Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Wo Schwarz und Weiß Braun ergeben

In Deutschland wird zurzeit etwas an die Oberfläche der Öffentlichkeit geschwemmt, was lange schon im Untergrund brodelte, dessen erste faulige Anzeichen man noch naiv als zu vernachlässigende Randerscheinungen verharmloste. Die braune Gülle des rassistischen Rechtsradikalismus stinkt aber jetzt, wo ihre ätzenden Gase an die freie Luft kommen, so penetrant, dass man sie nicht länger als kurzfristige Magen-Darm-Verstimmung eines landdeutschen Dorfbauern abwiegeln kann. 

Nach dem Aufdecken der Zwickauer Terrorzelle mit all ihren Verstrickungen, die so mit und mit ans Tageslicht kommen, hat sich der scheinbar tief in diese Causa verwickelte Verfassungsschutz dazu durchgerungen, auch rechtsgerichtete Internetblogs wie „Politically Incorrect (PI)“ zu beobachten. Einen guten Einblick in die Machenschaften, Hintermänner und Verstrickungen von PI gewährt Steven Geyer in der Frankfurter Rundschau.

Was einem als Katholik zusätzlich Bauchschmerzen bereitet, sind die Reaktionen auf diese Nachricht auf dem Internetportal kath.net. Obwohl der kath.net-Artikel selbst sehr sachlich daher kommt und weniger tendenziös als erwartet  – insgesamt hat man in den letzten Woche den Eindruck, als habe der Besuch erzkonservativer Medienvertreter in Rom, darunter auch jemand von kath.net, positiv auf die Berichterstattung gewirkt – geben die durch die strenge Zensur legitimierten Kommentare ein doch ambivalentes Bild ab. Offensichtlich sind einige der Kommentatoren auch Sympathisanten von PI. Eine ausführliche Analyse erhält man auf dem kath.net-Watchbblog episodenfisch.

Eines scheint den PI-Artikeln, den PI-Kommentatoren und den proPI-kath.net-Kommentatoren gemein zu sein; ein naives Schwarzweiß-Denken. Wozu differenzieren, wenn doch die Einteilung nach Gut und Böse so einfach ist?!

Hellhörig wird man als Katholik schließlich bei dem Begriff „Religionsfreiheit“, für deren Abschaffung neben den PI-Machern auch viele Kommentatoren auf PI und kath.net votieren. Fungiert hier etwa die Piusbruderschaft samt ihrem Skandalpseudobischof und Holocaustleugner Williamson als Verbindungsglied zwischen rechtsradikalen Rassisten und erzkonservativen Katholiken? Dies sollten die deutschen Bischöfe mit höchster Aufmerksamkeit beobachten und auf diesen katholischen Portalen endlich einmal klar gegen Islamphobie und Fremdenfeindlichkeit Stellung beziehen, statt diesen Leuten aufgrund von Fehlinformationen noch in die Karten zu spielen, wie es jüngst Kardinal Meisner widerfuhr. Insgesamt kann man nur hoffen, dass sich die als eher konservativ geltenden Bischöfe durch die ständige Bauchpinselei auf diesen Seiten nicht zu sehr blenden lassen und einen klaren Blick für die Probleme behalten.

Wenn auf der Homepage der Piusbruderschaft gegen den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Dieter Graumann polemisiert wird, weil in Israel ultraorthodoxe Juden frauenfeindliche Regeln und Gesetze pflegen, dann ist das genau die Schwarzweiß-Malerei, die man auch auf PI und in kath.net-Kommentaren findet. Dieter Graumann ist Deutscher und nicht Israeli, außerdem ist er kein ultraorthodoxer Jude. Was bezweckt also diese Polemik außer zu verletzen und sich des Jubels rechtsgerichteter Menschen gewiss zu sein? Ich möchte als Katholik auch nicht mit einem Herrn Williamson in einen Topf geschmissen werden oder mich für sein krudes Weltbild rechtfertigen müssen.

Ähnlich naiv geht es in den kath.net-Kommentarspalten zu, wenn Muslime in Deutschland für die verachtenswerten Christenverfolgungen in anderen Ländern zur Verantwortung gezogen werden. Schwarz und Weiß ergeben immer noch Grau! Und ein wenig Farbe täte allemal gut, Braun sollte es aber weder in der Kirche noch sonstwo sein!

1 Kommentar 6.1.12 15:33, kommentieren

Dichtung und Wahrheit

In der Auseinandersetzung mit meinen katholischen Mitchristen aus der erzkonservativen Ecke, die mir oft so fremd sind, bin ich im Vatikan Magazin  auf einen Artikel gestoßen, der einen mir bisher unbekannten Aspekt liefert. Guido Rodheudt leitet seine Kritik an der deutschen Nationalkirche - die Frage, was das ist und ob es die gibt, wird gar nicht erst diskutiert, lediglich die Frage nach ihrer Katholizität steht noch rhetorisch im Raum, die Antwort aber ist klar – mit einer Reminiszenz an literarische Priesterfiguren wie Pater Brown und Don Camillo ein. Und trotz des Hinweises auf die Klischeehaftigkeit dieser Figuren werden sie doch als Phänotypen eines überkommenen Priesterdaseins erinnert, das dem Fortschreiten moderner Zeiten zum Opfer gefallen ist. Lediglich zwischen den „Buchdeckeln“ der Romane und nicht mehr in der realen Welt seien diese Typen anzutreffen, ihre Zeit eben abgelaufen. Beklagt wird die neue Rolle des Priesters, der heute als Teamplayer in demokratischen Gemeindestrukturen seiner besonderen Würde beraubt werde. Seine einst „magisch anmutenden Vollzüge“, die einen „Quantensprung“ zwischen ihm und den Laien um ihn herum bewirkten und ihn schier unglaublich und heilig handeln ließen, seien mit dem allgemeinen Priestertum des Laien nivelliert worden.

Es stellt sich die Frage, ob es diese Priester und diese Kirche, wie sie hier abgrenzend phantasiert werden, jemals gegeben hat. Oder transformiert der Autor in seiner Erinnerung Dichtung zu Wahrheit?

Wirft man einmal einen Blick auf die Geistlichen, die in diesem Milieu besonders verehrt werden, dann verstärkt sich dieser Verdacht. Sei es nun der emeritierte Bischof Mixa oder der verhinderte Linzer Fast-Bischof Gerhard Maria Wagner, beide werden in höchstem Maße und völlig unkritisch idealisiert und zu Ikonen wahrer Katholizität stilisiert, beide aber scheiterten an ihrem problematischen Verhältnis zu Dichtung und Wahrheit.

Dass Rodheudt zuletzt auch noch die Maßnahmen der deutschen Bischöfe im Kampf gegen Kindesmissbrauch kritisiert, weil Priester so unter Generalverdacht gerieten, zeigt einen weiteren milieu-typischen Reflex. Fakten werden ignoriert, und eine finstere Verschwörungstheorie wird inszeniert.

Ich bin ein großer Fan der Dichtung. Ich traue ihr Unglaubliches zu. Ruth Klüger schreibt in ihrer Autobiographie  über den Prozess der Vergangenheitsbewältigung des Holocaust aus jüdischer Perspektive an ein deutsches Publikum gerichtet: „Wiederholt bin ich gestrandet, und so sind mir die Ortsnamen wie die Pfeiler gesprengter Brücken. Wir können nicht einmal sicher sein, dass es die Brücken hier, wo es nach Pfeilern aussieht, gegeben hat, und vielleicht müssen wir sie erst erfinden, und es könnte ja sein, dass sie, obwohl erfunden, trotzdem tragfähig sind. […] Wir fänden Zusammenhänge (wo vorhanden) und stifteten sie (wenn erdacht).“ Ihre Gedichte und die Literatur haben sie den Holocaust überleben lassen und sie traut auch "erdichteten" Brücken Tragfähigkeit zu. Doch sollten es wirklich Brücken sein, Verbindendes, was wir erdichten, um die Realität lebbar zu machen! Spaltung allerdings, lieber Herr Rodheudt, Spaltung sollte man nicht herbeiphantasieren.

3 Kommentare 15.1.12 05:49, kommentieren

Wo Schwarz und Weiß Braun ergeben und Schwarz nicht mehr darf

Endlich wird einmal ein deutscher Bischof aktiv gegen das Abdriften konservativer Katholiken in den braunen Sumpf. Dem Stadtpfarrer von Ichenhausen, Georg Alois Oblinger, ist von seinem Bischof untersagt worden, weiter für eine Wochenzeitschrift der „Neuen Rechten“, die „Junge Freiheit“, zu schreiben. Dem Augsburger Konrad Zdarsa sollten weitere Bischöfe folgen! Die Reaktionen auf den einschlägigen "katholischen" Internetportalen unterstreichen die Dringlichkeit solcher Maßnahmen!

18.1.12 16:56, kommentieren

Wenn der Zensor die schmerzhafte Zensur erfährt – eine Anekdote aus dem Reich des weißen Zauberers

Eine riesige Empörungswelle rollt gerade auf kath.net los, weil der Augsburger Bischof Zdarsa einem seiner Priester ein Schreibverbot für eine rechtsgerichtete Wochenzeitung erteilte (s.u.). Was wundert ist, dass die Empörung aus dem Reich des weißen Zauberers Gandalf kommt, der den meinungs-manipulierenden Zensurzauber nahezu bis zur Perfektion weiterentwickelt hat. Hier ein paar Opfer seiner reinigenden Macht.
   
Geradezu witzig ist die Beteiligung von Gabriele Kuby an der Empörungsflut. Sollte nicht gerade sie die dämonischen Machenschaften eines okkulten Zauberers durchschauen? Mit Harry Potter jedenfalls hat sie ihr Hühnchen gerupft. Den friedlich-bebrillten Zauberlehrling, der sich trotz  seiner Schwachheit dem Bösen stellt und erst durch den Tod gehen muss, um das Böse endgültig zu besiegen (irgendwie auch langweilig, immer wieder die gleichen Geschichten zu lesen, wer hat hier eigentlich das Copyright? ;-) entlarvte sie als den bösen Verführer. Und nun hat sie sich aber doch dem weißen Zauberer Gandalf verschrieben, dessen Herkunft aus der Feder eines katholischen Autors scheinbar jede Kritik an okkulten Praktiken und phantastischen Wesen überflüssig macht.

So einfach funktioniert sie, die Welt in Mittelerde. Die Balken der eigenen Zensur, jedwede sachliche Kritik und Auseinandersetzung wird unterbunden, werden frohen Mutes ignoriert und das mutige Einschreiten eines Bischofs gegen Tendenzen, die bedenklich weit ins rechte politische Spektrum reichen, werden mit einem schmerzerfüllten Aufschrei nach Meinungsfreiheit quittiert.
 
 
Ähnlich wirr ist die Selbstbeschreibung der schmerzerfüllten Kommentatoren, nennen sie sich doch romtreu, papsttreu und wahrhaft katholisch! Das allerdings auch nur, wenn die päpstlichen Aussagen und Handlungen nichts mit Religionsfreiheit, interreligiösem Dialog und Kritik an der Piusbruderschaft zu tun haben. Dann nämlich handelt es sich bei vielen nur um die zutiefst fehlbare Meinung der Herren Woytila und Ratzinger (ein paar Beispiele sind in den Kommentarspalten hier nachzulesen), die der Wahrheit der eigenen weißen Lehre widerspricht.

Entlarvend ist doch, wer sich da alles über die Zensur empört und auf welchen Plattformen das geschieht: kath.net, kreuz.net, PI und JF. Bei so manchem Kommentar kann einem angst und bange werden! Hoffentlich werden wir eines Tages nicht wieder die berühmten Sätze sprechen müssen:
 
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief die Geister,
Werd ich nun nicht los.


21.1.12 12:39, kommentieren

Bischöfe gegen Rechts

Es tut sich etwas in der katholischen Kirche Deutschlands. Das mutige Einschreiten des Augsburger Bischof Zdarsa gegen einen seiner Priester, der eine Kolumne in einer bedenklich rechten Wochenzeitung pflegte, war wohl keine Eintagsfliege. Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz hat heute eine Presseerklärung veröffentlicht, in der zum „entschlossenen Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus“ aufgerufen wird. Ausgehend von dem Amoklauf in Norwegen und den Morden der "Zwickauer Terrorzelle" wird auf den in unseren europäischen Gesellschaften immer noch vorhandenen „Hass auf alles Fremde“ verwiesen und zum notwendigen Einschreiten auch gegen die „kleinen Demonstrationen der Menschenfeindlichkeit“ aufgerufen, „um dem Aufkeimen oder Vordringen rechtsextremistischer Gesinnungen entgegenzuwirken.“

Schade, dass nicht etwas selbstkritischer die beängstigenden Tendenzen auch innerhalb des Katholizismus thematisiert werden, sondern lediglich auf rechtsextremistischen Tendenzen in der Gesellschaft abgehoben wird. Andererseits sind ja auch die Christen Teil dieser Gesellschaft und sollten sich angesprochen fühlen.

Es kann doch wirklich nicht angehen, dass sich gläubige Katholiken oder Geistliche aktiv auf Foren und Plattformen der „Neuen Rechten“ engagieren und so den Eindruck erwecken, dass die dortigen Positionen mit der Lehre der katholischen Kirche vereinbar seien. So schriebe man bei der „Jungen Freiheit“ aktuell neben Michael Paulwitz, einem Abgeordneten der Republikaner (REP), der ein Buch mit dem Titel „Deutsche Opfer, fremde Täter. Ausländergewalt in Deutschland“ verfasst hat. In seinem Artikel bezeichnet er den Prozess der Integration als eine Lüge. Aufschlussreich auch seine differenzierte Unterscheidung der verschiedenen Einwanderergruppen, nennt er doch ein paar entlarvende Beispiele: „Mit dem schwammigen Konstrukt des „Migrationshintergrundes“ wird der rußlanddeutsche Ingenieur, der persische Arzt, der holländische Kaufmann und der spanische Facharbeiter mit dem anatolischen Analphabeten, dem libanesischen Mafia-Clanchef und dem afrikanischen Drogenschmuggler in einen Topf geworfen.“ Das typische Schwarz-Weiß-Denken und die billigen Vorurteile treten hier wieder deutlich zutage: Europa weiß, Asien und Afrika schwarz, Christen weiß, Muslime schwarz. Der „arische“ Arzt natürlich die Ausnahme, man ahnt weshalb! Ja, es ist unterschwellig, aber deshalb vielleicht umso gefährlicher!

Und ein solches „Blatt“ wird von Katholiken auf kath.net und kreuz.net bejubelt und beworben. Es ist eine Schande! Den deutschen Bischöfen ist deshalb umso mehr dafür zu danken, dass sie mit der heutigen Presseerklärung deutlich Stellung gegen Rassismus und Rechtsextremismus bezogen haben. Dies wird auch im rechtskatholischen Spektrum zum Denken anregen, auch
wenn die Erstreaktion die übliche Empörung ist.

10 Kommentare 25.1.12 16:50, kommentieren

Evangelium oder Zensur

Der Präsident des Päpstlichen Medienrates, Erzbischof Claudio Maria Celli, hat sich gegen katholische Internetforen und Blogs gewendet, denen es an Wahrhaftigkeit, Einfühlungsvermögen und Respekt fehle. So begrüßte er zwar das Engagement von Katholiken, auch in den neuen Medien das Evangelium zu verbreiten, er verband dies aber mit der Forderung nach einem "echten Dialog" mit den Menschen der digitalen Kultur.

Sollte es etwa katholische Portale geben, die keine Leidenschaft für einen der Wahrheit verpflichteten Dialog aufbringen? Die Einfühlungsvermögen und Respekt vor der Meinung anderer durch rigorose Zensur ersetzen?

Man kann dem Erzbischof nur zustimmen! Zensur ist kein geeignetes Mittel der Evangeliumsverkündigung. Möge diese Botschaft bei den Gemeinten statt der Zensur zum Opfer auf fruchtbaren Boden fallen!

29.1.12 14:56, kommentieren