Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Die Lehrautorität der Glaubenden

Am 6. Dezember sprach Papst Franziskus in Rom vor der Internationalen Theologenkommission (hier) über den Glaubenssinn des Gottesvolkes, der nach der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils dem Lehramt und der Theologie als eigene Weise, Erkenntnisse über den Glauben zu bezeugen, beigestellt wurde. Das Konzil spricht vom „sensus fidelium“, der in Bezug auf die Gesamtheit der Gläubigen sogar mit dem Attribut der Unfehlbarkeit umschrieben wird.

Da diese Unfehlbarkeit jedoch an die des Lehramtes gebunden ist, wird in der Theologie seither heftig darüber diskutiert, wie ein Zusammenwirken in der Praxis denn aussehen könnte. Demokratische Abstimmungen über Glaubenssätze schließt man jedenfalls als brauchbare Möglichkeit aus. Ein spannendes Thema, das Franziskus sich da ausgesucht hat, ist doch die Aufwertung und Mitbestimmung der Laien ein wichtiger Baustein in seinem Reformkonzept.

Genau zu diesem Thema sprach in diesem Jahr Herbert Vorgrimler als Referent der Rahner Lecture 2013 am 19./20. April in Münster (hier). Als langjähriger Mitarbeiter und Freund Rahners hätte man kaum einen qualifizierteren Redner für diese Veranstaltung gewinnen können.

Die Lektüre des gesamten Referats lohnt sich wirklich, weil man auf den Spuren des Denkens Rahners noch einmal auf ganz andere Zugänge zu scheinbar festgefahrenen Begriffen trifft. Rahners Charakterisierung des „depositum fidei“, der substantiellen Glaubensinhalte in ihrer Ganzheit, an dessen Erkenntnis und Bezeugung das Gottesvolk ja Anteil hat, lässt schon aufhorchen:

„Das  depositum  fidei  ist zunächst und ursprünglich nicht eine Summe menschlich  formulierter  Sätze, sondern  Gottes  Geist,  der  sich  unwiderruflich  der Menschheit  mitteilt  bei  den  konkreten  Menschen den  heilschaffenden  Glauben wirkt und gerade so auch die Gemeinschaft bewirkt.“

Im Umkehrschluss konnte die Kongregation für die Glaubenslehre 1974 in der Erklärung Mysterium Ecclesiae auf die geschichtlichen Bedingtheiten menschlicher Sprache und kirchlichen Denkens verweisen, die oftmals eine Weiterentwiklung und Präzisierung dogmatischer Formeln erfordern, oder anders ausgedrückt, den Geist Gottes wirken lässt:

„Was diese Geschichtlichkeit angeht, muss zunächst bedacht werden, dass der Sinn, den die Glaubensaussagen haben, teilweise von der Aussagekraft der zu einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Umständen angewandten Sprache abhängt. Außerdem kommt es bisweilen vor, dass eine dogmatische Wahrheit zunächst in unvollständiger, aber deshalb nicht falscher Weise ausgedrückt wird und später im größeren Zusammenhang des Glaubens und der menschlichen Erkenntnisse betrachtet und dadurch vollständiger und vollkommener dargestellt wird. Ferner will die Kirche in ihren neuen Aussagen das, was in der Heiligen Schrift und in den Aussagen der früheren Überlieferungen schon einigermaßen enthalten ist, bestätigen oder erhellen, sie pflegt dabei aber zugleich an die Lösung bestimmter Fragen und die Beseitigung von Irrtümern zu denken. All dem muss man Rechnung tragen, um jene Aussagen richtig zu deuten. Schließlich unterscheiden sich zwar die Wahrheiten, die die Kirche in ihren dogmatischen Formeln wirklich lehren will, von dem wandelbaren Denken einer Zeit und können auch ohne es zum Ausdruck gebracht werden; trotzdem kann es aber bisweilen geschehen, dass jene Wahrheiten auch vom Lehramt in Worten vorgetragen werden, die Spuren solchen Denkens an sich tragen.“

Die Verkündigung des Glaubens und die Fragen und das Denken einer Zeit sind also mitunter aufeinander bezogen, die Sprache der Verkündigung muss zeitgemäß sein, unverständliche Formulierungen aus vergangenen Zeiten und Sprachen müssen übersetzt werden. Und auch hier setzt Rahner noch einmal ganz anders an, indem er nicht bei der Frage nach der geeigneten Sprache bleibt, sondern nach den geeigneten Inhalten der katholischen Lehre für die jeweilige Zeit fragt.

„Darum müßte die kirchliche Verkündigung sich fragen, welches konkret in unserer heutigen Zeit das wirksamste und nächstliegende Moment einer solchen Vermittlung  sein  könnte.  In  der Verkündigung dürfte heute  nicht  wahllos  alles  gepredigt werden,  was zur ganzen  Fülle  des  Glaubens  der  Amtskirche  gehört. Es  müßten Akzente gesetzt werden. Und diese Akzente müßten dort liegen, wo der faktische Glaube  oder eine wirklich  reale  Glaubensmöglichkeit  der  Menschen von heute liegt. Auch von da her hätte der faktische Glaube der Menschen eine (richtig verstandene) ‚normative’ Bedeutung für den amtlichen Glauben der Kirche und dessen  Verkündigung.  Dieser faktische  Glaube  muß gewiß nicht  das  Ende  der Verkündigung sein, aber er müßte ihren Ausgangspunkt bilden. Das ist zwar eine Binsenwahrheit, aber eine sehr wichtige, die wirklich gar nicht beachtet wird.“

Wie hat es Franziskus ganz treffend formuliert?! "Wir können uns nicht nur mit der Frage der Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit Verhütungsmethoden. Das geht nicht. Ich habe nicht viel über diese Sachen gesprochen. Das wurde mir vorgeworfen. Aber wenn man davon spricht, muss man den Kontext beachten. Man kennt ja übrigens die An­sichten der Kirche, und ich bin ein Sohn der Kirche. Aber man muss nicht endlos davon sprechen."

Hier geht Franziskus mit Rahner konform. Hier werden falsche Akzente in der Verkündigung gesetzt. Die Menschen unserer Zeit wenden sich ab und Verkündigung läuft ins Leere. Nur für die sich über diese Menschen erhebenden Katholiken, die ein sektiererisches Abgrenzen von der bösen Welt da draußen pflegen, ist eine derartige Verkündigung Balsam auf ihre geschundene Seele. Doch von dieser Selbstbespiegelung will Franziskus zum Glück weg.

Nach Vorgrimmler, der sich wiederum auf Rahner bezieht, bleiben dem Gottesvolk zwei Möglichkeiten, wenn ein Dissens zwischen dem eigenen Glaubenssinn und dem des Lehramtes aneinanderprallen: Verweigerung und Verweigerung in Kombination mit einem konstruktiven Vorschlag. Als Beispiel für den ersten Fall nennt er die Lehre, die Humanae Vitae in Bezug auf die Empfängnisregelung formuliert. Als Beispiel für den zweiten Fall nennt er die Erbsündenlehre.

„In weiten Kreisen unserer Kirche wird das Behaupten einer Erbsünde abgelehnt, aus Ehrfurcht vor dem Gottesbild und als Respekt vor dem menschlichen Gewissen. Darum wird die Redeweise von dem erbsündigen Säugling, der ohne Taufe für immer und ewig verloren und dem Teufel ausgeliefert sei, aufgegeben, der Ritus wird als Aufnahme in die Kirche verstanden. [...] Die Beispiele könnten vermehrt werden. Die Lehrautorität der Glaubenden gibt es.“

8 Kommentare 8.12.13 11:32, kommentieren

Yogis schöne neue Welt

In der katholischen Blogliste (hier) wird heute wieder katholische Weite nach dem Verständnis des Betreibers demonstriert, er selbst spricht von "katholischer Großzügigkeit". Dazu gehört auch immer noch die Akzeptanz der Hetzseite vom liebenswürdigen Integrationsbeauftragten Yogi.

Der bekennt aktuell seine Sympathie für Anders Breivik, der nach Ansicht des Bloggers aus reiner Notwehr handelte. Dabei beruft sich Yogi dann auch noch auf das Grundgesetz, wo das Recht auf Widerstand "gegen jeden, der es unternimmt die Ordnung zu beseitigen" festgeschrieben sei. So rechtfertigt man den Massenmord an unschuldigen Kindern und Jugendlichen...

Dass es beschränkte und hasserfüllte Extremisten gibt, darüber muss man nicht streiten. Auch nicht darüber, dass diese sich auf einschlägigen Seiten tummeln bzw diese selbst betreiben. Diese aber in einem katholischen Blogverzeichnis zu verlinken, bleibt nach wie vor unerhört!

12.12.13 11:52, kommentieren

Gedanken eines Drachentöters

Starke Worte werden da heute aus Rom nach Deutschland geschleudert. Georg „Drachtöter“ Gänswein glaubt nicht, dass sich Franziskus „in seinem Pontifikat von gewissen deutschen Initiativen drängen lässt.“ So hält er es für „ausgeschlossen“, dass der Papst den Diakonat für Frauen öffnen wird. Den Menschen, die derartiges erhofften, werde „der Jubel in der Kehle“ stecken bleiben (hier).

Nun gibt Gänswein glücklicherweise im gleichen Atemzug zu, dass er „emotional sehr stark an Papst Benedikt gebunden war und gebunden [ist] und gebunden bleibe“, was seine Einschätzung Franziskus vielleicht etwas relativiert. Aber vielleicht sind seine Worte gerade deshalb so unglücklich gewählt.

Denn vielen Katholiken ist der Jubel tatsächlich schon einmal im Halse stecken geblieben. Damals, als die Exkommunikation eines Holocaustleugners zurückgenommen wurde. Und da hätte auch Benedikt Schutz und Information gebraucht! Doch da hat ihn keiner davor bewahrt, in ein offenes Messer zu laufen.

Egal was Franziskus an Reformen umsetzen kann und was nicht, der Jubel wird nicht abreißen, weil er den Kardinalfehler (ok, Gänswein ist Bischof ;-), den viele mit Macht ausgestattete Kirchenfürsten in Rom machen, vermeidet; er spricht nicht im autoritären Befehlston von oben herab, sondern er versucht auf Augenhöhe bei den Menschen für die Lehre der Kirche zu werben.

Wie erfolgreich diese Haltung ist, kann man z.B. daran ablesen, dass Papst Franziskus von der führenden LGBT-Zeitschrift der USA zum "Mann des Jahres" gekürt wurde, was man auf traditionalistischer Seite selbstverständlich als Provokation und nicht als etwas Positives bewertet.

1 Kommentar 18.12.13 16:24, kommentieren

Gedicht eines Schülers

Geruhsame Weihnacht

 

Das Auto ist gewaschen

es funkelt wie tausend Sterne

 

Die Gans ist kross, das Bier gekühlt

die Gaben stehen bereit

 

Alle Geschenke liegen unter dem Baum

die Freude ist groß

 

Der Tannenbaum ist geschmückt

die ersten Nadeln fallen

 

Dem Kind in der Krippe

huldigen Rasierer und Pralinen

 

Träge und satt fallen benebelte Köpfe

in einen unruhigen Schlaf.

1 Kommentar 24.12.13 14:16, kommentieren