Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Archiv

Halbwesen aus dem Kühlschrank

Sibylle Lewitscharoff hat es eingesehen, die Nummer mit den Halbwesen ging  gar nicht. Menschen aufgrund ihrer künstlichen Zeugung zu diffamieren oder herabzusetzen, das war wohl ein intellektueller Kurzschluss, für den sie nach eigenen Angaben heftig hat büßen müssen (vgl. hier). Stark jedoch, dass sie den Fehler einräumt, deutlich, klar und ohne Ausflüchte.

Ein solches Verhalten wird man vom großen Weihbischof Laun wohl kaum erwarten dürfen, zu fest ist er in einem christlichen Fundamentalismus verwurzelt. Keine noch so abstrus-tragische Anekdote lässt er aus, um seine Wahrheiten zu beweisen. Aktuell geht es um "die Not der im Labor gezeugten, eingefrorenen kleinen Menschen" (hier). Deren Leid, in einem lieblosen Reagenzglas gezeugt und eingefroren worden zu sein, ist so unermesslich, dass deren aus dem Frost eines Gefrierschrankes entflohenen Seelen umherirren und tief gläubige Katholiken im Traum malträtieren, bis sie endlich durch einige heilige Messen aus der Zwischenwelt erlöst werden.

Und da haben wir sie wieder, diese im kalten Labor gezeugten Halbwesen, zum Glück definiert Laun sie als Menschen! Aber Menschen, die eben in der Kälte eines Labores und nicht in Liebe gezeugt wurden. Man fragt sich unwillkürlich, was denn die Konsequenzen dieser Kälte und Lieblosigkeit sein mögen?! Das Leiden wird schließlich als gewaltig dargestellt.

Nun ist es leicht, solches Leid bei abgegangenen Embryonen zu behaupten. Aber glücklicherweise gibt es ja auch genug Kinder, die der Hölle der künstlichen Zeugung zum Trotz den Weg ins Leben gefunden haben. Wenn ich mir die in meinem Bekanntenkreis so anschaue, dann sehe ich neben glücklichen Eltern auch glückliche und ganz normale Kinder. Von psychischen Störungen, Angstattaken oder Problemen bei der Vertauensbildung ist mir so gar nichts bekannt. Weder sind da kleine Zombies noch dämonische Bösewichte zu beobachten, einfach nur Kinder, die vielleicht etwas mehr umsorgt werden, weil die "Geburt" ja tatsächlich eine recht schwierige war. In der Realität bleibt von Launs Gruselgeschichten einfach nichts mehr übrig.

Zudem frage ich mich, wie Laun denn mit der fehlenden Liebe in der Zeugung durch eine Vergewaltigung umgeht. Was macht man mit diesen Kindern nur? Und dann die ganzen Fehlgeburten, wer hält für die Seelen dieser armen Kinder tagtäglich eine Messe? Und wer hat die eigentlich auf dem Gewissen?

Dass Launs Gruselgeschichte vielleicht wirklich nicht erfunden ist, sondern auf einer wahren Begebenheit beruht, das möchte ich übrigens gar nicht in Abrede stellen. Menschen sind in der Lage, sich in die wildesten Geschichten hinein zu steigern. Ist ein bestimmter Grad an Hysterie erst einmal überschritten, dann sind Geister, Zombies und Dämonen kaum noch aufzuhalten. Vielleicht sollte man aber das sensible Thema der künstlichen Befruchtungen, zu dem es aus christlicher Sicht sicher viele kritische Einwände und Fragezeichen gibt, nicht auf der Grundlage von Träumen diskutieren?!

6.6.14 16:25, kommentieren

Tödliche Unmenschlichkeit

Als Menschen sind wir anders als Tiere in Freiheit in diese Welt gesetzt. Ein Satz, der leicht über die Lippen geht, der jedoch erklärungsbedürftig ist, da er auch abgelehnt werden kann. Ist der Mensch nicht grundsätzlich frei und damit auch grundsätzlich verantwortlich für sein Handeln, kann er auch nicht schuldig werden.   Freiheit und Verantwortung, die erst Schuld ermöglichen, ein spannendes Themenfeld!

Dass dies nicht lediglich abgehobene und damit theoretische Überlegungen sind, wurde auf der Reise des Papstes ins Heilige Land deutlich. In seiner Meditation in der Gedenkstätte Yad Vashem stellte der Papst die Frage nach der Verantwortlichkeit vor diesem Abgrundes menschlichen Tuns, der sich in der Shoa auftat. Der Frage nach der Verantwortung Gottes vor dem Leid der Welt stellte der Papst die Frage nach der Verantwortung des Menschen entgegen. So lässt er Gott fragen: „Adam [Mensch], wo bist du?“ Der von Gott in die Freiheit gesetzte Mensch hat die Möglichkeit sich für die bestialische Unmenschlichkeit zu entscheiden. Zu Recht fragt der Papst vor dem Grauen der Shoa nach dem Menschen, wo waren die Menschen, als ihre Brüder zu Bestien wurden?

In der weiterführenden Frage nach dem Ursprung des Bösen lässt der Papst Gott weiter fragen: „Wer hat dich so tief fallen lassen?“ Hier deutet sich an, dass er der Meinung ist, dass der Mensch nicht alleine, von sich aus zu einem solchen Ausmaß an Boshaftigkeit in der Lage sei. Wir erinnern uns an die vielen Predigten, in denen der Teufel eine Rolle spielt, den er hier aber nur andeutet, von dem er nicht spricht. Zu groß wäre die Gefahr einer Rechtfertigung des Menschen zugunsten einer Verurteilung des Teufels. Wer trägt die Verantwortung?

Als ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal diese Meditation des Papstes las, fragte ich mich, weshalb er nicht auf die Geschichte von Kain und Abel zurück gegriffen hat. „Wo ist dein Bruder?“, fragt Gott den Mörder. „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“, lautet die Antwort Kains. Neid und das Gefühl von Zurücksetzung lassen die Sünde als Verführer vor dem Menschen auftreten. Auch hier, die böse Macht, die nach dem Menschen greift. „Nein, dieser Abgrund kann nicht allein dein Werk sein, ein Werk deiner Hände, deines Herzens . . . Wer hat dich verdorben, wer hat dich angesteckt mit der Anmaßung, dich zum Herrn über Gut und Böse zu machen?”

Doch Gott verurteilt Kain nicht, er zeigt ihm lediglich die Konsequenzen seines Handelns auf. Der Acker, den Kain mit dem Blut seines Bruders besudelt hat, wird ihn nicht mehr ernähren. Kain erkennt, dass er nun heimatlos und damit ungeschützt ist. Doch Gott schützt ihn in diesem Zustand vor dem Tod, er wendet sich nicht ab. Auf diese Barmherzigkeit Gottes zielt dann auch das abschließende Gebet des Papstes ab: “Denk an uns in deiner Barmherzigkeit!”

Nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, wissen sie, was Gut und was Böse ist. Der Papst zeigt auf, dass wir Menschen uns deshalb aber nicht als Herren über Gut und Böse machen dürfen, weil wir uns dann selbst zu einem Gott erheben, der über Leben und Tod entscheidet. Die Frucht des Baumes setzt uns in Freiheit und damit in Verantwortung. Der Mensch wird sozusagen erwachsen, eigenverantwortlich in die Welt gesetzt. Gott nimmt diese Freiheit und diese Verantwortung sehr ernst, er beschneidet sie nicht, selbst wenn der Mensch sich zum Bösen wendet. Allerdings zeigt er uns die Konsequenzen auf und setzt darauf, dass der Mensch aus seinen Fehlern lernt. Ohne Gott sind wir verloren und hilflos der tödlichen Willkür des Unmenschen ausgeliefert.

Vor diesem Hintergrund kann ich auch die Kritik an dem gestrigen Friedensgebet, gerade aus kirchlichen Kreisen, nicht begreifen. Der Papst macht das, was seine Aufgabe ist, er bringt Gott ins Spiel und setzt auf dessen Beistand, um den Konsequenzen der tödlichen Unmenschlichkeit etwas entgegen zu setzen. Nur wenn sich alle Parteien im Nahost Konflikt auf ihre Menschlichkeit besinnen, ist mit Gottes Hilfe eine Lösung möglich, können die Verführungen und Auswirkungen des geschehenen Bösen überwunden werden.

10.6.14 10:24, kommentieren

Von christlichen Balken und muslimischen Splittern

Dass mit unseren katholischen Kreuzrittern Friede kaum möglich ist, zeigt sich in den Verschwörungstheorien, die derzeit mal wieder im rechtskatholischen Milieu erblühen. Menschen, die die Wiedereinführung der alten Karfreitagsliturgie mit der Bitte für die ungläubigen Juden bejubelten, werfen den Muslimen beim Gebetstreffen in den vatikanischen Gärten Hinterhältigkeit vor, weil eine Sure zitiert wurde, deren abschließende Bitte um Gottes Hilfe gegen den Unglauben die Gewalttätigkeit des Islam belege.

So kommentriert etwa Michael Hesemann auf kath.net (vgl. hier):

"Möge auch diese Hinterlist dazu beitragen, den Islam zu durchschauen: Er will offenbar nicht den Frieden durch Versöhnung, sondern, wie es der Qur'an lehrt, den "Frieden" durch Unterwerfung der "Ungläubigen"!"

Dabei beruft er sich auf den Islamkritiker Hamed Abdel-Samad, dem es offensichtlich zu verdanken ist, dass diese Hinterlist aufgedeckt wurde. Dass Hesemann dabei auch noch den Begriff Wahrheit verwendet, zeigt die Verblendung dieser Zeitgenossen.

Vielleicht muss man diesem Milieu einmal die eigenen Texte vor Augen führen, um ihnen darzulegen, dass das muslimische Gebet aus der Perspektive des Islam völlig schlüssig ist.

Pater Bernward Deneke, Priester bei der Petrusbruderschaft, die sich dem tridentinischen Ritus verpflichtet fühlt, argumentiert für die traditionelle Karfreitagsfürbitte wie folgt (vgl. hier):

"Nochmals also die Frage: Dürfen wir Christen um die Bekehrung der Juden beten?
Am besten antwortet man darauf mit einigen Gegenfragen: Sollen wir Christen etwa unseren Glauben an Jesus, den „Heiland aller Menschen“ (wie es das Gebet völlig biblisch ausdrückt), über Bord werfen? Wenn aber nicht, dürfen wir dann auch nur einen einzigen Menschen von dem Wunsch ausschließen, er möge diesen seinen Erlöser erkennen und von ihm das Heil empfangen?"

Doch genau aus dieser Haltung möchte man den Muslimen nun einen Strick drehen! Ist es nicht vielmehr nur konsequent, wenn man von der Wahrheit seines Glaubens überzeugt ist, das Heil für alle Menschen zu erbeten?

Robert Spaemann bringt es in Bezug auf die monotheistischen Religionen auf den Punkt (vgl. hier):

"Universalistische Religionen sind in ihrem Wesen „missionarisch“. Sie würden sich aufgeben, wenn sie ihre Botschaft partikularisieren und damit relativieren würden." 

Den Worten Spaemanns und Bernward Denekes möchte ich jedoch noch eine Präzisierung Franziskus an die Seite stellen, um das gerade zitierte richtig einzuordnen (vgl. hier):

„Die Kirche – so sagte es Benedikt XVI. – wächst nicht durch Proselytismus, sie wächst durch Anziehung, durch Zeugnis. Und wenn die Menschen, die Völker dieses Zeugnis der Demut, der Sanftmut, der Duldsamkeit sehen, spüren sie das Bedürfnis, von dem der Prophet Sacharja spricht: ‚Wir wollen mit euch kommen!’ (vgl. Sach 8,20-23). Die Menschen verspüren dieses Bedürfnis vor dem Zeugnis der Liebe, dieser demütigen Liebe ohne Arroganz und Herablassung! Bete an und diene!“.

Beten und dienen, das ist unser Auftrag als Christen, den Rest können wir getrost dem Wirken des Geistes überlassen. Und genau das hat Franziskus zusammen mit Muslimen und Juden getan, zur Freude Gottes, für eine bessere Welt, für Frieden.

9 Kommentare 11.6.14 08:34, kommentieren

In Linz da gibt's koa Sünd

Leider habe ich heute keine Zeit für einen ausführlicheren Artikel, deshalb nur ein paar Links zu einem typischen Blendzauber des großen weißen Zauberers Gandalf. Carsten Leinhäuser ist für seine klare Position zu katholischen Hetzseiten zu danken!
 
 
 
 
 

13.6.14 09:54, kommentieren

Der Franziskus-Effekt

Beim Streit zwischen kath.net und Carsten Leinhäuser sind beide Seiten um Deeskalation bemüht, ein Prozess, den man selten genug beobachten kann. Gut so!

Was mir persönlich unbegreiflich ist, ist die seit Jahren ausbleibende bischöfliche Kritik an kath.net. Jeder weiß, was da los ist, und niemand hat jemals auch nur ansatzweise versucht gegenzusteuern. Und das, obwohl man feststellen kann, dass kath.net, seitdem Franziskus Papst ist, deutlich an Schärfe sowohl in den Beiträgen als auch im Kommentarbereich verloren hat. Eine Einflussnahme wäre also möglich.

Man sollte als Bischof erst gar nicht über die Lagermentalität und den Umgangston zwischen Traditionalisten und Progressisten jammern, wenn man nicht bereit ist, das anzuklagen, was Grenzen überschreitet. Kardinal Schönborn, der einen Franziskus-Effekt vor allem bei Kirchenfernen diagnostiziert, sollte sich einmal von dem Franziskus-Effekt auf kath.net motivieren lassen!

1 Kommentar 14.6.14 11:20, kommentieren

Geht doch!

Es bewegt sich etwas in der Blogözese! Während Geistbraus bei katholisches.info typische kreuz.net-Sprache diagnostiziert - übrigens auf eine sehr amüsante Weise - kritisiert der Herr Alipius die kath.net-Methoden im Falle Leinhäuser. Gut so!

15.6.14 10:41, kommentieren

Das Übel der Homosexualität in der Kirche

Der offene Brief eines ehemaligen Homosexuellen an Papst Franziskus begeistert die Blogözese und auch kath.net. Robert Gollwitzer bittet den Papst um Unterstützung für Homosexuelle, die unter ihrer sexuellen Neigung leiden und diese überwinden wollen (vgl. hier).

Und tatsächlich, der Brief ist ein beeindruckendes Zeugnis von den Übeln, die das Thema Homosexualität in der Kirche verursacht. Bereits die ersten Sätze, nach der kurzen Vorstellung des Schreibers, bringen das Übel auf den Punkt:

"I am so thankful and feel so blessed that the Lord brought me to Homosexuals Anonymous. The people there did what actually the Church should do: They loved me enough to help me out of my gay life and (back) into the Church."

Was für ein schrecklicher Ort muss die Kirche sein, wenn man sich ihr nur zugehörig fühlen kann, wenn man das Leben eines Homosexuellen hinter sich lässt. Die Liebe, die Robert Gollwitzer bei den Anonymen Homosexuellen erfahren hat, die gibt es in der Kirche seiner Meinung nach nicht. Deshalb fordert er den Papst zu dieser Liebe auf.

Doch die Liebe der Kirche ist hoffentlich stärker und tiefer als die von Robert Gollwitzer erhoffte Liebe. Wenn Kirche nicht auch den homosexuellen Menschen ohne jede Voraussetzung und Bedingung liebt, dann wäre sie nicht mehr Kirche. Es ist tragisch, dass sich Menschen wie Robert Gollwitzer ausgegrenzt fühlen mussten und müssen! Die Kirche sollte diesen Menschen sagen, dass auch sie ein Teil der Kirche sind, nicht mehr und nicht weniger als der Papst selber, ob als Homosexueller oder ehemaliger Homosexueller, wenn es denn so etwas gibt...

2 Kommentare 17.6.14 15:00, kommentieren