Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Archiv

Vom sprechenden Papst und dem sprachlosen Blogger

Der Papst haut ein Interview nach dem anderen 'raus und jedes Mal kommt es noch dicker. Aktuell lässt er sich über das Hofstaatgebaren im Vatikan aus (hier), mit ziemlich deutlichen Worten: "Der Hofstaat ist die Lepra des Papsttums."

Mir fällt schon gar nichts mehr ein, was ich noch bloggen könnte, im Grunde würde es reichen zu den verschieden Interviews und Predigten des Papstes zu verlinken... Doch das machen schon andere. Mir bleibt nur zu lesen und zu staunen!!!

Spannend bleiben natürlich die Reaktionen im rechtskatholischen Milieu. Jetzt wird die selbstbeweihräuchernde Bezeichnung "papsttreu" wohl richtig auf die Probe gestellt...

3 Kommentare 1.10.13 19:55, kommentieren

Es tut sich was im katholischen Kosmos

Staunend und ungläubig beobachte ich seit der Wahl Franziskus die Entwicklungen in der katholischen Welt. Da sitzt nun ein Papst auf dem Stuhl Petri, der einen ganz neuen Stil bei der Führung der Kirche entwickelt. Franziskus verändert durch das Zusammenspiel von Wort und Tat, durch deren Einklang. Seine großen Gesten und vom Evangelium getragenen Worte in den Predigten und Interviews, seine den Menschen zugewandte Art, all das wirkt authentisch und überzeugend. Das scheint auch der Grund für seine Popularität, mitunter auch in den kirchenkritischen Medien zu sein.

Franziskus hat wohl verstanden, dass man das Evangelium nicht mit Dogmatik und Kirchenrecht in die Welt tragen kann. Er hat verstanden, dass Neuevangelisierung nur über die Entweltlichung des vatikanischen Hoftstaates mit seinen Allüren und seiner Selbstbeschäftigung funktionieren kann, damit die frohe Botschaft des Evangeliums überhaupt wieder an die Ohren der Menschen unserer Zeit dringen kann. Wie sehr diese Entweltlichung des vatikanischen Systems vonnöten ist, mag eine Nachricht auf katholisch.de (hier) verdeutlichen, die von der Angst des in dubiose Geschäfte verstrickten Prälaten und vatikanischen Rechnungsprüfers Nunzio Scarano vor einer Vergiftung durch mächtige Kirchenvertreter berichtet.

Dass diese Entweltlichung nun gerade bei den selbsternannten Romtreuen zu Verlustängsten und Phantomschmerzen führen würde, war so nicht zu erwarten, ist aber letztendlich die logische Konsequenz. Gerade auf Portalen und Blogs, die ihre selbstbeweihräuchernde Romtreue in gleißendem Licht zur Schau tragen, wo Banner gegen Romophobie geschaltet sind, verrenkt man sich zunehmend in der mehr oder weniger offenen Kritik an Franziskus. Katholisches.info spricht die Kritik mittlerweile offen aus (z.B. hier). Hier faselt man im Kommentarbereich von Sedisvakanz und fabuliert Verschwörungstheorien.

Franziskus lässt sich von alldem nicht beeinflussen, er bleibt seinem Weg treu. Er treibt die Kurienreform an, die nächste Bischofsynode wird sich mit dem Problem der wiederverheirateten Geschiedenen beschäftigen, die angekündigte „Theologie der Frau“ kommt ins Rollen und auch in der Vatikanbank wird ordentlich aufgeräumt (hier).

Auch kleinere Entscheidungen zeugen vom neuen Wind in der Kirche, so hat Franziskus die Freigabe zweier indigener Sprachen für die Übersetzung der Sakramente freigegeben (hier) und steht damit in der Tradition des Zweiten Vatikanums, dem er eine so große Bedeutung beimisst.

Auch kath.net scheint hin und her gerissen zu sein. So ist seit einigen Tagen keine Werbung mehr für die "Junge Freiheit" geschaltet und man ist auch sehr auf die Berichterstattung über Franziskus ausgerichtet, völlig kritiklos begegnet man ihm allerdings dann auch nicht (hier). Das allerdings finde ich auch legitim, man muss die Papsttreue ja auch nicht übertreiben.

11.10.13 09:52, kommentieren

Rechts der Kirchenmauer

Kath.net bezieht heute eindeutig Stellung gegen die Piusbruderschaft und ihr nahe stehende Seiten wie katholisches.info, die die verweigerte öffentliche Beerdigung des ehemaligen SS-Hauptsturmführer Erich Priebke durch die Diözese Rom anprangern (hier). Die Piusbruderschaft wollte diese Bestattung durchführen. Dabei kam es zu Tumulten zwischen Neofaschisten und Kritikern dieser Beerdigung. Kath.net spricht in der Überschrift des Artikel deutlich von einem "Amoklauf der Piusbruderschaft".

Leider bleibt auch bei diesem Artikel, wie bei anderen, die sich mit der Neuen Rechten auseinandersetzten, die Kommentarfunktion deaktiviert. Doch scheint wirklich ein Umdenken stattzufinden, auch der Werbebanner der Jungen Freiheit ist seit vielen Tagen nicht mehr geschaltet. Weiter so!

Dass rechte bis rechtsextreme Positionen im konservativen katholischen Milieu leider immer noch existieren, kann man etwa beim Blog "Zölibat und mehr" beobachten. Aktuell wird dort z.B. der Papst für die Flüchtlingsprobleme vor Lampedusa verantwortlich gemacht (hier). Zum Erfolg der französischen Front National meint der Autor:

"Es kann nur besser werden. Wenn man den ganzen EU-Horror stoppt, und die kriminellen, nicht integrationswilligen und fanatischen Muslime, Zigeuner, Jeziden und wie sie alle heißen, ausweist, dann gibt es nicht nur mehr Frieden im Land, sondern man spart auch jede Menge Geld, das man sinnvoller verwenden kann. Man merke, um so weniger Islam - um so mehr Frieden. Vor allen Dingen sollte man die riesige Multikulti-Industrie einstampfen. Wer nicht selber in der Lage ist, sich zu integrieren, fliegt raus. Der hat hier nichts zu suchen. Die arbeitslosen Sozialarbeiter, Integrationsexperten und Streetworker können dann die marode Infrastruktur wieder aufbauen." (hier)

Dass sich ein solcher Blog noch als katholisch versteht, ist mir kaum noch begreiflich, dass er von anderen katholischen Bloggern verlinkt wird (z.B. hier), muss bedenklich stimmen.

Hoffentlich gibt es auch anderswo ein Umdenken!

4 Kommentare 15.10.13 20:42, kommentieren

Teufel, Kritik und Gottvertauen

Nachdem ich zuletzt darauf hingewiesen habe, dass sich die Kritik an Papst Franziskus im traditionalistischen Lager der Kirche zunehmend formiert, möchte ich ausgehend von einer hervorragenden Reihe zum Thema Antimodernismus und Exegese auf dem Blog von Gerd Häfner auch ein paar kritische Bemerkungen machen. Vorab möchte ich jedoch betonen, dass dies meine Begeisterung für Papst Franziskus kein bisschen schmälert! Katholisch bedeutet allumfassend und sollte eine aufrechte und ehrliche Diskurskultur ermöglichen. Außerdem betonte Franziskus zu Beginn seines Pontifikats, dass er ehrliche Kritik schätze.

Der Aufhänger für diese kritischen Gedanken ist die Predigt des Papstes zum Teufel (hier) und seine diesbezüglichen Aussagen im Gespräch mit dem Rabbiner Abraham Skorka. Zur Glaubenslehre der katholischen Kirche gehören folgende Sätze:

Die Stammeltern (Adam und Eva) verfielen dem Tod und der Herrschaft des Teufels.

Die bösen Geister (Dämonen) wurden von Gott gut erschaffen; sie wurden durch ihre eigene Schuld böse.

Der Teufel besitzt auf Grund der Sünde Adams eine gewisse Herrschaft über die Menschen.

Hier bewegt man sich also in einem sehr zentralen, im dogmatischen Bereich der katholischen Lehre. Anders als bei den vieldiskutierten Fragen der Sexualmoral, die Franziskus gerne für wichtigere Probleme in den Hintergrund drängen möchte, wird beim Thema Teufel deutlich, wie sehr er „ein Sohn der Kirche“ ist, um seine eigenen Worte zu benutzen. So betont er in seiner Predigt, dass Jesu Dämonenaustreibungen aufgrund der modernen Psychiatrie nicht einfach nur als Heilungen abqualifizieren werden dürften!

„Es gibt da einige Priester, die beim Lesen dieses oder anderer Abschnitte aus dem Evangelium sagen: ‚Tja, Jesus hat eine Person von einer psychischen Krankheit geheilt’. Lesen sie nicht das hier heraus? Es ist wahr, dass man zu jener Zeit eine Epilepsie mit der Besessenheit von einem Dämon verwechseln konnte. Wahr ist aber auch, dass der Dämon da war! Und wir haben nicht das Recht, uns die Sache so einfach zu machen, als sagte man: ‚All diese Leute waren keine Besessenen; sie waren psychisch Kranke’. Nein! Die Gegenwart des Teufels steht auf der ersten Seite der Bibel, und die Bibel endet auch mit der Gegenwart des Dämons, mit dem Sieg Gottes über den Teufel“.

Ist es tatsächlich so falsch, auch beim Exorzismus von einer Heilung zu sprechen? Die ursprüngliche Bedeutung von Dämon kann mit Schicksalsmacht übersetzt werden. Im neutestamentlichen Zusammenhang sind es durchweg böse Kräfte und Mächte, die den Menschen leiden lassen. Offensichtlich ist der Besessene nicht mehr Herr über seinen Körper und seinen Geist, er wird von der bösen Kraft beherrscht. Mit dieser Formulierung wird kaum ein Psychiater Probleme haben. Krankmachende und Leiden verursachende Kräfte, ja das Böse wird wohl kaum jemand wirklich leugnen. Ein Blick in die tagtäglichen Nachrichten genügt da als Beweis.

Ja, diese Kräfte, diese Dämonen sind da! Ich halte die Vokabeln Besessenheit und psychische Krankheit teilweise für anachronistische Worte, die dasselbe Phänomen mit dem Denken der jeweiligen Zeit beschreiben. Doch bevor jetzt ein Aufschrei bei manchem katholischen Leser erfolgt, verweise ich natürlich auf den entscheidenden Unterschied, den auch Franziskus hier vermutlich im Blick hat. Die katholische Lehre denkt diese bösen Kräfte als Personen. Als gefallene Engel beschreibt sie auch der Katechismus; „als rein geistige Geschöpfe mit Verstand und Willen; sie sind personale und unsterbliche Wesen.“

Auf dieser Basis erläutert Kardinal Bergoglio im Gespräch mit dem befreundeten Rabbi dann auch den Teufel.

„Theologisch betrachtet ist der Teufel ein Wesen, das gewählt hat, den Willen Gottes nicht zu akzeptieren. Das Meisterwerk des Herrn ist der Mensch, einige Engel akzeptieren das nicht und rebellieren. Der Teufel ist einer davon. Im Buch Hiob ist er der Verführer, der Gottes Werk zu zerstören sucht, der uns zur Selbstzufriedenheit führt, zum Hochmut. […] Das Leben der Menschen auf Erden ist ein ständiger Kampf, Hiob sagt das in dem Sinne, dass man fortwährend auf die Probe gestellt wird; ein Kampf also, um Situationen zu bewältigen und über sich selbst hinauszuwachsen.“

In diesem Zusammenhang ist die Entgegnung des Rabbis ganz interessant, die in Bezug auf die biblischen Quellen deutlich differenzierter ausfällt. Während Bergogloio auf der Basis der traditionell katholischen Lehre antwortet, gibt Abraham Skorka einen Abriss der durchaus ambivalenten Figur des Satans im Alten Testament wieder. So identifiziert er die Schlange in der Paradiesgeschichte nicht einfach mit dem Satan und vor allem macht er darauf aufmerksam, dass der Satan im Buch Hiob eben nicht mit dem Teufel oder dem Bösen gleichgesetzt werden könne, sondern vielmehr eine „Personifikationen Gottes“ sei!

„In Hiobs Fall formuliert der Satan einen Zweifel, der sich auch in uns bemerkbar macht, wenn ein rechtschaffener Mensch, dem es im Leben an nichts fehlt, Gott dankt: Wenn Gott ihn mit allem gesegnet hat, weshalb sollte er ihm nicht dankbar sein? Aber wäre er es auch noch in der Stunde der Verzweiflung?“

Letztendlich kommt Skorka über weitere Belege der Figur des Satans im Alten Testament zu dem Schluss, dass es sich bei dem Bösen nicht um ein „externes Element“ handle, „sondern vielmehr um einen Teil des Menschen, der Gott herausfordert“.

Dem widerspricht Bergoglio dann auch sogleich, indem er zwar übereinstimmend bekräftigt, dass der Mensch aufgrund seiner Freiheit von sich aus „böse“ sein kann, dieses Potential aber durch eine Verführung durch äußere Kräfte verstärkt werden könne. Als Beispiel zieht er die Versuchung Jesus nach dem 40-tägigen Fasten in der Wüste heran.

Skorka fast das Thema dann zusammen und streicht die „freie Willensentscheidung“ des Menschen heraus, die immer auch die Möglichkeit das Gute zu wählen enthält. Er konstatiert, dass es aber durchaus eine Herausforderung durch Böses gebe, egal, ob man dieses nun extern Teufel oder intern Instinkt nenne.

Zielpunkt meiner Ausführungen sind Franziskus Aussagen zum Buch Hiob. Hier kommen sehr deutlich Mechanismen zum Tragen, die Gerd Häfner in seinem letzten Beitrag der Reihe Antimodernismus und Exegese sehr präzise aufgedeckt hat. Häfner kritisiert, dass das Lehramt die historisch-kritische Exegese zwar mittlerweile nach einem langen und schmerzvollen Prozess anerkennt, dass die Ergebnisse dieser Forschung aber kaum Einfluss auf lehramtliche Dokumente oder den Katechismus haben.

„Dass differenziertere Beurteilungen des biblischen Befundes, die ja keineswegs den Wert der Texte mindern, nicht zur Sprache kommen, zeigt eine gewisse Wirkungslosigkeit der neueren Exegese in der kirchlichen Rezeption. […] Das Verhältnis von Glaube und Geschichte ist nach wie vor schwierig. Die Rolle, die geschichtliche Erkenntnisse spielen, ist noch nicht wirklich geklärt.“

Die Auswirkungen dieser Diagnose können an Bergoglios Aussagen zum Buch Hiob demonstriert werden. Völlig unkritisch wird hier eine vereinheitlichende Katechismusaussage zum Satan auf einen Text übertragen, in dem der „Engel“ Satan als Gesandter Gottes und eben nicht als „gefallener Engel“ auftritt, letztendlich sogar Gott und nicht der Satan verantwortlich für Hiobs Leid ist, da Satan vor jedem Schlag gegen Hiob Gott um Erlaubnis bitten muss. Hier sind die Aussagen Skorkas deutlich näher am Text!

Zudem ist das Motiv des „gefallenen Engels“ im Grunde genommen auch kein alttestamentarisches, sondern entstammt apokryphen jüdischen Schriften, die vereinzelt auch Einfluss auf das Neuen Testament ausübten (Lk 10,18, Joh 12,31 und in der Offenbarung).

In der jüdischen Bibel spielt der Satan aber eine sehr untergeordnete und durchaus ambivalente Rolle. Skorka verweist auf Num 22, wo er als Bote Gottes sogar positiv wirkt. Texte, die ihn mit negativen Attributen belegen sind eher im Bereich des jüdischen Talmud zu finden und weisen als Texte des Exils eine deutliche Nähe zu dualistischen Vorstellungen des babylonischen Zoroastrismus auf, wo es eine dem guten Gott gegenüberstehende böse Kraft gibt. Diese Vorstellung ist aber mit dem Monotheismus der jüdisch-christlichen Tradition nicht vereinbar. Und hier liegt auch eine große Gefahr. Wir lösen das Theodizee-Problem nicht, indem wir alles Böse dem Teufel in die Schuhe schieben und den Menschen entlasten bzw. dem naiven Glauben verfallen, dass man nur gottesfürchtig genug leben muss, um vor dem Bösen geschützt zu sein. Gerade damit räumt das Buch Hiob auf. Auch der gottesfürchtige Mensch  muss in dieser Welt leiden, das Schicksal Jesu kann hier als herausragender Beleg herangezogen werden, der unschuldig Leidende.

Und Hiob akzeptiert auch die Vorwürfe der Freunde nicht, er möge seine Verfehlungen doch endlich zugeben, weil sein Leid sicherlich eine Strafe, Prüfung oder Züchtigung Gottes sei. Diese Interpretation, der auch Franziskus folgt, lässt das Buch Hiob nicht zu.

„Und wollte Gott mich doch zermalmen, seine Hand erheben, um mich abzuschneiden. Das wäre noch ein Trost für mich; ich hüpfte auf im Leid, mit dem er mich nicht schont. Denn ich habe die Worte des Heiligen nicht verleugnet.“

Allerdings gibt es auch keine letztendlich befriedigende Antwort, die Gottes Handeln umfassend erklären würde. Die Theodizeefrage bleibt offen. Hiob schaut schlussendlich Gott und schöpft durch diese Zuwendung Gottes neue Hoffnung.

„Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat (Gottes) verdunkelt? So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge, die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind. Hör doch, ich will nun reden, ich will dich fragen, du belehre mich! Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut. Darum widerrufe ich und atme auf, in Staub und Asche.“

Zuletzt tadelt Gott nicht Hiob für seine Anklage, sondern die Freunde, die von den Strafen Gottes, seinen Prüfungen und Züchtigungen gesprochen haben:

„Als der Herr diese Worte zu Ijob gesprochen hatte, sagte der Herr zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Gefährten; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob. So nehmt nun sieben Jungstiere und sieben Widder, geht hin zu meinem Knecht Ijob, und bringt ein Brandopfer für euch dar! Mein Knecht Ijob aber soll für euch Fürbitte einlegen; nur auf ihn nehme ich Rücksicht, daß ich euch nichts Schlimmeres antue. Denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob.“

Gott rechtfertigt Hiob, der sich aufrichtig und kritisch mit Gott auseinandergesetzt hat, und hegt Zorn gegen die Freunde, die falsch von Hiob und naiv von Gott gesprochen haben, Satan spielt im Grunde überhaupt keine Rolle.

Gerd Häfner vermutet die Sorge um den Glauben der einfachen Christen hinter dem Phänomen, dass exegetisch-wissenschaftliche Erkenntnisse kaum in den Katechismus und die lehramtlichen Dokumente Eingang finden.

„Rechtfertigt der Wille, den Glauben der »einfachen Leute« zu schützen, ihn nicht unnötig zu verunsichern, das kritisierte Vorgehen? Möglicherweise stellen sich auch »einfache Glaubende« Fragen, zu deren Beantwortung die Exegese etwas beitragen könnte.“

Auf der Grundlage der Exegese des Buches Hiobs muss man sogar fragen, ob die Kirche in dieser Schutzhaltung nicht gerade eine Position einnimmt, die Gott deutlich zurückweist und verurteilt?! Hiobs Freunde verlangen von ihm die traditionelle Lehre, die auch sie übernommen und gelernt haben, anzunehmen. „Ja, das haben wir erforscht, so ist es. Wir haben es gehört, nimm auch du es an!“ Doch die Gottesreden führen Hiob vor Augen, dass dieses traditionelle Wissen vor Gott nicht standhält. Gott zeigt Hiob, dass er als Mensch unwissend ist, dass Gott unbegreiflich und wunderbar ist. Anders: Gott kann letztendlich nicht mit Lehrsätzen erfasst werden, sondern nur durch einen inneren Prozess, durch eine kritische und aufrichtige Auseinandersetzung mit ihm.

Die Kirche führt die Menschen zum Glauben, doch der Glaube ist nur ein Zwischenschritt, das Ziel muss die Gottesschau sein! „Vom Hörensagen nur hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.“ Diese Schau Gottes bewirkt Hiobs Wandlung im Leid, er „atmet auf“.

Und die Zumutung, dass diese Gottesschau nicht zu vermitteln ist, muss die Kirche wohl anerkennen. Dazu bedarf es eines großen Gottvertrauens, dass sich diese Gottesschau von jedem einzelnen Menschen auf seinem je eigenen Weg und vielleicht erst am Ende seines Lebens ereignen wird. Und vielleicht muss genau diese Erkenntnis die Basis einer jeden Reform in der Kirche sein?!

„Jeder von uns hat eine eigene Sicht des Guten und auch des Bösen. Wir müssen den anderen dazu anregen, sich auf das zu zubewegen, was er für das Gute hält.“

Diese Worte Franziskus zeugen von diesem Gottvertauen und lassen für die Zukunft hoffen!

16.10.13 09:02, kommentieren

Der franziskanische Zwischenfall

Die Kritik am Pontifikat Franziskus reißt nicht ab (z.B. hier). Gerade im konservativsten Lager hadert man mit ihm, gleichzeitig aber auch mit dem Selbstbild als Papsttreue. Katholisches.info bringt deshalb einen ausführlichen Artikel zur Frage, inwiefern Kritik an einem Papst grundsätzlich zu rechtfertigen ist. „Darf man den Papst kritisieren?“ Das Ergebnis überrascht nicht wirklich:

„Nur in einigen Bereichen und einzig unter Beachtung präziser Bedingungen wirkt die Unfehlbarkeit des Summus Pontifex und entfaltet eine absolute Verbindlichkeit für alle Katholiken und darf daher nicht kritisiert werden, da unter diesen Umständen kein Irrtum vorliegen kann. Daraus ergibt sich von selbst, daß außerhalb dieser Voraussetzungen der Papst nicht unfehlbar ist und daher Fehler begehen kann. Was zum Beispiel ein Papst in einem Interview sagt, betrifft nicht seine Unfehlbarkeit. Das bedeutet natürlich nicht, daß alles was er sagt, diskutabel ist.“

Überraschend ist vielleicht die Tatsache, dass derartige Argumentationen bisher eher aus reformorientierten Kirchenkreisen zu hören waren. Dass dies jetzt aus dem strammen Betonkatholizismus kommt, zeigt die positive Wirkung Franziskus in seine Kirche hinein. Die Lager beginnen sich zu bewegen, hüben wie drüben wird diskutiert und gebloggt, was das Zeug hält. Vielleicht gelingt es Franziskus in Zukunft ja wirklich, die innerkatholischen Konflikte ein wenig zu entspannen und das Lagerdenken zu überwinden. Das wäre wirklich eine wunderbare Grundlage für Reformen, die von möglichst vielen Katholiken mitgetragen werden sollten.

Der Artikel ist also durchaus zu begrüßen, weil er sich mit den Bedingungen innerkatholischer Kritik beschäftigt.

„Lassen wir auch dazu die Dokumente der Kirche sprechen. Das Kirchenrecht stellt immer im zitierten Canon fest, daß die Gläubigen in einigen Fällen ihre Fassungslosigkeit bekunden können und sollen. Die Rede ist wörtlich von „Pflicht“, allerdings „unter Wahrung der Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht gegenüber den Hirten und unter Beachtung des allgemeinen Nutzens und der Würde der Personen.“

Allerdings muss sich der Autor des Artikels auch Kritik gefallen lassen. So präzise der Beitrag in Bezug auf dogmatische und kirchenrechtliche Aspekte der Fragestellung ist, so schwach kommt er im Bereich der biblischen Belege daher. So heißt es in Bezug auf den so genannten „antiochenischen Zwischenfall“ des Briefes des Apostel Paulus an die Galater:

„Der Heilige Paulus kritisierte Petrus, den ersten Papst der Geschichte, weil dieser die Konvertiten dem jüdischen Gesetz unterwerfen wollte: „Als Kephas aber nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte“ (Galater 2,11). Das Problem ist, daß Paulus den Petrus in einer pastoralen Frage tadelte, während die jüngste Kritik an Papst Franziskus auch und vor allem die Glaubenslehre betrifft.“

Hier kommt wieder das zum Tragen, was ich zuletzt in Anlehnung an die Ausführungen von Gerd Häfner zum Ausdruck bringen wollte, ein völlig unkritischer und anachronistischer Umgang mit der Heiligen Schrift. Hier von einer pastoralen Frage zu sprechen und dies von der Glaubenslehre zu unterscheiden, in einer Phase, in der sich das Christentum erst langsam aus dem Judentum herauslöste, ist schon eine anachronistische Meisterleistung. Die Frage nach der Gültigkeit von Tora und jüdischen Gesetzesvorschriften für heidenchristliche Menschen aber als eine pastorale abzutun, schlägt dem Fass den Boden aus. Hier sind wir im Zentrum dessen, was das frühe Christentum als für alle Mitglieder verbindlich diskutiert. Deshalb kann Paulus in 2,14 sagen:

„Als ich aber sah, daß sie von der Wahrheit des Evangeliums abwichen, sagte ich zu Kephas in Gegenwart aller: Wenn du als Jude nach Art der Heiden und nicht nach Art der Juden lebst, wie kannst du dann die Heiden zwingen, wie Juden zu leben? Wir sind zwar von Geburt Juden und nicht Sünder wie die Heiden. Weil wir aber erkannt haben, daß der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir dazu gekommen, an Christus Jesus zu glauben, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus, und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht.“

Die Schärfe, mit der Paulus hier gegen Petrus vorgeht, hat einige Theologen zu der Theorie geführt, dass der Gegenstand des Streites das Herrenmahl gewesen sein muss, das in dieser Zeit noch mit einem Sättigungsmahl verbunden war. Von einer pastoralen Fragestellung kann also keine Rede sein.

Und die in dieser Perikope diskutierte Frage nach dem rechten christlichen Leben sollte auch heute wieder ins Zentrum aller Reformbemühungen gestellt werden. Vielleicht ist sie in den letzten 2000 Jahren auch gar nicht in die Tiefe hinein diskutiert worden. Wie kommt es sonst, dass wir nach Paulus durch die Taufe rechtfertigt und dem „Joch des Gesetzes entrissen sind“ im nächsten Schritt aber bombastische Gesetzessammlungen in Form von Dogmen, Kirchenrecht und Katechismen schaffen, die in ihrer Komplexität jüdischen Gesetzesvorschriften in nichts nachstehen?!? Trauen wir der christlichen Freiheit, die wir durch die Taufe erlangen, etwa nicht?? Halten wir viele Mitchristen einfach für zu dumm, um mit dieser Freiheit umzugehen und geben ihnen deshalb großväterliche Handlungsanweisungen an die Hand?

Und genau an dieser Stelle setzt auch die konservative Kritik an Franziskus an. Hier braucht man unbedingt die klare Ansage eines Papstes, das Schwarzweißdenken, das Richtige und das Falsche. Ein Papst, der weiß, dass dies zwar im dogmatischen Bereich möglich ist, das wahre Leben aber viel komplizierten und komplexer ist, verunsichert diese Menschen ungemein. Man braucht klare Verhaltensregeln und päpstliche Vorgaben, um sicher durchs Leben gehen zu können. Das ist nicht verwerflich, doch das eigentliche Ziel christlicher Katechese sollte doch die Befreiung von dieser Haltung sein, um verantwortliches Christsein zu ermöglichen, um das Evangelium wirklich in dieser Welt zu leben und in diese Welt hinein tragen zu können. Das Gesetz, auch das Kirchengesetz, kann uns nicht retten! Das kann nur der Glaube an Jesus Christus!

3 Kommentare 22.10.13 11:18, kommentieren

katholische Links zu Yogis Visionen

Wenn man die Linkliste auf so manch einem katholischen Blog durchstöbert, kommt man manchmal aus dem Staunen nicht mehr heraus. In dem vom Predigtgärtner/Kreuzknappen gepflegten Verzeichnis katholischer Blogger (hier) wird der hier schon mehrfach erwähnte Blog "Zölibat und mehr" geführt, den der Listen-Betreiber auch auf seinen eigenen Blogs verlinkt.

Und heute geht es dort mal wieder richtig zur Sache. Der anonyme Blogger yogi verlinkt zu einem Beitrag des als rechtsextrem geltenden Portals PI, wo in Anlehnung an einen Artikel der Aachener Nachrichten (hier) von einer Polizeiaktion in Aachen berichtet wird, die wegen starkem Widerstand letztendlich abgebrochen wurde. Zwar wird in dem Artikel mit keinem Wort erwähnt, dass es sich bei den Widerständlern um Ausländer oder gar Muslime handelte, dies stört yogi aber keinesfalls und er lässt seinen vorgefertigten Vorurteilen freien Lauf.

"Was ist nur aus Deutschland geworden? Ein Hort von islamischen Verbrechern, die sich weigern die deutschen Gesetze anzuerkennen. Und wie reagiert die deutsche Justiz auf diese Verbrecher? Sie richtet einen Streichelzoo für Migranten ein und läßt sie meist nach kurzer Zeit wieder laufen. Was hier erforderlich ist, ist die Abschiebung solcher Kriminellen, sonst wird es in der Zukunft noch schlimmer."

Vielleicht waren es aber einfach auch nur Deutsche? Und vielleicht waren sie gleichzeitig auch Muslime? Oder auch nicht? Nichts davon steht in dem Bericht! Doch die sachliche Analyse und die präzise Beschreibung sind auch nicht yogis Stärke. Die liegen vielmehr im Bereich prophetischer Rede und düsterer Zukunftsvisionen apokalyptischen Ausmaßes.

"Aber vielleicht ist es auch gut, wenn es in Zukunft noch schlimmer wird und die Kriminalität noch weiter ansteigt, denn sonst erkennt der verblödete Deutsche offenbar nicht, wen er sich da ins Land geholt hat. [...] Liebe Leute, genau diese Leute, für die ihr euch jetzt einsetzt, und deren Nachfolger, die ihnen folgen werden (Afrikaner, Roma und Sinti, Jeziden, Syrer, Rumänen, Bulgaren, Pakistaner, Afghanen...) sind es, die euch eines Tages überfallen, ausrauben, zusammenschlagen, zusammentreten, vergewaltigen und mit dem Messer abstechen. Aber darüber machen sich die multikultiverliebten Linken keine Gedanken."

Das ist schon ein grandioser Rundumschlag gegen alle Menschen, die nach Deutschland gekommen sind oder noch kommen wollen. Scheinbar gibt es ausschließlich Kriminelle unter ihnen?! Da ist man dann auch schnell dabei, eine Wiederholung der Geschichte herbei zu phantasieren: "Es würde mich nicht wundern, wenn die Deutschen aus Wut und Enttäuschung über die deutsche Politik irgendwann wieder einem Führer hinterherlaufen."

Doch einen Funken Hoffnung scheint yogi noch zu haben! "Politiker mit Eiern" müssten her. Da wird er wohl nicht wieder an den Führer gedacht haben, der hatte nämlich... aber lassen wir das!

Yogi, so finde ich, würde schon "Eier beweisen", wenn er seinen liebenswerten Blog nicht anonym betreiben würde?! Aber dazu reicht es wohl nicht...

Und mit ein bisschen Recherchetalent hätte er auch ganz leicht herausfinden können, dass Aachen eigentlich ganz andere Probleme hat. Da wurde zuletzt eine Kameradschaft verboten (hier), die nicht nur in yogis Phantasie Menschen fertig macht, sondern so richtig in Echt (z.B. hier)! Darüber mag er aber sicherlich nicht so enthusiastisch schreiben, vermute ich einmal...

Naja, es bleibt abzuwarten. Zum Glück wird man ja regelmäßig über die Liste der katholischen Blogger über yogis Visionen informiert. Katholisch heißt schließlich allumfassend, so wird's der Betreiber zumindest sehen, denke ich und kann mich nur wundern...

4 Kommentare 28.10.13 18:29, kommentieren