Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Der Weg zu den Menschen und der Weg ins Museum

"Der Papst spricht richtigerweise von der Notwendigkeit, in die Peripherie zu gehen. Die Antwort der Menschen war sehr wohlwollend. Aber wir können nicht mit leeren Händen in die Peripherie gehen. Wir gehen mit dem Wort Gottes, mit den Sakramenten, mit dem tugendhaften Leben des Hl. Geistes. Ich sage nicht, daß der Papst das tun soll, weil das Risiko besteht, die Begegnung der Kulturen falsch zu interpretieren. Der Glaube kann sich nicht an die Kultur anpassen, sondern muß sie zur Umkehr auffordern. Wir sind eine Bewegung gegen die Kulturen, keine volkstümliche."

Wenn Kardinal Burke hier richtig zitiert wurde, dann kann man ihm nur entgegen halten, dass das Neue Testament etwas anderes zeigt, zeugt es doch von dramatischen Anpassungen des Christentums an die verschiedenen Kulturen. Gerade das war immer das Erfolgsrezept des Christentums, so konnte es die Grenze des Judentums verlassen und sich unter den antiken Kulturen verbreiten.

„Wir haben die konstante Tradition der Kirche, die Lehre, die Liturgie, die Moral. Der Katechismus ändert sich nicht." Das Gegenteil ist der Fall! Das Wenigste, von dem was er da aufzählt, hat eine 2000-jährige Tradition, nicht der Katechismus, nicht die Liturgie, nicht die Moral. Nur der allerwesentliche Kern unseres Glaubens, das Glaubensbekenntnis etwa, kann auf eine solch lange Tradition verweisen. Darauf sollten wir uns konzentrieren, nicht auf überkommene Formen und Moralvorstellungen!

So gehen wir nicht mit dem Wort Gottes zu den Menschen unserer Tage, sondern wir zeigen ihnen Jesus Christus, unseren Erlöser und Retter. Und der setzt an den vorhandenen Formen des Heils, das in allen Kulturen vorhanden ist, an und verwandelt sie in seinem Licht.

Diesen Prozess mit Umkehrung oder etwas Gegensätzlichem zu umschrieben, finde ich hochmütig. Mit dieser Haltung wäre Evangelisierung zum Scheitern verurteilt. Die Kulturen sind nicht das Böse, welches das Christentum in etwas Gutes verwandelt, die Kulturen sind auf ihrem je eigenen Weg zum Heil, der sich in der Begegnung mit dem christlichen Glauben individuell entwickelt. Deshalb ist die katholische Kirche eine so überaus bunte. Die lateinische Uniformität hat es nie gegeben. Und ihre ideologisierte und traditionalistische Ausprägung gehört ins Museum.

9 Kommentare 1.11.14 11:32, kommentieren

Unmenschliche Positionen

Yogi vom Blog Zölibat und mehr geilt sich aktuell an einem Beitrag von Henryk M. Broder auf, der mit dem Titel "Wir sind doch nicht am Flüchtlingselend schuld" überschrieben ist.
 
Kardinal Veglio antwortet zufällig auf Radio Vatikan (hier): "Aber diese Menschen sind meistens Flüchtlinge, es sind Menschen, die vor Lebensgefahr fliehen! Es ist schlimm, sehr schlimm zu sagen ‚Was geht mich das an?’. Das ist nicht nur nicht christlich, das ist, denke ich, noch nicht einmal menschlich.“
 
Umso mehr verwundert es, dass derart unchristliche und unmenschliche Positionen über die Linkliste katholischer Blogger verbreitet werden.

1 Kommentar 2.11.14 09:48, kommentieren

Herr über Leben und Tod

Mich wundert es immer wieder, wie selbstverständlich gerade konservativste Katholiken auf das Recht des Staates zur Vollstreckung der Todesstrafe pochen. Oftmals sind es sogar die ausgewiesenen Lebensschützer, die diese schizophrene Position beziehen. Die Abtreibung ungeborenen Lebens wird mit der Gottesebenbildlichkeit und der Unverfügbarkeit menschlichen Lebens begründet. Doch so schnell, wie diese Vokabeln im Munde geführt werden, so schnell sind sie im Angsesicht von schrecklichen Verbechen auch wieder vergessen.

Wenn man allerdings bedenkt, dass mindestens 1% der vollstreckten Todesstrafen auf Fehlurteilen beruhen, sollte alleine das schon zu denken geben. Gerade aber als Christen sollten wir doch genau wissen, dass in unglücklichen Konstellationen sebst der unschuldigste Mensch zum Tode verurteilt werden kann. Wie kann man vor dem Kreuzestod Jesu nur ein Verfechter der Todesstrafe sein?

Der Bischof von Portland, der vor dem assistierten Suizid der todkranken Brittany Mainard ein flammendes Statement für das Leben gehalten hat, würde sich vor der alten Lehre der Todesstrafe geradezu lächerlich machen, wenn er schreibt (vgl. hier):

"Assistierter Suizid erzeugt die Illusion, wir könnten den Tod kontrollieren, indem wir ihn unseren Bedingungen unterwerfen. Dieses Instrument erweckt den Anschein, dass in der Fähigkeit, den Tod zu wählen, Freiheit läge, aber es versagt darin, die eigene Widersprüchlichkeit zu erkennen. Sich selbst zu töten, löscht die Freiheit des irdischen Lebens aus. Wahre Selbstständigkeit und wahre Freiheit können wir nur erreichen, wenn wir den Tod als eine Macht akzeptieren, die sich unseres Einflusses entzieht. Unser Leben und Sterben gehört in die Hände Gottes, der uns geschaffen hat und uns erhält. Durch das Leiden, Sterben und Auferstehen seines Sohnes Jesus wissen wir, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Ewiges Leben erwartet all jene, die sich selbst Gott anvertrauen."

Aber er hat Recht! Wir haben kein Recht dazu, den Tod unseren Bedingungen zu unterwerfen. Dabei würde ich mich allerdings davor hüten, über einen leidenden Todkranken, der sich das Leben nehmen will, zu urteilen. So richtig die philosophisch-theologische reflektierte Lehre der Kirche an dieser Stelle ist, niemand von uns weiß, wie er selbst im Fall der Fälle denkt, fühlt und handelt.

Anders sieht das jedoch bei der Bewertung der Todesstrafe aus. Diese grundsätzlich legitimieren zu wollen, halte ich für eine zu verurteilende Anmaßung! Die Bedingungen dafür hat der Katechismus nicht zufällig so formuliert, dass sie de facto nicht mehr durchzusetzen ist. Und auch Franziskus hat sich zum Glück eindeutig gegen die Todesstrafe ausgesprochen (hier).

6 Kommentare 3.11.14 16:47, kommentieren

Müllers Agenda

Neben Kardinal Burke scheint nun auch Kardinal Müller Gefallen daran gefunden zu haben, gegen die Synode und seine Mitbrüder zu polemisieren (hier). Nun weiß ich nicht, ob er die Statements, die da auf kath.net zusammengestellt wurden, genau so gesagt hat, oder ob es sich mal wieder um eine tendenziöse Wiedergabe handelt. Sollte seine Argumentation aber präzise wiedergegeben sein, kann man sich nur fragen, ob diese nicht ein bisschen zu simpel ist?!

Es geht natürlich um die Frage nach dem Umgang der Kirche mit den wiederverheiratet Geschiedenen und den homosexuellen Katholiken. Müller stellt klar, dass es für die Beantwortung dieser Fragen nur den einen Referenzpunkt geben könne, das Evangelium von Jesus Christus. Und da ist ihm vollkommen zuzustimmen.

Natürlich zitiert er dann auch gleich die berühmten Worte des Herrn: "Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen." Damit hat sich für den Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre die Sache dann auch schon erledigt. Scheint ein easy Job zu sein, ohne einen großen Anspruch. Hier und da einmal auf die ewigen Wahrheiten verweisen und der Fall ist klar. Wozu Synoden und überhaupt Diskussionen?

Würde man den Kardinal hier wirklich ernst nehmen, müsste man ihn fragen, weshalb er nicht umgehend das Kirchenrecht und die gesamte Sakramentenlehre über die Ehe ändert? Jesus meint hier definitiv JEDE Ehe, wenn er den Schöpfungsbericht zitiert. So heißt es einen Vers vorher: "Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein." Von vollzogener sakramentaler Ehe, die nach katholischem Verständnis einzig und alleine unauflöslich ist, ist hier garantiert nicht die Rede. Weshalb die Kirche dann gegen die Weisung des Herrn zwischen sakramentaler und nicht-sakramentaler Ehe unterscheidet, ist dann wirklich nicht mehr nachzuvollziehen.

Noch besser wird's aber nach seinem grandiosen Einstieg, wenn er nun zur Frage der Homosexualität kommt. Urplötzlich ist Jesus und das Evangelium verschwunden und der Katechismus wird bemüht. Klar, den Kniff muss Müller schon anwenden, weil Jesus in seinem Evangelium rein gar nichts zum Thema gesagt hat. Aber egal, der Einstieg hörte sich stark an. Müller verteidigt das Evangelium gegen die Verwirrer der Welt, die letztendlich auch einem Großteil seiner Mitbrüder im Bischofsamt den Kopf verdreht haben. Was wären wir nur ohne ihn? Damit sein kleiner Trick nun aber nicht auffällt, schwenkt er auch gleich wieder zur göttlichen Offenbarung, in der - jetzt glauben wir es doch bestimmt - homosexuelle Liebe klar und deutlich als Sünde verurteilt wird. Alles Müller, oder was?

5.11.14 15:24, kommentieren

Fundamentalismus ist Unglaube

Das Interview, das Kardinal Burke einer spanischen Zeitschrift gegeben hat (vgl. hier), ist nun auf kath.net vollständig ins Deutsche übersetzt worden (hier). Wie kann man das umschreiben, was er da in unüberbietbarer Selbstgerechtigkeit vorträgt? Ein solches Denken und vor allem Verurteilen ist nicht mehr weit entfernt von einem Piusbischof Williamson. Wenn man die Gesetzeswahrheit besitzt, dann fällt das Verurteilen offensichtlich leicht.

Mein erster Gedanke bei der Lektüre dieses Interviews war: Franziskus Ansage zu Beginn seines Pontifikates, Unruhe stiften zu wollen, bringt erste Ergebnisse hervor. Die innerkatholische Unruhe seines Pontifikates bringt das Schlechte, das auch in der Kirche vorhanden ist, zum Vorschein. Es tritt klar zu Tage. Wenn Burkes Position die der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert wird, dann kann ich mich als Katholik für meine Kirche nur noch schämen.

Dass diese Formulierungen nicht Franziskus Worte sind, kann man an einem kleinen Vergleich aufzeigen. Burke stellt sich das Christentum als „kontrakulturelle Bewegung“ vor.

„Ich behaupte nicht, dass der Papst dies tut, aber es besteht die Gefahr, die Begegnung mit der Kultur falsch zu interpretieren. Der Glaube darf sich nicht an die Kultur anpassen, sondern [muss] diese zur Bekehrung aufrufen. Wir sind eine kontrakulturelle, keine populäre Bewegung.“

Franziskus hingegen prangerte am vergangenen Wochenende die Zerstörung von Kulturen und Völkern an. In Bezug auf die katholische Kirche kritisierte er die Uniformität (vgl. hier).

“Uniformität ist nicht katholisch, sie ist nicht christlich!” Es sei kurios; aber die katholische Einheit sei verschieden aber eins. Der Heilige Geist schaffe die Verschiedenheit und sei zugleich Garant für die Einheit. “Einheit ist die Kunst zu hören, Differenzen zu akzeptieren, die Freiheit zu besitzen anders zu denken und das auch zum Ausdruck zu bringen! Mit allem Respekt vor dem Anderen, der mein Bruder ist.” “Habt keine Angst vor Unterschieden”, rief er den Teilnehmern zu.

Ich habe keine Angst vor den Brüdern der fundamentalistischen Uniformität, wie sagt Rainer Kampling: „Fundamentalismus ist Unglaube“. Angst habe ich allerdings davor, dass fundamentalistische Strömungen die Kirche prägen.

1 Kommentar 8.11.14 13:50, kommentieren

Verheerender Standpunkt

Ludwig Ring-Eifel bewirbt sich mit seinem aktuellen Standpunkt-Kommentar auf katholisch.de scheinbar um einen Job bei kath.net. Zahlt Kirche in Not vielleicht besser als die KNA?

Jedenfalls versucht er - aus welchem Grunde auch immer - dem scheidenden Ratsvorsitzenden der EKD, Nikolaus Schneider, kräftig vor's Schienbein zu treten (hier). Und das nach klassischer Weißer-Zauberer-Manier, ein bisschen Anbiederung an den Zeitgeist hier, ein wenig theologisches Halbwissen da, eine Prise Freund-Feind-Schema dazu und fertig ist die Zauber-Gülle im Kübel, der nur noch ausgekippt werden muss.

Als Katholiken haben wir ja auch allen Grund, über die Finanzdebakel der evangelischen Konkurrenz zu lästern, ist unser Laden doch sauber.
 
Auch die "Preisgabe christlicher Ethik und biblischer Tradition" ist ein dolles Reizwort-Feuerwerk ohne jede sachliche Begründung, Gandalf wäre stolz auf so viel magische Fähigkeit.
 
Und auch die Kritik am assistierten Suizid kann man natürlich besser am Beispiel Schneiders als am Beispiel Hans Küngs anbringen, so bleibt der eigene Laden wenigstens sauber und die anderen sind die Sünder.

Nur ein magischer Schuss geht dann doch ins eigene Schienbein, die Kritik an Schneiders postmortalen Fragen an Gott. Ausgerechnet mit Hiob versucht er Schneider hier abzuwatschen und in einen theologischen Dünnbrettbohrer zu verwandeln.

"Zwar kennt auch die Bibel Vorwürfe gegen Gott – von den Klagen Hiobs bis zu den verzweifelten Worten Jesu am Kreuz. Aber auf die Idee, sich die finale Begegnung mit seinem Schöpfer als Dialog auf Augenhöhe vorzustellen, muss man als Theologe erst einmal kommen!"

Doch Hiob, das war doch der, der Gott nicht nur anklagte, das war auch der, dem Gott sich offenbarte, um sich auf einen Dialog einzulassen. So konnte Hiob schließlich sagen: "Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut." Wegen dieser von Gott gewährten Augenhöhe widerruft Hiob seine Anklagen. Getadelt werden jedoch Hiobs Freunde, die ihm die alten Traditionen als Rezept für die Sinnhaftigkeit seines Leidens verordnen wollten. "Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Gefährten; denn ihr habt nicht recht von mir geredet", ist Gottes Urteil über die Freunde der Tradition.

Und auch Jesus ist vielleicht der falsche Gewährsmann, um Schneiders Theologie zu diffamieren, denn einem Gott, der seinem Geschöpf als wahrer Mensch begegnet, dem kann man den Willen zum Dialog auf Augenhöhe wohl nur sehr schwer absprechen. Ein verheerender Kommentar, Herr Ring-Eifel!

3 Kommentare 13.11.14 19:53, kommentieren

Die Perspektive des Zimmermanns

Schöner-Wohnen-Bischof Oster (vgl. hier) erkennt im Zusammenhang mit den Renovierungsarbeiten an seinem neuen Zuhause, dass sich auch das Haus der Kirche in einem "Transformationsprozess" befindet. Von unten sieht die Welt offensichtlich anders aus als aus dem Fenster des dogmatischen Elfenbeiturms, als der Blick noch etwas pessimistisch verstellt war (hier). So aber macht Oster eine Erfahrung, der sich auch Gott in der Inkarnation des Zimmermanns nicht hat entziehen wollen. ;-)

16.11.14 11:45, kommentieren