Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Die Spalter und die Lehmann Brothers

Der Medienrummel um den Papstbesuch hat sich mittlerweile gelegt. Die Nachwehen finden lediglich noch im theologischen und kirchlichen Bereich statt. Großes Thema bleibt einerseits die Frage, ob Benedikt die Kirchensteuer in Deutschland kritisiert habe und was er zum anderen genau mit der Entweltlichung der Kirche meint

Im direkten Anschluss an den Besuch waren öffentliche Stellungnahmen - auch von vatikanischer Seite  - zu vernehmen, die das deutsche Kirchensteuersystem kritisierten. Andere, vor allem aus dem deutschen Episkopat, sehen dazu keinen Anhaltspunkt in den Reden des Papstes und verweisen auf die historischen Wurzeln dieses Systems.

Spannend ist jedoch die Vereinnahmung des Papstes und seiner Worte von "rechtskatholischer" Seite. So feierte man auf einschlägigen Internetseiten auch gleich die irrige Interpretation, der Papst habe es den liberalen deutschen Bischöfen und kirchlichen Funktionären mal so richtig gezeigt. Alleine die Tatsache, dass diese Katholiken in kirchlichen Ämtern als „Gegner“ des Papstes dargestellt werden, zeigt, woher der Wind weht.

Einer der größten Papstgegner ist aus der Perspektive dieser Leute Kardinal Lehmann. Seine Äußerungen zum Papstbesuch werden dann auch als böswilliger Angriff auf den Papst bewertet.

Ein Blick auf die "angriffslustigen" Worte des Kardinals lohnen, haben sie doch direkt mit den beiden oben erwähnten großen Themen nach dem Deutschlandbesuch zu tun. So zeigt sich Lehmann verwundert, dass das päpstliche Reden von „Entweltlichung“ zu solchem Unverständnis geführt habe, schließlich sei diese Distanz zu „verführerischen Mächten“ der Welt schon immer Maxime der Kirche gewesen, was aber nicht bedeute, dass man sich der Verantwortung für die Welt verweigern wolle.

Die historischen Wurzeln des Kirchensteuer-Systems gründen in dem Bestreben des Staates, karitatives Handeln zu fördern. Deshalb gibt Lehmann zu bedenken, dass man mit einer finanziellen Schwächung der Kirche auch den Gegnern dieser Institution in die Hände spiele. Eine Meinung, der man auf rechtskatholischer Seite sicher gerne zugestimmt hätte, wäre da nicht noch ein Hauch von Kritik an den Worten des Papstes gefolgt, die Lehmann schließlich als das enttarnen, was er in den Augen dieser Leute ist, ein Papsthasser.

So weist Lehmann auf die unglückliche Formulierung des Papstes hin, dass suchende Agnostiker manchmal näher am Reiche Gottes seien "als kirchliche Routiniers, die in ihr [der Kirche] nur noch den Apparat sehen, ohne vom Glauben berührt zu sein". Der vorhergehende Dank an die karitativen Helfer der Kirche bekäme so einen schalen Beigeschmack.

Dem durch diesen Artikel eingenordeten Leser warf man zwei Tage später den Kardinal mit seinem Vorschlag, Reformthemen wie Frauenordination und Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen in Deutschland vorzubereiten und damit in Rom vorstellig zu werden, zum Fraße vor. Die Diagnose des geifernden Kommentatoren-Mobs  ist dann auch eindeutig: „Antirömisch“!

Lehmann wird so wie eine gespaltene Persönlichkeit dargestellt. Zwar spricht er einerseits auf der Linie des Papstes, im nächsten Moment aber verwandelt er sich in einen antirömischen Spalter.

Nun hätte man aufseiten der Macher dieser Internet-Plattform sicherlich vorsichtiger agiert, hätte man rechtzeitig die kurze Ansprache des Papstes beim Mittagessen mit Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz, die die DBK just am gleichen Tage veröffentlichte, gelesen. Zur anstehenden Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe meint der Papst: „Und ich wünsche noch viel gute Zeit jetzt zu Beginn des neuen Arbeitsjahres, wo Sie sich bald zur Vollversammlung treffen werden, und zu allem, was Sie unternehmen, beschließen und tun, und dass in aller vielleicht notwendigen Dialektik unterschiedlicher Positionen die Gemeinschaft doch immer größer und tiefer werde. Wir wollen alle dasselbe, und vielleicht braucht der Herr das auch, dass es dafür unterschiedliche Wege gibt, die doch alle in dem einen Weg sich bewegen, der er selber ist.“

Ja, liebe Noes, Kisslers, Matusseks und anhängende Fangemeinde, Dialektik bedeutet nicht Spaltung! Es führen viele Wege nach Rom! Der von Kardinal Lehmann vorgezeichnete ist mir persönlich der liebste! All die verschiedenen Wege aber sind legitim, solange sie in Christus verlaufen, der unsere Einheit garantiert. Spaltung sollten wir bekämpfen und nicht herbeischreien. Die Lehmann Brothers, von denen der eine so, der andere so spricht, sind euer Konstrukt. Menschen können differenziert denken und argumentieren. Und eine Kritik an einer Formulierung des Papstes hat nichts mit antirömischer Spaltung zu tun. Der Papst wünscht sich in seinem Jesusbuch sogar Kritik. Könnt ihr euch das vorstellen? Erst wenn ihr euren einspurigen Kreisverkehr an eine mehrspurige Autobahn anschließt, werdet ihr wirklich in Rom ankommen. Oder ihr folgt einfach Kardinal Lehmann, der kennt den Weg.

1 Kommentar 15.10.11 14:43, kommentieren

Schwimme gegen den Strom, segle gegen den Wind – ein traditionalistischer Kurzschluss

Kürzlich fiel mir dieser Spruch meines Religionslehrers aus Jugendtagen wieder ein: „Schwimme gegen den Strom, segle gegen den Wind“, wie oft zitierte er diesen Satz, um uns jungen Katholiken den Weg in der Gesellschaft zu weisen. „Lasst euch nicht vereinnahmen von angeblich so toleranten Gedanken. Spart euch für die Ehe auf, lehnt euch gegen den Aufklärungsunterricht auf. Geht nicht in die Disco, sondern in die Kirche.“ Diese und viele ähnliche Aussagen zeigen schon, woher der Wind wehte. Der streng asketische Opus-Dei-Mann lebte uns dies in der Schule vor. Kompromisslos beeindruckend mit seinem schwarzen Gürtel im Judo und dem täglichen 20km-Lauf vor der Frühmesse, die er noch vor dem Unterricht besuchte.

Heute benutzt man mitunter das Wort „Zeitgeist“, um das zu umschreiben, gegen das ein guter Katholik zu kämpfen hat. Das Eindringen von Zeitgeist in den Innenraum der Kirche wird gar als satanisches Werk betrachtet, wenn nicht wenige auf das Bild Pauls VI vom „Rauch des Satans“ verweisen, der durch einen „Spalt“ in die Kirche dringt.

Jedenfalls scheint man sich allerorts einig darüber zu sein, dass die Kirche, zumindest in der westlichen Welt, in einer Krise steckt. Über den Weg aus eben dieser Krise wird heftig gestritten. Kann die Devise, alles Zeitgeistige über Bord zu werfen und gegen den Wind zu segeln, die richtige Route für das Schiff sein, das sich Kirche nennt? Ich meine, man muss vorsichtig mit solch einfachen Lösungen sein!

Anhand von zwei aktuellen Stellungnahmen aus der konservativen katholischen Ecke möchte ich ein paar Gedanken zu diesem Ansatz ausführen.

Alexander Kissler outete sich jüngst in seiner Kolumne auf The European  als jemand, der bewusst keine Organe spenden möchte. Die Begründung, die ich hier nur kurz erwähnen möchte, weil sie in diesem Zusammenhang sekundär ist, ist das Unwissen über den Hirntod und die möglichen Empfindungen, die ein Hirntoter bei der Organentnahme möglicherweise noch verspürt. Interessanter jedoch erscheint mir der Untertitel, der das Bemühen der staatlichen und medizinischen Verantwortlichen für eine höhere Bereitschaft für Organspenden als Werbekampagne tituliert. Diese richte sich an das gesamte Volk und sie verlaufe auf Hochtouren.

Nun verweist Kissler umgehend auf die Tatsache, dass er mit seiner Haltung der Mehrheitsmeinung der Deutschen entspricht, was ihm ein wenig peinlich ist. Unser Thema klingt an, jedoch noch mit umgekehrten Vorzeichen. Hier scheint ein Gegen-den-Strom-Schwimmer sich ausnahmsweise mal mit dem Strom zu bewegen, schließlich geht es auch um  das eigene Wohl und Wehe und nicht um abstrakt-theoretische Forderungen nach mehr allgemeiner Tugend und Menschheitsmoral.

Doch so einfach scheint die Sache nicht zu sein, nennt Kissler doch die Antreiber der Werbekampagne: Politiker, Ärzte, Ethiker, Kirchen. Das sind vier wichtige Gruppen unserer Gesellschaft, die direkten Einfluss auf den Zeitgeist haben, diesen auch wie im vorliegenden Fall beeinflussen können. Wenn die geistige Elite also versucht eine „gute Sache“ durchzusetzen und dabei sogar an die „Bürger- und Christenpflicht“ appelliert, dann fühlt man sich als Gegenschwimmer offenbar aufgerufen ganz laut Nein zu sagen. Dass dieses Nein gleich mit der grundsätzlichen Frage nach dem Menschsein verbunden wird, die Organspende so als unmenschlich hingestellt wird, mutet doch etwas seltsam an.

So verwundert es dann auch nicht, dass Kissler mit seinem Artikel auch auf kreuz.net  zitiert wird. Man scheint sich einig zu sein: Organspende ist als moderner, menschengemachter Eingriff in das Schalten und Walten Gottes abzulehnen. Eine etwas ungewöhnliche Position für Christen, die an einen Gott glauben, der sich für die Menschheit hat ans Kreuz schlagen lassen und Leid und Tod für Menschen in unvorstellbarem Maße auf sich genommen hat. Der Kommentar eines Lesers der kisslerschen Kolumne macht dann auch darauf aufmerksam, dass man so konsequenter Weise natürlich auch im persönlichen Fall der Fälle ein Spenderorgan ablehnen müsse.

Kreuz.net ist dann auch die Verbindungsstelle zum zweiten Beispiel, das ich hier aufgreifen möchte. So hat sich auch der Piusbruder-Bischof Williamson wieder zu Wort gemeldet und seine abstrusen Positionen nochmals bekräftigt. So umschifft er zwar das Thema Holocaust, führt aber nochmals in aller Deutlichkeit aus, dass die Juden, und zwar fast alle, bis in die heutige Zeit, als Gottesmörder bezeichnet werden müssen, dass dies eben eine wahre Lehre der wahren Kirche sei, die seit Jahrhunderten gelehrt wurde.

Gerahmt wird Williamsons Text durch einen Angriff auf Benedikt XVI, der diese Wahrheit nicht mehr lehrt und so die wahre Kirche verrät. Es wird in diesem Text nicht ausdrücklich erwähnt, aber aus anderen Äußerungen wird deutlich, dass der Grund für diesen Bruch mit der früheren katholischen Lehre in einer Anpassung an den Zeitgeist zu identifiziert ist.

Beide Beispiele zeigen, dass es nicht viel Sinn macht, den Zeitgeist pauschal zu verurteilen. Weder erscheint mir die Bereitschaft ein Organ zu spenden noch die, das Judentum als Religion neben dem Christentum zu respektieren, verwerflich. Eher drängt sich die gegenteilige Position auf: Zeitgeistiges kann wohl auch durchaus etwas Positives sein. Doch was bedeutet dies nun für die Krise der Kirche? Wie können die Geister einer Zeit als förderlich oder hinderlich erkannt werden? Schließlich: Wie aber kann Kirche sich in der modernen Gesellschaft positionieren, um wieder mehr wahrgenommen zu werden, um wieder mehr Menschen zu erreichen?

Benedikt XVI gab schon in seiner Weihnachtsnahsprache  2005 eine klare Antwort, indem er der rechtskatholischen Sicht eines Bruchs in der Lehre der Kirche nach dem Zweiten Vatikanum, der so genannten Hermeneutik des Bruches, eine Hermeneutik der Reform gegenüber stellte. So unterscheidet er verschiedene Ebenen der kirchlichen Lehre, die dogmatische und die der Soziallehre. Im Bereich der dogmatischen Lehre unterstreicht er eine ununterbrochene Kontinuität, im Bereich der Soziallehre zeichnet er ganz klar den Bruch zur Lehre der vorkonziliaren Kirche nach. Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit und andere modernen Errungenschaften lassen, so der Papst, den Kern der christlichen Botschaft erst wieder richtig aufleuchten; historischer Ballast, wie die Vorstellung von einem katholischen Staat, der der verlängerte Arm der Kirche ist, wurde von der Kirche abgestreift, weil er die eigentliche Botschaft verdunkelt. 

So sind wohl auch seine Worte beim Deutschlandbesuch zu verstehen, wenn er sagte, dass die Lehre der Kirche immer dann besonders leuchtete, wenn die Kirche sich von politischer und gesellschaftlicher Macht befreit sah. „Die Märtyrer der frühen Kirche sind für ihren Glauben an den Gott gestorben, der sich in Jesus Christus offenbart hatte, und damit sind sie auch für die Gewissensfreiheit und für die Freiheit, den eigenen Glauben zu bekennen, gestorben“, so bestätigt der Papst in seiner Weihnachtsansprache die in der Moderne so zentrale Gewissensfreiheit, mit der sich ein Williamson so schwer tut, weil sie den Juden ihren Glauben lässt, und die einem Alexander Kissler die Entscheidung lässt, eben nicht Organspender zu werden, auch wenn das Vorbild der gerade genannten Märtyrer wohl etwas mehr christliche Opferbereitschaft einfordert.

Die Kirche wird dann wieder Erfolge in der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft feiern, wenn sie den Menschen zeigen kann, dass die modernen, freiheitlichen Errungenschaften nicht gegen sondern aufgrund christlicher Einflüsse entstanden sind, dass das Evangelium eine Freiheitsbotschaft ist. Und wenn Kirche auch laut und deutlich sagt, wo sie sich dieser Botschaft selbst in den Weg gestellt hat, weil sie zu sehr den weltlichen Machtansprüchen mit ihren Sanktionen und Zwangsmaßnahmen verfallen war.

Wenn die Kirche die Welt gestalten und zum Besseren verändern will, dann muss sie natürlich mit ihr schwimmen. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie nicht auch auf gefährliche Strömungen und tödliche Strudel aufmerksam machen soll. Eben dies ist ihre Aufgabe.

1 Kommentar 21.10.11 15:19, kommentieren