Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Vom göttlichen Marionettenspiel

Bischof Oster stellt auf seiner Facebook-Seite einen Zusammenhang her zwischen dem angeblichen Glaubensverlust der Menschen in Deutschland und dem Flüchtlingsstrom meist bekennender und gläubiger Muslime zu uns. In Anlehnung an die historischen Wüstenerfahrungen der Israeliten, die in der Verwüstung des Gelobten Landes durch die Babylonier und die anschließende Gefangennahme gipfelt, sieht er erzieherische Maßnahmen Gottes, sein Volk wieder zum treuen Glauben zurückzuführen. Und von hier aus denkt er dann weiter in die Gegenwart:
 
"Wenn wir in diesem biblischen Geschehen zwischen Gott und seinem Volk so etwas wie einen geistlichen Zusammenhang sehen können, dann können wir von hier den Blick auf unser Volk hier in Deutschland oder auch auf Europa hin wenden – und davon lernen. [...] Daher erwächst auch in mir die Frage: Werden auch wir als christliches Volk (zugehörig zum gesamten Volk Gottes) in jeder neuen geschichtlichen Situation auch immer wieder neu erzogen? Und wenn ja, bedeutet solche göttliche Pädagogik dann, dass auch wir immer wieder die Chance bekommen, von neuem zum Evangelium, zum Glauben an Christus zurück und in die uns bestimmte Sendung als Volk seiner Kirche geführt zu werden?"

Mir fällt spontan eine Gegenfrage ein: Lässt Gott 6 Millionen Unschuldige ins Gas gehen, um sein Volk zu erziehen? An einen solchen Gott mag ich nicht glauben, ich müsste ihn mit Hiob einen Frevler nennen.

Apropos Hiob... Lehnt dieser nicht ein solches Gottesbild rigoros ab? Seine Freunde reden auf den leidenden Hiob ein und fordern ein Schuldeingeständnis, damit ihr naives Gottesbild, nach dem der Fromme durch Gott beschützt wird und nicht leiden muss bzw. durch göttliche Erziehung dem Leiden ein positiver Sinn abgerungen werden kann, nicht zerbricht. "4,8 Wohin ich schaue: Wer Unrecht pflügt, wer Unheil sät, der erntet es auch. 5:17f Ja, wohl dem Mann, den Gott zurechtweist. Die Zucht des Allmächtigen verschmähe nicht! Denn er verwundet, und er verbindet, er schlägt, doch seine Hände heilen auch."

Diese Rechtfertigung Gottes durch ein solch faules Konstrukt macht Hiob nicht mit. Er, der seine Unschuld beteuert, hadert mit Gott und klagt ihn an, bis dieser sich ihm zeigt und ihm klar macht, dass er als Mensch vieles nicht versteht und weiß. Hiob wird in der Gottesschau wieder demütig und widerruft seine Anklage gegen Gott. Die Freunde allerdings, mit ihren fertigen Antworten und einfachen Theologien, erzürnen Gott.

"Als der Herr diese Worte zu Ijob gesprochen hatte, sagte der Herr zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Gefährten; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob. So nehmt nun sieben Jungstiere und sieben Widder, geht hin zu meinem Knecht Ijob, und bringt ein Brandopfer für euch dar! Mein Knecht Ijob aber soll für euch Fürbitte einlegen; nur auf ihn nehme ich Rücksicht, daß ich euch nichts Schlimmeres antue. Denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob." 42,7f

Und wie Hiob von seinen Freunde, so müssen sich in Osters Konzeption auch die Deuschten fragen lassen, was sie denn nicht alles falsch gemacht haben, dass Gott die Fremden schickt? Nach Oster ist unser Glaube zu schwach, die Abtreibungszahlen sind zu hoch, die Kinder zu wenige und die Familien zu zerrüttet. Zudem ist der Reichtum zu groß und die Innerlichkeit zu gering.

Doch wie Hiob würde ich als einer der Angeklagten sagen: Nein: Wir sind es, die die Flüchtlinge aufnehmen, die Mitleid haben und keine Angst vor Überfremdung, anderen Kulturen und Religionen. Die Ostersche Kritik trifft gerade nicht die meisten Deutschen, sie ist ein faules Konstrukt, um ein Gottesbild aufrecht zu erhalten, mit dem alles Übel in der Welt ganz einfach erkärt werden kann. Doch wir verstehen gar nichts und können nur eines tun: Dem Vorbild Jesu folgen und dem Nächsten in Liebe und Achtung begegnen, sein Wunden heilen und verbinden und so wahren Gottesdienst begehen. Der christliche Weg führt nach außen und nicht in eine wie auch immer geartete Innerlichkeit.

4 Kommentare 3.11.15 16:21, kommentieren

Spiel mit dem Feuer

Im rechtskatholischen Spektrum herrscht helle Aufregung. Es hat Brandanschläge auf das Auto der stellvertretenden AfD-Vorsitzenden und Europa-Abgeordneten Beatrix von Storch und auch auf den Kleinbus der Demo-für-Alle-Organisatorin Hedwig von Beverfoerde gegeben. Zudem wurde der Blogger Josef Bordat, der sich kritisch zu diesen Gewalttaten äußerte,  per E-Mail bedroht (hier). Wie die feigen Anschläge auf Flüchtlingsunterküfte sind auch diese Taten auf's Schärfste zu verurteilen. Sie werden von feigen Extremisten begangen, die im Schutze der Nacht und der Anonymität handeln. Ich hoffe, dass sie polizeilich verfolgt und gefasst werden und für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden.

Dennoch möchte ich noch einen kritischen Gedanken formulieren, vorab aber deutlich machen, dass dieser keine Relativierung oder Rechtfertigung für solche Verbrechen sein soll!

Wer mein Blog kennt, der weiß, wie ich zur AfD, zu Pegida und bestimmten neurechten Medien stehe. Ich halte es mit einer christlichen Grundhaltung für unvereinbar, sich mit diesen Kreisen gemein zu machen. Wie kann man als Christ den rechtsradikalen Organisatoren der Pegida hinterherlaufen? Wie kann man sich in einer Partei engagieren, die von Leuten geführt wird, deren Sprache auf NPD-Niveau liegt? Wie kann man Medien nutzen, die Hetze gegen Ausländer und Muslime toleriert?

Hier machen sich Christen mit Menschen und Institutionen gemein, die genau das, was sie jetzt verurteilen, nämlich Hetze und Gewalt gegenüber Andersdenkenden, in großem Stile befeuern. Zwei Beispiele:

Alle Stars der rechtskatholischen Szene halten die "Junge Freiheit" für ein geeignetes Medium für die Veröffentlichung ihrer Texte und Gedanken. Gerade im Zusammenhang mit den oben erwähnten Brandanschlägen wird sie als einzig aufrechtes und objektives Medium gelobt und oft verlinkt.

Schaut man sich aber einmal an, wer dort sonst noch so veröffentlicht und wie unter diesen Texten kommentiert wird, sollte man als Christ doch vielleicht ein wenig ins Grübeln kommen. So ist Michael Paulwitz einer der regelmäßigen Publizisten, Mitglied bei den Republikanern, gerne gesehener Redner bei diversen rechtsextremen Gruppen. Unter seinem aktuellen Beitrag bekommt man dann auch einen Eindruck davon, wie das System "Jungen Freiheit" funktioniert und wer dort kommentiert. Paulwitz weiß sein Klientel zu füttern. In einem sachlich klingenden und eloquenten Ton gibt er den Lesern zu verstehen, dass Deutschland aufgrund einer handlungsunfähigen politischen Führung  unaufhalsam auf eine Katastrophe zusteuert. Das, was er geschickt zwischen den Zeilen transportiert, sprechen die Leser dann in den Kommentaren aus: Es wird zu einem Bürgerkrieg kommen, Gewalt aus Notwehr ist die einzige Möglichkeit, die noch bleibt.

Und in diese Stimmung kommen dann unsere verehrten Mitchristen und faseln von Christenverfolgung in Europa aufgrund eines linksgrünhomofeminismusversifften Genderumerziehungsprogramms und verfassen gleichzeitig Petitionen gegen Hetze und Gewalt. Dabei füttern sie die Gewaltbereiten doch nur weiter an.

Um hier nicht falsch verstanden zu werden. Ich möchte nicht die vorgebrachte Kritik z.B. an der Genderforschung unterbunden wissen. Ich halte es aber für angebracht, dies nicht auf Medien der Neuen Rechten zu tun, wo diese Kritik zum Brandbeschleuniger werden kann.

Ein zweites, konkreteres Beispiel: Auf dem Blog "Christliches Forum" ist aktuell ein Beitrag von Peter Helmes zu lesen, dessen eigenes Blog ich hier auch schon kritisiert habe (vgl. hier). Das Christentum in Deutschland wird als von satanischen  Kräften durchzogen dargestellt, ein Christentum, das sich im Niedergang befinde, weil es sich mit Gender beschäftige und einen neuen Menschen schaffen wolle. In Abgrenzung dazu werden nun die Pegida-Demonstranten als friedvolle Bürger gezeichnet, die den Finger in die Wunden Deutschlands legen und den Niedergang aufhalten wollen. Die politische Korrektheit des Lügenpressesystems in Deutschland sei aber so nahe am islamischen Schariasystem, dass wir alle die verteufelten, die uns zeigen, dass wir Menschen in unser Land holen, die nicht bereit sind, die Grundwerte unserer Nation anzunehmen. Jeder Neonazi wird diesem Statement zujubeln, Helmes Blog belegt das auf beeindruckende Weise.

Letztendlich fallen diese Leute allen Christen in den Rücken, die sich für eine bessere Welt engagieren, die den Flüchtlingen helfen und so das Evangelium in die Welt tragen. Die rechten Bedenkenträger haben vielleicht noch nicht verstanden, dass gerade die Christen nicht der Meinung sein sollten, alles selbst in der Hand zu haben, einen bessere Welt oder einen besseren Menschen formen zu können. Christen vertrauen darauf, dass sie der Heiligen Geist darin unterstützt, was sie entlastet. Unsere Aufgabe ist zu helfen und zu heilen. Mehr können wir nicht tun, aber das können wir tun.
 
Rechte Propaganda ist aber das Gegenteil davon. Die Rechtsradikalen beschmutzen das christliche Abendland und damit das Evangelium, weil sie den Nächsten, den Fremden beschmutzen und das Schlechteste von ihm erwarten. Wer sich als Christ an deren Seite stellt, sollte das Wort Christenverfolgung meiden. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, das nichts mit dem Christentum zu tun hat!

Ich fühle mich als Christ in Deutschland jedenfalls nicht verfolgt!

2 Kommentare 7.11.15 10:27, kommentieren

Verweltlichung jetzt!

Aktuell kann man auf beeindruckende Weise beobachten, wie sich ein selbstreferenzielles System, wie die Lehre der katholischen Kirche, in sich abgeschlossen und entweltlicht hat. Nach der Familiensynode in Rom, die Franziskus mitunter durchgeführt hat, um diese Selbstreferenzialität zu durchbrechen und eine kulturspezifische "Inkulturation" des christlichen Glaubens zu ermöglichen, stellt sich Kardinal Müller, oberster Glaubenshüter der katholischen Kirche, hin und fordert schlicht und einfach den Gehorsam gegenüber der kirchlichen Lehre (hier).

Dabei wäre es gerade jetzt nach der Synode angebracht, das Evangelium nicht zu "indoktrinieren", wie Franziskus es formuliert, es nicht zu "toten Steinen" zu machen, sondern in die Welt zu gehen und die Frohe Botschaft eben zu inkulturieren. Kardinal Müllers Aufgabe sollte es also weniger sein, kulturübergreifenden Gehorsam einzufordern, sondern vielmehr seine deutschen Mitbrüdern im Bischofsamt darin zu unterstützen, das Evangelium der Familie zu verweltlichen. Denn dies wäre bitter nötig!

Nicht bei der normalen Bevölkerung, die ist sich ihrer christlichen Verantwortung sehr bewusst, wenn es darum geht, dem Nächsten zu helfen. Doch die deutschen Eliten, gerade die, die gerne mit dem Christlichen hausieren gehen, bräuchten dringend Nachhilfe in Familienfragen und Nächstenliebe. Beginnen könnte Müller bei seiner Freundin Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die aufgrund der Flüchtlingsströme nicht nur ihr Golfspiel gefährdet sieht, sondern mit einen dritten Weltkrieg rechnet (hier).

Weiter könnte er sich den Christdemokraten Thomas de Maizìere vorknöpfen, der nun wirklich der beste Beweis dafür ist, dass die Lehre der Kirche aus ihrem vatikanischen Elfenbeintürmchen nicht in die Welt dringt. Der ist nämlich der Meinung, man müsse den Familiennachzug von Asylanten verhindern. Familie auf christdemokratisch...

Mensch Müller, nicht einmal bis in die CDU, von der zur Zeit mit rechtspopulistischen Sprüchen agierenden CSU ganz zu schweigen, dringt das leise Flüstern des Evangeliums der Familie, da gibt es noch viel zu tun. Könnten Sie dieses antichristliche Gebaren nicht einmal anprangern, statt mit Allgemeinplätzen aus der Mottenkiste zu hantieren? Die Familien würden es Ihnen danken!

Ihr Jungs in der Glaubenskongregation habt euch nun 50 Jahre entweltlicht, fangt endlich einmal mit der Verweltlichung des christlichen Glaubens an und helft den einfachen Menschen! Mit einer barmherzigen Einzelfallprüfung bei wiederverheiratet geschiedenen bayerischen Eliten habt ihr doch auch ein großes Herz, obwohl sie sich in der CSU engagieren. Macht's beim normalen Volk einfach genauso, dann ist allen geholfen! Also, raus aus dem elitären Kämmerlein und rein in die weite Welt!

9.11.15 11:13, kommentieren

Nach den Anschlägen

Was kann man nach einer solchen Schreckensnacht tun, außer sein Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen und zu beten? Vielleicht eines noch: Klaren Kopf bewahren. Horst Seehofer war dazu leider nicht in der Lage. Er nutzt die Terroranschläge für seine Flüchtlingspolitik und spielt den Terroristen in die Karten, wenn europäische Werte wie die Menschenrechte verraten und verkaufen werden.

Vielleicht muss man ihn daran erinnern, dass die Terroristen der vergangenen Anschläge in Frankreich keine Flüchtlinge, sondern Franzosen waren. Vielleicht muss man ihn daran erinnern, dass Frankreich lediglich 30000 Flüchtlinge aufgenommen hat. Einen Zusammenhang zwischen dem Flüchtlingsproblem und den Anschlägen herzustellen ist vor diesem Hintergrund wirklich billigster Populismus.

14.11.15 12:54, kommentieren

Matusseks Entweltlichung

Das katholische Abenteuer - Zweiter Teil der Provokation -  Umgeben von Arschlöchern!

17.11.15 20:02, kommentieren

Braune Zeiten

Wir leben in Zeiten von Arschlöchern und Idioten, das hat Matthias Matussek uns ja zuletzt schon verdeutlicht. Heute legte AfD-Fraktionschef Gauland, ein ausgewiesener Experte im Umgang mit diesem Klientel, nach und nennt Flüchtlingshelfer nützliche Idioten. Die Terroristen des Islamischen Staates werden sich über diesen nützlichen Idioten ein Loch in den Arsch freuen.

1 Kommentar 18.11.15 19:02, kommentieren

Christliche Werte? Wo?

Egal wohin man in diesen Tagen schaut, überall werden unsere Werte, die ja christliche sein sollen, hochgehalten. Diese gelte es zu verteidigen, vor allem gegenüber den Teroristen des Islamischen Staates (IS). Nun ist der Begriff "Wert" ein weiter, über was reden wir hier eigentlich?

Prof. Pater Karl Wallner, der Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, deutete es vor ein paar Tagen in einem Statement schon an, vieles von dem, was wir als unsere Werte beschrieben, möchte er als Christ gar nicht verteidigt wissen.

"Wir müssen unsere WERTE verteidigen.' Unter 'Werten' versteht man dabei einen orientierungslosen Tolerantismus, der hedonistisch, identitätsvergessen und daher schwach ist. Das einzig 'Starke' an diesen sogenannten 'Werten' sind oft nur die antichristlichen Ressentiments. DIESE Werte will ich nicht verteidigt wissen. Sie gehören schleunigst ersetzt durch ein echt christliches Welt- und Menschenbild, das eben deshalb liebevoll offen ist, weil es auch Maßstäbe hat, um Identität zu bilden und Normen zu setzen. Eine Beschwörung von genau jenen 'Werten', die der eigentliche Grund für diese ungeheure Destabilisierung Europas sind, ist das, was uns am allerwenigsten in eine friedliche Zukunft hilft."

Jetzt bleibt Wallner trotz einiger Schlagworte, die mehr andeuten als ausführen, relativ unkonkret. Genau das wäre aber die spannende Frage, was verstehen wir denn als unsere Werte, als christliche Werte? Ist Toleranz etwa kein Wert? Ist die Vermeidung von Schmerz und Leid, wie die Philosophie Hedonismus versteht, nicht erstrebensWert? Wallner macht es sich hier zu einfach, was mitunter zu genau den von ihm angesprochenen antichristlichen Ressentiments führen kann.

Nicht, dass ich nicht auch der Meinung wäre, dass dies dringend nötig wäre, über christliche Werte zu sprechen, deshalb verfasse ich ja gerade diesen Beitrag. Aber um mit Menschen unserer Tage in dieses Gespräch einzusteigen, brauch es mehr als diese abstrakten Bekundungen, es braucht eine starke und nachvollziehbare Argumentation. Das ist nämlich auch ein Wert, der sich aus der christlichen Kultur heraus entwickelt hat. Eine Position, ein Wert muss sich in einer harten Auseinandersetzung bewährt haben, er muss rational nachzuvollziehen sein, einer Kritik standhalten. Eine mitleiderregende Opferhaltung bringt uns hier nicht weiter.

Ein Beispiel: Wenn die katholische Lehre davon spricht, dass der Mensch auf Gemeinschaft ausgerichtet ist, dass seine Existenz auf Partnerschaft, in der auch Sexualität ihren Ort hat, abzielt, dann kann man den Menschen der Moderne kaum noch vermitteln, dass dies nach Gottes Wille für homosexuelle Menschen nicht gelten kann. Selbst mit der biblischen Botschaft ist das kaum mehr zu halten, da Paulus eindeutig sagt, dass jemand, der nicht für das enthaltsame Leben von Gott berufen wurde, dieses auch nicht anstreben sollte, da dies zum Bösen führe (1Kor7,5). Die Kirche muss sich an dieser Stelle also nicht über antichristliche Ressentiments wundern, sie sind hausgemacht, wenn eine Lehre ohne nachvollziehbare Begründung aufrecht erhalten wird, weil man vielleicht befürchtet, dass sich das ganze perfekte Lehrgebäude in Luft auflöst.

Dabei wäre es ganz wichtig, den Menschen zu zeigen, dass auch das Christentum sich weiter entwickelt, dass vieles nur in Menschenwort formuliert ist, das niemals die ganze göttliche Wahrhheit enthalten kann. Gerade das würde uns vom perfekten (Un-)Glaubenssystem der Terroristen unterscheiden, in dem es weder Zweifel noch Unsicherheit gibt, wo es nur gut und böse, schwarz und weiß gibt und das Böse mit gutem Gewissen geköpft werden kann.

Christentum kann gar kein vergleichbar perfektes System sein: Jesus selbst kennt in seiner Menschlichkeit den Zweifel, den Schmerz und die Gottverlassenheit. Doch Gott ist auch in diesen Gefühlen anwesend und erweist sich als Herr über den Tod. Er bietet uns damit an, es dem Herrn gleichzutun: Gewaltlosigkeit bis in den Tod hinein, ein Leben für den Nächsten, um das Reich Gottes aufzurichten. Und in dieser Gemeinschaft gilt mit Paulus dann:

Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus. (Gal 3,28)

Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit. Das sind christliche Werte. Und wie steht es um diese Werte? Freiheit gilt im Westen doch vor allem für die Märkte, die Freiheitsrechte des einzelnen werden gerade jetzt wieder massiv zurückgefahren, das Vorzeigeland der Freiheit ist bereits ein Überwachungsstaat. Trotzdem nimmt sich das westliche Wirtschaftssystem die Freiheit, die Welt mit Waffen zu beliefern, der Markt muss ungezügelt frei zu immer größeren Gewinnen führen. Das ist wichtig. Ob dadurch die Freiheit anderer eingeschränkt wird, spielt keine Rolle, da haben wir kein schlechtes Gewissen.

Und auch viele Christen sind nicht viel besser, sie fordern die Schließung der Grenzen und die Rückführung von Flüchtlingen. Selbst hier gibt es offenbar einen Unterschied zwischen der eigenen Freiheit und der Freiheit der anderen. Die interessiert hier nicht. Christliche Werte?

Gleichheit?  Nach den schrecklichen Terrorschlägen in Paris betrauern wir 129 Tote, wir veranstalten Lichterketten und die Nachrichtensender berichten in einer Dauerschleife über die tragischen Schicksale der getöteten Menschen. Gleichzeitig erfährt man aber über unsere Medien kaum etwas über die tausenden zivilen Todesopfer unserer westlichen Luftschläge und Drohneneinsätze. Diese Menschenleben spielen für uns so gut wie keine Rolle. Keine Lichterketten, keine Berichte, keine Empörung, nichts. Selbst amerikanische Drohenpiloten melden sich mittlerweile zu Wort und warnen vor diesem Wahnsinn, der geradezu als Terroristenzüchtung bezeichnet werden muss. Christliche Werte?

Und auch einige fromme Christen betonen landauf, landab, dass die Muslime gefährliche Gottgläubige sind, denen man möglichst keine weiteren Moscheen bauen sollte. Gleichheit?

Geschwisterlichkeit? Gerade in der Flüchtlingsfrage zeigt sich, dass es zwischen den europäischen Nationen keine Geschwisterlichkeit gibt. Und da ist Deutschland nicht viel besser als das katholische Polen oder Tschechien, die Hilfe für Flüchtlinge einfach ablehnen. Wir verpacken das nur clever in Verträgen, die die südlichen Länder dazu verdammen alle Flüchtlinge zu behalten. Christliche Politiker pochen nun wieder auf diese Verträge und wollen alle Flüchtlinge zurück in die Einreiseländer schicken. Christliche Werte?

Auge um Auge, Zahn um Zahn, jeder für sich, so viel er kriegen kann, das ist Europa, wie man es teilweise beobachten kann. Und genau das wirft uns auch die Propaganda des IS vor und schlachtet es für ihre Zwecke aus. Schaut euch dieses verlogene radikalkapitalistische System doch an. Es tötet uns nach belieben und verdient sich damit noch eine goldene Nase. Diesem Teufel müssen wir den Kopf abschlagen. In eine ähnliche Rhetorik dürfen wir auf keine Fall verfallen! Das wäre fatal. Doch die Kriegsrhetorik ist nicht mehr weit von diesem Niveau entfernt.

Der IS ist allein militärisch nicht zu besiegen, ist er doch gerade ein Produkt des Krieges. Der Krieg ist seine Lebensgrundlage. IS besiegt man, indem man christliche Werte wirklich lebt und zeigt, dass unser System Menschen in Not beisteht, den Schwachen hilft und den Bedrängten schützt. Flüchtlingen, gerade wenn sie Muslime sind, zu helfen ist unsere Christenpflicht und die stärkste Waffe gegen die IS-Propaganda, die uns in einen Krieg ziehen will, in dem wir unsere Werte verraten, wie wir es leider oft genug schon getan haben, so dass sich die propagandistischen Sätze bewahrheiten und das Ungeheuer wächst.

Und so kann man sich nur wundern, wenn gerade Christen sich von rechten Parteien und Gruppierungen missbrauchen lassen und so Verrat an den christlichen Werten betreiben. Fangen wir an, zuerst einmal in der Kirche wieder christliche Werte zu leben, Franziskus macht es vor und wird dafür von den gleichen Scharfmachern diffamiert, die jetzt nach Abschottung rufen und den Islam diffamieren; die für Unfreiheit, Ungleichheit und Unterordnung stehen und damit die Freiheitsbotschaft des Evangeliums verkaufen. Und wenn wir in der Kirche auf einem guten Weg sind, dann gelingt es uns vielleicht auch wieder, christliche Werte in Europa und in der Welt zu etablieren...

1 Kommentar 19.11.15 18:29, kommentieren