Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

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Back to the roots

Zuletzt war es auf meinem Blog etwas ruhiger. Das hatte vielfache Gründe, einer davon deutet sich in meinen Gedanken zum päpstlichen Schreiben über die Familie an. Leider (oder zum Glück?) ist auch Papst Franziskus nur ein Mensch, und trotz seines Willens, die Kirche auf einen Reformkurs zu bringen, sind die Strukturen und Gegenkräfte so gewaltig, dass man ihn eigentlich für diese Mammutaufgabe nur bedauern kann. Er stößt viel an, Vieles wird bestimmt auch noch wirken, aber es braucht eben Geduld. Und die hat nicht jeder so mit Löffeln gefressen wie er.
 
Was mich an dieser ganzen katholischen Vorgehensweise nervt, hatte ich auch bereits angedeutet. Vor lauter Harmonisierung, Kontinuität und konstruierter Einheit, ist es kaum noch möglich, das, was wirklich Wesentlich ist, herauszustellen. Man hat fast den Eindruck, dass bei jeder Frage 2000 Jahre Kirchengeschichte und Lehrameinungen mitgeschleppt werden, damit auch nur ja der Anschein der sauberen und kontinuierlichen Tradition gewahrt wird. Vom ersten Papst Petrus bis zu Franziskus muss die Lehre in jeder Detailfrage schließlich rein tradiert sein. Das wird dann bei Fragen, die vor 2000 Jahren nicht gestellt waren, schwierig, gab es doch keine kirchlichen Strukturen, kein dreigliedriges Amt und auch keine Unterscheidung von sakramentaler und nichtsakramentaler Ehe.

Das Problem ist nämlich, dass das, was wirklich wesentlich ist, nicht mit Petrus beginnt, sondern mit Jesus. Der war aber Jude und nicht Katholik. Das Wesentliche liegt vor der Kirchengeschichte. Ich denke, man müsste sich mal wieder ganz radikal auf dieses Wesentliche besinnen und von da aus fragen, was uns das heute sagt, was das für unsere Fragen heute bedeutet. Unabhängig von 2000 Jahren Kirchengeschichte, die in tausend anderen historischen Konstellationen und unter tausend anderen kurlturellen Bedingungen verlaufen sind. Was ist Evangelium, wer war dieser Jesus Christus? Was bedeutet dessen Reich-Gottes-Predigt?

Schluss mit dem katholischen Harmonisierungswahn, der auch noch 300 Päpste mit all ihren Äußerungen mit in die Diskussion nimmt und alles auf eine rote Linie zu quetschen sucht. Jesus, Reich Gottes, Evangelium, Punkt.

Im Grunde ginge es um das, was auch Papst Benedikt in seiner legendären Weihnachtsansprache 2005 zum Thema machte, die Hermeneutik der Reform, die das Wesentliche, also Kontinuierliche, vom Unwesentlichen, also Diskontinuierlichen, unterschied:

"Es ist klar, daß in all diesen Bereichen (Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, etc.), die in ihrer Gesamtheit ein und dasselbe Problem darstellen, eine Art Diskontinuität entstehen konnte und daß in gewissem Sinne tatsächlich eine Diskontinuität aufgetreten war. Trotzdem stellte sich jedoch heraus, daß, nachdem man zwischen verschiedenen konkreten historischen Situationen und ihren Ansprüchen unterschieden hatte, in den Grundsätzen die Kontinuität nicht aufgegeben worden war – eine Tatsache, die auf den ersten Blick leicht übersehen wird. Genau in diesem Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf verschiedenen Ebenen liegt die Natur der wahren Reform. Innerhalb dieses Entwicklungsprozesses des Neuen unter Bewahrung der Kontinuität mußten wir lernen – besser, als es bis dahin der Fall gewesen war – zu verstehen, daß die Entscheidungen der Kirche in bezug auf vorübergehende, nicht zum Wesen gehörende Fragen – zum Beispiel in Bezug auf bestimmte konkrete Formen des Liberalismus oder der liberalen Schriftauslegung – notwendigerweise auch selbst vorübergehende Antworten sein mußten, eben weil sie Bezug nahmen auf eine bestimmte in sich selbst veränderliche Wirklichkeit."

Benedikt erläutert dann am Beispiel der Religionsfreiheit, dass die Aussagen des Zweiten Vatikanums, mit denen die Piusbrüder so große Probleme haben, weil sie die kontinuierliche 2000-jährige Lehren der Kirche verraten sehen, gerade eine Wiederbelebung oder Freilegung des eigentlichen Kerns des Evangeliums sind; nach 2000 Jahren Diskontinuität wird endlich das überdeckte Kontinuierliche, weil im Evangelium gründende, freigelegt.

"Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen und gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen. Diese darf wissen, daß sie sich damit in völligem Einvernehmen mit der Lehre Jesu befindet (vgl. Mt 22,21), ebenso wie mit der Kirche der Märtyrer, mit den Märtyrern aller Zeiten. Die frühe Kirche hat mit größter Selbstverständlichkeit für die Kaiser und die politisch Verantwortlichen gebetet, da sie dies als ihre Pflicht betrachtete (vgl. 1 Tim 2,2); während sie aber für den Kaiser betete, hat sie sich dennoch geweigert, ihn anzubeten und hat damit die Staatsreligion eindeutig abgelehnt. Die Märtyrer der frühen Kirche sind für ihren Glauben an den Gott gestorben, der sich in Jesus Christus offenbart hatte, und damit sind sie auch für die Gewissensfreiheit und für die Freiheit, den eigenen Glauben zu bekennen, gestorben – für ein Bekenntnis, das von keinem Staat aufgezwungen werden kann, sondern das man sich nur durch die Gnade Gottes in der Freiheit des eigenen Gewissens zu eigen machen kann."

Eine harte Aussage für Piusbrüder, die immer noch von einem katholischen Staatswesen träumen und andere Religionen in engen Grenzen lediglich tolerieren wollen. Doch zurück zum Thema, denn Benedikt streift bewusst oder unbewusst auch ein anderes wichtiges Thema, wenn er die "liberalen Schriftauslegung" kritisiert. Der Seitenhieb auf die historisch-kritische Methode, die sich nach Benedikts Einschätzung über das Lehramt der Kirche setzt, wenn die angewendete Methode als einzig gültige angesehen wird, führt zu einem für meinen Geschmack grundlegenden Problem. Auch das sprach ich zuletzt schon an. Warum hat die moderne Exegese, die wissenschaftliche Theologie insgesamt so wenig Einfluss auf das Lehramt. Warum spielen theologische Erkenntnisse bei lehramtlichen Dokumenten oft keine Rolle?

Aus meiner Sicht, weil das Lehramt befürchtet, dass das über 2000 Jahre ins Gleichgewicht gebastelte Kartenhaus des katholischen Kirchenrechts plötzlich über dem Fundament der Dogmen zusammenstürzen würde. Denn das würde es, weil es eben von Menschen gebaut wurde und es Diskontinuierliches im Überfluss enthält. Und so kommt es, dass selbst Franziskus sich nicht an das Kirchenrecht wagt und das wahrlich Reformerische in die Fußnoten packt.

Was der Kirche aus meiner Sicht wirklich helfen würde, wäre die erneute Fokussierung auf das Wesentliche, um das Unwesentliche diagnostizieren und ggf. entsorgen zu können. Oder es wenigstens als Unwesentliches zu benennen, damit es richtig eingeordnet werden kann.

Doch was ist das Wesentliche? Die Frage drängt sich immer mehr auf. Ich finde, dass der Neutestamentler Peter Pilhofer einen gelungenen Versuch unternommen hat, das Wesentliche des Evangeliums einmal auf den Punkt zu bringen. Ich wiederhole das hier nicht, sondern verlinke nur auf den entsprechenden Beitrag in diesem Blog.

Vorbedingung ist dabei, zu akzeptieren, dass die Bibel nicht einfach Wort Gottes ist. Man kann sich nicht hier und da ein paar Verse zusammensuchen, um was auch immer als Wille Gottes zu deklarieren. Die Texte sind von Menschen geschrieben und deshalb enthalten sie wie das Kirchenrecht Diskontinuierliches ohne Ende. Wie will ich die Aussage im Matthäusevanglium, dass Jesus kein Jota des Gesetzes verändern will, mit der Aussage, dass nicht das unrein ist, was in den Menschen gelangt, sondern das, was aus dem Menschen heraus kommt, harmonisieren? Jesus kritisiert hier die Tora, das Gesetz, er ist kein Gesetzeslehrer. Denn das Gestz rettet nicht, wie Paulus in jesuanischer Tradition später formuliert.

Und wenn das so ist, dann muss geklärt werden, wie Lehramt das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheidet. Welche Methoden werden angewendet. Es muss nachvollziehbar sein. Das ist es aber oftmals nicht, weil Erkenntnisse und sich daraus ergebende Fragestellungen der wissenschaftlichen Theologie ignoriert werden und so theologisch geforderte Antworten bzw. schlüssige Konzepte auf diese brenneden Fragen ausbleiben, Reformstau ist der Begriff, der diesen Zustand umschreibt. Das hat zur Folge, dass die ewiggleichen Fragen in der scheinbar unendlichen Mühle zwischen Reformern und Konservativen gerührt werden.

Aktuell geht es wieder um die Diakonissenweihe für die Frau. Franziskus lässt wieder hoffen, die Traditionalisten schlagen mit den bekannten Antworten zurück. Im wesentlichen Kern ist aber vom dreigliedrigen Amt für Männer nirgendwo die Rede. Es gibt da gar keinen entsprechenden Amtsbegriff, lediglich die Taufformel Gal 3,28, die besagt, dass es in Christus nicht mehr Mann und Frau gibt, weil alle eins sind in ihm. Noch weiter zurück können wir im Evangelium lesen, dass gerade die Jünger Jesus nicht verstehen, wenn eine Frau ihn vor der Kreuzigung salbt, eine Handlung, die nur jüdischen Priestern zustand; unter dem Kreuz stehen nur Frauen, weil die Männer auf der Flucht sind, und der Auferstandene erscheint einer Frau, die zur ersten Verkündigerin der Frohen Botschaft wird. Worüber diskutieren wir eigentlich? Über Diskontinuierliches!

3 Kommentare 25.5.16 11:51, kommentieren