Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Archiv

Von Druck und Überdruck

Nachdem man sich auf kath.net in den letzten Wochen bemühte, dem Vorwurf rechter Tendenzen entgegenzuwirken, mäßigte sich der Ton  in Bezug auf Muslime und reformbereite Katholiken etwas. Sicherlich wirkte auch die sture Verweigerungshaltung der Piusbruderschaft, von der man sich urplötzlich abwandte, sie gar offen kritisierte, mäßigend auf das Portal.

Offensichtlich hat dieser moderate Kurs aber dazu geführt, dass sich die Wut und Aggression der Stammkommentatoren nun über Wochen nicht so recht entladen konnte. Dieser die Gesundheit fördernde Aspekt des Abreagierens ist bisher in der Diskussion um derartige Foren noch gar nicht berücksichtigt worden. Andererseits werden wohl auch viele Kommentatoren auf das von Adrenalin und Angsthormonen durchtränkte Portal kreuz.net ausgewichen sein.

Doch nun hat man wieder ein Thema gefunden, auf das man sich mit ganzem Eifer und zähneknirschender Wut stürzen kann, ohne in den Verdacht zu geraten, als Scharnier zum rechten politischen Spektrum zu fungieren. Schließlich gibt es zur Frage der Homosexualität eindeutige Aussagen der katholischen Glaubenslehre, mit deren Rückendeckung nun endlich wieder schonungslos zugeschlagen werden kann.

Was war geschehen? Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn hat in der Diskussion um einen in einer eingetragenen homosexuellen Partnerschaft lebenden Mann, der im österreichischen Stützenhofen mit großer Mehrheit in den Pfarrgemeinderat gewählt wurde, entschieden, dass dieser ein geeigneter Kandidat und die Wahl nicht zu beanstanden sei.

Mit 285 Kommentaren ist der Bericht über diese Entscheidung der absolute Spitzenreiter der letzten Monate und unterstreicht damit die Aufregung, die im fundamental-katholischen Lager herrscht. Der aufgestaute Druck konnte endlich entweichen (siehe auch hier und hier ).

Nun ist der Katechismus der katholischen Kirche tatsächlich recht eindeutig in der Frage nach gelebter Homosexualität. Zwar wird eingestanden, dass die Entstehung der Homosexualität weitgehend ungeklärt sei. Auch wird sie als Phänomen aller Zeiten und Kulturen benannt. Homosexuellen sei grundsätzlich mit "Achtung, Mitgefühl und Takt" zu begegnen! Nichtsdestotrotz werden homosexuelle Handlungen unter Verweis auf die Heilige Schrift als „schlimme Abirrung“ verurteilt, die gegen das „natürliche Gesetz“ verstößt und deshalb von der Kirche stets als „ungeordnet“, weil nicht auf die „Weitergabe des Lebens“ ausgerichtet, abgelehnt wurde.

In ihrem Kurzvortrag „Und David küsste Jonathan...“ - der Titel deutet schon an, dass man im Alten Testament wohl auf der Basis anderer Schriftstellen zu einer differenzierteren Sicht auf die Homosexualität kommen könnte - geht Marie-Theres Wacker, Professorin für Altes Testament an der Uni Münster, auf die angeführten Schriftstellen und die Argumentation des Katechismus ein und kommt zu dem Ergebnis:

„Aus der Unterscheidung von Neigung und Handlung in Abschnitt 2357 folgt zweierlei: auf der einen Seite (2358) ist homosexuell veranlagten Menschen mit „Achtung, Mitleid und Takt“ zu begegnen. Die Übersetzung des lateinischen „compassio“ mit „Mitleid“ – möglich wäre ja z.B. auch „Sympathie“! – ist hier, so meine ich, verräterisch: Sie macht deutlich, dass Homosexualität etwas Bedauernswertes ist, eine Anomalie, unter der Menschen leiden. Hier wird indirekt die Pathologisierung der Gleichgeschlechtlichkeit, wie sie mit der Einführung des Begriffs der Homosexualität im 19. Jahrhundert einherging, weiter fortgeschrieben.

Die zweite Folge hält Abschnitt 2359 fest: „Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen“, das heißt, sie dürfen auf keinen Fall ihre gleichgeschlechtliche Veranlagung auch entsprechendsexuell praktisch werden lassen.

Auch der Katechismus also macht keinerlei Unterschied zwischen der Situation einer Vergewaltigung zwischen Männern und zwischen Sex in freier Übereinkunft, und er sieht keine Möglichkeit, gleichgeschlechtlichem Begehren oder gleichgeschlechtlicher Sexualität irgendeine positive Dimension abzugewinnen.

Ja, schlimmer noch: wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die im Katechismus herangezogenen Bibelstellen richten, dann finden Sie zum einen den Abschnitt aus dem Römerbrief wieder, den wir eben angesehen haben und der ja in der Tat die kirchliche Position stützen kann. Die weiteren beiden Belege aus dem Corpus Paulinum enthalten nicht viel mehr als einige Bezeichnungen für abgelehnte Formen der Sexualität und führen nicht über die Argumentation des Römerbriefs hinaus, weshalb ich sie hier übergehe. Zum anderen aber stellen Sie fest, dass es aus dem Alten Testament nicht die beiden levitischen Verbote sind, sondern ausgerechnet Gen 19, die Lotgeschichte, in der es um eine Massenvergewaltigung der Gäste Lots durch die Männer der Stadt Sodom geht. Ich vermute, dass diese brutale Geschichte hier als Schrifterweis geeignet erschien, weil es der kirchlichen Argumentation ja auf die Perversität des Aktes als solchem ankommt, ganz unabhängig von seinen Umständen, und weil diese Geschichte eindeutig vom vernichtenden Urteil Gottes spricht. Eine Folge dieses Rückgriffs auf Gen 19 allerdings war nicht im Blick oder wurde billigend in Kauf genommen: wer die Lotgeschichte auf Homosexualität bezieht, vermittelt die Botschaft, dass alle Schwulen potentielle sexuelle Gewalttäter sind. Damit unterstützt der Katechismus, gewollt oder ungewollt, ein zutiefst diskriminierendes Klischee.“

Wenn Paulus im siebten Kapitel des ersten Korintherbriefes darauf verweist, dass Keuschheit nur diejenigen leben können, die diese Gnadengabe von Gott erhalten haben (1Kor 7,7), und das Böse drohe, wenn man dies ohne diese Gnadengabe versuchte (1Kor 7,5), dann erscheint mir die Forderung nach einem keuschem Leben für alle homosexuell veranlagte Menschen doch fraglich. Der Missbrauchsskandal gibt Paulus in seiner Einschätzung sogar auf traurige Weise Recht!! Diese Erkenntnis des Apostels scheint mir auch über der im Katechismus angeführten Stelle aus dem Römerbrief angesiedelt zu sein, wo zeitbedingte Vorurteile homosexuellen Handlungen gegenüber deutlich mitschwingen.

So kann man Kardinal Schönborn für seine mutige Entscheidung nur gratulieren und hoffen, dass diese eine erneute Diskussion über den Umgang mit homosexuell veranlagten Menschen in der katholischen Kirche befeuert.

1 Kommentar 2.4.12 19:12, kommentieren

Katholischer Zickenkrieg

Die anstehende Entscheidung im Fall der Piusbruderschaft scheint in eine entscheidende Phase zu gehen. Nachdem Rom den Traditionalisten ein vierwöchiges Ultimatum für die Zustimmung zu einer lehrmäßigen Präambel, die man der Bruderschaft im letzten September zukommen ließ, gesetzt hatte, hat der Vatikan am 18. April den Eingang des Antwortschreibens bestätigt. Schon im Vorfeld wurde ein Wust von widersprüchlichen Meldungen und Spekulationen von mehr oder weniger informierten „Vatikanisten“ in der Presse lanciert. Die unerträgliche Spannung und das mediale Taktieren unterstreichen die Unruhe und die Tragweite der anstehenden Entscheidung für die Welt des Katholizismus.

Nun sollte die Abwendung eines Schismas und die Rückkehr von Abtrünnigen in die katholische Kirche grundsätzlich positiv und mit Freude aufgenommen werden. Gerade liberale Katholiken sollten sich genau an dieser Stelle von den Fundis unterscheiden, die unentwegt nach Exkommunikation schreien, und katholischen Geschwistern den Übertritt in eine außerkatholische christliche Gemeinschaft empfehlen.

Andererseits ist es natürlich völlig legitim und notwendig, auf die äußerst problematische Haltung der Piusbrüder zum Zweiten Vatikanischen Konzil hinzuweisen. Die Sorge um den Stellenwert wesentlicher Aussagen dieses Konzils ist verständlich. Bei der Bewertung der Auswirkungen der möglichen Wiedervereinigung für Lehre und Theologie wird wohl ganz viel von den Formulierungen der lehramtlichen Präambel und den von den Piusbrüdern vorgenommenen Korrekturen daran abhängen. Beide sind unveröffentlicht und es ist müßig über den Inhalt zu spekulieren. Dass der Papst in den letzten Monaten die Lehre von der Religionsfreiheit – eine Lehre, die die Piusbrüder massiv kritisieren – in den Vordergrund rückt, wirkt aber doch eher beruhigend.

Viel spannender scheint mir zurzeit das unkontrollierte Hauen und Stechen der innerkatholischen Gegner zu sein. Auf den einschlägigen katholischen Schreihalsportalen sind die Emotionen jedenfalls kaum zu bändigen. Die hormonelle Verfassung lässt allerdings eine rationale Auseinandersetzung kaum zu, im Überlebensmodus wird nun einmal der Verstand aus- und der Beißreflex eingeschaltet.

Aktuellstes Beispiel ist wohl der Zickenkrieg zwischen dem Pastoraltheologen Paul Zulehner nebst dem Theologen David Berger und den Betreibern und Unterstützern von kath.net. Die vollkommen berechtigte Kritik  der beiden Erstgenannten wird leider durch ein wenig hilfreiches Vokabular und die ein oder andere Indifferenz getrübt. Den "Rechtskatholiken" von kreuzundkath.net zu unterstellen, sie würden ihre Gegner - wenn sie nur könnten - auf dem Scheiterhaufen verbrennen, ist wohl ebenso den Hormonen geschuldet wie das Eingeständnis, dass man auf kath.net alle Texte von David Berger gelöscht habe, nachdem er sich als homosexuell geoutet hatte. Was vorher richtig war, scheint aufgrund des öffentlichen Eingeständnisses der sexuellen Prägung des Autors nun plötzlich falsch zu sein?!

Lustig ist auch Alexander Kisslers pseudointellektueller Gastkommentar zu dieser Fehde, wirft er Zulehner doch Unwissenschaftlichkeit aufgrund von Indifferenz vor. Auf seinen eigenen Doktorgrad insistierend setzt er die zulehnersche Kritik an kathundkreuz.net flux mit einer Kritik an allen Katholiken gleich, die nicht der Meinung des Pastoraltheologen zustimmten. Vor dem Hintergrund der jüngsten Plagiatsaffären könnte man zu dem Schluss kommen, dass man die Promotionen der letzten 50 Jahre wohl grundsätzlich einmal durchleuchten sollte.

Dass die Kritik an den genannten katholischen Portalen trotz der fehlenden Belege durch Zulehner und Berger natürlich berechtigt ist, kann man z.B. hier oder hier  in aller Ruhe studieren. Und dass Kissler selbst keine Belege für seine gegenteilige Meinung aufführt, macht den hormondurchtränkten Zickenkrieg dann auch perfekt. Naja, an Kratzern und ausgerissenen Haarbüscheln ist wohl noch keiner gestorben - anders als auf Scheiterhaufen…

3 Kommentare 20.4.12 10:39, kommentieren