Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Von lähmender Angst und befreiendem Mut

In regelmäßigen Abständen beschäftigt sich Klartext-Bischof Laun mit dem Religionsunterricht (vgl. auch hier). Aktuell nimmt er Stellung zu den Ausführungen des Salzburger Religionspädagogen Anton Bucher, der sich für die Zusammenlegung von Ethik- und Religionsunterricht (RU) zu einem einzigen Fach Ethik und Religionskunde ausspricht. Dabei stützt Bucher sich auf Aussagen von Religionslehrern und auch Schülern, die den RU nur noch selten als konfessionell verstünden.

Laun stimmt mit Buchers Analyse völlig überein, auch wenn er die Forderung nach einem Ethikunterricht nicht teilt: Doch sei der katholische Religionsunterricht eben oft nicht mehr katholisch, wenn es in ihm um die Mündigkeit der jungen Menschen, um Religionskunde und ethische Kompetenzen gehe. Die „wirkliche katholische Lehre“ werde - wenn überhaupt - dann nur „entstellt wiedergegeben“.

Und wie zu erwarten sind es selbstverständlich wieder die Themen rund um die Sexualität, die dem Bischof übel aufstoßen: Sexualkunde, Abtreibung, Homosexualität. Auch das Vertrauen in die Entwicklung der ethischen Kompetenz der Schülerinnen und Schüler geht ihm wohl ab, wenn er sich fragt, welche Ethik denn herauskomme, wenn Schülerinnen und Schüler diese selbständig erarbeiteten.

So wird es im weiteren Verlauf dann auch wirklich hanebüchen, so dass man sich ernsthaft fragen muss, was denn der Bischof selbst als Ethik oder gar als katholische Ethik versteht. So setzt er Ethik ganz einfach mit dem Gesetz Gottes gleich, das Mose am Sinai empfangen hat. Ethik ist also nicht zu diskutieren, die begründete Auseinandersetzung mit moralischen Fragen wohl überflüssig und wenig lehrreich.

Zudem stellt Laun fest, dass Jesus auch nie dazu aufgerufen habe, „Schüler sollten sich ihre eigene „religiöse Identität formen“, sondern vielmehr darauf verwiesen, dass er die „Wahrheit“ ist. So gehe es im RU um das Verkünden von Wahrheiten und nicht um „endloses Diskutieren“ oder „zeitgeistiges Herumreden“. An dieser Stelle macht wohl ein Hinweis auf die Predigt des Papstes zum Abschluss des Schülerkreistreffens Sinn, in der er meinte, die Kirche müsse das "Nicht-Haben der Wahrheit" wieder neu lernen.

Doch die Launsche Welt ist einfacher. Seine Lösung für eine – der Begriff klingt hier schon fast grotesk – Reform des Religionsunterrichtes geht in eine andere Richtung: Kontrolle, Verpflichtung auf die reine katholische Lehre, die selbstredend als reines Wissen vermittlelt werden soll. Mission oder die Stärkung des Glaubens der Schülerinnen und Schüler sollte nicht Aufgabe des RU sein.

Im Grunde fordert Bischof Laun genau das, was Karinal Martini in seinem letzten Interview vor seinem Tode kritisierte, dass die Institution Kirche genau die Katholiken fesselt, die noch frei und nahe bei den Menschen sind. Er meinte hier ausdrücklich auch Menschen, die mit Jugendlichen arbeiten, die noch im Glauben brennen, ihn weiter transportieren wollen, damit der Geist Gottes wehen kann.

Martinis Lösungsansatz ist die Bibel, um das Wort Gottes in die Herzen der Menschen zu bringen. Dazu brauche es nur „Stille, Hören, Lernen, Fragen und Warten“. Kirchenrecht, Dogmen und Gesetze könnten diese Innerlichkeit nicht ersetzen.

Auch scheint Martinis Bewertung der katholischen Sexualmoral der von Bischof Laun diametral entgegenzustehen, wenn er moniert, dass die Stimme der Kirche zu diesem Thema gar nicht mehr gehört wird, die Kirche keine glaubwürdige Gesprächspartnerin in Fragen der Sexualität mehr sei.

Am Ende seines „Testamentes“ bringt Kardinal Martini seine Kritik an so manchem in der Kirche auf den Punkt, indem er die Haltung, für die auch ein Bischof Laun hier exemplarisch steht, eindeutig und unmissverständlich als das qualifiziert, was sie ist: ängstlich, mutlos und voller Misstrauen, wo doch eigentlich Vertrauen sein sollte.

Wem Vertrauen fehlt, dem fehlt auch der Glaube an die Liebe Gottes. Als katholischer Religionslehrer muss ich keine Angst vor der Auseinandersetzung mit anderen Religionen, dem Atheismus oder ethischen Fragestellungen haben, ich setze mich und den Katholizismus im Unterricht gerne und selbstbewusst auf’s Spiel.

Aber bei vielen Fragen, die junge Menschen in der heutigen Zeit haben, muss ich auch überzeugende Antworten geben können, wenn ich meine Glaubwürdigkeit wahren möchte. Da ist die Lehre der katholischen Kirche, wie Kardinal Martini völlig zu Recht bemerkt, manchmal keine große Hilfe. 

Wie viele meiner Schüler leben in Patchwork-Familien, haben getrennte Eltern. Wie oft habe ich erlebt, dass genau das zutrifft, wovon auch Kardinal Martini spricht, dass sich diese Familien von der Kirche diskriminiert fühlen und sich deshalb abwenden. Gleiches gilt für homosexuell veranlagte Menschen oder für Mädchen, die sich zurückgesetzt fühlen.

Mögen die Worte dieses mutigen Kardinals von vielen in der Kirche gehört werden und dabei helfen, Änderungen herbeizuführen. Und mögen die von Angst und Misstrauen durchdrungenen Unheilsverkünder in Zukunft schweigen.

7.9.12 18:24, kommentieren

Aufgewärmtes von Professor Ockenfels

Pünktlich zum anstehenden nächsten Schritt auf dem Weg des von Erzbischof Zöllitsch initiierten Gesprächsprozesses darf Professor Ockenfels auf kath.net nochmals sein dünnes Süppchen der Dialogkritik (vgl. auch hier und hier) aufkochen.

Eine Spur Kirchensteuerkritik und eine Prise Kritik an den deutschen Bischöfen vermögen den faden Geschmack kaum zu verdrängen. Auch die Zugabe der saisonalen Kritik an den Laien von „Ökumene jetzt“ vermag die abgestandene Brühe nicht zu retten.

Ein kräftiger Eintopf verlangt nach nahrhafteren Zutaten und frischen Gewürzen. Da muss man schon ein wenig investieren, Herr Ockenfels. Ganz ohne ein fettiges Stück Speck geht es nicht. Und die Gäste werden ihren kleinen Obulus für eine gute Suppe sicher gerne bezahlen.

Darüber hinaus macht es auch überhaupt keinen Sinn, die guten Rezepte von Laienköchen zu diffamieren und einzig und alleine den 5 Sterne-Köchen zu trauen. Die sind oftmals völlig ausgebucht und überfordert, gerade wenn sie - wie in Limburg - mit dem Bau einer noblen Großküche beschäftigt sind, die die vielen hungrigen Gäste von ihrem Beitrag eben auch mitfinanzieren. 

Und wie schade, dass sie die allerwichtigste Zutat so zerkochen. Der Kern des Glaubens muss zuerst einmal behutsam und mit Fingerspitzengefühl freigelegt und mit den saisonalen Kräutern vermengt werden, erst dann entfaltet er seinen kräftigen, unverfäschten Geschmack. Eine ordentliche Portion Salz darf dabei natürlich nicht fehlen.

Diese Suppe täte dann vielleicht auch den schwer arbeitenden Sterneköchen gut. Die Kritik an deren goldenen Löffeln kann ich aber durchaus nachvollziehen.

Trauen Sie den hungrigen Küchengehilfen doch einfach mal etwas zu, Hunger ist vielleicht nicht die schlechteste Voraussetzung für eine herzhafte Suppe?! Und wer weiß?! Vielleicht sind selbst die Sterneköche begeistert. Ganz bestimmt aber die, die vom Bau der Großküche kommen. Die werden sich wundern, was auch mit einfachen Zutaten auf den Tisch gezaubert werden kann.

15.9.12 18:45, kommentieren

Im grünen Paradies des weißen Zauberers

Kath-net ist für die scharfe Zensur von Kommentaren bekannt. Wer dem rechtskatholischen Mainstream, den der weiße Zauberer vorgibt, nicht entspricht, der wird gnadenlos zensiert, ermahnt und im schlimmsten Fall wird der Account einfach gelöscht. So bleibt alles schön sauber, Gandalf ist eben ein weißer Zauberer.

Doch dieses Verhalten hält die Betreiber nicht davon ab, den Organisatoren des Dialogprozesses in Hannover ebendies, Zensur, vorzuwerfen. In seinem Artikel  widerspricht sich der zu diesem Zwecke ausgesuchte Autor Peter Winnemöller jedoch, da sein Beispiel gerade belegt, dass auch Vertreter der konservativen Seite eingeladen waren, der Abgesandte des "Forums Deutscher Katholiken" seine Meinung frei vortragen durfte. Herbeiphantasiert wird die Zensur aber dennoch.

Man sei als Katholik der Wahrheit verpflichtet, nicht dem Mainstream, heißt es weiter. Ja, da ist etwas dran! Die durch die Zensur begrünten Mainstreamkommentare applaudieren sich gegenseitig in ihrer Borniertheit zu. Doch ist Grün die Farbe der Wahrheit??

18.9.12 16:06, kommentieren

Von unaufgeklärten Aufklärern

Der talkshow-erfahrene Philosoph und Vorzeigeatheist Michael Schmidt-Salomon ruft aktuell zu weniger Respekt vor religiösen Gefühlen  auf. „Menschen als Menschen wertzuschätzen“ sei eine Selbstverständlichkeit, ihre Überzeugungen zu respektieren sei jedoch wenig hilfreich. So hätten Respektlose keinen Respekt verdient. 

So weit so undifferenziert. Mit dem Bild eines hasserfüllten Neonazis vor Augen, der gerade mit seinen Springerstiefeln auf ein am Boden liegendes, wehrloses Opfer eintritt, mag man ihm vorschnell zustimmen. Tauscht man den Kahlkopf gegen einen Islamisten aus, wird man wohl auch noch nicht von Schmidt-Salomons These abweichen. Respekt vor Menschen, die andere mit Füßen treten, fällt äußerst schwer 

Und doch wird der aufgeklärte Mensch - für einen solchen hält der Philosoph sich schließlich auch - selbst diesen Tätern eine gewisse Achtung entgegenbringen können und unter Beachtung der individuellen Lebensgeschichten zu einem differenzierten Urteil kommen können. Kaum wird man zum Ausgleich Tritte und Schläge als gerechte Strafen fordern, sondern aufgrund der allgemeinen Menschenwürde ein faires Gerichtsverfahren. Respektlosigkeit für Respektlosigkeit erscheint mir eine wenig aufgeklärte Forderung.

Doch genau dies ist Schmidt-Salomons Argumentationslinie. Er führt die Respektlosigkeit der Muslime auf ein "Defizit" zurück, das in der heiligen Schrift dieser Menschen begründet liegt. Nicht nur, dass er hier alle Muslime, aufgeklärte wie Fundamentalisten, über einen Kamm schert. Indem er einzelne Suren aus dem Koran losgelöst von ihrem Kontext zitiert, versucht er die Respektlosigkeit von Muslimen gegenüber Ungläubigen als Glaubensinhalt und somit als verpflichtendes Verhalten darzustellen. Ähnlich unprofessionell geht er dann mit den biblischen Versen um, die er sich für seine Argumentation ausgesucht hat.  

An dieser Stelle musste ich unwillkürlich an meinen Professor für Altes Testament denken, der nicht müde wurde zu wiederholen, dass man mit biblischen Einzelversen alles begründen könne, wenn man diese einzelne Verse nur aus dem Textzusammenhang reißt. Darüber hinaus traute er es sich zu, jedem auf diese Weise erzeugten „Beleg“ einen ebenfalls biblischen Vers vorzulegen, der das genaue Gegenteil beweist.

Doch so darf man mit heiligen Texten einfach nicht umgehen. Darüber sollte sich der Philosoph vielleicht einmal aufklären lassen, zumal die Texte, die er hier zitiert, vor vielen Jahrhunderten entstanden sind und so nicht einfach aus dem Blickwinkel heutigen Denkens abgeurteilt werden dürfen.

Achtfach begründet Schmidt-Salomon im weiteren Verlauf seiner Ausführungen die Verurteilung der "Ideologie des falschen Respekts". Die Heilung des „Krankheitsbildes“ der „Kritikphobie“ sei die „systematische Desensibilisierung“ durch fortdauernde Kritik. Indirekt bezeichnet er die Macher von Karikaturen und Schmähvideos als „Künstler“, was eine weitere Auseinandersetzung mit seinem Ansatz überflüssig macht.

Hannes Stein zeigte im Zusammenhang mit der Beschneidungsdebatte die antisemitische Tradition vieler großer Aufklärer (vgl. auch hier) angefangen bei Voltaire über Diderot, Kant, H. G. Wells bis zu Christopher Hitchens auf und kommt zu dem Ergebnis:

„Die Tradition der Aufklärung dagegen gilt immer noch als weitgehend unschuldig […]Der Antisemitismus ist aber mehr als ein moralisches, er ist auch ein intellektuelles Problem. Ein Denken, das vom Judenhass angefressen wurde, ist von innen her faul. Solange die Aufklärer, Fortschrittsfreunde und Gottesleugner sich also weigern, ihre eigene judenfeindliche Tradition in Augenschein zu nehmen, solange sie dieses Erbe wie bewusstlos immer weiter tragen, stimmt mit ihnen etwas ganz Grundsätzliches nicht.“

Schmidt-Salomon fügt sich wohl bestens in diese Tradition ein und ist auch deshalb zu kritisieren. Vielleicht hört die vielbeschworene Meinungsfreiheit da auf und fängt der Respekt da an, wo man Menschen verletzen könnte, ob nun mit Springerstiefeln oder mit Bildern und Worten?!

23.9.12 16:28, kommentieren