Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Franziskus sorgt für Durcheinander

Franziskus hat angekündigt für Durcheinander in der Kirche zu sorgen, um Reformen anzugehen und das Dauerhafte des Glaubens vom Zeitbedingten zu trennen. Nun hat er sich zum Abschluss des Ramadan der Muslime dazu entschlossen, die traditionelle Grußbotschaft des Vatikans persönlich zu formulieren und zu unterschrieben. In der Erziehung der nächsten Generation liege die Lösung für den Frieden zwischen den Religionen. Respekt und Toleranz den Andersgläubigen gegenüber müsse den Heranwachsenden vermittelt werden. Wie wahr.

Im rechten Kirchenschiff kommt das natürlich nicht gut an. Während man auf katholisches.info harte Geschütze gegen den Papst in Stellung bringt, ihn in einer Promemoria an die katholisches.info-Lehre erinnert, hat kath.net sich entschlossen, diese katholische Nachricht erst gar nicht zu veröffentlichen (Update vom 4. August! Es hat nur etwas länger gedauert. Jetzt ist der Artikel doch noch da!). Ich gebe zu, die offene Polemik ist mir lieber, da weiß man wenigstens, wo man dran ist.

Dass Muslime und Christen an denselben Gott glauben, anders als auf katholisches.info gelehrt wird, das hat übrigens schon Johannes Paul II klar gestellt:

„Wir haben als Christen und Muslime viele Dinge gemeinsam, als Gläubige und als Menschen. Wir leben in derselben Welt, die durch viele Zeichen der Hoffnung, aber auch der Angst gekennzeichnet ist. Abraham ist eben für uns ein solches Vorbild des Glaubens an Gott, der Ergebenheit gegenüber Seinem Willen und des Vertrauens auf Seine Güte. Wir glauben an denselben Gott, an den einzigen Gott, an den lebendigen Gott, an den Gott, der die Welten schafft und Seine Geschöpfe zu ihrer Vollendung führt.“

Und dabei kann er sich auf das Zweite Vatikanum berufen, wo es in der Erklärung Nostra Aetate heißt:

„Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat.“

Damit steht Franziskus mit seinen Äußerungen in einer guten katholischen Tradition!

2 Kommentare 3.8.13 12:31, kommentieren

Der Weg der Liebe nach innen und außen

Es gibt den Weg der Liebe und den Weg des Hasses. Den ersten würde ich als einen christlichen bezeichnen und Paul M. Zulehner zustimmen, wenn er auf die Frage nach dem Endgültigen antwortet:

„Die Liebe natürlich, die Gott selber ist! So gesehen reduziert sich alles auf den Kern der Botschaft Jesu: "Liebe Gott und den Nächsten wie dich selbst!" Gottes Ziel ist, dass seine Schöpfung ihre Vollendung in der Liebe findet. Sie soll eine Zivilisation der Liebe werden. Jesus nennt dies das "Reich Gottes". Die Zumutung, ein liebender Mensch zu werden, ist dem Atheisten oder Buddhisten genauso aufgetragen wie dem gläubigen Protestanten oder Katholiken. Das eint uns alle. Die moderne Anthropologie stimmt mit dem Evangelium in der Diagnose überein, dass der Mensch dort, wo er Angst um sich selbst hat – letztlich Angst vor dem Tod – zu den Strategien der Gewalt, Gier und Lüge greift. Er versucht krampfhaft, sich selbst zu behaupten, weil er nicht mehr vertrauen kann. Liebe heißt immer: sich preisgeben können. Die Angst ist daher der eigentliche Feind der Liebe. Und alle Menschen guten Willens sollen gemeinsam dafür sorgen, dass in der Welt die Liebe aufblüht und die Angst kleiner wird.“

Deshalb hat auch Abt Martin Werlen völlig Recht, wenn er die christlichen Streitereien und Schismen als besonders tragische Ereignisse der Kirchengeschichte beschreibt, die das Versagen der Liebe schon innerhalb der Christenheit vor Augen führt:

Die verschiedenen getrennten Konfessionen sind tragische Früchte der Spaltungen in vergangenen Jahrhunderten. Trotzdem pflegen heute noch viele diese Früchte und realisieren nicht, was das für ein Skandal ist. So gibt es Mitglieder der römisch-katholischen Konfession, die den Unzufriedenen in der eigenen Konfession den Vorschlag machen, sie sollten doch zu den Reformierten gehen. Wer so argumentiert, hat nicht viel von Kirche [als der eine Leib des Herrn] verstanden. Ebenso Reformierte, die in den Katholiken eine Konkurrenz wittern. Als ob es verschiedene Kirchen gäbe. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt es in aller Deutlichkeit: «Die Spaltung widerspricht ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen.»

Auf kath.net fühlt man sich gleich ertappt und wettert gegen Werlens Ausführungen an. Gerade im Kommentarbereich, auch dieses Blogs, sind solche Unverschämtheiten, die Konfession doch zu wechseln, schon formuliert worden.

Was Franziskus an der kirchlichen Selbstbeschäftigung bzw. am Klerikalismus - ich würde es Selbstbeweihräucherung nennen -  kritisiert, das kann man zurzeit auf katholisches.info bewundern. Ein peinlicher Hickhack um die "Alte Messe" wird dort in aller Breite ausgetragen. Wer interessiert sich nur für diesen Nonsens? Ob eine Messe auf Latein oder in der Landessprache abgehalten wird, ist mir persönlich völlig schnuppe, ich bevorzuge die Landessprache, gönne aber allen Liebhabern des Lateins - einer Sprache im Übrigen, die weder Jesus noch die Apostel beherrscht haben dürften - ihren alten Ritus. Haben wir sonst keine Probleme??

Was mich bei den Liebhabern der "Alten Messe" allerdings stört, sind die Typen, die sich in ihrem Umfeld aufhalten. Hassprediger ala Williamson, die gegen das Zweite Vatikanum, gegen Religions- und Gewissensfreiheit wettern, meist homophob, oft islamophob. Hier sehe ich den Hass und nicht die Liebe am Werk. Hier wird gespalten und nicht vereint.

2 Kommentare 5.8.13 16:59, kommentieren

Von Freiburg über Linz nach Rom

Auf kath.net regt man sich mal wieder künstlich über Erzbischof Zollitsch von der DBK auf, weil dieser gegen die Partei Alternative für Deutschland (AfD), die mehr damit beschäftigt scheint, sich gegen die Unterwanderung von Nazis zu wehren, als Politik zu betreiben, Stellung bezogen hat. "Unsere Zukunft liegt in Europa und nicht in der Rückkehr in die Nationalstaaten.“ Eine wie ich finde durchaus katholische Position, ganz im Gegensatz zur Glorifizierung des Nationalstaates, wie sie die eurokritische AfD betreibt. Ein Europa der souveränen Staaten mit einem gemeinsamen Binnenmarkt, heißt es in der parteipolitischen Fachsprache.

Ungeniert bezieht man sich in dem Artikel auf die stramm beworbene, neurechte „Junge Freiheit“. So bleibt das Familienidyll in jeder Hinsicht erhalten. Der Soziologe Andreas Kemper kommt in einem Interview zu dem Schluss: "Als inoffizielles Parteiorgan der AfD darf man zudem die Junge Freiheit ansehen. Diese extrem rechte Wochenzeitung und die AfD profitieren gegenseitig voneinander. Während die Junge Freiheit die rechtskonservative Szene ganz massiv auf die AfD einstimmt, wird dieselbe seitens der AfD immer wieder als normale bürgerliche Zeitung beschrieben. Insofern ist es eigentlich nur konsequent, dass man inzwischen auch offen um NPD-Wähler buhlt."

Vielleicht sollte man sich mal wieder ein bisschen Richtung Rom orientieren. Auf Radio Vatikan gibt es aktuell einen ausgezeichneten Beitrag über Silke Maresch von Kirche für Demokratie und gegen Rechtsextremismus (Audiobeitrag), die ein paar interessante Umfrageergebnisse der Uni Leipzig präsentiert. So sprachen sich 14% der befragten Katholiken für einen politischen Führer aus, der Deutschland mit starker Hand regiert.

Und auch die Päpste können wohl predigen soviel sie wollen, die Ressentiments gegen Muslime und den Islam werden am rechtskatholischen Rand weiter geschürt. So prangt einige Artikel unter dem genannten die Überschrift: „Wer Jesus Christus erlebt hat, wird nicht mit Muslimen beten können“ (hier). Ja, so baut man ein friedliches Europa…

8.8.13 15:45, kommentieren

Katholische Nachrichten??

Dass sich ein Internet-Portal, das sich katholische Nachrichten auf die Fahne geschrieben hat, gegen einen Bischof wendet und sich einer marktradikalen und rechtspopulistischen Partei als Steigbügelhalter anbiedert, hätte ich nie für möglich gehalten. Mit dem Abdruck eines Beschwerdebriefes der AfD-Politikerin Beatrix von Storch an Erzbischof Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, fragt man sich, was die wirklichen Themen dieses Portals sind?!

Erzbischof Zollitsch kann man nur dafür danken, dass er zur AfD eindeutig Stellung bezogen hat. Das, was man in den Kommentarspalten auf kath.net und auf der von ihr beworbenen Jungen Freiheit so tagtäglich liest, zeigt, wie wichtig es ist, dass die Bischöfe vor rechtspopulistischen Rattenfängern warnen. Mit welchen Ressentiments Bernd Lucke, Gründer der „Alternative für Deutschland“, auf seinen Wahlkampfveranstaltungen arbeitet, hat Thomas Kröter zuletzt thematisiert.

„Und dann die Passage mit den Ausländern: Ausführlich beschäftigt der Professor sich, säuberlich den Deutschen Städtetag und andere als Quelle nennend, mit den Sinti und Roma, die aus Bulgarien und Rumänien nach Deutschland kämen – um hier von Kindergeld zu leben, weil sie die Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht erfüllen könnten. Oder wollten. Aber Lucke weiß Abhilfe: Wenn sie hierzulande Sozialleistungen nach den Regeln ihrer Heimat bekämen, fiele der Anreiz weg, sie zu verlassen. Großer Jubel im Publikum. Das diskrete Spiel mit Ressentiments – es verfängt, und der Redner achtet genau auf die Dosis, um nicht mit jenen in einen Topf geworfen zu werden, die er aus der Partei fern halten will.“

Was Papst Franziskus über eine arme Kirche bzw. eine Kirche für die Armen predigt, scheint an den Hirnwindungen dieser Leute völlig vorbei zu gehen, katholisch ist, was gegen die Homo-Ehe ist, so einfach funktioniert die Welt des weißen Zauberers Gandalf, der sich im Kommentarbereich des Artikels mit nicht ganz flüssigen Bannflüchen zu Wort meldet:

@Troppau: Ganz ehrlich. Wer so blind diese Zollitsch-Aussagen verteidigt, der steht im Verdacht, dass hier was anderes dahintersteht. Bist Du Mitglied einer anderen Partei? Mir persönlich tangiert die Wahl in Deutschland nicht, ich kann aber 1 + 1 zusammenzählen und sehe in Deutschland durchaus Parteien wie die Piraten oder die Grünen, die klar gegen kirchliche Werte agieren.

Wenn jemand dann so hasserfüllt gegenüber dieser neuen Partei von einem "Gruselkabinett einer Splitterpartei" spricht, dann zeigt dies, dass es Dir nicht mehr Argumente geht. Es geht um blinde Verteidigung von Zollitsch-Aussagen. Daher bitte bring hier mal Gegenargumente zu diesem Brief oder schweige besser. Das wird nämlich sonst nur peinlich. Insbes. würde mich hier eine Gegenantwort interessieren: "Die Grünen wollen die Homo-Ehe. Und Sie warnen – als katholischer Bischof – nicht vor den Grünen, sondern der AfD? Was ist Ihre Aufgabe?"

Dass er Lichtjahre davon entfernt ist,  1+1 zusammenzählen zu können, das beweist er wohl mit dieser ganzen unsäglichen Propaganda gegen Erzbischof Zollitsch.

5 Kommentare 10.8.13 09:10, kommentieren

Vom Stallgeruch der Schafe und Böcke

In Anlehnung an die von Papst Franziskus thematisierte Homo-Lobby innerhalb des Vatikans bringt Klaus Mertes in der Herder Korrespondenz (ergänzend hier) einige erfrischende Statements zum Thema. So hoffe er, dass Franziskus sich nicht einschüchtern lasse, sondern die männerbündisch verengten homosoziale Struktur des Klerus, die oft eine frauenfeindliche Außenseite aufweise, entmachte.

In Bezug auf David Berger, dem die Kirche mit lautem Schweigen begegne, konstatiert er, dass die härteste Homophobie von denjenigen komme, die ihre eigene Homosexualität verleugnen. Dies habe mitunter mit einer unreifen Sexualität vieler homosexuell veranlagter Priester zu tun.

„Viele homosexuelle Männer fühlen sich gerade deswegen vom Priestertum angezogen, weil ihnen das Schweigen über ihre eigene Sexualität sogar entgegenkommt; weil sie ihre sexuellen Empfindungen mit einem tiefen Schuldgefühl verbinden und deswegen den Zölibat als eine Lebensform erstreben, in der sie die konstruktive, bewusste Auseinandersetzung mit ihrer Sexualität vermeiden können.“

Allerdings sei bei diesem Thema Vorsicht geboten, da Homosexualität und Missbrauch oft zu Unrecht in einen Zusammenhang gebracht würde. Eine Studie der amerikanischen Bischofkonferenz habe diesen Zusammenhang widerlegt.

Positiv bewertet Mertes die Vorgehensweise des Papstes. „Papst Franziskus hat am Gründonnerstag 12 Strafgefangenen die Füße gewaschen, darunter zwei Frauen. Die Empörung, die seither diesem Papst entgegenweht, entspringt genau dem Geist, der in den klerikalen Männerbünden gepflegt wird. Offensichtlich hat diese schlichte Geste des Papstes die „schwule Lobby“, oder besser gesagt: die „Männerbünde“ in der Kirche besonders getroffen.“

In diesen Kontext passt wohl auch die Entscheidung des Papstes, die Vatikanberaterin Francesca Immacolata Chaouqui in eine neue Kommission zu berufen, die die vatikanische Güter- und Vermögensverwaltung überprüfen soll. Prompt wird diese aus traditionellen Kreisen auch schon angefeindet (hier oder hier).

Klaus Mertes diagnostiziert bei der Strategie des Papstes eine typisch jesuitische Vorgehensweise. „Die Männerbünde entmachtet man am einfachsten dadurch, dass man einfach das macht, wovor sie am meisten Angst haben: Sich öffnen, an die Ränder gehen, den Stallgeruch der Schafe annehmen. In der ignatianischen Tradition heißt das ganz einfach: agere contra.“

Oder anders, mehr Schafe in den Stall der Böcke...

4 Kommentare 13.8.13 18:59, kommentieren

Wo alle einer Meinung sind, werden Kommentare überflüssig

kath.net veröffentlicht zwar die Stellungnahme Kardinal Schönborns gegen ein Wahlkampfplakat der rechtspopulistischen FPÖ: Der "Nächstenliebe-Begriff", der auf dem Plakat "Liebe deinen Nächsten. Für mich sind das unsere Österreicher" verwendet werde, sei nicht der biblische. Sicherheitshalber lässt man aber den Kommentarbereich deaktiviert. Die Moderation der Empörungsflut gegen den Kardinal wäre wahrscheinlich zu aufwendig gewesen...
 
Einen Eindruck über die Qualität der vermeintlichen Kommentare kann man sich unter dem Artikel über Kardinal Woelkis Äußerungen zur Flüchtlingsproblematik verschaffen. Da die Kommentare nach ein paar Tagen gelöscht werden, hier ein paar besonders bezeichnende:
 
 
"Hat auch irgendjemand
schon gehört, dass Deutschland Flüchtlinge aus den Südteil Afrikas oder Südamerika aufgenommen hat ?
Ich kenne keinen einzigen. In der Fußgängerzone sehe ich fast nur noch Kopftücher, die Umvolkung muss gewollt sein und einem Programm folgen. 
Und in den Herkunftsländern dieser Menschen werden Christen altiv verfolgt.
Das ist so irre, wie die Tatsache, dass der Hauptverbündete der USA Saudi- Arabien ist, ein Land, das weltweit den wahhabitischen Islamismus und Terrorismus mit Milliardesummen fördert- und der Westen führt Krieg gegen Afganistan, Pakistan, Libyen, Syrien. Einfach Irre."
 
"Vor 20 Jahren, Eminenz,
kamen Familien zu uns, die wirklich in Not waren.
Heute sind es v.a. gesunde, junge, kräftige moslemische Männer.

Familien sind integrierbar - traumatisierte oder gar kriegserprobte Moslems sind es nicht.

Vor 20 Jahren wurden Wirtschafts- und Scheinasylanten abgewiesen.
Heute bekommen fast alle ein Bleiberecht.

Mit der Nächstenliebe kann man ganz (vor-)schnell alles rechtfertigen; integer ist das nicht, zumal ich keinen Bischof oder Politiker kenne, der Asylsuchende bei sich zu Hause aufnimmt. Platz genug wäre in so manch feiner "Hütte".

Nein, Eminenz, differenzierte Aussagen sehen anders aus."
 
"Deutschland verträgt bestimmte Gruppen nicht mehr
Liebe Mitchristen,
Verfolgten Christen sollte Aufnahme gewährt werden. Aber keine weiteren Moslems (siehe Garbsen).
Herzliche Grüß"
 
Auf kath.net kann man lernen, was christliche Nächstenliebe bedeutet...

2 Kommentare 18.8.13 15:51, kommentieren

Die Gefahr des Fundamentalismus

Das Portal katholisches.info, dem eine deutliche Nähe zur Piusbruderschaft kaum abzusprechen ist, schießt sich heute mit dem Versuch, die Regensburger Rede Benedikt XVI gegen den Islam zu vereinnahmen, selber ins Bein. Denn das, was Benedikt 2006 als Unterscheidung im Gottesbild (nicht in der Unterscheidung Gottes!!!) analysierte, kann man eins zu eins auch auf die katholischen Fundamentalisten übertragen:

„Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. […] Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit.“

Selbstzufrieden kommt man auf katholisches.info den Vatikanisten Sandro Magister zitierend zu dem Ergebnis:

„Nie war ein Papst so deutlich und mutig bei der Aufdeckung der gewalttätigen Wurzeln des Islam als Benedikt XVI. Nicht vor ihm und auch nicht nach ihm.“

Dabei übersehen die Selbstzufriedenheit und die islamophobe Haltung wohl ein paar entscheidende Merkmale der Rede Benedikts. Am Ende seiner Rede heißt es nämlich:

„Die eben in ganz groben Zügen versuchte Selbstkritik der modernen Vernunft schließt ganz und gar nicht die Auffassung ein, man müsse nun wieder hinter die Aufklärung zurückgehen und die Einsichten der Moderne verabschieden. Das Große der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt: Wir alle sind dankbar für die großen Möglichkeiten, die sie dem Menschen erschlossen hat und für die Fortschritte an Menschlichkeit, die uns geschenkt wurden. Das Ethos der Wissenschaftlichkeit – Sie haben es angedeutet Magnifizenz – ist im übrigen Wille zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit und insofern Ausdruck einer Grundhaltung, die zu den wesentlichen Entscheiden des Christlichen gehört. Nicht Rücknahme, nicht negative Kritik ist gemeint, sondern um Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs geht es.“

Doch gerade traditionalistische Katholiken müssten hier aufhorchen, sind sie es doch, die gegen die Aufklärung, gegen Gewissens- und Religionsfreiheit angehen. So konnte der illegal geweihte Bischof der Piusbruderschaft Tissier de Mallerais im selben Jahr, in dem Benedikt die Regensburger Rede hielt, verlauten lassen, das von Joseph Ratzinger 1968 veröffentlichte Buch Einführung in das Christentum sei „voller Häresien“. Die im Buch vertretenen Positionen seien „schlimmer als Luther, viel schlimmer.“

In der Ausbildung der Piusbruderschaft wird strikt gegen die Errungenschaften der Aufklärung doziert, die als Krankheiten und damit als Gegenpositionen zur katholischen Lehre gedeutet werden und nicht wie bei Benedikt als Ergebnis jüdisch-christlicher Entwicklung.

Und wenn man den Auszug der Regensburger Rede, die katholisches.info so genüsslich gegen den Islam in Stellung bringt, einmal in Ruhe analysiert, dann fällt auf, dass Benedikt gerade diese Errungenschaften der Aufklärung benutzt, um seinen Gedanken zu entfalten. Er führt den Menschen vor Augen, wie ein aufgeklärter Umgang mit einem heiligen Text zu bewerkstelligen sein kann. Etwas, was allerdings viele Muslime schon als ein unzulässiges Verfahren verurteilen würden, denn er geht den Text historisch-kritisch an, was natürlich seine Einheitlichkeit als von Gott durch einen Engel an Mohammad offenbarten Text infrage stellt. (Doch ebenso würden sich katholische Fundamentalisten gegen eine historisch-kritische Auslegeung der Bibel wenden.)

So zeigt Benedikt auf, dass Muhammad auf seinem Weg verschiedene Phasen durchlaufen hat. Sure 2, 256 formuliert im Grunde das, was auch das Zweite Vatikanum mit anderen Worten zum Ausdruck gebracht hat: „Kein Zwang in Glaubenssachen“. Benedikt führt weiter aus; „es ist wohl eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns ein Teil der Kenner sagt, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war.

Dann ergänzt er: „Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später entstandenen – Bestimmungen über den heiligen Krieg.“

Und an dieser Stelle wird eben sehr viel Raum für eine Auslegung des Korans eröffnet. Und diese Hermeneutik ist keine Entwürdigung oder Zerstörung eines heiligen Textes, in dieser historisch-kritischen Deutung wird sein innerster Wert erst deutlich. Ein europäisch-aufgeklärter Islam wird genau diesen Weg gehen, dies scheint zumindest Benedikts Hoffnung für einen Dialog der Kulturen zu sein, der vonnöten ist, um den Bedrohungen der modernen Welt Herr zu werden.

„Wir können es nur, wenn Vernunft und Glaube auf neue Weise zueinanderfinden; wenn wir die selbstverfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen. In diesem Sinn gehört Theologie nicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern als eigentliche Theologie, als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein.“

Gerade mit Blick auf einen friedlichen und konstruktiven Dialog auch mit dem Islam kritisiert Benedikt einen positivistisch-naturwissenschaftlichen und deshalb „gottfreien“ Vernunftbegriff (und eben nicht den Islam), wie er heute von vielen Gelehrten propagiert wird:

„Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluß des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen.“

Ob allerdings ein solcher Dialog mit traditionalistischen Positionen gelingen kann, das wage ich zu bezweifeln, denn in ihrer fundamentalen Ablehnung des Gegenübers sind sich Piusbrüder und Islamisten unglücklicherweise einig. Und deshalb überlesen die katholischen Fundamentalisten gerne Benedikts Kritik auch an den Aussagen des zitierten byzantinischen Kaisers, dessen Aussage über den Islam er als „Schlag“, also als Gewalt qualifiziert.

Er sagt: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“. Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist.

So sehr eine Theorie richtig sein kann, so sehr kann sie wohl durch verbale Gewalt und Überheblichkeit in ihr Gegenteil verkehrt werden…

20.8.13 17:19, kommentieren