Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Auch Katholiken brauchen Helden

Innerlich noch mit den jüngsten Diskussionen um die Wahrhaftigkeit der beiden biblischen Weihnachtsgeschichten beschäftigt, verschaffte mir Paul Badde heute Morgen ein Aha-Erlebnis auf kath.net. Veranschaulicht er dort doch auf beeindruckende Weise, wie wundersam-schöne Geschichten auf der Grundlage historischer Ereignisse entstehen können.

Nun geht es in seinem Artikel allerdings überhaupt nicht um die Weihnachtsgeschichten. Nein, Badde berichtet in einem ausführlichen Portrait über den päpstlichen Privatsekretär Georg Gänswein, der kurz vor seiner Bischofsweihe steht.

Aber ähnlich wie Lukas und Matthäus ist ihm die Familiengeschichte wichtig, weil sie natürlich Einfluss auf den Menschen nimmt. Und besondere Menschen haben schließlich meist eine außergewöhnliche Familiengeschichte. „Seinen kreuzfrommen und tiefen Glauben“ sieht Badde mütterlicherseits verankert. Doch mehr noch wurde der „älteste Sohn“ – zwei Brüder und zwei Schwestern, das erinnert bereits an Mt 13,55f – eines Handwerkers – nein, nein, kein Zimmermann, sondern Schmied - von seinem Vater geprägt; „ein „Mann wie ein Baum“, im Funkenregen, mit glühenden Eisen in der Hand, neben Hammer und Amboss und zwischen ausschlagenden Pferden, die vier Männer beim Behufen halten mussten.“

Daher also die „zupackende Hingabe“ des künftigen Bischofs. Badde glüht geradezu vor Begeisterung, wenn er weiter schreibt: „Viele Kolleginnen faszinieren sein „Lächeln, seine blauen Augen oder die lässige Eleganz“ Gänsweins, der mit 56 noch aussieht, als sei er 46 Jahre alt. Die sich dabei in den sprachgewandten und vielsprachigen „George Clooney“ des Vatikans aber so vergucken wie Donattella Versace, die sich vor Jahren zu einer Herrenkollektion von ihm inspirieren ließ, vertun sich dabei allesamt, wenn auch oft in guter Gesellschaft. Viele haben sich in dem sportlichen Mann schon getäuscht – bis auf Joseph Ratzinger, den so viele schon enttäuscht haben.“ Was für ein Mann, dieser Gänswein :-)

Bei der Charakterisierung Gänsweins als „leidenschaftliche[r] Priester und nüchterne[r] Weinkenner“ scheint Badde allerdings kurzzeitig überhitzt zu sein. Doch er fängt sich wieder und zeigt nüchtern auf, wie der Privatsekretär „eine unmögliche Aufgabe“ „pfeilschnell und schlafwandlerisch sicher“ ausführt. Er bilde so den letzten „Staudamm“, der den Papst vor einer bedrängenden „Flut“ von Menschen und Anliegen schützt. Und dann kommt wieder das väterliche Erbe ins Spiel: „Oft widersetzte sich nur noch seine Schulter dem enormen Druck auf dessen [des Papstes] Tür.“ Was für ein Kerl, man stellt sich den Donnergott Thor mit dem Schmiedehammer vor, der sich gegen ein riesiges vatikanisches Tor stemmt, das von den Bedrängern der Außenwelt droht eingenommen zu werden.

Aber neben diesen eher heidnischen Anspielungen gelingen Badde auch christliche, wenn er von der „Schlüsselgewalt“ spricht, die dem neuen Präfekten des Päpstlichen Hauses nun vom Papst übertragen wurde. Zwar stellte man schon vor Jahren fest, dass Gänswein als „Schutzengel“ eine „Idealbesetzung“ wäre, doch diese Überhöhung reicht Badde nun nicht mehr; „doch in den letzten Jahren hat er sich immer mehr seinem Namenspatron angeglichen: an Georg, den Drachentöter.“

Wenn man bedenkt, dass vor 2000 Jahren nicht der Privatsekretär des Papstes, sondern Jesus Christus, den wir als Gott glauben, geboren wurde, dann kann man sich über die sachliche Nüchternheit in den Weihnachtsgeschichten der Evangelisten Lukas und Matthäus nur wundern.

1 Kommentar 5.1.13 13:39, kommentieren

Von hinten durch die Brust ins Auge

Wie muss man vor Wut schäumen, wenn man vor lauter Kritik nicht bemerkt, dass man die eigenen Werte und Positionen verkauft. So geschehen heute auf kath.net. Abt Martin Werlen vom Stift Einsiedeln verweigerte kath.net vor kurzem ein Interview und steht wohl seither auf der Abschussliste.

Nun setzt sich Abt Werlen aktuell gegen eine Liberalisierung der Nacht- und Sonntagsarbeit in der Schweiz ein, durch die Tankstellenshops rund um die Uhr, auch sonntags, ihre Produkte verkaufen könnten. «Der Mensch ist nicht für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft für den Menschen», lässt der Abt in Anlehnung an die Aussage Jesu zum Sabbatgebot verlauten. «Wenn wir nicht mehr zusammen Zeit verbringen können, verarmen wir und es droht ein Burnout der Gesellschaft», insistiert er mit Blick auf die Familie und das Gemeindeleben.

Doch das alles spielt auf kath.net keine Rolle, vielmehr glaubt man eine Gelegenheit gefunden zu haben, dem unkooperativen Geistlichen eins auswischen zu können. Gleich eine ganze Flut von kritischen Äußerungen aus der Arbeitgeber- und Wirtschaftsecke werden aufgefahren, um Werlen zu widersprechen. Ob man da auf der richtigen Seite steht?

Los geht es mit einer etwas seltsamen Formulierung, die vielleicht durch die innere Vorfreude auf die anstehende Kritik ausgelöst wurde?! „Seine "Einmischung der Kirchen in die Tagespolitik" stößt auf Kritik bei Politikern“, heißt es dort. Handelt es sich nun um Werlens Einmischung oder eine der Kirche? Muss man zwischen beiden überhaupt trennen?

Und auch im nächsten Satz wird nicht deutlich, was denn genau gemeint ist, wenn „Dominik Tiedt aus Geroldswil, Unternehmer und Präsident des Komitees der Kirchensteuerinitiative, die 2014 zur Abstimmung kommen soll“ zitiert wird. Die Kirchensteuerinitiative kommt demnach 2014 zur Abstimmung. Wer stimmt denn da wohl über diese Vereinigung ab? Und über was genau wird da wohl abgestimmt? Geht es um die Existenzberechtigung dieser Initiative? Man weiß es nicht so genau. Doch der unbekannte Verfasser des Textes fängt sich langsam, hat er doch einen ersten Schlag ausführen dürfen. Zwar nicht gegen Werlen aber gegen die scheinbar verhasste Kirchensteuer, die in der Schweiz auch Firmen zahlen müssen.

Weitere liberale Wirtschaftsvertreter werden zitiert. Kirche solle sich für Abtreibung und Sterbehilfe einsetzen und sich in der aktuellen Frage neutral verhalten. Gerade wegen solcher Einmischungen liefen der Kirche ja gerade die Leute weg.

Das schwerste Geschütz gegen Werlen fährt der Tankstellenbesitzer und FDP-Nationalrat Markus Hutter auf, wenn er Werlen vorwirft, „dass dieser jedoch Wasser predige und selber Wein trinke, da sonntags immerhin Bischöfe, Pfarrer sowie das Kirchenpersonal arbeiten.“ Auch Hutters Kollege Gerhard Pfister versteht die Welt nicht mehr: "Ich verstehe nicht, wieso Autofahrer anders behandelt werden sollen als Kirchgänger." Auch er greift noch einmal das Thema Abtreibung auf, von dem er sich eine klare Aussage der Kirche wünscht. Ich wusste gar nicht, dass es in dieser Frage Unklarheit in der Kirche gibt?!

Rund wird die Kritik an Werlen durch eine kritische Stimme aus der Kirche selbst. Martin Grichting, der Generalvikar des Bistums Chur, ist folgender Meinung: "Die Kirche, vor allem die Leitung, sollte Gläubige nicht politisch vereinnahmen. Wir haben die Aufgabe, den Glauben zu verkünden, und nicht, Politik zu machen." Ob er hier auch das kirchliche Engagement gegen die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften meint?! Wahrscheinlich eher nicht.

Halten wir abschließend fest, welche Position kath.net hier zumindest indirekt unterstützt, um den engagierten Abt zu kritisieren:

  • gegen Kirchensteuern, vor allem von Firmen
  • gegen einen familien- und gemeindefreundlichen Sonntag, da dieser für Austritte verantwortlich ist
  • für eine Vergleichbarkeit und Gleichstellung der Sonntagsarbeit von Bischöfen und Priestern mit Tankstellenangestellten und anderen Arbeitern
  • gegen eine Einmischung der Kirche in politische Fragen.

Ein erstaunliches Ergebnis!

1 Kommentar 10.1.13 20:34, kommentieren

Vom Kind in der Predigt und kindischen Predigern

Sonntagsreden nennt Peter Otten die Weihnachtspredigten verschiedener deutscher Bischöfe. Sonntagsreden, weil mächtige Männer von der Ohnmacht Gottes im Kind in der Krippe predigten. Sonntagsreden, weil ein paar Tage nach Weihnachten die Zusammenarbeit der deutschen Bischöfe mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, das den Missbrauch von unschuldigen Kindern wissenschaftlich aufarbeiten sollte, eingestellt wurde. Sonntagsreden wohl auch, weil die mächtige Institution sich scheinbar nicht klein machen kann oder will, sich mit Anwälten und Klagen verschließt statt sich in Demut und Reue zu öffnen. Sonntagsreden, weil man Angst vor der kindlichen Ohnmacht hat, eine Ohnmacht im Übrigen, über die man von den Opfern hätte erfahren und lernen können. Sonntagsreden, weil die Machtposition doch der sicherere, ja der weltlichere Weg ist. Entweltlichung…

Das einzig kindische Verhalten, was kirchlicherseits zu erkennen ist, ist die einseitige verheulte Schuldzuweisung; der Finger, der nach Niedersachsen zeigt.

Vielleicht sollte man das eigene Programm, das, was man allsonntäglich von der Kanzel predigt, zuerst einmal auf sich selber anwenden: Gewissenerforschung, Reue, Buße und vor allem Wiedergutmachung. Natürlich handelte es sich um die Taten Einzelner, für die die Kirche als Ganze nicht verurteilt werden darf. Aber es hat diese zerstörerischen Taten im Raum der Kirche gegeben. Und der Umgang mit den Tätern und den Opfern war offensichtlich lange Zeit falsch. Kirche als Institution und System hat hier genug aufzuarbeiten und zu lernen.

Wenn man sich zudem Vatileaks, die Vatikanbankskandale, kreuz.net etc. vor Augen führt, dann wünscht man sich sowieso eine demütige, leise und büßende Kirche. Wie anders könnte man den Vertrauensverlust, den die Austrittszahlen dokumentieren, wieder auffangen?! Man wünscht sich eine radikal aufrichtige, aufklärerische und lernende Kirche, die das riesige Potential eines solchen Forschungsprojektes sieht.

Egal, was genau zu den Verstimmungen mit Professor Pfeiffer geführt hat, die Aufkündigung der Zusammenarbeit ist der worst case. Die Vorurteile vieler Menschen gegenüber der Kirche werden so nur verstärkt und bestätigt. Man hätte die Spannungen einer wirklichen Aufarbeitung, mit dem Ziel die Strukturen und Erfahrungen aufzudecken, die Missbrauch fördern, aushalten müssen.  

Wie kann ein Jahr des Glaubens funktionieren, wenn man nicht mit einer Zeit der Buße beginnt? Vielleicht bräuchte es überhaupt zuerst einmal ein Jahr der Buße…

1 Kommentar 11.1.13 10:18, kommentieren

Und noch ein Querverweis

Im Zusammenhang mit der Diskussion um den Ausstieg der DBK aus der Missbrauchsstudie des KFN fiel mir noch der verlinkte Text aus dem letzten Jahr ein.
 
Auf kath.net hingegen kann man heute lesen, wie Josef Bordat auf rational-kühle Weise belegt, dass der eigentliche Skandal nicht die Missbräuche sind, sondern die Diskussion um den Zölibat die Diskussion um den Zusammenhang von Zölibat und Missbrauch skandalös ist. Diese Unsensibilität zeigt nur, wie wichtig es ist, die Strukturen und Mechanismen, aus denen sich wohl auch eine solche Reaktion speist, aufzudecken!

14.1.13 09:08, kommentieren

Statt eines Kommentars

Was auch immer da in meiner Kommentarfunktion streikt, ich krieg es auf die Schnelle nicht raus! Nach einem längeren Mail-Austausch mit Josef Bordat, der sich in meiner Kritik an seinem Rechenexempel missverstanden fühlt, möchte ich seinen Kommentar, der warum auch immer einfach nicht freigeschaltet wird, hier publizieren. Meine Antwort füge ich gleich unten an. Sollten auch andere Leser die Erfahrung gemacht haben, dass die Kommentare nicht veröffentlicht werden, bitte ich um eine kurze Information. Das System ist so eingestellt, dass alles ohne Moderation und Zensur veröffentlicht wird. Spam, rassistische Äußerungen und Beleidigungen nehme ich aber selbstverständlich aus dem Blog.

 

Sehr geehrter Herr Schnitzler,

gegen unterstellte Absichten und Motive kann man sich nicht wehren. Wer mich falsch verstehen will, der wird das tun und der soll das auch tun. Menschen, die mich kennen, die mich *genau* kennen, wissen, dass ich schon aus höchstpersönlichen Gründen kein Interesse daran haben kann, Missbrauch herunterzuspielen. Das als Vorbemerkung.

1. Ich denke, Sie missverstehen mein Anliegen. Zumindest wird dieser „Querverweis“ (für den ich an und für sich dankbar bin) in Art und Ausführung meinem Anliegen nicht gerecht. Gerade die Charakterisierung meines Vorgehens als "kühl" und "unsensibel" verletzt mich sehr.

Aber: Man darf mich falsch verstehen, kein Thema. Nur haben Sie mich eben mit dieser Notiz wirklich *maximal* falsch verstanden. Ich sage gerade nicht, dass "der eigentliche Skandal nicht die Missbräuche sind, sondern die ihnen nachfolgende Diskussion um den Zölibat", sondern dass der "eigentliche Skandal" darin besteht, dass über die "nachfolgende Diskussion um den Zölibat" (und über andere Strukturfragen der Kirche, die nachweislich nichts mit Missbrauch zu tun haben), das Thema als *gesellschaftliches* Problem völlig aus dem Blick gerät.

Und: nein, ich meine *nicht*, dass man grundsätzlich nicht über den Zölibat reden darf. Ich meine nur, dass man *im Zusammenhang mit der Suche nach Ursachen für sexuellen Missbrauch* nicht über den Zölibat zu reden braucht, ja, dass eine solche Fokussierung in der Debatte, wie sie oft stattfindet (in den Medien, aber auch innerhalb der Kirche) sogar den Blick auf den eigentlichen Skandal verstellen kann: nämlich den, dass in Deutschland täglich über 800 Kinder sexuell missbraucht werden - von Männern, die nicht zölibatär leben.

Ich kann mir anscheinend die Finger wund schreiben und betonen, worum es mir geht (nämlich um einen offenen Diskurs) und worum es mir nicht geht (um die Verharmlosung von sexuellem Missbrauch). Es scheint nichts zu bringen. Ich verweise auf einen Blogbeitrag, in dem ich versuche, meine Intention zu verdeutlichen (http://jobo72.wordpress.com/2013/01/12/ein-offenes-wort/).

2. Meine These ist: Wir brauchen ein anderes Framing des Themas. Und ich schreibe eben, damit das gelingt. Das ist mein Beitrag für die Prävention. Denn das Thema zu „öffnen“ ist ein wichtiges Anliegen des Opferschutzes – das sage nicht ich als „katholischer Fundamentalist“, sondern darin weiß ich die eher unverdächtige Alice Schwarzer eng an meiner Seite.

Mit dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio bin ich der Ansicht, dass die mediale Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs in kirchlichen Einrichtungen bislang über weite Strecken Kampagnencharakter hatte. Umgekehrt: Für Menschen, die nicht von Priestern oder Prominenten missbraucht wurden, sondern ganz „normal“ (in drei von vier Fällen) von ihren Verwandten oder Bekannten, gibt es in den Medien keinen Raum. So entsteht in der Öffentlichkeit ein völlig schiefes Bild vom Missbrauchsproblem, wie eine Umfrage („ARD-Deutschlandtrend“ vom 19. März 2010) zeigt: Nach wochenlanger Berichterstattung über das Bekanntwerden von Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen waren dieser Umfrage zufolge 9 Prozent der Deutschen sicher, dass sexueller Missbrauch ausschließlich in kirchlichen Einrichtungen vorkommt. Ausschließlich!

Für jeden elften Deutschen gibt es nach dieser Umfrage also keinen Missbrauch in Familien, Sportvereinen, staatlichen Schulen, humanistisch-reformpädagogischen Internaten, Ausbildungsbetrieben und Kinderchören, also dort, wo 99,9 Prozent aller Fälle sexuellen Missbrauchs stattfinden. Nur 88 Prozent halten es für erwiesen, dass auch außerhalb der Kirche Missbrauch stattfindet, 3 Prozent sind unsicher.

Dagegen schreibe ich an. Von "Ablenken" kann also keine Rede sein, eher von "Hinlenken", und zwar auf den Missbrauch als *gesellschaftliches* Problem!

3. Ihr Text entspricht auch nach der vorgenommenen Änderung (vielen Dank für den guten Willen und die Mühe) nicht wirklich dem, was ich ausdrücken wollte. Gemeint habe ich: Die Diskussion um den Zusammenhang von Zölibat und Missbrauch ist nicht skandalös, sondern *abwegig*. - *Skandalös* ist, dass eine abwegige Diskussion diskursive Ressourcen bindet, die bitter nötig wären, um die gesellschaftliche Dimension des Missbrauchs zu adressieren. *Skandalös* ist also, dass die Diskussion um den Zusammenhang von Zölibat und Missbrauch von der gesellschaftlichen Dimension des Missbrauchs ablenkt. *Skandalös* ist, dass nur dann über Missbrauch berichtet wird, wenn es Priester oder Prominente betrifft. Der ganz „normale“ Missbrauchsalltag in Deutschland wird weitestgehend verschwiegen. Das ist skandalös.

Schön wäre es also, wenn Sie hinzufügten: „weil er der Ansicht ist, dass eine solche Verengung des Blickwinkels der gesellschaftlichen Dimension des Missbrauchs nicht gerecht wird“. Denn damit würde klar, was ich in Wahrheit meine.

Herzliche Grüße,

Ihr

Josef Bordat

 

 

 

Verehrter Herr Bordat,

sicherlich wollte ich Sie mit meiner Kritik nicht persönlich angreifen. Ich halte sie aber auch nach Ihrer Richtigstellung für angebracht. Wir als Katholiken sollten zuerst einmal ein Interesse daran haben, in unserem Bereich für Aufklärung und Wiedergutmachung zu sorgen. Es sind unglaublich schreckliche Dinge geschehen, und das durch Menschen mit einem höchsten moralischen Anspruch in einer Institution mit einem ebensolchen Anspruch. Offensichtlich scheint sich der Missbrauch innerhalb der Kirche auch von dem außerhalb zu unterscheiden. Jeder Verweis auf die noch größere Zahl von Missbräuchen in der Gesellschaft wird wohl von vielen Menschen als Ablenkung bewertet werden. Wir haben in der Kirche zuerst einmal genug zu tun.

Zudem denke ich, dass in nahezu jeder Diskussion um den Missbrauch in der Kirche auch betont wird, dass die meisten Missbräuche in der Familie stattfinden. Ich sehe hier keine Verschwörung. Nur: Was nützt uns diese Tatsache für die Aufklärungsarbeit in der Kirche? Dass wir in der Kirche mit vielen Vorurteilen zu kämpfen haben, das weiß ich natürlich aus eigener Erfahrung, aber mit wilden Abwehrreaktionen kommen wir wohl auch nicht weiter. Eine professionelle Aufklärung und eine sachliche Diskussion würde der Kirche aber sicher helfen, wieder Vertrauen bei den Menschen zu gewinnen. Am wichtigsten aber ist, dass wir die Opfer in den Fokus rücken und nicht an ihnen vorbei diskutieren.  Was wird ein kirchliches Missbrauchsopfer empfinden, das von Kirchenvertetern erfährt, dass der Missbrauch in der Familie doch noch viel größer ist als in der Kirche?

Sie fordern eine Öffnung des Themas im Sinne des Opferschutzes, indem Sie den Zölibat und die kirchlichen Strukturen als Untersuchungsgegenstand der Aufarbeitung ausschließen. Wie passt das zusammen?

Viele Grüße

Volker Schnitzler

 

15.1.13 17:34, kommentieren

Zu: Katholische Kliniken weisen Missbrauchsopfer ab

Einige katholische Krankenhäuser des Erzbistums Köln verweigern in bestimmten Fällen die Behandlung von vergewaltigten Frauen. Nach Recherchen des Kölner Stadt-Anzeigers war eine 25-jährige Frau im Dezember von zwei Kliniken abgewiesen worden. Sie wollte sich untersuchen lassen, weil sie nach einer Party auf einer Parkbank in der Stadt aufgewacht war und vermutete, sie sei mit K.-o.-Tropfen betäubt worden (weiter hier oder  hier ).


Ein ähnlich gelagerter Fall:

Ein Mann fuhr von Leverkusen nach Düsseldorf hinab und wurde von Bandidos überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester dieselbe Straße entlang; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Jurist kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Homosexueller aus Köln, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, säuberte seine Wunden und verband sie. Dann lud er ihn in sein Auto, brachte ihn zu einem Hotel und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zweihundert Euro hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Bandidos überfallen wurde? Der Generalvikar antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso! (Im Orginal hier)

17.1.13 14:07, kommentieren

Vergewaltigung einer Vergewaltigten

Zur Erfolgsgeschichte von kath.net gehört, radikal-fundamentalistische Positionen nicht im Nachrichtenteil selbst zu publizieren, sondern diese dem Kommentatoren-Mob zu überlassen. Zwar gibt es Ausrutscher, aber man ist vorsichtig geworden, schließlich kann man beobachten, wie es kreuz.net an den Kragen ging und auch gloria.tv zunehmend in die Kritik gerät.

So ist ein beliebtes Mittel die einseitige und tendenziöse Berichterstattung. Man selektiert die Nachrichten so, dass der treue Leser die Welt durch die kath.net-Brille sieht. Hier die Artikel über die weltweiten Massenproteste gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, dort ein paar Artikel radikaler und christenfeindlicher Muslime und abschließend noch ein paar Breitseiten gegen liberale Kirchenzerstörer. So entstseht die schöne einfache kath.net-Welt.

Nach diesem Konzept arbeitet man nun auch in der Sache der verweigerten Hilfeleistung für die vergewaltigte Frau in Köln (s.u.). Die Nachricht selbst wird zuerst einmal unterschlagen. Dann veröffentlicht man aber doch einen Artikel, der die Entschuldigung der Verantwortlichen thematisiert und den Fall als Missverständnis und eine Fehlinterpretation einzelner Krankenhausmitarbeiter abtut. Und heute schließlich schiebt man ein Interview mit einer Frau hinterher, die durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde.

Es werden wieder Zahlen genannt, so seien nahezu 1% der US-Amerikaner in Vergewaltigungen gezeugt. Und die Frau betont, dass es für diese Menschen sehr verletzend sei, ihnen durch die Diskussion über eine mögliche Abtreibung im Falle einer Vergewaltigung den Eindruck zu vermitteln, "als wenn man sie wegwerfen könnte und „dass sie nie hätten geboren werden sollen“, dass man sie hätte „wegwerfen“ können."

So werden die pro-life-Aktivisten, die für eine klare Gesetzgebung in den USA gesorgt haben, als wahre Helden gefeiert: "Jene Juristen, welche am Gesetz von Michigan mitgearbeitet hatten und „zu hundert Prozent und ohne Kompromiss pro-life waren und die mich mit Gesetzen beschützt haben… sie haben für mich das Leben gewählt. Und sie sind meine Helden. Manche von uns brauchen Helden.“

Dass diese Frau so empfindet kann ich sehr gut nachvollziehen. Wie kath.net diesen Artikel in der aktuellen Situation einsetzt, allerdings weniger. Die wahren Helden sind nämlich nicht die pro-life-Aktivisten, sondern die Mütter dieser Kinder, die die Kraft und die Stärke, sicher auch die Leidensbereitschaft hatten, nach einer zutiefst zerstörerischen Erfahrung noch ja zum Leben sagen zu können. Diese Mütter spielen aber im Artikel keine Rolle. Man möchte lieber der eigenen pro-life-Haltung huldigen und diese glorifizieren, sich selbst als Helden darstellen.

Vielleicht sollte man einfach mal "Selbstmord nach Vergewaltigung" in eine Suchmaschine eingeben und sich vom überwältigen Ergebnis dieses Massenphänomens auf den Boden der Tatsachen zurück holen lassen. Wenn dann deutlich wird, dass hier Leben gegen Leben steht, dann kann man überlegen, wie man zuerst einmal diesen Frauen helfen kann!

1 Kommentar 18.1.13 11:10, kommentieren