Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Sind Künstler die besseren Prediger?

Ein EDEKA-Werbespot auf Youtube erregt die Gemüter im Land. Der weihnachtliche Besuch eines einsamen alten Mannes wird von dessen großer Familie alljährlich auf das kommende Weihnachtsfest verschoben. Immer wieder sitzt er alleine neben dem Tannenbaum an einer großen, leeren Tafel. Doch dann handelt er und verschickt die eigene Todesanzeige, was zur Folge hat, dass die gesamte Familie pünktlich zum anstehenden Weihnachtsfest erscheint und überglücklich mit dem lebenden Opa feiert.
 
Das Land fragt sich nun: Darf man das? Darf man einen solchen Werbespot drehen, auf die Tränendrüse drücken und so mit den Gefühlen der Menschen spielen, um für eine Supermarktkette zu werben?

Was mich an der ganzen Diskussion stört, ist nicht der Werbespot. Den finde ich ziemlich genial. Werbung ist doch schon lange von Produkten losgelöst und zu einer Art Kunst geworden. Die Macher sind wahre Profis in ihrem Geschäft, Künstler eben. Ob EDEKA nun einen  Kunden mehr bekommt, wage ich nicht zu prognostizieren, ich gehe da jedenfalls nach wie vor nicht einkaufen, finde es aber super, dass Wirtschaftsunternehmen solche Kunstwerke in Auftrag geben.

Nein, was mich wirklich stört ist, was in all den positiven wie negativen Kritiken deutlich wird: Von Weihnachten und dem Christentum haben die meisten Schreiber keine Ahnung, mehr als ein heimeliges Familienfest scheint Weihnachten für all jene nicht zu sein. Wie traurig.

Der Spot ist da um Lichtjahre weiter, bewusst oder unbewusst, das ist bei Kunstwerken halt so. Wenn Weihnachten der Menschwerdung Gottes gedenkt, der sich in Jesus Christus erniedrigt hat, um den Menschen das Reich Gottes zu schenken, dann bedeutet das, dass er auch alles menschliche Leid, alle positiven wie negativen menschlichen Erfahrungen mit uns teilt. Und die schrecklichsten lässt dieser Gott nicht aus: Flucht, Verfolgung, Folter, Schmerz, Leid und Tod. Das Folterinstrument Kreuz ist deshalb zu dem wichtigsten christlichen Symbol geworden, das schwarze Kreuz fehlt auch in der Todesanzeige des Werbespottes nicht...

Doch die Liebe Gottes ist stärker als der Tod. Der Totgeglaubte lebt, er feiert mit seiner Familie. Und in seinem Reich fehlt es uns an nichts, alles ist in Fülle vorhanden. Das Kreuz gehört zu Weihnachten und ohne Ostern hat Weihnachten keine Bedeutung. Wie hätte Papa uns denn sonst alle zusammenbringen können? Danke EDEKA, für diesen wunderbaren Weihnachtsspot!

2 Kommentare 2.12.15 11:37, kommentieren

Gegen massive Widerstände

Wie symbolträchtig! Franziskus öffnete heute die Heilige Pforte des Petersdomes und eröffnete damit das Jahr der Barmherzigkeit. Diese müsse dem Gesetz vorangestellt werden, predigte er im Anschluss. Das verlinkte Video zeigt, wie schwer es ihm fiel, das Heilige Tor der Barmherzigkeit in der katholischen Kirche zu öffnen. Aber er hat es geschafft. Hoffen und beten wir, dass in Zukunft nicht wieder die Gestzeslehrer die Oberhand gewinnen und Türen und Tore wieder verrammeln.

8.12.15 20:34, kommentieren

kath.net und der Front National

Kath.net feiert die Annäherung zwischen der katholischen Kirche in Frankreich und dem rechtsextremen Front National. Ich frage mich, wie lange die verantwortlichen Bischöfe in Deutschland und vor allem Österreich dem Treiben dieses rechtskatholischen Portals noch zuschauen?
 
Sollte die Stimmung gegen alles Fremde in unseren Ländern noch weiter kippen, dann werden sich die Hirten ihre Hände nicht in Unschuld waschen können. Sie haben tatenlos zugesehen, wie innerhalb der Kirche Front National, Pegida und AfD beworben und verteidigt wurden. Ich schäme mich als Katholik für diese meine blinden und tatenlosen Bischöfe!
 
Kardinal Marx meinte in Bezug auf das rechtskatholische Treiben im Internet, dass Verbloggung zu Verblödung führen könne. Man müsste ihm antworten, dass Ignoranz und Borniertheit eine Steigerungsform der Verblödung sind.

12.12.15 12:42, kommentieren

kath.net Doppelmoral

Dass die Moralwächter von kath.net auf dem rechten Auge blind sind, zeigt die fehlende Kritik an einer ziemlich geschmacklosen Werbeanzeige der "Junge Alternative NRW", für die kath.net Ikone Beatrix von Storch wirbt. Was hat man seinerzeit nicht alles aus den Tiefen des Weltbildverlages ans Tageslicht gezerrt, um die deutschen Bischöfe in Verbindung zu angeblich pornographischer Literatur zu bringen. Bei der rechtskatholischen Vorzeigeadligen ist man da scheinbar toleranter. Da ist es kein Problem, dass "Geld mit der Ware Frau" gemacht wird...

16.12.15 11:49, kommentieren

Selbständige Kleinunternehmer gegen Flüchtlinge

Es wäre schon fast lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Kurz vor Weihnachten wurde in rechtsextremen (PI, Pro-Bewegung, Junge Freiheit, etc.) und rechtskatholischen Kreisen (z.B. hier) darauf hingewiesen, dass Jesus kein Flüchtling bzw. Asylant war. Die Nähe zwischen dem Gottessohn und den Millionen flüchtender Menschen weltweit scheint bei diesen Leuten ein Unbehagen auszulösen, das es auszumerzen gilt. So fürchteten sie wohl zurecht die vielen weihnachtlichen Predigten der "linken Gutmenschen-Priester", die diesen Kontext einfach dreist behaupten würden. Gott wird Mensch und er wird verfolgt, bis ans Kreuz.

Jetzt kann man über den historischen Wert der beiden Weihnachtsevangelien trefflich streiten, doch gerade die Tradifraktion ist eigentlich stets empört, wenn Theologen die Geschichtlichkeit der beiden bunten Erzählungen infrage stellen (vgl. hier). Doch jetzt plötzlich passt die vor dem jüdischen Machthaber füchtende Familie gerade nicht so recht in die konservative Weltsicht, Flüchtlinge will man nicht und das muss auch christlich und biblisch zu begründen sein. Also geht man an die Texte ran, um zu zeigen, dass Jesus eben kein Flüchtling war. Wäre er einer, stünde man wohl vor einem riesigen Dilemma, und das will die rechtsdrehende Kultur absolut nicht. Und so geht politische Haltung vor Evangelium. Besonders peinlich sind in diesem Zusammenhang auch die Länder, die als stramm katholisch gelten. Über die polnische katholische Kirche kann man nur noch fassungslos den Kopf schüttel. Johannes Paul II würde aus dem Rollen im Sarg gar nicht mehr herauskommen.

Ein besonders lustiger Beitrag gelingt Alexander Kissler. Jenseits jedweder wissenschaftlichen Fundendierung macht er Josef kurzerhand zum selbständigen Handwerker. Wie viele Eselkarrengespanne mag der Kleinunternehmer aus der Metropole Nazareth wohl betrieben haben? Kissler biegt sich die biblische Absicherung seines kleinbürgerlichen Weltbildes passgenau hin. Ein armer Jesus, weiß er zu berichten, gehört ins Reich der Legenden. Und dort trfft er dann Kisslers Kleinunternehmer-Familie endlich wieder, der Glückliche...

Aber letztendlich ist dieser exegetische Amok nötig, damit gegen Menschen polemisiert werden kann, die sich für Flüchtlinge einsetzen. In Anlehnung an Chesterton, der den Hochmut als Quelle allen Übels diagnostizierte, legt Kissler dann auch richtig los:

"In diesem Sinn werden die verbliebenen 28 Prozent an Weihnachten zahllose Predigten einer sehr satten und sehr stolzen Kirche hören. Es ist ein Stolz, der im Gewand der Demut daherkommt und keinen Raum lässt für Zweifel, für Nachfragen, keinen Raum für das heilige Spiel und den missionarischen Imperativ. Seht her, wird es zwischen Trompetenklang und Weihrauchduft heißen, seht her, wie sehr wir doch auf dem richtigen Pfad sind, wie geschlossen wir der richtigen Politik applaudieren, wie wunderbar wir in diese Welt hinein passen. Vielleicht ist der Letzte, der das Licht bald ausmacht, schon geboren."

Und tatsächlich, so lange Menschen ertrinken, erfrieren und zerbombt werden, bin ich froh um jeden der hilft, anstatt sich an heiligen Spielchen zu erfreuen. Nichts anderes hat Jesus getan, als er Reich Gottes und eben nicht das Reich der formenschönen Spielchen schuf; trösten, speisen, heilen. Für bunte lateinische Messen ist dann später noch Zeit. Und Kissler kann  ja in der Zwischenzeit schon einmal das Licht anmachen, er hat ja nichts zu tun, auf dem falschen Pfad.

2 Kommentare 28.12.15 15:25, kommentieren

Die Wahrheit befreit

Ein Kommentar wie ein Donnerschlag.
 
"Nun fordert Gänswein den Rücktritt des Domkapitels. Dass ich nicht lache. War es nicht Papst Benedikt persönlich, der Tebartz van Elst auf die Liste setzte? Wer übernimmt die Verantwortung für diese Entscheidung? Wer übernimmt die Verantwortung dafür, dass gerade im Falle Tebartz informelle Zirkel an den regulären Verfahren vorbei  Personalpolitik machten? Limburg steht für das Scheitern eines Systems von informeller Machtausübung in der Kirche. Bis heute hat weder in Rom noch in Köln noch sonstwo  jemand Verantwortung für sein verhängnisvolles personalpolitisches Netzwerken im Hintergrund  übernommen. Wie auch? Es ist ja das Wesen des Informellen, Macht auszuüben, ohne dabei Verantwortung zu übernehmen. Nur ab und zu irrlichtert etwas in die Öffentlichkeit – sowie in diesen Weihnachtstagen die Nebelkerze aus der Kurie.
Es bleibt mir nur noch ein biblischer Begriff, um angemessen zu beschreiben, was in dem besagten Weihnachtsinterview zum Ausdruck kommt: Verblendung."
 
Danke, Pater Mertes!

30.12.15 09:40, kommentieren