Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Wenn die Wahrheit von unten und nicht von oben kommt

Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Müller, hat zu einem verzweifelten Rundumschlag gegen das ZdK ausgeholt.

«Man hat dort keine Kompetenz anstelle des Lehramts wesentliche Inhalte der Offenbarung zu interpretieren oder ihres Inhalts zu entleeren», sagte Müller der in Würzburg erscheinenden Zeitung «Die Tagespost» (Samstag). Schon gar nicht könne das Gremium im Namen eines säkularisierten Denkens «Forderungen» an das Lehramt des Papstes und der Bischöfe stellen. Diese wolle damit die Offenbarung in die eigene Regie nehmen und «Gott am Ende belehren», was er eigentlich gemeint haben sollte, als vor 2.000 Jahren in Jesus Christus die geschichtliche Offenbarung abgeschlossen worden sei und von nun an im Heiligen Geist der Glaubensgemeinschaft für immer aufgeschlossen bleibe. Die Forderung, etwas zu segnen, was Gott selbst nicht gut nenne und was einen Verstoß gegen das sechste Gebot darstelle, sei ein «schreiender Widerspruch zum Wort Gottes», so der Präfekt.  (zitiert nach der Zusammenfassung bei kath.net)

Verzweifelt nenne ich diese Aussagen, weil sie einem Schweigege- und Denkverbot gleichkommen. Gut, dass Katholiken des 21. Jhds sich beides von der ehemals heiligen Inquisition nicht mehr bieten lassen.

Und ja, es ist angemessen, die obersten Glaubenswächter aufzufordern, schlüssige und nachvollziehbare Interpretationen der Offenbarung vorzulegen. In der Frage der Frauenordination und des Umgangs mit Homosexuellen scheint mir dies theologisch noch nicht der Fall zu sein.

Zudem würde man die Glaubwürdigkeit der Glaubenskongregation deutlich stärken, wenn man zuerst einmal die eigenen Unzulänglichkeiten bereinigen würde. Als Letztinstanz in Fällen von Kindesmissbrauch scheinen hier Leute am Werk zu sein, die sich in der Vergangenheit im Umgang mit diesem Problem wohl nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben. Klaus Mertes bringt es in einem aktuellen Beitrag auf den Punkt: "In der Glaubenskongregation sitzen Täter".

Nur der öffentliche Druck habe im Bistum Regensburg dazu geführt, dass Missbrauchsfälle tatsächlich aufgeklärt werden. Der Sumpf im Bereich der Domspatzen scheint sich jedenfalls noch weiter auszubreiten. Lange wurde hier offenbar vieles unter den Teppich gekehrt. Auch zu Kardinal Müllers Zeiten.

Und in rechtskatholischen Kreisen geifert man über den Missbrauchsskandal bei den Grünen. Man sollte als Katholik doch soviel Anstand besitzen und vor dem Hintergrund der eigenen Kirchengeschichte die Klappe halten.

Doch was hat der Missbrauchsskandal mit den Aussagen Müllers zu den Forderungen des ZdK zu tun, könnte man jetzt fragen. Aus meiner Sicht sehr viel! Der weltumspannende Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche weist doch eindeutig auf einige problematische Aspekte der katholischen Sexualmoral. Klaus Mertes spricht diese in seinem Buch "Verlorenes Vertrauen" an, Sprachlosigkeit in Bezug auf die persönliche Sexualität bei Geistlichen, Homophobie, Machtmissbrauch etc. Ich frage mich, wo die Ergbenisse und die daraus folgende Konsequenzen der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bleiben?

Wenn die Kirche den Vertrauensverlust in ihre Strukturen und Hierarchie nicht weiter  forcieren will, sollten gerade die Mächtigen in Rom besonnener auftreten. Klaus Mertes identifiziert die Macht- und Gehorsamsstrukturen als einen wesentlichen Teil des Missbrauchsproblems mit katholischem Geschmack.

Und Klaus Mertes zeigt für mich auf vorbildliche Weise, wie man damit als Katholik umgehen muss: Die Wahrhheit macht frei. Lassen wir uns hier unten nicht mehr einfach den Mund verbieten. Konfrontieren wir unsere Hierarchie mit Fragen, Forderungen, die aus unseren Interpretationen von Offenbarung herrühren. Wir haben ein Recht darauf, vernünftige Antworten zu bekommen, auf arrogante Zurechtweisungen können wir verzichten. 

2 Kommentare 6.6.15 15:04, kommentieren

Ich verstehe einfach vieles nicht

Bei bestimmten Themen können sich manche Katholiken geradezu in Hysterie reden.  Auch Kardinal Müller kriegt sich offensichlich kaum noch über die Entscheidung der irischen Katholiken in Bezug auf die säkulare Homo-Ehe ein. Dabei spart er nicht mit bissiger Polemik. Die sakramentale Ehe werde so diskriminiert, dem Götzen der Selbsterschaffung und Selbsterlösung gehuldigt, die Formulierung "Niederlage für die Menschheit" sei eine  sehr präzise für das irische Debakel.
 
Es gehe bei der «Homo-Ehe» nicht darum, dass Homosexuelle nicht diskriminiert würden, erklärte der Präfekt der Römischen Glaubenskongregation. Dies sei eine Selbstverständlichkeit. «Nichtdiskriminierung war nur die Schalmei, mit der sich die Naiven in den Schlaf des Gewissens wiegen ließen» (zitiert nach der Zusammenfassung auf kath.net)

Ein großes Wort gelassen ausgespochen. Homosexuelle nicht zu diskriminieren sei eine Selbstverständlichkeit. Ich frage mich, wie diese Aussage mit der "Instruktion über Kriterien zur Berufungsklärung von Personen mit homosexuellen Tendenzen im Hinblick auf ihre Zulassung für das Priesteramt und zu den heiligen Weihen" vereinbar ist?! Dort heißt es:

"Im Licht dieser Lehre hält es dieses Dikasterium im Einverständnis mit der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung für notwendig, mit aller Klarheit festzustellen, daß die Kirche – bei aller Achtung der betroffenen Personen – jene nicht für das Priesterseminar und zu den heiligen Weihen zulassen kann, die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte homosexuelle Kultur unterstützen.
Die genannten Personen befinden sich nämlich in einer Situation, die in schwerwiegender Weise daran hindert, korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen. Die negativen Folgen, die aus der Weihe von Personen mit tiefsitzenden homosexuellen Tendenzen erwachsen können, sind nicht zu übersehen."

Menschen mit tiefsitzenden homosexuellen Tendenzen können also keine Priester sein, was vor dem Hintergrund der hohen Anzahl homosexuell veranlagter Priester schon ein erstaunliche Aussage ist. Aber davon einmal abgesehen; wenn das keine Diskriminierung ist, was ist es dann? Für eine Vielzahl von guten katholischen Priestern, die ihr Zölibat leben wie heterosexuell veranlagte Priester auch, muss das ein Schlag ins Gesicht gewesen sein.  

Homosexuell veranlagte Menschen können also keine Priester werden. Heiraten können sie aber auch nicht, das unterstreicht Müller dann auch noch einmal.

"Die Ehe könne nur aus dem Ja-Wort zwischen Mann und Frau entstehen und müsse offen für Kinder sein, betonte der Präfekt. Ehebruch sei eine schwere Sünde, die vom Gottesreich ausschließe, solange der Sünder nicht durch Reue, Bekenntnis, Wiedergutmachung und die Absolution die Wiederversöhnung mit Gott und der Kirche erlangt habe. Dies seien die wesentlichen Grundlagen."

Was mich ein wenig wundert, ist die Selbstverständlickeit, mit der Müller hier am Evangelium vorbei argumentiert. Jesus entgegnet der Ehebrecherin in Johannes Kapitel 8 mit dem einfachen Satz "Auch ich verurteile dich nicht". So schafft Jesus Reich Gottes, er geht auf die Sünder zu, heilt, vergibt und feiert mit ihnen, was ihm ja gerade die Probleme mit der religiösen Elite einbringt. Wie kommt man nur von da aus zu Müllers Aussagen? Ich verstehe es nicht. Aber ich bin natürlich auch kein Dogmatiker.

9 Kommentare 8.6.15 18:16, kommentieren

Erweckungserlebnisse

Ja, ich habe so meine Probleme mit allem Elitären. Im Bereich des Christentums tendieren  Eliten gerne mal zu gnostischen Anwandlungen. Alles dreht sich um das eigene Selbst, die Erlösung durch die Erkenntnis des göttlichen Funkens im Innern, die zu einem dualistischen Bild der Welt führt. Hier die erlöste Elite, da die Nichtwissenden, hier die Guten, da die Bösen. Ein Modell, das mit christlichen Ideen eigentlich unvereinbar ist.

Wie komme ich zu dem Thema. Zufällig stieß ich im Internet auf die Diskussion zwischen Bischof Oster und dem Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger. Auslöser für diesen Dialog war die Predigt Osters zu seinem Traum von einer Kirche von morgen. In einem der letzten Leserkommenatre merkte schon jemand an, dass es im Leben des jungen Bischofs wohl einmal eine Art Erweckungserlebnis gegeben haben musste. Und diese Art von Erlebnissen sind nun auch das Thema in dem Disput zwischen Oster und Schwienhorst-Schönberger, der meint:

"Der Kern des christlichen Glaubens ist keine Lehre, sondern eine Erfahrung. Um welche Art von Erfahrung handelt es sich dabei? Die christliche Tradition spricht von der cognitio Dei experimentalis. Was ist damit gemeint? Oder fragen wir zunächst: Was nicht damit gemeint ist? Viele verstehen darunter eine Erfahrung, die in ihrem emotionalen oder kognitiven Gehalt über durchschnittliche, alltägliche Erfahrungen hinausgeht.Oft sind es schöne, ergreifende oder auch erschütternde religiöse Gefühle. Eine solche Bestimmung ist ungenau und irreführend. Denn bei der inhaltlichen Qualifikation der Erfahrung bleibt die Frage offen: Wem wird die Erfahrung, um die es hier geht, zuteil? Um es im Modus der Negation zu sagen: Bei der Erfahrung, nach der wir fragen, geht es nicht um eine Erfahrung, die dem empirischen Ich des Menschen zuteil wird, also jenem Teil im Menschen, der etwas will, der etwas weiß, der etwas kann. Mit Paulus gesprochen geht es nicht um eine Erfahrung des „äußeren Menschen“, sondern des „inneren Menschen“. Anders gesagt: Das Ich, dem die Erfahrung zuteil wird, wird erschüttert, es wird aufgebrochen, es erkennt sich selbst in seiner eigenen Nichtigkeit. Was in dieser Erfahrung zum Vorschein kommt, ist das wahre Selbst, die letzte, alles bestimmende Wirklichkeit. Für das Ich hat diese Erfahrung gravierende Konsequenzen: Es geht zugrunde, es stirbt. Die Dynamik dieser Erfahrung zielt also zunächst auf ein „Zu-Grunde-Gehen“. Der äußere Mensch stirbt. Dieser Prozess ist durchaus schmerzhaft und verwirrend. Viele schrecken davor zurück. Wird dieser Weg aber konsequent begangen, lässt man sich auf die in dieser Erfahrung freigesetzte Dynamik wirklich ein, dann geschieht etwas Außergewöhnliches: Es entsteht ein neues Leben, ein Leben aus dem Geist. Der alte Mensch stirbt, der neue Mensch wird geboren. Es findet eine Wandlung statt."

Gerade am Ende dieses Zitates verwendet der Alttestamentler das biblische Vokabular, mit dem das umschrieben wird, was im Sakrament der Taufe geschieht. Der alte Mensch wird mit Jesus gekreuzigt, genauer; im Wasser ertränkt, der neue, erlöste Christenmenschen wird aus dem Wasser gehoben. Für mich stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob einem Täufling Erfahrungen der Art wie die von Schwienhorst-Schönberger beschriebenen widerfahren müssen. Seiner Meinung nach, ist Christentum oder Katholizismus ohne diese Erfahrungen nicht zu verstehen.

"Die christlichen Dogmen sind im Grunde Entfaltungen dieser trans-rationalen (manche sagen auch: transpersonalen - also über das empirische Ich hinausgehenden) Erfahrung. Wenn die zugrundeliegende Erfahrung nicht mehr zugänglich ist, bleiben die Dogmen unverständlich. Deshalb halte ich das Aniegen des Bischofs für absolut notwendig, erst einmal diesen ursprünglichen Raum der Erfahrung, der dem christlichen Glauben zugrunde liegt, im Gottesvolk zu erschließen. Die spannende Frage lautet: Wie ist das möglich? Der christliche Glaube ist also seiner inneren Struktur nach ein Weg der Wandlung. Wenn die hier angesprochene Erfahrung nicht erstickt oder "vergessen" wird, sondern durch tägiche Übung Nahrung zur Entfaltung bekommt, findet eine Transformation (Verwandlung) der Persönlichkeit statt. Erst aus diesem Prozess der Transformation heraus ist beispielsweise zu verstehen, was mit Zölibat und Ehe im christlichen Sinne überhaupt gemeint ist. Das Problem bei öffentlchen Diskusisonen besteht darin, dass bei fast keinem der Teilnehmer die hier angesprochene Erfahrung vorausgesetzt werden kann. Man diskutiert dann auf der Ebene des empirischne Ichs, es kommt zum "Schlagabtausch", und man kommt nicht wirklich weiter."

So verwundert es dann auch nicht, dass der Professor schon seit vielen Jahren Kontemplationskurse anbietet, um Menschen den Raum zu eröffenen, solche Erfahrungen zu durchleben.

Um hier gleich Missverständnisse auszuräumen: Ich bewundere diesen Ansatz und auch das Engagement Schwienhorst-Schönbergers. In der heutigen Zeit sind sicherlich viele Menschen auf der Suche nach solchen spirituellen Erfahrungen. Es ist eine Möglichkeit diesen Menschen auch von der Kirche aus ein Angebot zu machen.

Dennoch halte ich den Ansatz, zumindest in der Art und Weise wie er auf der Seite von Bischof Oster vermittelt wird, für nicht unproblematisch. Papst Franziskus sprach gestern Morgen von Christen, die „mit dieser christlichen, ein wenig ätherischen Spiritualität Gott suchen, die modernen Gnostiker“, Christentum sei aber konkret, ein Ärgernis durch den Kreuzestod Gottes. In der Taufe haben wir schon die Salbung und damit die Garantie des Heiligen Geistes, mehr bedürfe es nicht, daraus ergebe sich alles. Mehr als Jesus braucht es nicht. "Das letzte Wort Gottes heißt ‚Jesus’ und nichts mehr!"

So bringt es auch der Apostel Paulus im ersten Brief an die Korinther auf den Punkt: Glauben kommt vom Hören, die prophetische Rede mit Verstand, die auch den Ungläubigen erreicht, ist der Zungenrede, die etwas Inneres ist, vorzuziehen. Alles ist auf Evangelisierung ausgerichtet, auf Evangelisieruung über Herz und den Verstand. Du glaubst an Jesus Christus, seinen Kreuzestod und seine Auferstehung, gehst in der Taufe mit ihm durch den Tod und bist auf ewig erlöst. Das ist die Botschaft. Der eine oder andere mag im Nachhinein noch ekstatische Erfahrungen machen, aber auch die identifiziert Franziskus als bedenklich, wenn er z.B.  die angeblichen Briefe von Maria, die pünktlich um 4 einen mystischen Seher erreichen, ein wenig verspottet. Entscheidend ist  die Liebe, die sich auf den Mitmenschen richtet, in dem Gottes Antlitz zu sehen ist.
 
Christentum ist Liebe, die Gemeinschaft schafft, unter den Menschen und mit Gott. Und in dieser Gemeinschaft sind wir alle gleich, jeder mit seinen Stärken und Schwächen, alle einer in Christus. Elitäres Denken und gnostische Erweckungserlebnisse sind nicht einmal zweitrangig.

Ich glaube nicht, dass Neuevangelisierung vor allem über ekstatische Erfahrungen gelingen kann, sie gelingt über die Verkündigung der Botschaft des Evangeliums in einer zeitgemäßen Sprache und vor allem durch eine damit einhergehenden Alltags-Praxis der wahren Nächstenliebe. Sicher gelingt sie nicht in der Verteufelung der bösen Welt, wie es die dualistische Gnosis betreibt. Der Herr sollte den Menschen durch uns Christen begegnen, außen, im Inneren zeigt er sich dann vielleicht später oder auch nicht.

Wenn  Bischof Oster im Kommentarbereich damit konfrontiert wird, dass diese Auseinandersetzung, aber auch vieles von dem, was er an anderer Stelle geschrieben hat, für Außenstehende kaum bis gar nicht nachzuvollziehen ist, dann trifft das doch des Pudels Kern. Diese fehlende Kommunikationsfähigkeit - auf viele existenziellen Fragen seiner Leserschaft antwortet er einfach nicht - ist ein Grund, weshalb das Christentum kaum noch wahrgenommen wird. In diesem Zusmammenhang auf 1Kor 2,14 zu verweisen und die Menschen außerhalb der Kirche als "irdisch gesinnte " zu disqualifizieren, ist doch etwas zu einfach. Paulus zumindest ist zu ihnen gegangen und hat ihnen das Evangelium verkündet, als er dann Prügel und Ablehnung erfuhr, sprach er vom weltlichen Geist. Gehen unsere Bischöfe aber diesen Weg? Oder warten sie als Schauende in der heiligen Kirche, dass die unheilige Welt die Leute zu ihnen treibt? Reich Gottes entsteht da, wo einer des anderen Lasten trägt, wo auf diese Weise Heil entsteht, im Miteinander, das ist ein Weg nach draußen und es ist kein Weg in die innere Selbstgenügsamkeit. Und so predigte auch Franziskus heute Morgen wieder:

“Im Evangelium sei von der Fürsorge Jesu für die Kranken zu hören. Er sei gekommen, die Kranken zu heilen und die Menschen von jedem Übel zu befreien. Jesus habe sich nie der Fürsorge für die Kranken entzogen und habe nie jemandem den Rücken zugewandt. Wenn jemand zu ihm einen Kranken gebracht habe, so habe er keine Zeit verloren: „Die Heilung kam vor dem Gesetz, auch vor jenem so heiligen Gesetz wie dem der Sabbatruhe“. Die Gesetzeslehrer „tadelten ihn, da er am Sabbat heilte, am Sabbat Gutes tat. Doch die Liebe Jesu bestand darin, die Gesundheit zu bringen, das Gute zu tun, und das tat er immer“.“

Glaube entsteht durch das Hören und äquivalentes Handeln. Das Gute verkünden und tun, anstatt das Gesetz zu lehren, das wäre doch mal ein guter Ansatz für unsere Bischöfe.

4 Kommentare 10.6.15 14:19, kommentieren

Für einen festen Ostertermin

Franziskusbashing ist zum neuen "Volkssport" katholischer Tradis in der Blogözese geworden. Aktuell geifern sie um die Wette, weil Franziskus sich für einen gemeinsamen Ostertermin mit den orthodoxen Kirchen ausgesprochen hat, um die Einheit des Christentums voranzutreiben (etwa hier oder hier). Als festen Termin schlägt er den zweiten Sonntag im April vor, was der eigentliche Grund für die ganze Aufregung ist.

Da Jesus vor dem jüdischen Paschafest (Gedenken Israels an die göttliche Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei) gekreuzigt wurde, was nach dem jüdischen Mondkalender immer am 15. Nisan, dem Tag nach dem Frühlingsvollmond, gefeiert wird, schreit man nun Häresie, weil der Papst es wage, an diesen heiligen und historischen Termin zu rühren.
 
Wenn man auch ansonsten mit historisch-kritischer Wissenschaft nicht viel am Hut hat, hier steht man plötzlich Gewehr bei Fuß: Zum Schutz des historischen Paschatermines.

Dabei spielt der jüdische Pascharitus für das christliche Osterfest eine untergeordnete Rolle. Dies stellt auch Joseph Ratzinger in seinem Jesusbuch heraus, wenn er die unterschiedliche Chronologie der letzten Stunden Jesu zwischen den Synoptikern und dem Johannes-Evangelium diskutiert.

"Johannes hat recht damit, dass die jüdischen Autoritäten zur Zeit des Prozesses Jesu vor Pilatus das Pascha noch nicht gegessen hatten und sich dafür noch kultisch rein halten mussten. Er hat recht damit, dass die Kreuzigung nicht am Fest stattgefunden hat, sondern am Vortag des Festes. Das bedeutet, dass Jesus gestorben ist zu der Stunde, zu der im Tempel die Pascha-Lämmer geschlachtet wurden. Dass die Christen darin später mehr als einen Zufall erblickten, dass sie Jesus als das wahre Lamm erkannten, dass sie den Ritus der Lämmer gerade so zu seinem wirklichen Sinn geführt fanden – das ist dann nur normal. [...]
Eines ist in der gesamten Überlieferung deutlich: Das Wesentliche dieses Abschiedsmahles war nicht das alte Pascha, sondern das Neue, das Jesus in diesem Zusammenhang vollzog. Auch wenn das Zusammensein Jesu mit den Zwölfen kein Pascha-Mahl nach den rituellen Vorschriften des Judentums gewesen war, so wurde in der Rückschau der innere Zusammenhang des Ganzen mit Tod und Auferstehung Jesu sichtbar: Es war Jesu Pascha. Und in diesem Sinn hat er Pascha gefeiert und nicht gefeiert: Die alten Riten konnten nicht begangen werden; als ihre Stunde kam, war Jesus schon gestorben. Aber er hatte sich selbst gegeben und so wirklich gerade Pascha mit ihnen gefeiert. Das Alte war so nicht abgetan, sondern erst zu seinem vollen Sinn gebracht."

Wir sind als Christen nicht mehr an die Riten und Feiern gebunden, die sich an Naturphänomenen orientieren. Das letzte Abendmahl war kein jüdisches Pascha-Mahl, sondern etwas Neues. Durch die Menschwerdung Gottes, seinen Tod am Kreuz und die Auferstehung sind wir durch die Taufe von der Sünde befreit und erlöst. Das christliche Leben ist nun ein dauerndes Paschafest, wir sind für immer aus der Sklaverei befreit.

Und deshalb kann Paulus auch die Christen in Galatien ermahnen, weil sie andere alte Riten und Gebräuche nicht hinter sich zu lassen wollen:

"Wie aber könnt ihr jetzt, da ihr Gott erkannt habt, vielmehr von Gott erkannt worden seid, wieder zu den schwachen und armseligen Elementarmächten zurückkehren? Warum wollt ihr von neuem ihre Sklaven werden? Warum achtet ihr so ängstlich auf Tage, Monate, bestimmte Zeiten und Jahre?" (Gal 4,9f)

Der Vollmond und die Jahreszeit haben keinerlei Bedeutung für den Christen, die Einheit der Christenheit ist gegenüber der Datierung des Ostertermins ein viel höheres Gut. Franziskus ist in seinem Bestreben zuzustimmen. Der zweite Sonntag im April wäre eine gute Lösung.

15.6.15 16:31, kommentieren

Reaktionen der Rechtgläubigen

Nach der sensationellen Enzyklika des Papstes gelingt es einem Großteil konservativster Katholiken kaum noch Contenance zu wahren. Mit seiner Kapitalismuskritik trifft er den Nerv vieler Wohlstandschristen, die sich "in Eden, im Westen, einen Garten" angelegt haben. Päpste, die gegen Abtreibung und eine unnatürliche, moderne  Sexualmoral wetterten, die konnte man gut in das eigene Weltbild integrieren. Doch jetzt trifft es nicht mehr die anderen, jetzt steht man selbst im Fokus moralischer Fragwürdigkeit. Das ist unangenehm und nach eigenem Bekunden einfach nur falsch.

Peter Helmes formuliert es auf dem äußerst fragwürdigen katholischen Blog Conservo ganz frei heraus: "Nein, Eure Heiligkeit, so geht es nicht." Holokaustleugner "Senatssekretär FREISTAAT DANZIG" ist so begeistert von dem kritischen Beitrag, dass er den Text prompt auf seinem rechtsradikalen Blog verlinkt. Bei Conservo fühlen sich diese Jungs offensichtlich wohl (vgl. hier).

Auch Alexander Kissler belehrt den geneigten Leser, dass der Papst Unkatholisches und Unbiblisches vorträgt. Die christliche Erlösungsbotschaft ergeife den Einzelnen und nicht die Gemeinschaft. Individualismus und nicht Sozialismus will er wohl sagen. Müssen die in der Urgemeinde wohl falsch verstanden haben, als sie alles teilten und sich als Gemeinschaft (ekklesia), als der eine Leib Christi verstanden. Der Einzelne funktioniert christlich nur in der Gemeinschaft.

Zu allem Überfluss legt der Papst jetzt aber auch noch einen drauf und behauptet, dass, wer in Waffen investiert, diese exportiert, herstellt und verkauft, kein Christ sein könne. Das ist natürlich ganz harter Tobak, das können gerade amerikanische Katholiken so nicht stehen lassen. Kein Wunder also, dass die jetzt gemeinsam mit ihren katholischen Politikern in heller Aufregung sind. kath.net berichtet auch sorgsam darüber. Doch müssen wir als drittgrößter Waffenhändler natürlich nicht mit dem Finger auf andere zeigen, wir sind schließlich auch bombig im Geschäft.

So manch einer wird nun sehnsüchtig an die Zeiten denken, als man noch selbstgefällig auf die Schwulen und die Abtreibungszahlen verweisen konnte und sich dieses wohlig-katholische "Ich bin auf der richtigen Seite" einstellte. Das ist jetzt vorbei. Wir alle sind am Töten in der Welt beteiligt.

Und dem einen oder anderen geht vielleicht auch so langsam auf, dass das Pudern der Rechtskatholiken rund um die Piusbruderschaft ein riesiger Fehler des vorigen Pontifikates war. Der Aachener Bischof Mussinghoff bringt es aktuelle ganz gut auf den Punkt, wenn er einen Schlussstrich unter die Verhandlungen mit den Piusbrüdern fordert und die Umformulierung der Karfreitagsfürbitte durch Benedikt XVI kritisiert.
 
Die Piusbrüder und deren Sympathisanten sind genau die Leute, die nun am schlimmsten gegen den Papst und seine Enzyklika wettern. Die Hetze auf katholisches.info ist kaum zu ertragen. Papsttreu ist man halt nur so lange, wie der Papst das eigene rechte Programm verkündet. Doch die Zeiten sind nun endgültig vorbei.
 
Spannend ist in diesem Zusammenhang noch die Tatsache, dass kath.net zwar über die Äußerungen Mussinghoffs berichtet, der Kommentarbereich aber deaktiviert ist. Das kommt äußerst selten vor, eigentlich nur dann, wenn man befürchtet, dass der Kommenattorenmob außer Kontrolle gerät. Franziskus sorgt ganz schön für Wirbel.  Und das ist gut so!
 

23.6.15 07:30, kommentieren

Leseempfehlung

Sonja Strube, die sich bereits in der Vergangenheit im innerkirchlichen Kampf gegen rechte und rechtsextrem Tendenzen bewährte, hat einen neuen Sammelband zum Thema veröffentlicht. katholisch.de hat sie dazu interviewt: "Schockierende Beobachtungen".

1 Kommentar 26.6.15 15:19, kommentieren

Das Heulen der Angstmacher

kath.net bewirbt einen offenen Beschwerdebrief an den Bayrischen Rundfunk aufgrund einer angeblich unsachlichen Sendung über rechte Tendenzen in den christlichen Kirchen. Vehement werden die Grundsätze eines seriösen Qualitätsjournalismus eingefordert.

Gleich unter dem Beitrag prangt auf kath.net dann ein Artikel über den Islam. In der Zwischenüberschrift heißt es: Der gewaltbereite Islamismus ist der wahre Islam.

Ich kenne die Sendung "Angstmacher vom rechten Rand der Kirche" nicht, doch kath.net ist der beste Beweis dafür, dass solche Sendungen dringend nötig sind. Die rechten Moralwächter fühlen sich zur Zeit diffamiert und diskriminiert und heulen lautstark auf, weil man ihnen ihre Diskriminierungen und Bosheiten gegenüber Homosexuellen und Muslimen nicht mehr durchgehen lässt.

30.6.15 11:35, kommentieren