nur als „unter den Aposteln bekannt“, bezeichnet wird.

In den paulinischen Briefen taucht eine Vielzahl von Frauen auf, die aktiv am Gemeindeleben teilnehmen, ihre Häuser zur Verfügung stellen, Botschafter und Prophetinnen sind. Phoebe wird in Röm 16,1 als Diakonin bezeichnet, strittig ist allerdings, ob hier schon ein Amt im Sinne unseres Diakons gemeint ist. Diese Relativierung des Status eines Mitarbeiters findet man allerdings in Bezug auf männliche Kollegen nicht.

Die Pastoralbriefe weisen Ämterspiegel auf, in denen Anforderungsprofile für Amtsträger festgelegt werden, auch hier tauchen die Frauen als Diakone auf. Von den Bischöfen wird im Übrigen verlangt, dass sie nur ein Mal verheiratet sein dürfen!

Auch spätere kirchliche Zeugnisse (z.B. Plinius der Jüngere, Syrische Didaskalia) belegen das Diakonissenamt im 2. und 3. Jahrhundert.

Beschäftigt man sich mit der frühesten Kirche, dann kommt man an einem Phänomen nicht herum: die Parusie. Warum werden die ersten Evangelien erst ca. 40 Jahre nach der Kreuzigung verfasst. Warum glaubt der Apostel Paulus zu Beginn seiner Schreibertätigkeit, dass er nicht mehr sterben wird? Die Antwort ist in der frühchristlichen Parusieerwartung gegeben. Jesus und auch seine Nachfolger glaubten, dass das Gericht Gottes unmittelbar bevor stünde. In dieser Zeit der Parusie galt es nun alle Kräfte auf die Mission zu konzentrieren, um soviele Menschen wie möglich zum Heil zu führen. Ehe, Familie, Freundschaften, soziale Stellung, finanzielle Mittel, alles galt es aufzugeben und der Mission unterzuordnen.

Wenn wir an den Beginn dieses Textes mit dem päpstlichen Begriff der Entweltlichung denken, dann deuten sich hier schon Zusammenhänge an. Die weltlichen Dinge müssen zurückstehen, die Zeit ist knapp und muss genutzt werden. Dies wird mitunter auch ein Grund für die rasante Ausbreitung des Christentums in der antiken Welt gewesen sein.

Der entscheidendere Grund aber ist das, was diese neue Religion zu sagen hat. Eine der frühesten Taufformeln finden wir im Galaterbrief des Apostels Paulus. Er hat diese Formel wohl schon von seinen Vorgängern übernommen: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus.“ Diese radikale Botschaft, dass in der Taufe alle Christen gleich sind vor Gott, unabhängig von sozialem Status, Geschlecht oder auch Abstammung, diese Botschaft war nicht aufzuhalten. Die Paulusbriefe belegen nicht nur den Erfolg dieser Botschaft, sie führen uns auch deren praktische Umsetzung in den Gemeinden vor Augen.

Diese frühchristliche Zeit der Parusie schafft etwas, was man so wohl in der 2000-jährigen Kirchengeschichte kaum mehr radikaler umgesetzt findet. Doch dieses Ideal ist in der Welt von damals und auch von heute nur gegen starke Widerstände zu leben. Und so kann man in der frühen Kirchengeschichte beobachten, wie Vieles von diesen enthusiastischen Anfängen auch wieder zurückgedrängt wird. Die radikalen Wandermissionare sterben aus, das Christentum etabliert sich, verfestigt sich und verortet sich. Für die Leitung und Organisation greift man auch auf weltliche Strukturen zurück. Das Modell des Familienvaters (pater familias) wird im heidenchristlichen Bereich zum Vorbild für das die Apostel ablösende Bischofsamt. Aus den Ältesten (presbyter) im jüdischen Bereich werden die Priester. Nur so kann in der Auseinandersetzung mit innerkirchlichen Irrlehren und in der Abgrenzungen gegenüber dem Judentum die Tradition der rechten Lehre garantiert werden. Ein Stück Welt zieht in die bis dahin von „charismatischen“ Wanderpredigern geführte Kirche ein.

Und so verstehe ich den Papst, um zum Thema zurück zu kommen, in seiner Rede von der Entweltlichung der Kirche. Wir alle müssen zur Radikalität des frühen Christentums zurückfinden, die in der Radikalität der Botschaft und Person Jesu gründet. Nur dann vermag unser Glaube so zu strahlen, dass dieses Leuchten zum Licht für die Welt wird, das auch die Menschen von heute ersehnen und erkennen. Dieser Jesus eckte an, weil er sich nicht an überkommene Strukturen, Gesetze und Rituale hielt, vielmehr suchte er sie umzudeuten, etwas Neues zu schaffen, um den verdunkelten Kern des Gottesglaubens darin zum Glänzen zu bringen. Reinheitsgebote, Ehescheidungsgesetze zum Nachteil von Frauen, Fastengebote, sogar das Sabbatgebot ordnete er sich und seinem Evangelium unter. Schon Johannes der Täufer, ein weiterer Radikaler, versuchte wahrhaftige Gottesfurcht zu lehren, unabhängig von religiösem Status oder Abstammung. Diese Linie baut Jesus weiter aus, sie ist beim ersten Märtyrer Stephanus nachzuweisen und in der Predigt des Paulus stark ausgeprägt. Nicht Strukturen und Gesetze retten den Menschen, nur der Glaube an Gott vermag dies zu leisten. Der Glaube an einen Gott, der sich dem Menschen zuwendet und sich in dieser Zuwendung den weltlichen Strukturen des Menschen ausliefert, um seine Liebe und Gnade zu offenbaren.

Entweltlichen wir die Strukturen unserer Kirche und kehren wir zurück zur Radikalität der Botschaft Jesu. Dann ist es mit Paulus gut, wenn man ehelos lebt; wem dieses Charisma allerdings nicht geschenkt ist, der sollte wie Petrus und andere Apostel zusammen mit einer Frau dem Missionsauftrag nachkommen (1Kor 9,5), da ansonsten das Böse droht, wenn man etwas zu leben versucht, für das man nicht geschaffen ist (1Kor 7,5). Vor dem Hintergrund der Missbrauchsfälle eine wie ich finde weitsichtige Anweisung! Dann sollten Frauen, die im Gottesdienst prophetisch reden, nicht vom Wort dieser Rede durch „aufreizendes“ Auftreten ablenken (1 Kor 11,5). Und auch in Sachen Ehescheidung gibt es eine erstaunlich praxisorientierte Weisung des Apostels, die sich sogar über die Lehre des Herrn hinwegsetzt. Er erlaubt einem christlichen Ehepartner die Scheidung von einem ungläubigen Partner (1Kor 7,15).

Stellen wir die Botschaft Jesu und seiner Apostel wieder in den Mittelpunkt unserer Kirche und entweltlichen wir sie auf der Grundlage des Evangeliums. Dann, so bin ich fest überzeugt, könne wir gar nicht auf einen Pfad geraten, der den Glauben in unserer Zeit verdunkelt. Dann werden auch wir wieder als Licht für die Welt leuchten.

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