Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Den Spatz in der Hand und den Geier auf dem Dach

Die österreichische Pfarrer-Initiative hat sich auch für das Jahr 2012 viel vorgenommen. Sollte es die Strategie der Kirchenführung sein, diese Bewegung einfach auszusitzen, dann scheint dies offensichtlich nicht zu funktionieren. So wachsen wohl die Netzwerke der Initiative in alle Welt und auch die Forderungen wurden zu Beginn des Jahres noch einmal in aller Deutlichkeit formuliert und veröffentlicht.

Deshalb verwundert es nicht, dass diese Bewegung immer wieder zum Thema auch führender Kirchenvertreter wird. Jüngst äußerte sich Kardinal Brandmüller zu der Gruppe, die öffentlich zum Ungehorsam gegen Rom aufruft. Dabei zieht er allerdings die ganz große Keule und rückt die Leute um den Initiator Helmut Schüller in die Nähe nationalsozialistischer Ideologie. Kardinal Brandmüller sieht die Pfarrer-Initialtive als Endpunkt einer Entwicklung, die mit der zu Beginn des letzten Jahrhunderts entstandenen „Los-von-Rom-Bewegung“ des Georg Ritter von Schönerer, der ebenso deutschnationale wie antiklerikale und antisemitische Ideen zu Grunde lagen“, begann.

Diese Strömung setzte sich „in der krisenhaften Zeit nach dem Zweiten Vatikanum durch die Anhänger von ‚Wir sind Kirche’, ‚Kirche von unten’ und die Kreise um das ‚Kirchenvolksbegehren’“ fort, bis sie schließlich in der Pfarrer-Initiative münde.

Nun sollte man nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen! Was auch immer man von dieser Initiative halten mag, eine Neigung zu antisemitischem Gedankengut vermag ich bei ihr nicht auszumachen. Diese kann man aber bei Vertretern der Piusbruderschaft ganz leicht nachweisen. Wo sind in diesem Zusammenhang die klaren Aussagen des Kardinals, der als Anhänger der „Alten Messe“ gerne auf der Homepage der Piusbrüder zitiert wird?!

Hat nicht gerade der Umgang Roms mit der schismatischen Piusbruderschaft Bewegungen wie die Pfarrer- Initiativen gefördert, indem man den Traditionalisten bis zur Schmerzgrenze entgegen kam und so zeigte, was solche Gruppen bewegen können?! Kann man Menschen, die wesentliche Aussagen des Zweiten Vatikanums ablehnen, zurück in die Kirche holen und gleichzeitig Reformer, die sich mitunter auf ebendieses Konzil berufen, aus der Kirche ausschließen, wie Brandmüller es in seinem Vergleich mit der tschechoslowakisch-hussitischen Nationalkirche andeutet?! Solche Beiträge helfen in der Auseinandersetzung zwischen den traditionellen und reformerischen Gruppen innerhalb der Kirche wohl kaum weiter.

 

10.3.12 13:31, kommentieren

Ein Lehrstück in Schwarz und Weiß

Fundamental-katholische Mitchristen gefallen sich in der Pose des Opfers, das gegen alle Widerstände der bösen Welt das Licht des Evangeliums trägt. Dabei wird natürlich sauber zwischen Gut und Böse unterschieden.

Ein Paradebeispiel liefert das jüngste Interview von Roland „Gandalf“ Noe mit dem Spezialisten für physikalische Gottesbeweise Paul Badde, behauptet letzterer doch, dass mit der Verkündigung der frohen Botschaft „der Widerstand überall auf der Welt vorprogrammiert“ sei. Komisch, ich fühle mich als Christ in meiner Welt überhaupt nicht abgelehnt!?

Ob die naive Vorstellung von der „wunderbaren Christianisierung Mexikos“ einfach nur dumm oder kalkuliert böswillig ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls wird das Abschlachten der indianischen Bevölkerung durch die christlichen Konquistadoren kaum thematisiert. Dies würde im Übrigen der inneren Logik Baddes zuwiderlaufen, möchte er doch umgekehrt die Christen als Opfer darstellen, nicht die Ureinwohnerschaft, die es aber rein faktisch war!

Neutral spricht er deshalb von der alten aztekischen Kultur „mit ihrem rätselhaften Todeskult“, die in nur wenigen Jahren zerstört wurde. Opferzahlen, die sich im vielfachen Millionenbereich bewegen, würden hier nur stören. Die christlichen Opfer hingegen werden penibel aufgezählt. Seit der Unabhängigkeit Mexikos und der anschließenden Gründung einer „Freimaurerrepulik“ habe es unzählige Christenverfolgungen gegeben „Über dreitausend Priester haben in diesen Verfolgungen ihr Leben gelassen.“ Im Handumdrehen werden auch die unzähligen Opfer des in Mexiko tobenden Drogenkrieges zu Opfern der satanischen Christenverfolgung stilisiert und mit 50000 beziffert.

Zum krönenden Abschluss wird die ganze Geschichte auch noch Gott persönlich in die Schuhe geschoben, indem Badde auf „das ‚nicht von Menschenhand gemalte’ Bild der Gottesmutter von Guadalupe“ und dessen Bedeutung für die Mexikaner verweist:

„Denn die mexikanische Nation ist de facto – und das ist bestens dokumentiert – durch ein persönliches Eingreifen Gottes evangelisiert worden und nicht durch die vielfältigen und ehrenwerten Anstrengungen der europäischen Missionare, die mit den spanischen Eroberern ins Land gekommen waren.“

Na bravo!

Jesus selbst gelang es nur sehr begrenzt, dass die Menschen an ihn glaubten, das Jüngerunverständnis im Markusevangelium und der Verrat durch Judas mit der anschließenden Kreuzigung zeugen davon. „Wenn einst in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind - man hätte dort in Sack und Asche Buße getan.“ (Mt 11,21) Trotz Wunder, Gleichnissen und Reich-Gottes-Verkündigung scheitert Jesus zuerst einmal. Wie sollten dann heilige Tücher, Binden und Umhänge den Glauben fördern?

Nein, Herr Badde, wenn der Glaube diese physikalischen „Zeichen“ braucht, dann ist er von dieser Welt, dann ist er im wahrsten Sinne des Wortes „oberflächlich“. Jesus verwehrte den Schriftgelehrten Zeichen (Mk 8,11f), er forderte Glauben ein, aus diesem Glauben heraus sind dann - und nur in dieser Reihenfolge - Wunder und Zeichen möglich. „Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg“ (Mk 10,52)

Ohne den Glauben der Menschen vermochte er keine Zeichen und Wunder zu vollbringen, so z.B.in seiner Heimat: „Und er konnte dort kein Wunder tun; […]Und er wunderte sich über ihren Unglauben.“ (Mk 6,5f)

Wären die spanischen Konquistadoren weniger den weltlichen Dingen zugeneigt gewesen und hätten sie die Botschaft des Evangeliums mehr in ihr Herz gelassen, wäre es wohl kaum zu einer solch blutigen Auseinandersetzung gekommen.

1 Kommentar 20.3.12 18:15, kommentieren

Von kindlichen Erwachsenen und erwachsenen Kindern

Zurecht verweist Hans-Joachim Neubauer in der aktuellen  „Christ und Welt“ auf den markanten Widerspruch im Umgang mit Mitarbeitern der Kirche, die dem moralischen Anspruch der Kirche nicht genügen. Dabei stellt er einem aktuellen Fall aus Königswinter, wo einer Kindergartenleiterin aufgrund einer neuen Partnerschaft gekündigt wurde, den milden und nachsichtigen Umgang mit einem pädophilen Priester im Bistum Trier gegenüber, der wegen des Übergangs in den Ruhestand disziplinarisch nicht mehr zu maßregeln gewesen ist.

Bischof Ackermann stellte klar, dass man mit diesen Priestern nach den neuen Richtlinien verfahre und sie „nicht als normaler Pfarrer, sondern in eingeschränkten Feldern und mit Auflagen“ einsetzen werde, wenn entsprechende Gutachten einen solchen Einsatz unterstützten.

Neubauer konstatiert völlig folgerichtig: „Solange ein zweites Jawort dienstrechtlich schwerer wiegt als die Vergehen eines verurteilten Triebtäters, muss die Kirche damit rechnen, missverstanden zu werden, wenn sie erklärt, im Interesse der Opfer zu handeln.“

Das Skandalöse ist dabei nicht der zugewandte und begleitende Umgang der Kirche mit Priestern, die sich an Kindern vergriffen haben, skandalös ist tatsächlich das ungleiche Maß, mit dem hier gemessen wird. Missbrauch bedeutet eine schwere seelische Verletzung eines Menschen, die sich vielleicht ein Leben lang auswirkt.

Eine gescheiterte Ehe kann vielfältige Gründe haben. Selten ist die Schuldfrage eindeutig, nie ist nur ein Partner alleine verantwortlich, oft ist die Trennung wohl das Gesündeste für alle Beteiligten, selbst für die Kinder. Wer will sich anmaßen, das zu beurteilen?

Jesus selbst gibt uns ein Beispiel für den Umgang mit gescheiterten Menschen, als man ihm eine Ehebrecherin vorführt, die auf frischer Tat ertappt wurde, und sein Einverständnis für die Steinigung eingefordert wird. Bevor und nachdem er den programmatischen Satz spricht: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie“ (Joh 8,7), schreibt er etwas mit dem Finger auf die Erde. Leider erfährt der Leser des Johannesevangeliums nicht, was genau er da in den Sand schreibt, vermutlich aber sind es die Verfehlungen der Menschen, die hier die harte Strafe fordern. Schaut auf euch selbst, wenn ihr ohne Sünde und Verfehlung seid, dann könnt ihr sie bestrafen und töten. Beschämt verlassen die Ankläger den Raum. Jesus wendet sich der Frau zu und versichert ihr, dass auch er, den wir als frei von jeder Sünde glauben, sie nicht verurteilt. Er fordert sie nur auf ihr Leben zu ändern. Seine ausbleibende Verurteilung und seine Liebe haben es ihr vielleicht ermöglicht?!

An einer anderen Stelle spricht er auch von Menschen, die Kinder zum Bösen verführen. „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde“ (Mt 18,6). Es geht ihm hier wohl um den Schutz, den die Schwachen und Kleinen brauchen , um sich gesund entwickeln zu können. Dazu fordert er von den Starken und Mächtigen, sich klein zu machen, den Schwachen zu dienen. Dazu müsse ihr Gottvertrauen so stark sein, wie das Vertrauen der Kinder zu ihren Eltern: „Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Wer das Vertrauen eines Kindes missbraucht, der zerstört damit auch die Möglichkeit, dass es Gottvertrauen entwickelt, er zerstört diesen Menschen. Kein Wunder also, dass Jesus hier auf solch martialische Rhetorik zurückgreift. Für einen solchen Menschen wäre es wohl besser, er wäre statt Täter selber Opfer von Gewalt.

Diese beiden Perikopen unterstreichen noch einmal das, was Neubauer kritisiert. Die Kirche verspielt ihre Glaubwürdigkeit als moralische Autorität, wenn sie die schweren Verfehlungen von ordinierten Menschen milder bewertet als die weniger schweren von Laien. Beide brauchen Liebe und Zuwendung und nicht Strafe und Verbannung.

Dass auch die pädophilen Priester im Grunde genommen Opfer sind, das hat Eugen Drewermann  herausgestellt. Er bezeichnet ihre unterdrückte und deshalb fehlentwickelte Sexualität als kindlich. Wie und warum sind diese Kinder Gottes nur zum Bösen verführt worden? Nähern sich hier die beiden Problemfelder Scheidung und Missbrauch vielleicht sogar an, ist eine kindliche, unreife und damit nicht erwachsene Sexualität nicht auch oft der Grund für Eheprobleme? Letztendlich bleibt es die Aufgabe der Verantwortlichen in der Kirche, die katholische Sexualmoral vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals auf den Prüfstand zu stellen, will man sich nicht weiter mitschuldig machen an Leid und Unglück.

1 Kommentar 24.3.12 11:08, kommentieren