Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Generalabsolution für den Rechtskatholizismus

In einer wortreichen Stellungnahme spricht Felix Honekamp auf kath.net die sogenannten Rechtskatholiken von allen Vorwürfen frei, indem er die Kritik an ihnen als Trick bezeichnet, unbeliebte konservative Positionen durch die Nazikeule zu verunglimpfen (hier).
 
Wenn man jedoch kath.net und viele rechtskatholischen Blogger betrachtet, die z.B. Pegida lange Zeit befürworteten oder dies immer noch tun, dann können all diese sich nicht so einfach aus der Verantwortung stehlen, für die zunehmende Islam- Ausländer- und Asylantenfeindlichkeit in unserem Lande mitverantwortlich zu sein. Wie Pilatus möchte Herr Honekamp sich die Hände in Unschuld waschen, doch der Dreck klebt wie Teer an ihnen. Erst als es Morddrohungen von Pegida-Demonstranten an ehrenamtlichen Kirchenmitarbeitern  wegen Glockengeläutes gab (hier), distanzierte man sich auf kath.net und anderswo so lansam von dieser von Rechtsextremen organisierten Veranstaltung. Vorher machte man ungeschminkt Werbung für Pegida oder relativierte das gefährliche Potential dieser Bewegung (vgl. hier).
 
Nein, Herr Honekamp, man kann schon noch zwischen konservativ und rechts unterscheiden. Als Weltkirche kann dem Katholizismus rechtsnationales Gedankengut nur völlig diametral entgegen stehen, wer hier keine klare Kante zeigt und Zeitungen wie die "Junge Freiheit" rechtfertigt, der muss scharf bekämpft werden, weil er der katholischen Kirche schadet.
 
Das haben nicht zuletzt auch schon Bischöfe begriffen, die ihren Mitarbeitern untersagten, auf einem solchen Forum zu veröffentlichen, dessen Beobachtung sich der nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz immer noch vorbehält. "Hinter ihrem gemäßigten Duktus verbergen sich oft antidemokratische und fremdenfeindliche Konzepte", begründeten die Verfassungsschützer die weitere Beobachtung im Jahre 2006.

1 Kommentar 12.5.15 16:11, kommentieren

Love is a battlefield

In Deutschland brodelt es aktuell wieder ganz ordentlich in der katholischen Kirche. Da bringt das Zentralkomitee der deutschen Katholiken eine Erklärung heraus, in der die Segnung außerehelicher und auch homosexueller Partnerschaften gefordert wird (hier). Die Reaktionen auf kath.net und anderen rechtskatholischen Blogs überschlagen sich in ihrer Kritik und Verachtung auch sogleich. Und auch Bischof Oster kann das nicht unkommentiert lassen.

Osters Bedenken auf seiner facebook-Seite (hier) finde ich allerdings durchaus brauchbar, um das eigentliche Problem einmal auf den Punkt zu bringen, sind sie doch ein Paradebeispiel für die probematische Argumentation der katholischen Kirche in diesen Streitpunkten.

Zuerst einmal hält Oster fest, dass jeder Mensch Person mit einzigartiger Würde ist, ein Einstieg, der die Emotionen von Kritikern und Befürwortern des ZdK-Papiers besänftigen wird. Da kann jeder zustimmen!

"Jeder Mensch hat ein Gewissen und das Recht, sein Leben nach seinem eigenen Wollen, Können und Gewissen zu gestalten, sofern er dabei niemand anderen beschädigt. Das gilt auch im Blick auf die Gestaltung von Beziehungen und das Leben von Sexualität. Diese Auffassung der unbedingten Anerkennung jedes Menschen als Person mit Würde, Freiheit und Gewissen gehört zum Fundament des Glaubens der Kirche und seinem Menschenbild und ist unhintergehbar."

Auch wenn es der katholischen Kirche viel Kraft und Auseinandersetzung kostete, dieses "Fundament des Glaubens", das in den Menschenrechten ihren Niederschlag fand, zu akzeptieren - Pius VI verurteilete die Menschrechte zuerst einmal - , können wir heute mit Fug und Recht behaupten, dass die Würde einer jeden Person mit all ihren Rechten auf dem jüdisch-christlichen Menschenbild beruht. Gleichzeitig weist aber die schwere Geburt der Anerkennung der Menschenrechte, die immer noch nicht abgeschlossen ist, darauf hin, wie auch das Lehramt bestimmter Zeiten immer wieder mit dem eigenen Fundament zu kämpfen hat.

Und so kommt auch Bischof Oster gleich im Anschluss an diese Aussage zu einer Relativierung dieses "Fundamentes des Glaubens", wenn er weiter ausführt:

"Wenn aber nun ein Mensch genauer Auskunft darüber möchte, was der Glaube unserer Kirche zu den Themen Partnerschaft, Familie und Sexualität im engeren Sinn sagt, und wenn dieser Mensch sein Gewissen am Glauben der Kirche schulen möchte und wissen will, was aus der Sicht des Glaubens in diesen Themen für wahr und richtig oder falsch gehalten wird, dann muss ich zu den Forderungen des ZDK folgendes sagen:

Wenn wir den bislang gelebten und geteilten kirchlichen Glauben zu diesen Themen betrachten, basierend auf der Hl. Schrift, der Überlieferung und dem Lehramt, dann würde ein positives Eingehen auf diese Forderungen des ZDK eine dramatische Veränderung von Vielem bisher Gültigen im Blick auf die Themen Ehe und Sexualität bedeuten. Die Kirche glaubt nämlich aufgrund der ihr geschenkten Offenbarung, dass ausgelebte sexuelle Praxis ihren genuinen und letztlich einzig legitimen Ort in einer Ehe zwischen genau einem Mann und einer Frau hat, die beide offen sind für die Weitergabe des Lebens und die bis zum Tod eines der Partner einen unauflöslichen Bund geschlossen haben. Der Kirche ist dabei völlig bewusst, dass dies ein hoher Anspruch ist; sie glaubt aber ohnehin, dass diesen Anspruch kein Mensch und kein Paar aus eigenen Kräften einlösen kann. Daher heißt dieser Bund auch Sakrament und wird im Glauben durch die ausdrückliche Zusage Gottes bestärkt und bekräftigt, der Dritte im Bund zwischen Zweien zu sein; derjenige, der diese Beziehung verbindet, heiligt, unauflöslich macht und auch immer wieder Quelle des Heils für sie ist."

Das bedeutet doch wohl zweierlei: 1. Das Gewissen eines Menschen ist nur dann geschult, wenn Gewissensentscheidungen mit den Lehraussagen der Kirche übereinstimmen. 2. Die Kirche weiß sicher, dass Gott niemals zwischen einer nichtsakramentalen Verbindung steht, so dass diese niemals heilig, unauflöslich und für beide Partner zur Quelle ihres Heils werden kann.

Tatsächlich befinden wir uns an dieser Stelle auf einer Baustelle, die auch das Zweite Vatikanische Konzil nicht abzuschließen vermochte. In der Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes" stehen sich nahezu widersprüchliche Aussagen zum Gewissen gegenüber, damit das Schreiben mit einer möglichst breiten Zustimmung verabschiedet werden konnte:

"Im Innern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muß und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes.

Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist."

Stimme Gottes in uns oder Gesetz, dem man gehorchen muss? Wenn es weiter heißt, dass es nicht selten geschieht, "daß das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne daß es dadurch seine Würde verliert", dass das Gewissen durch eine "Gewöhnung an die Sünde allmählich fast blind" werden kann, ist das schon nachvollziehbar. Man kann  Menschen seelisch zerstören, so dass sie kein Mitleid mit ihren Mitmenschen mehr empfinden.

Nur, kann man das so einfach auf die außereheliche Liebe anwenden? Ist sie das unwürdige Ergebnis unüberwindlicher Unkenntnis, die durch die Gewöhnung an die Sünde aus einem irrenden Gewissen heraus lebt?

Um dies bejahen zu können bedarf es schon höchster Autorität und nicht umsonst spricht Bischof Oster in seinen Ausführungen von der göttlichen Offenbarung, auf die sich die Kirche in diesen Streitpunkten beruft. Offenbarung finden wir in Schrift und Tradition, so dass Oster entsprechend ausführt:

"Weiterhin wird nach meiner Kenntnis im Angesicht dieser Perspektive von der Hl. Schrift her jede andere Form vollständig vollzogener sexueller Praxis außerhalb der Ehe entweder als Unzucht oder als Ehebruch bewertet – einschließlich der Ansage von zum Teil sehr dramatischen Konsequenzen für diejenigen, die sich darauf einlassen. Die kirchliche Tradition hat dieses Urteil der Schrift insgesamt immer geteilt und übernommen; wenn auch nicht einfach undifferenziert. [...] Der Glaube und die Schrift basieren aber nicht primär auf Werten, sondern auf Offenbarung, auf Christus selbst. Er ist kein „Wert“, sondern das Wort Gottes selbst; derjenige, der in Person Menschen liebt, berührt, befreit und befähigt zu einem anderen Leben und vor allem zu einer Liebe und Treue, die der Mensch nicht aus sich selbst hat, sondern von ihm. Wenn aber eben Jesus selbst das „Kriterium“ ist, und wir zudem durch Schrift, Tradition und Lehramt verlässliche Kenntnis seines Willens für diesen Bereich haben (vgl. nur beispielhaft 1 Kor 7,10-11), dann braucht es meines Erachtens sehr viel mehr an Erklärung als die Berufung auf Werte, die mir schlüssig begründen soll, warum sich in diesen entscheidenden Punkten der Wille Jesu für die Themen Ehe und Sexualität nun nach 2000 Jahren geändert haben soll."

Hier kann man Oster zuerst einmal antworten, dass es von Jesus, anders als er hier vorgaukelt, eben keine Aussage zur Teilfrage der Homosexualität gibt. Das ist wohl auch der Grund, weshalb er hier Paulus und kein Evangelium anführt. In dem von Oster angeführten siebten Kapitel des ersten Korintherbriefs relativiert Paulus zudem die Anweisung des Herrn in Bezug auf die Unauflöslichkeit der Ehe, wenn er diese nur für ein gläubiges und christliches Paar als verbindlich ansieht.

Und nur nebenbei: Dass Jesus tatsächlich der Frau die Scheidung vom Mann untersagt haben könnte, ist natürlich völlig ausgeschlossen, da sich nach jüdischem Recht nur die Männer von den Frauen scheiden lassen konnten und nicht umgekehrt. Gerade der Schutz der Frau wird die Motivation des Herrn für die Untrennbarkeit der Ehe gewesen sein, da sie nach einer Scheidung sozial und wirtschaftlich in ihrer Existenz gefährdet war.

Das Offenbarungsargument steht in diesen Fragen auf so dünnen Grund, dass man es sich nicht so einfach machen sollte, wie Bischof Oster dies hier tut.

Schaut man sich die äußerst wenigen Stellen der Bibel aber einmal etwas genauer an, dann wird deutlich, dass das Urteil der Schrift in Bezug auf homosexuelle Liebe und auch in der Frage der Ehescheidung nicht so eindeutig ist, wie Oster es andeutet.  Wer einmal einen Überblick und eine zeitgemäße theologische Einordnung dieser Problemfragen erhalten möchte, der kann auf die Ausführungen von Prof. Dr. Marie-Theres Wacker bezüglich der Homosexualität (hier) und auf den Blog von Prof. Gerd Häfner in Fragen der Unauflöslichkeit der Ehe (hier) zurückgreifen.

Frau Wacker wirft dabei auch einen sehr kritischen Blick auf die Formulierungen des Katechismus. Indem dort für die ablehnende Haltung der Homosexualität auf Gen 19 zurückgegriffen wird, sei eine unzulässige Verknüfung von Homosexualität und Gewalt hergestellt, da es in der Lotgeschichte um Vergewaltigung und nicht um gleichgeschlechtliche Liebe gehe. Wer so mit Schriftbeweisen und Offenbarung umgeht, der muss sich über Kritik nicht wundern.

Vor allem aber zeigt Frau Wacker in der Geschichte von David und Jonathan, dass es auch andere biblische Geschichten gibt, die die Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen in einem positiven Licht beleuchten. Dass es dort nicht ausdrücklich um Sexualität geht, sei unbenommen, ausdrücklich ausgeschlossen werde dies aber eben auch nicht, wenn die Liebe der beiden über die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau gestellt werde.

So bleibt abschließend zu hoffen, dass die anstehende Bischofssynode in diesen Fragestellungen wirklich einen Schritt weiter geht und zu nachvollziehbaren und schlüssigen Begründungen und Aussagen kommt.

2 Kommentare 14.5.15 13:59, kommentieren

Gott schütze uns vor den Konvertiten II

Sehr lustig auf youtube! Serdar Somuncus Die 100 nervigsten religiösen Splitterguppen - Salafismus. Ich hab Tränen gelacht. Und es steckt so viel Wahrheit drin, sind doch die Konvertiten ein bekanntes Problem in vielen Religionen, weil sie als Spätberufene nun päpstlicher als der Papst sein wollen und alle anderen nur noch nerven.

Davon kann auch der Katholik ein Liedchen singen. Schaut man sich einmal im katholischen Tradilager und der Blogözese um, dann tauchen bei den Hardcorekathos auch auffällig viele Konvertiten auf. Und wie Muskelmann Pierre Vogel den geborenen Muselmanen ihre Religion erklären will, so macht das auch der ein oder andere übermotivierte Wechselchrist, Gabriele Kuby ist ein besonders schönes Beispiel.

Oder ganz aktuell Klaus aus der Kelle-Family auf kath.net. Echauffiert sich über das ZdK und empfiehlt den unzufriedenen Katholiken die Konversion in die Kirche, aus der er selbst vermutlich in einer Lebens- oder Identitätskrise gefohen ist. Das ist schon dreist.

Aber vielleicht hat er immer noch nicht verstanden, was katholische Weite und Vielfalt bedeutet, kann ja sein?! Sollte er wegen Recht und Ordnung, Dogma und Gesetz gewechselt sein, dann wäre er wohl besser in die eine oder andere evangelikale Freikirche gewechselt. Da ist nämlich alles klar, da git es auf jede komplexe Frage eine einfache Antwort. Katholisch aber heißt immer noch allumfassend, hier wird gestritten und am Ende einer theologischen Debatte in Rom entscheiden, bis der Streit erneut ausbricht. Und manchmal gibt es sogar gar keine Antwort, da ist dann nur noch Schweigen angesagt, womit wir wieder bei so manchem Konvertiten wären!

3 Kommentare 19.5.15 18:38, kommentieren

Auf kath.net werden fundamentalistische Christen rechtfertigt

kath.net bringt einen Artikel (hier), der sich gegen einen Spiegelbeitrag richtet, der vor den Gefahren warnt, die von fundamentalistischen Christen in Deutschland ausgehen. Dabei bezieht man sich auf einen Kommentar von Helmut Frank, Chefredakteur des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern, der zu dem entsprechenden Spiegelbeitrag meint:

„‘Konservative Christen erobern Deutschland‘, wird auf der Titelseite gewarnt. In einem mehrseitigen Artikel wird dann versucht, den Nachweis für diese steile These zu bringen. [...]Vieles ist an den Haaren herbeigezogen, überzeichnet, dramatisiert - oder schlichtweg falsch recherchiert.“

Jetzt kenne ich den Spiegelartikel nicht, weiß nicht, wie gut oder schlecht er recherchiert ist. Was mir jedoch heute Morgen widerfuhr, zeigt auf beeindruckende Weise, dass die Grundthese des Beitrags nicht ganz falsch ist. Die zunehmende Annäherung von rechtskonservativen mit rechtsextremen Haltungen nimmt nachweisbar auch im Bereich der beiden großen Kirchen an ihren rechten Flanken zu. Die Auseinandersetzung um Pegida zeigte dies schon sehr deutlich.

So bin ich heute Morgen über Kreuzknappes beliebte katholische Bloggerliste zu einem Blog namens  "Ut in omnibus glorificetur Deus" gelangt, gut katholische mit Benedikt XVI-Wappen  und Nazarener-Logo. Verwiesen wird in dem aktuellen Beitrag auf einen Text von einem katholischen Politiker und Journalisten, der auf seinem Blog "Conservo" Stellung zu gesellschaftlichen und politischen Themen bezieht. "Conservo" kann auch direkt über die katholische Bloggerliste angesteuert werden. Dort geht dann die Hetze gegen alles Linke und vor allem Muslimische schon los. Zitate und Links erspare ich mir hier.

Begeisterter Kommentator der Hetze ist dann der "Runerkrieger", der den Blogbetreiber darüber informiert, dass er seinen Text gleich auch auf seinem eigenen Blog verlinkt habe, einem deutlich rechtsextremen Blog, dessen Titel schon sehr eindeutig ist. Hier kommentiert dann "Division C18". Combat 18 ist eine rechtsradikale Terrororganisation, die zum Härtesten und Gewalttätigsten gehört, was die rechte Szene aufzuweisen hat (vgl. hier). Mit zwei Klicks ist man von von rechtskatholisch bei rechtsextrem. Auf das Gott in allem verherrlicht werde!

19 Kommentare 21.5.15 10:44, kommentieren

Der Weg der Bergpredigt

Bischof Oster wird nicht müde, gegen die Erklärung des ZdK und eine Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre zur Familien- und Ehepastoral anzuinterviewen und Erwartungen zu dämpfen (z.B. hier). Das ist sein gutes Recht, vielleicht ist es ihm auch wichtig, dem konservativen Flügel der Kirche, der in Deutschland nach dem Wegfall von Kardinal Meisner deutlich Federn gelassen hat, eine Stimme zu geben.

Was mich jedoch stört, ist seine unkonkrete Argumentation, die nie zu fassen ist, sondern sich einfach auf Inneres und Heiliges zurückzieht, so als habe die "Botschaft" Jesu mit der Welt nichts zu tun. Doch genau die ist Zielpunkt des Evangeliums.

"Es gibt meines Erachtens eine Entfremdung zwischen dem, was in der Schrift als Begegnung mit Gott, mit Christus, mit der Erfahrung seines Geistes immer neu geschildert wird. Die Begegnung mit Gott ist Einladung in sein Reich, also eine Herausforderung und Einladung in eine neue Wirklichkeit. Wir alle aber neigen dazu, Gott auf Worte, Ideen und Gedanken zu reduzieren. Und Gedanken stehen uns dann irgendwie zur Verfügung. Das Evangelium ist dann nur mehr eine „Botschaft“. Das ist es zwar auch, aber es ist doch mehr: Es ist Einbruch des Reiches Gottes und des Geistes Gottes in unser Leben, der in der Lage ist, mein ganzes Leben zu verändern, zu verwandeln, zu heiligen."

Es stellt sich die Frage, wie Menschen diese Erfahrung des Reiches Gottes machen sollen, wenn Sie sich von der Kirche ausgeschlossen und diffamiert fühlen? Darauf gibt Oster keine Antwort, das ZdK schon. Oster weiter:

"Mal ehrlich: Für wen ist das heute in immer noch volkskirchlich geprägten Strukturen eine reale Erfahrung? Wenn diese aber ausfällt, dann ist die Versuchung groß, dass nicht mehr ich meinem Gott zur Verfügung stehen möchte, sondern umgekehrt: Dann komme ich aus der Erfahrung eines durchschnittlichen Humanismus und dann müssen sich Gott und Kirche und Glaube irgendwie dieser Erfahrung angleichen. Die berühmte Forderung, die Lebenswirklichkeit der Menschen zu beachten, ist also zutiefst zweideutig. Jesus hat ja wie kein anderer diese Lebenswirklichkeit beachtet, indem er in sie eingetreten ist, aber er wollte Menschen doch nicht einfach da drin lassen, wie sie waren, sondern verwandeln. Die orthodoxe Theologie sagt sogar wörtlich: „vergöttlichen“ und meint damit schlicht: Wir sollen in der Kraft seines Geistes Jesus ähnlich werden!"

Das hört sich auch wieder sehr nett an, aber was bedeutet es? Wenn Gott Mensch wird und durch Leid und Tod geht, um Menschen, den Armen und Bedrängten, nahe zu sein und ihnen Reich Gottes zu schaffen, wie kann dann ein Bischof darüber jammern, dass volkskirchliche Strukturen nicht mehr funktionieren? Wo sind seine Antworten, wie man mit den Menschen unsere Zeit Reich Gottes schafft, zu ihnen gelangt, satt auf sie in einer leeren Kirche zu warten? Wo ist sein Weg zu den Menschen beschrieben? Das ZdK wird da konkreter.

Stattdessen steigert er seine Enttäuschung über die gottlose Welt noch zu der ultimativen Ausrede, dass Jesus ja schon vorausgesagt habe, dass die Welt die Christen hassen wird.  Auf in den geschützten Kirchenbunker, nur nicht raus in die böse Welt. Oster ist auf der richtigen Seite, die anderen wollen mit Gott nichts zu tun haben.

"Es gibt in dem, was das Johannes-Evangelium bisweilen „Welt“ nennt, auch eine tiefe Abwehr gegen Gott, gegen Jesus. Und hier ist eine Unterscheidung der Geister nötig: Wir können uns nicht im schlechten Sinn „verweltlichen“, nur damit uns auch die Gruppen lieb haben, die von sich her mit Gott wenig oder nichts zu tun haben wollen. Das heißt nun aber umgekehrt nicht, dass wir uns nicht dennoch in der Liebe Christi auch um diese bemühen sollten. Einfach weil sie auch seine geliebten Geschöpfe sind. Aber dieses Bemühen ist nicht Anpassung der Lehre, sondern eher Ernstnehmen der Lehre, die mich im Glauben befähigt, auch denen, die am Rand sind, die Füße zu waschen."

Tja, aber was heißen diese hehren Worte konkret? So wie ich die Evangelien verstehe, sind es vor allem die Mächtigen, die sich von der "Botschaft" Jesu, die eine Veränderung im Hier und Jetzt will und nicht auf ein jenseitiges Reich Gottes vertröstet, angegriffen fühlen. Sie bekämpfen ihn und erzwingen seinen Tod. Macht und Gewalt sind die Feinde Jesu, nicht die Sünder, denen er sich zuwendet. So schreibt auch der Theologe Walter Wink:

Wenn jemand sich anschickt, die Gewaltspirale zu durchbrechen, fordert er die Mächte heraus. Jesus haben sie daher ans Kreuz gebracht. Die Gewalt in der Bibel, auch die Gottesgewalt, ist „notwendige Voraussetzung für das schrittweise Verstehen ihrer Bedeutung“, bis der Gewaltmechanismus durch Jesu Verhalten definitiv entlarvt wurde. Die Klarheit dieser Offenbarung hat die frühe Kirche aber nicht durchgehalten. Jesu Lehre von der Gewaltfreiheit wird bis heute oft missverstanden: als Aufforderung zum passiven, widerstandslosen Erdulden. Sie ist aber vielmehr das aktive und kreative Ergreifen der Initiative durch die Unterdrückten, wie die drei von Jesus in Mt 5,39-41  genannten Beispiele zeigen.

Vielleicht zeigt die Bergpredigt den Weg, den z.B. Homosexuelle in der Kirche gehen müssten. Immer wieder gemeinsam, Hand in Hand, vor den Altar treten und sich abweisen lassen. Haltet auch die andere Wange hin, lasst euch das Kirchenrecht vorlesen und abweisen, immer wieder, fordert die Macht heraus. Und fangt im Bistum Passau damit an ;-)

4 Kommentare 25.5.15 21:41, kommentieren

Kirchenreform braucht Evangelium

Johannes Röser hadert in seinem Standpunkt-Kommentar auf katholisch.de mit dem Glaubensverlust in unserer Gesellschaft. Kirchlichkeit und öffentliches Bekenntnis seien kaum noch vorhanden und als Selbstvertröstung behaupte der private Christ, dass sich Christsein am Gutes-Tun entscheide und nicht an Sakrament und Prozession.
 
"Stattdessen zieht man sich auf "Lebensthemen" zurück und redet sich in Rage über Kirche und Sex, Kirche und Geschiedene, Kirche und Homosexuelle, Kirche und Flüchtlinge, Kirche und Kurienreform … Aber dabei handelt es sich um Ablenkungsmanöver davon, daß der Glaube in seinem Kern selber brüchig geworden ist, weil er den evolutiven, wissenschaftlichen Erkenntnissen von Sein und Zeit, Gott und Welt nicht mehr standhält. Denn wenn es "Gott" tatsächlich gibt, muß er ganz anders sein, als "man" ihn sich vorstellt. Der Öffentlichkeitsverlust des Christlichen gründet im Glaubwürdigkeitsverlust seiner Vorstellungen."

Die letzte Aussage würde ich glatt unterschreiben, aber sicherlich in einem ganz anderen Sinne als Röser. Der Glaubwürdigkeitsverlust des Christentums gründet in der Sprachlosigkeit, das Evangeliums zeitgemäß zu verkünden und zu leben, und in einem Klerikalismus, der von institutionalisierten Machtallüren durchdrungen ist.
 
Eine Aussage wie die von Kardinal Parolin, dass die demokratische Entscheidung der Iren für die Homo-Ehe eine Niederlage für die Menschheit sei - und das vor dem Hintergrund von Krieg, Elend und Leid in der Welt - sind zerstörerischer für die Kirche als jede Privatisierung des Christentum es jemals sein könnte. Hier wird die arrogante Überheblichkeit einer Institution in einem öffentlichen Statement des zweiten Manns an der Spitze der katholischen Kirche sozusagen in konzentrierter Form auf den Punkt gebracht.

Doch zurück zum von Röser beklagten Öffentlichkeitsverlust der Kirche. Im Matthäusevangelium heißt es nicht: Denn ich war in der Eucharistie anwesend, und ihr habt mich nicht besucht; ich war im Beichtstuhl für euch da, und ihr seid nicht zu mir gekommen; ich habe eine Prozession für euch organisiert, aber ihr seid nicht mitgegangen. Vielmehr heißt es:

"Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan."

Der Glaubwürdigkeitsverlust des Christentums gründet in der Evangeliumsvergessenheit eines elitären Teils der Institution, der - statt den Menschen in Liebe zu dienen - auf einem machtbesessenen Egotripp den Menschen glaubt vorschreiben zu können, wie sie zu leben haben. Vergessen ist all das, was den Erfolg des frühen Christentums ausmachte, das sich innerhalb einer Generation in der gesamten bekannten Welt verbreitete. Eine ganz einfache Botschaft, für die keine "Weiterentwicklung des Gottesverständnisses, des Christusverständnisses, des sakramentalen Verständnisses" nötig ist:

"Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus. Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung." (Gal 3,27ff)

Die Schöpfungsordnung, die man in katholischen Kreisen so gerne in Anspruch nimmt, um Menschen vorschreiben zu können, wie sie zu leben haben, ist überwunden, es gilt nun die Erlösungsordnung. In dieser gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Mann und Frau, Heide und Jude, Arm und Reich. Das ist gelebtes Evangelium in den frühchristlichen Gemeinden und das macht deren Reiz und Erfolg aus. Die Verweigerung der Frauenordination, der Umgang mit gescheiterten Menschen und der mit Homosexuellen, all das entfernt die Kirche vom Evangelium, das bewirkt den Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche in unseren Breiten.

Mein Eindruck ist, dass Franziskus dies erkannt hat, das Evangelium und eine sich aus ihm speisende Kritik an der Kurie und der Institution quillt aus all seinen Worten. Die Argumentation der Rösers, Osters und wie sie alle heißen, ist der eigentliche Grund für die Krise der Kirche in Europa. Eine solche Kirche kann man nicht mehr ernst nehmen, weil sie ihre eigene Botschaft kastriert. Eine Entscheidung wie die in Irland konnte nur in einer christlich geprägten Gesellschagt entstehen, sie ist eine Weiterentwicklung des Denkens von Gal 3, auf die ich sehr stolz bin. Dass man die sakramentale Ehe zwischen Mann und Frau noch einmal von dieser säkularen Form der Ehe unterscheidet, das halte allerdings auch ich für völlig legitim.

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