Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Schlichte Schwarz-Weiß-Rhetorik auf radikal-katholischen Internetseiten

Kardinal Marx stellt den Nutzen radikal-katholischer Internetforen infrage, weil die alten Zeiten dort verklärt und idealisiert würden. "Das permanente Kreisen um die Frage 'Wer ist der bessere Katholik?' führt nur zu Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen."
 
Dabei schreckt er auch nicht vor einem Vergleich mit der Zeit des Nationalsozialismus zuück. "In einem Land, wo wahrscheinlich die Kenntnis der Zehn Gebote intensiver war als heute, wo die Ehen stabiler waren, wo der Kirchenbesuch erheblich über unserem heutigen lag, ist der größte Zivilisationsbruch aller Zeiten passiert."
 
Das ist ein harter Schlag für "katholische" Hardliner, die auch auf rechtsgerichteten Foren aktiv sind bzw. fleißig für diese werben. Gleichzeitig wird der von Marx hergestellte Zusammenhang genau auf diesen Portalen bestätigt: Fremdenfeindlichkeit, Islamphobie und Homophobie sind dort allgegenwärtig. Hochachtung und Dank an Kardinal Marx für dieses klare, eindeutige und mutige Statement!

2 Kommentare 1.2.12 15:46, kommentieren

Schwarz oder Weiß? Was denn nun, Herr Ockenfels?

Die Causa Oblinger kommt nicht zur Ruhe. Auch fast drei Wochen nach der Entscheidung des Bischofs von Augsburg, einem seiner Priester ein Schreibverbot für die Junge Freiheit (JF) aufzuerlegen, ebbt die Empörungswelle nicht ab. Aktuell wird Wolfgang Ockenflefs auf kath.net für seine Kritik an dieser Maßnahme bejubelt. Als aktiver Schreiber der JF hat er natürlich allen Grund, dies zu tun, muss er sich als Katholik durch die disziplinarische Maßnahme des Bischofs auch angesprochen fühlen.

Wie bei anderen Rechtfertigungsschreiben dieser Art werden die prominenten Referenzen wie Robert Spaemann und Georg Ratzinger angeführt, die bedenklichen wie Alain de Benoist natürlich verschwiegen. Dieser hält übrigens den Monotheismus für das Grundübel der Menschheit.
 
Auch der Modebegriff „Zeitgeist“, den Ockenfels in nahezu jedem Statement verwendet, darf natürlich nicht fehlen, sieht er in der JF doch eine der wenigen Zeitungen, die ebendiesem an den Nerv gehen. „Und tapfer verteidigt sie die Verfassung und ihren Souverän, das „deutsche Volk“, von dem sonst kaum mehr die Rede sein darf.“

Forderte der Professor für "Christliche Sozialwissenschaft" in seinem Artikel „Zeit für eine Tempelreinigung“ noch ein Zurückdrängen von Entscheidungsgremien innerhalb der Kirche hin zu mehr bischöflicher Autorität, kritisiert er im Fall Oblinger das „autoritäre Gehabe“ der Bistumsleitung. Autoritäre Vorgehensweisen scheinen gegen die so genannten „Modernisten“ offensichtlich angebracht zu sein, gegen „Traditionalisten“ werden sie scheinbar als Affront gewertet.

Wenn es dem Zeitgeist entspricht, seine Meinung nicht in einem Blatt kundzutun, in dem eben auch Abgeordnete der Republikaner ihre gefährliche Propaganda zum Besten geben, dann bin ich ein großer Anhänger des Zeitgeistes!

2.2.12 20:17, kommentieren

starker Abgang

Der Bischof von Augsburg, Konrad Zdarsa, überträgt Pfarrer Georg Alois Oblinger eine neue Aufgabe. Dieser wechselt im September von Ichenhausen nach Lindau an den Bodensee. Mit beeindruckender Loyalität zu seinem Bischof zeigt Pfarrer Oblinger Rückgrat und zieht damit hoffentlich einen Schlussstrich unter den Fall "Junge Freiheit".
 
"Es ist schade, daß in den vergangenen Wochen verschiedene Seiten versucht haben, einen Keil zwischen Bischof Zdarsa und mich zu treiben. An der Loyalität gegenüber meinem Bischof habe ich nie einen Zweifel aufkommen lassen. Dies ist ein zentraler Punkt gelebter Katholizität."
 
Hut ab, Pfarrer Oblinger!!

5.2.12 18:10, kommentieren

Hermeneutik des Fortschritts

Als ich beim Lesen des Interviews von Armin Schwibach mit dem deutschen Distriktoberen der Piusbruderschaft Franz Schmidberger auf die Wendung der "2000-jährigen  Lehre" der Kirche stieß, die entweder richtig oder falsch sei, und deshalb mit dem Zweiten Vatikanum unvereinbar, fühlte ich mich an das zuletzt kritisierte Schwarzweiß-Denken in der traditionalistischen Ecke erinnert. Auch in der Auseinadersetzung mit einem Kommentator dieses Blogs wurde ebendiese Denk-Figur gegen liberale "Kirchenzerstörer" ins Feld geführt.

So kritisiert Schmidberger, dass nirgendwo in der Bibel oder bei den Kirchenvätern oder auch in päpstlichen Verlautbarungen vor dem letzten Konzil jemals von „der Kirche als Sakrament der Einheit des Menschengeschlechtes“ die Rede gewesen sei, wenige Zeilen später bezweifelt er die Identität von Allah und dem dreieinigen Gott. Nun ist aber der Begriff der Dreieinigkeit auch kein biblischer und auch die frühen Kirchenväter kannten ihn nicht. Und an die Dreieinigkeit glauben auch die Juden nicht. Glauben diese folglich auch nicht an denselben Gott wie wir? Ist der Islam nicht auch wesentlich von jüdisch-christlichen Einflüssen bestimmt? Fragen, die in einem klaren Schwarzweiß-Schema wohl keinen Platz haben.

Wie sieht es denn aus mit der konstanten 2000-jährigen Lehre der Kirche? Ein Blick auf eines der ersten frühchristlichen Großereignisse, dem so genannten Apostelkonvent zu Jerusalem, bietet vielleicht einen Einblick in die Entwicklung dieser Lehre. Geht es dort doch um die Frage nach der göttlichen Offenbarung des Evangeliums von Jesus Christus und die Konsequenzen, die daraus für die Gläubigen erwachsen.

Erfreulicherweise liegen im Neuen Testament zwei Texte vor, die über dieses Ereignis berichten. Da ist zuerst einmal der Galaterbrief des Paulus zu nennen, der von einem wesentlichen Zeugen und Hauptakteur des Konventes verfasst ist. Zum anderen setzt sich das 15. Kapitel der Apostelgeschichte (Apg) des Lukas mit diesem Treffen auseinander.

Vergleicht man einmal beide „Versionen“ miteinander, so fallen doch einige Unstimmigkeiten auf. Bereits die beteiligten Jerusalemer stimmen nicht überein: Sind es bei Lukas die Apostel, namentlich genannt werden Petrus und Jakobus, und die Ältesten, weiß Paulus nur von drei Personen zu berichten: Jakobus, Petrus und Johannes. Petrus wird bei Paulus als Judenmissionar bezeichnet, Lukas sieht ihn als Heidenmissionar. Ist Paulus nach der Darstellung der Apg lediglich ein Gesandter einer Gemeinde, ist er nach der Selbstdarstellung Verhandlungspartner auf Augenhöhe. Auch der Gegenstand der Verhandlung wird unterschiedlich wiedergegeben. Nach Lukas geht es um die Frage der Beschneidung von Heidenchristen, nach der paulinischen Darstellung um die Anerkennung seines Evangeliums. Schlussendlich sind sich die beiden biblischen Autoren auch bei der Ergebnissicherung uneins: Lukas stellt die Anerkennung der Heidenmission unter Auflagen fest, keine Beschneidung aber gewisse Speisegebote, Paulus konstatiert die Anerkennung seines Evangeliums ohne jede Auflage.

Von Harmonie kann hier also wahrlich nicht die Rede sein. Weder in Bezug auf den Sachverhalt noch in der Bewertung des ihn klärenden Konzils. Tendiert Lukas eher zu einer Hermeneutik der Kontinuität, indem er die Verbindlichkeit jüdischer Gesetzesvorschriften wenigstens in Ansätzen erhält, präferiert Paulus die Hermeneutik der Reform, indem er ganz auf den Glauben und die Taufe abzielt und die Tora und die Beschneidung ablehnt.

Im frühen Christentum streitet man sich ebenso wie auch heute um die rechte Lehre, die richtige Auslegung des Evangeliums oder kirchlicher Beschlüsse. Alleine der Streit um die Beschneidung und die Tora verdeutlicht dies. Paulus berichtet immer wieder von Leuten, die in die heidenchristlichen Gemeinden kommen und von den Christen die Beschneidung fordern. Und selbst nach diesem "Konzil" mit den „Säulen“ der frühen Christenheit kehrt kaum Ruhe ein. Es wird weiter gestritten und diskutiert. 

Der Evangelist Lukas, der ca. 30 Jahre nach Paulus schreibt, hat sogar einen anderen Apostelbegriff als Paulus. Letzterer sieht sich nämlich als einen Apostel, da ihm der Herr erschienen ist und ihm sein Evangelium offenbart hat. Deshalb sieht er dieses im Übrigen auch unabhängig von menschlicher Autorität (Gal 1,1 und 1,12). Für Lukas muss ein Apostel aber Jesus auf seinem Weg durch Galiläa gefolgt sein (Apg 1, 21f). Lukas spricht von den 12 Aposteln, in der paulinischen Literatur taucht eine Vielzahl von Aposteln auf. Im Grunde könnte man Lukas als den großen Harmonisierer deuten, der die christliche Lehre an den Zeitgeist anpassen will, Streitigkeiten herunterspielt und die Entwicklung idealisiert, um den römischen Machthabern zu vermitteln, dass sie sich um diese Bewegung keine Sorgen machen müssen, dass sie völlig harmlos und friedlich ist. Aus der weiteren Geschichte wissen wir, dass ihm dies nicht gelang. 

Und trotzdem: Auch ich glaube an einen 2000-jährigen unabänderlichen Kern des Evangeliums, so z.B. an das, was im Apostolischen Glaubensbekenntnis bezeugt wird, oder das, was die Dogmen zum Ausdruck bringen wollen. Doch um diesen Kern wird heutzutage doch kaum gestritten. Oder wo ist offenbart, dass ein Priester zölibatär zu leben hat? Wo ist offenbart, dass Frauen kein Weiheamt ausführen können? Die neutestamentlichen Zeugnisse weisen eher in die andere Richtung, wenn sie vom Bischof verlangen verheiratet zu sein (1Tim 3,2) und vielen Frauen in den frühen Gemeinden Gemeindeaufgaben übertragen wurden (Röm 16).

Wenn man sich die beiden Texte zum Apostelkonvent anschaut, dann sind diese Diskussionen auch völlig legitim! Auch vor 2000 Jahren ist heftig gestritten worden, und auch die „Hermeneutik“ eines Konzils ist nachweisbar sehr unterschiedlich gewesen. 

Und durchgesetzt hat sich der Geist Gottes, der weht, wo er will. Ansonsten wären wir Heiden im entfernten Germanien niemals Christen geworden. Hätten sich die dem Gesetz verpflichteten „Traditionalisten“ gegen das gesetzesfreie Evangelium durchgesetzt, wäre die Jesusbewegung eine jüdische Sekte geblieben. Die große Stärke des Christentums war doch immer die Anpassung an Kulturen und Zeiten (auch wenn dies nicht immer gelang), das ist ein Stück christliche Tradition! Dazu bedarf es eines festen und glühenden aber kompakten Kerns der Lehre, der eine flexible Ausgestaltung von Ausformungen in Einheit ermöglicht.

3 Kommentare 15.2.12 14:22, kommentieren

Wie Weihbischof Laun Dostojewski widerlegte

Da bemüht Weihbischof Andreas Laun Fjodor Michailowitsch Dostojewski, um über den Religionsunterricht nachzudenken. Dostojewski stellt Religionslehrer als geldgierige Jammerlappen dar, die eine Arbeit verrichten, die wohl besser von Geistlichen durchgeführt würde, die sich anders als Religionslehrer nicht beklagten, sondern heroisch, den ersten Aposteln gleich, das Evangelium gegen alle Widerstände und trotz aller Entbehrungen und Schmerzen verkündeten.

Nach dieser stellvertretenden Abrechnung mit den Religionslehrern dient der russische Schriftsteller Weihbischof Laun als Überleitung zum eigentlichen Thema, dem Religionsunterricht:

„Das Beste wäre aber, wenn man den Kindern einfach aus der biblischen Geschichte erzählen wollte, ohne irgendwelche offizielle Moral, und der ganze Religionsunterricht zunächst darauf beschränkt bliebe! Eine Reihe schöner, reiner, heiliger Bilder könnte auf diese nach schönen Eindrücken lechzende Seelen einen mächtigen Einfluss haben.“

Diesen reinen und heiligen Bildern setzt Laun nach bekannter Schwarzweiß-Manier die widerlichen Bilder von Horror- und Pornofilmen gegenüber. Nun möchte ich hier sicher nicht als Fürsprecher von Horrorfilmen und Pornos auftreten. Aber Bischof Laun sollte wissen, dass Horror und auch sexuelle Gewalt in der Bibel vorzufinden sind. So widerspricht er sich auch gleich, wenn er als Beispiel für die „reinen und heiligen“ Texte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter nennt, geht es in ihm doch um einen von Räubern fast zu Tode geprügelten Mann, der hilflos am Wegesrand liegt. Und auch sein Beispiel von David und Goliath ist wohl nicht frei von Gewalt.

Damit ist man dann aber auch schon mitten in der Diskussion über den Religionsunterricht. So macht Bischof Laun den Leser glauben, dass guter Religionsunterricht den biblischen Texten lediglich Raum geben müsse. Lehrpläne und Pädagogik seien sekundär. Das Ergebnis eines solchen Unterrichtes läge auf der Hand: „Die Kinder würden zuhören, für den Lehrer wäre der Unterricht streckenweise leichter, und dem „Heil der Seelen“ wäre „nachhaltig“ gedient durch  Geschichten von Gott, über Gott, mit Gott als Hauptfigur der Handlung“.

Ein adressatenbezogener oder kindbezoger Erzählrahmen, der den jungen Menschen erst eine Identifikation erlaubt, eine Übertextung der historischen Situation in die „Sprache“ der Kinder sind offensichtlich modernes pädagogisches Beiwerk, das im Grunde unnötig ist. Besser man konfrontiert die Kleinen gleich mit Räubern, Töten, Martern und Kreuzigen, hat ja früher auch nicht geschadet. Deshalb empfiehlt Bischof Laun sie auch gleich noch als Gute-Nacht-Lektüre.

Man muss Bischof Laun wohl dafür danken, dass er auf seine ganz eigene Art die naiven Vorstellungen Dostojewskis zum Religionsunterricht disqualifiziert hat.

29.2.12 16:18, kommentieren