Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Archiv

Alternative für Christentum

Das antichristliche Geschwätz - ich mag es gar nicht mehr rechtskatholisch nennen, denn dann wäre es ja irgendwo noch katholisch - was seit Wochen von Koriphäen wie Alexander Kissler, Wolfgang Ockenfels und kath.nets Großinquisitor Pety Winnemöller (hier und hier) zu lesen ist, lässt mich einfach nur noch ratlos zurück.

Wie schwer das Gift, das in der kirchlichen Rechtsaußenfraktion verspritzt wird, abzubauen ist, beweist aktuell auch David Berger. Sein kalter Entzug war wohl wenig erfolgreich, er braucht die islamophobe Droge wohl doch wieder. Aus den Regenbogenfarben lässt sich halt auch Braun mischen.

Allen gemeinsam ist die Reduzierung alles Christlichen auf eine entweltlichte Transzendenz. Liturgie, geistliche Stärkung und die Betonung des seelischen Heils gegenüber der körperlichen Unversehrtheit ist wichtig, wenn man das Elend von Flüchtlingen chrstlich legitimieren will. Man möchte den theoretischen Christen die Auswanderung nach Polen anempfehlen, dort ist die sakramentale Show ohne Bezug zur Welt in Vollendung möglich, da stört wirklich nichts Weltliches die frömmelnde Selbstbeweihräucherung, während die geringsten Brüder im Meer ersaufen.

1 Kommentar 8.6.16 11:41, kommentieren

Es rumort im Zauberturm

Das Lehramt der größten katholischen Nachrichtenseite im Internet begehrt mehr und mehr gegen Papst Franziskus auf. Lange Zeit wehrte man sich dagegen, wie andere ultrakonservative Portale in eine Anti-Franziskus-Position zu verfallen, doch diese Haltung wird zunehmend aufgegeben. Zwar hat der weiße Zauberer des größten virtuellen Zauberreiches bislang noch nicht selbst zum Kriegsstab gegriffen, seinen Propagandaminister schickte er zuletzt aber schon einmal gen Rom.
 
"Hier irrt der Papst" war das Motto dieser unfehlbaren Exhortation. Dass Pety bei seiner hochtheologischen Darlegung gleich einen anonymen rechtsaußen Blog als Gewährsmann zitiert, weist auf die Qualität seiner Ausführungen. Peinlicher geht es kaum, auch nicht in der Art der Argumentation. Gewalttätige Mission ist im Islam Programm, im Christentum ein Ausrutscher von Einzelnen, an denen die Hauptverantwortlichen nie beteiligt waren. Dabei war es Papst Urban II und nicht Papst Franziskus, der ein Bibelwort des Matthäusevangeliums in sein antichristliches Gegenteil verkehrte, um einen Krieg biblisch zu legitimieren. "Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig." Das Schwert zum Kampf... Gott will es!

Auch hier wird wieder deutlich, wie wichtig eine vernünftige und professionelle Exegese ist, damit wirklich Evangelium und nicht Machtinteressen mit der Bibel verkündet werden. Das gilt sicherlich ebenso für den Koran. Wer nicht zwischen dem, was im Neuen Testament und dem, was Päpste und Theologen aller Zeiten daraus gemacht haben, unterscheidet, der kommt zu den unnglaublichsten Konstruktionen.

Ein schönes Beispiel für eine wirre Bibelauslegung bietet aktuell ein weiterer strammer Kämpfer des weißen Zauberers auf kath.net, der Philosoph Josef Seifert (hier). Auch er unterwegs im Auftrag,  Irrlehren im päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“ aufzudecken. "Viele barmherzig klingende Passagen würden die Lehre der Kirche auf den Kopf stellen", zitiert ihn kath.net.

Und wie kann es anders sein, das Problem ist Franziskus Auslegung der Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin. Dabei ist nun die Auslegung des Philosophen ein Paradebeispiel dafür, wie man wahrlich meisterlich an der Reich-Gottes-Botschaft Jesu vorbeiinterpretieren kann.

"Wenn der Papst etwa das Gleichnis von der Ehebrecherin (Joh 8,1-11) zitiere, dann sei es für Paare in irregulären Situationen sicher tröstlich, wenn ihnen gesagt würde sie seien nicht exkommuniziert. Allerdings fehle der entscheidende letzte Satz des Gleichnisses: 'Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.' Das Dokument verschweige das Herzstück: den Aufruf zur Konversion".

Wenn dieser Satz das Herzstück des Evangeliums ist, würde ich noch heute aus der Kirche austreten! Der von den Schriftgelehrten vorgeführten Ehebrecherin droht die Steinigung, Jesus wendet diese Gewalttat aber genau damit ab, dass er den Klägern und Richtern klar macht, dass auch sie Sünder sind, dass kein Mensch frei von Sünde ist. "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie." Zurück bleiben nur Jesus und die Frau, alle anderen ziehen beschämt vondannen.

Das Kernstück ist nicht die Aufforderung, nicht mehr zu sündigen, das KÖNNEN Menschen gar nicht. Das Kernstück ist die bedingungslose Amnestie der Sünderin, voraussetzungslose Barmherzigkeit, das Fehlen jeder Spur von Verurteilung, das Zugehen Jesu auf die Sünderin; das ist der Kern des Evangeliums. Und erst DAS eröffnet den Horizont für ein neues Leben, weil die Frau ihre Würde vor Gott zurückerhält.

Und wenn das nicht falsch ist, dann muss mir bitte einmal jemand erklären, wie man gerade Menschen in kritischen Lebenssituationen den Leib Christi verweigern kann? Gott jedenfalls geht mit seiner Inkarnation den Weg hin zu den Sündern, in die Welt, Jesus geht hin zu den Sündern, Ausgestoßenen und Verlorenen, er macht sich schmutzig. Wie kommt die Kirche auf die Idee, diese Menschen von ihm fern halten zu müssen? Ich begreife es nicht! Und auch die abschließende Papstschelte von Seifert begreife ich nicht.

„Wie können Jesus und seine allerheiligste Mutter diese Worte lesen und mit denen von Jesus selbst und seiner Kirche in Verbindung bringen ohne zu weinen“, fragt Seifert. 'Lasst uns deshalb mit Jesus weinen, mit tiefem Respekt und Zuneigung für den Papst und mit dem tiefen Schmerz, der aus der Pflicht kommt, seine Fehler kritisieren zu müssen', fügt er hinzu."

Ich frage mich, wie man Seiferts Jesusbild und seine Papstschelte auf einem katholischen Portal veröffentlichen kann, ohne zu weinen? Doch letztlich wird der weinende Jesus auch ihn in seine Arme schließen.

1 Kommentar 15.6.16 12:41, kommentieren

Der Jesus des Philosophen

Kath.net übt sich weiter in der Kritik an Papst Franziskus. Nun lässt man den Philosophen Robert Spaemann antreten, um dem Papst häretische Tendenzen nachzuweisen. "Was ich sagen wollte, war, dass einige Äußerungen des Heiligen Vaters in eindeutigem Widerspruch stehen zu Worten Jesu, zu Worten der Apostel sowie zu der traditionellen Lehre der Kirche."

Dabei stellt sich Spaemann ähnlich plumb an wie die kath.net-Papst-Kritiker zuletzt, indem mit kaum zu entschuldigender Naivität mit einzelnen Bibelversen hantiert wird. So, sagte schon mein Lehrer für Altes Testament, kann man mit der Bibel wirklich alles beweisen. Allerdings lasse sich dieses Verfahren leicht aushebeln, weil es völlig unproblematisch sei, einem jeden einzelnen Vers einen anderen zur Seite zu stellen, der das genaue Gegenteil behaupte. Das kann man ja einmal ausprobieren...

"Jesus habe etwa gebieten können "wie einer, der Macht hat und nicht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer", und Jesus verweise im Gespräch mit dem reichen Jüngling "auf die innere Einheit der Nachfolge mit der Einhaltung der zehn Gebote" (Lk 18,18-23). Jesus predige somit keineswegs bloß ein Ideal, wie dies der Papst schreibe, so Spaemann, "sondern er stiftet eine neue Realität, das Reich Gottes auf Erden"."

Um Spaemann hier in die Parade zu fahren, muss man gar nicht erst auf andere Texte der Bibel zurückgreifen, liest man die Perikope bis zu ihrem Ende, erledigt sich die Kritik von alleine. Denn nachdem Jesus auf die Schwierigkeit hingewiesen hat, die wohlhabende Menschen haben, das Reich Gottes zu erlangen und die Umstehenden sich zurecht fragen, wer denn dann überhaupt noch gerettet werde, antwortet Jesus: "Was für Menschen unmöglich ist, ist für Gott möglich." Das, was die Franziskus-Kritiker so stört, die Fokussierung auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes zuungunsten von Gesetzen und Verboten, hat Franziskus nicht erfunden, das ist die reine Lehre des Herrn.

Und da nützt Spaemann auch sein ganzes hilfloses Entweder-Oder-Christentum nicht, Jesus war nicht der Rigorist, den er da herbeiphantasiert. Er war radikal, ja, aber radikal in seiner Liebe, in seiner Menschenzugewandtheit und Barmherzigkeit. Doch Spaemann will den spaltenden Jesus, nicht den versöhnenden. Deshalb greift er auf einen Vers aus dem Matthäusevangelium zurück: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich." Doch im älteren Markusevangelium steht: "Wer nicht gegen mich ist, ist für mich." Und nu, Herr Spaemann? Scheinbar kommen wir mit dieser "Ich such mir mal 'nen Vers, der das Evangelium nach Spaemann bestätigt" nicht weiter.

Auch das angebliche Ja oder Nein in der Frage der Ehescheidung ist neutestamentlich gar nicht so eindeutig, wie der Philosoph behauptet. Gerade sein Matthäusevangelist lässt ihn da schlecht aussehen, wenn er ihm die Unzuchtsklasel (Mt 19,9) unterjubelt, die dem Mann die Scheidung ermöglicht. Und auch der von Spamann als Rigorist gezeichnete Paulus kennt Ausnahmen, die eine Scheidung ermöglichen (1Kor 7).

Letztendlich kann man Spaemann nur raten, bei seinem philosophischen Geschäft zu bleiben und den Theologen und Exegeten die Bibelarbeit zu überlassen.

2 Kommentare 25.6.16 11:09, kommentieren