Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Theologie und Lehramt

Die Abschlusserklärung internationaler Theologen nach einem Kongress in München hat bei konservativen Bischöfen offensichtlich einen empfindlichen Nerv getroffen, weil sich Theologie darin als korrektives Wächteramt gegenüber dem Lehramt der Kirche versteht. Zunächst kommentierte Bischof Voderholzer, nach Repliken zweier Theologen nun auch Bischof Oster das Dokument.

Letzterer moniert die fehlende Einheitlichkeit der vielfältigen Aussagen der Theologie. Vergegenwärtigt man die Diskussion über eine Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten, kann man eine solche Vielfalt und Widersprüchlichkeit allerdings auch bei den Bischöfen verorten. Es stellt sich die Frage, ob Vielfältigkeit denn überhaupt etwas Problematisches ist?

Schon ein Blick in das Neue Testament lässt eine Vielfalt an theologischen Konzepten erkennen. Diese sind teilweise auch in entscheidenden Fragen durchaus widersprüchlich. Bischof Oster zitiert vorzugsweise aus dem Johannesevangelium, so auch in diesem aktuellen Beitrag.

"Im Johannes-Evangelium (Joh 14,15-16) ist die Liebe zum Herrn Voraussetzung für das immer neue Kommen des Geistes und unser Erfüllt-werden von ihm. Im selben Evangelium ist die Erkenntnis Gottes und seines Sohnes sogar identisch mit dem ewigen Lebens selbst (Joh 17,3)."

In den angeführten Versen kommt jedoch etwas zum Vorschein, das diametral zu den Vorstellungen etwa des Paulus oder der Synoptker steht, die präsentische Eschatologie. Das, was Paulus als Parusie versteht, die zukünftige Wiederkunft des Herrn am Ende der Zeit, kennt das Johannesevangelium gar nicht. In Joh 5, 24-35 ist vielmehr davon die Rede, dass der Gläubige durch den Glauben im Jetzt gerettet wird. Das gilt zeitgleich auch für die Toten, sie hören, glauben und sind damit gerettet und leben. Für Paulus wäre das geradezu eine Irrlehre! Er schreibt in seinem ersten Brief (1Thess 4,13-17):

"Brüder, wir wollen euch über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben. Wenn Jesus - und das ist unser Glaube - gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen. Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die noch übrig sind, wenn der Herr kommt, werden den Verstorbenen nichts voraushaben. Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen; dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt, dem Herrn entgegen. Dann werden wir immer beim Herrn sein."

Vielfalt also schon im Neuen Testament. Aber was ist nun richtig? Eine Frage, die Bischof Oster äußerst wichtig ist:

"Es gibt also so etwas wie ein Richtig und Falsch im Glauben, über das auch die Kirche als Ganze, vor allem aber das Lehramt, entscheiden kann. Freilich ist der eigentliche Maßstab für dieses Richtig und Falsch nicht einfach eine bloß losgelöste Wahrheit theologischer Erkenntnis, sondern letztlich das Maß der Liebe, mit der die bloß theologische Rede bezeugt wird, also die reale Kraft des Heiligen Geistes."

Wir haben jedoch im Christentum das Problem, dass die Offenbarung, wie schon Ratzinger und Rahner konstatierten, hinter Schrift und Überlieferung steht. Offenbarung finden wir nicht einfach in einem beliebigen Vers der Bibel, die Texte sind zuerst einmal Menschenwort. So bedarf es der Unterscheidung und Interpretation der Texte nach ihrer offenbarenden Aussagekraft. Das alles Entscheidende des Evangeliums bringt Paulus kurz und knapp auf einen Nenner:

"Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen? Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der «Mißgeburt». Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe."

Vielleicht haben wir im Katholizismus das Problem, alles miteinander harmonieren und vereinheitlichen zu wollen, auch Nebensächliches wird definiert und damit vereinheitlicht. Deshalb scheint mir Papst Franziskus auf einem sehr guten Weg, wenn er von Dezentralisierung und kulturellen Differenzen spricht und damit im Rahmen des Katholischen Vielfalt legitimieren möchte.

Warum braucht das Lehramt tatsächlich ein Korrektiv wie die Theologie? Weil es in der Vergangenheit eben auch problematische Lehrentscheidungen und Lehraussagen gegeben hat. Weil das Lehramt Aussagen unfehlbar definierte, die aus Sicht einiger Theologen nicht in der Offenbarung gründen, wie z.B. die Unmöglichkeit Frauen zu ordinieren. Die päpstliche Bibelkommission hatte festgestellt, dass eine solche Sichtweise nicht auf die Bibel rekurrieren kann (Groß, Walter: Bericht der päpstlichen Bibelkommission (1976), in: ders. (Hrsg.): Frauenordination – Stand der Diskussion in der Katholischen Kirche, München 1996, S. 25-31). Trotzdem kam die Definition!

Bischof Oster wittert hinter der Erklärung der Theologen nur liberale und damit lehramtskritische Theologen. Er möchte auch den konservativen Theologen zu ihrem Recht verhelfen, weil er diese lehramtskonformer einschätzt. Sollte dies stimmen, würden diese Theologen aber ihren Job nicht machen. Die Kritik ist das Geschäft der Theologie als Wissenschaft. Dass kritische Theologen mehrheitlich fest in ihrem Glauben stehen können, scheint Bischof Oster zudem zu bezweifeln.

"Ich durfte Gott sei Dank auch solchen akademischen Lehrern begegnen, die demütig und dennoch auf hohem Niveau in der hier gemeinten Weise Theologie gelernt und gelehrt haben. Aber um ehrlich zu sein: Sie waren keineswegs die Mehrheit.
Und täuschen wir uns nicht: Die Studierenden spüren, ob Lehrende nicht nur Wissenschaftler, sondern auch gläubige Zeugen und Zeuginnen sind oder nicht. Und dass eine solche Erkenntnis (Christus an ihm selbst) möglich und sogar notwendig ist, bezeugen die Evangelien – und bezeugt die ganze Tradition der Kirche. Daher ist Theologie, die nicht ursprünglich von Dank, von Anbetung getragen ist, im Grunde ein sehr geeignetes Instrument dafür, der existenziellen Glaubenserfahrung gerade ausweichen zu können. Ich kenne jedenfalls auch nicht wenige Studierende der akademischen Theologie, die sich nach ihrem Studium tatsächlich von der Kirche verabschiedet haben."

Wenn Bischof Oster die Theologen auch noch für den Glaubensabfall vieler Studierenden verantwortlich macht, dann fragt man sich unwillkürlich, in welchem "Zustand" Familien und Gemeinden diese Studenten denn an die Hochschule schicken. Ja, ein naiver Kinderglaube - und der zeichnet sich durch einfache Kategorisierungen nach Falsch und Richtig aus - wird dort auf eine harte Probe gestellt, im Idealfall entwickelt er sich aber hin zu einem festen, erwachsenen Glauben, der Zweifel zulässt und erträgt. Die Gefahr des Scheiterns besteht also tatsächlich, doch kann die Lösung wohl kaum die unkritische Pflege eines Kinderglaubens sein. So wie bei Priestern müssten angehende Theologiestudenten auf dieses Geschäft vorbereitet bzw. bei fehlender Eignung geschützt werden.

Den Theologen indirekt fehlenden Glauben und fehlende Glaubenspraxis vorzuwerfen, ist aber der eigentliche Skandal in Osters Ausführungen. Hier hätte einem Mann, der das Wort unentwegt im Munde führt, Demut gut zu Gesicht gestanden.

4 Kommentare 8.2.16 10:00, kommentieren

Brückenbauer an Mauerbauer

Manchmal sind Wahrheiten so einfach und gerade deshalb vielleicht so skandalös... Papst Franziskus sagte auf der himmlischen Pressekonferenz von Mexiko nach Rom: "Eine Person, die nur daran denkt Mauern zu bauen, wo immer sie auch sein mögen, und nicht daran denkt, Brücken zu bauen, ist kein Christ. Das steht nicht im Evangelium." Und tatsächlich, der christliche Gott überschreitet die nach menschlichen Vorstellungen gewaltigste Mauer überhaupt, er wird Mensch, um bei Menschen zu sein und für wahre Menschlichkeit zu werben und diese zu leben. Ein Brückenbauer zwischen der göttlichen und menschlichen Sphäre.

Dieser Jesus Christus muss der Maßstab für die Christen sein. Ich frage mich jedoch, ob tatsächlich Trump der Adressant dieser Botschaft ist?! Vielleicht hörten auch die Retter des christlichen Abendlandes in Deutschland die Worte des Papst?! Und ich hoffe, die Bischofskonferenzen der osteuropischen und sehr katholischen Länder haben dies ebenfalls gehört und verstanden!

Wenn man etwa an die Flüchtlingspolitik der polnischen Regierung denkt und die ausbleibende Kritik der polnischen Bischöfe, dann kann einem beim Gedanken, dass in diesem Land der Weltjugendtag stattfinden soll, nur schlecht werden. Wie verlogen kann eine solche Veranstaltung wohl werden? Eigentlich müsste man die Jugendlichen aufforden, dieses Event zu boykottieren. Was soll man in einem Land, das keine Fremden mag?

20.2.16 14:14, kommentieren

Deutsche Tugenden

AfD-Vize Gauland meint: "Wir müssen die Grenzen dichtmachen und dann die grausamen Bilder aushalten. Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen."

Mich erinnert das ein wenig an die Worte eines anderen Vizes:

„Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet’, sagt ein jeder Parteigenosse‚ 'ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.’ […] Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“

24.2.16 20:19, kommentieren