Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Wider den Zeitgeist, das Neue leben

Papst Benedikt XVI veröffentlichte am 05. März einen Auszug aus seinem Jesusbuch auf Zeitonline. Darin setzte er sich mit der Frage der genauen Datierung des letzten Abendmahls auseinander und kommt zu dem Schluss, dass „das Zusammensein Jesu mit den Zwölfen kein Pascha-Mahl nach den rituellen Vorschriften des Judentums gewesen war. Das Wesentliche dieses Abschiedsmahles war nicht das alte Pascha, sondern das Neue, das Jesus in diesem Zusammenhang vollzog.“

 

Die Deutung des Papstes begeisterte mich doch ich konnte nicht umhin, eine Brücke zu der aktuellen Diskussion in der katholischen Kirche um das Memorandum von 270 Theologen zu denken, die sich aufgrund der kritischen Situation der Kirche in Europa für Reformen aussprechen. Besonders die abwertenden bis abschätzigen Leserbriefe zum Text des Papstes verstärkten meine Zusammenschau der verschiedener Problemfelder, wird doch gerade hier deutlich, weshalb „Zeitgeist“ schon zu einem Schimpfwort in manchen katholischen Kreisen geworden ist. Die Kirche müsse sich vom Zeitgeist ja von der Gesellschaft unterscheiden. Der Zölibat, homosexuelle Partnerschaften und die Frauenordination seien nun einmal in der Kirche nicht machbar. Darin unterscheide sie sich nun einmal vom alles gleich machenden Zeitgeist der modernen Gesellschaft.

 

Ich verfolge die Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern des Memorandums nun schon vom ersten Tag der Veröffentlichung an. Es wird taktiert, abgelenkt und mit schwammigen Begriffen hantiert. Wenn so kontrovers diskutiert wird, beide Seiten scheinbar unvereinbar gegeneinander stehen, dann sollte sich doch ein Blick in das Neue Testament lohnen. Tradition, ein wichtiges Standbein der Katholiken, sind nur dann unbedingt aufrecht zu erhalten, wenn sie mit der Offenbarungswahrheit des Evangeliums vereinbar sind bzw. in ihr gründen.

 

„Christus ist das Neue“, so überschreibt der Papst seinen Artikel. Er schafft als Jude etwas Neues, in dem er selber die zentrale Rolle spielt. Er ist seine Botschaft, er lebt sie vor. Und dieses Neue hält sich nicht mehr an alte Gesetze und Rituale. „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ Es gibt also wichtigeres, als sich an das Sabbatgesetz zu halten. „Nichts, was von außerhalb in den Menschen hineinkommt, kann ihn verunreinigen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist es, was ihn verunreinigt.“ Oberflächliche Reinheitsgesetze und Reinigungsrituale sind demnach obsolet. Der wahre Wille Gottes kann offensichtlich nicht durch das Gesetz erkannt werden. Was sich hier bei Jesus zeigt, bringt Paulus dann in seinen Briefen nochmals auf den Punkt. Die Taufe auf Jesus Christus befreit den Menschen vom Gesetz.

 

Im Galaterbrief zitiert Paulus eine urchristliche Taufformel, die er selbst schon vorgefunden und übernommen hat: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus.“ In der christlichen Gemeinschaft gibt es keine Unterschiede mehr. Und die Paulusbriefe belegen auf beeindruckende Weise, wie dies in den Gemeinden auch gelebt wird. Petrus und Paulus essen als Juden mit Heiden an einem Tisch, diese Heiden müssen nicht nach dem jüdischen Gesetz leben. Frauen werden Gemeindeaufgaben übertragen und Sklaven sind ihren Herren in der Gemeinde gleichgestellt. Nur aufgrund dieser radikalen Botschaft, die auch in der Praxis gelebt wird, ist der rasante Erfolg des Christentums in der antiken Welt (aber auch die Christenverfolgung) überhaupt zu erklären. Das Neue! Das Befreiende! Das Gemeinschaft-Stiftende und Unterschiede-Aufhebende! Das Jesuanische! Das macht den Unterschied.

 

Und heute? Was machen wir? Worüber diskutieren wir? Über Kirchengesetze. Über alte Traditionen. Über Beschränkungen. Über Naturrecht. Über eine Kirche, die sich von der Gesellschaft unterscheiden soll. Über eine Kirche, die sich vom Zeitgeist unterscheiden soll.

 

Ja, es ist traurig, dass der Wert der jesuanischen Botschaft von vielen Menschen nicht mehr erkannt wird. Es ist traurig, was in den Kommentaren zum Text des Papstes zu lesen ist. Doch das ist heute nicht schlimmer als zur Zeit des Urchristentums, im Gegenteil.

 

Wenn die Kirche nicht nur eine Verwaltung sein will, dann muss sie wieder Mut haben, das Jesuanische zu leben und zu predigen. Sie darf sich nicht ängstlich an Gesetzen und überkommenen Traditionen festhalten, die der Botschaft des Evangeliums entgegenstehen. Wie wollen wir als Christen überzeugen, wenn wir nicht das leben, was wir glauben? So, wie dies vor 2000 Jahren erfolgreich war, so wird es auch heute erfolgreich sein, wenn wir nur den Mut haben das Neue zu leben. Wenn wir eine Gemeinschaft sind, in der eben nicht der Zeitgeist lebt, dann gibt es bei uns keine Diskriminierung, dann gibt es bei uns kein Denunziantentum, dann gibt es bei uns kein Verspotten und Verhöhnen, dann gibt es keine Angst vor dem Neuen. Dann ist da nicht Amtsträger noch Amtsträgerin, nicht Zölibatärer noch Verehelichter, nicht Homo- noch Heterosexueller, dann sind wir alle eins in Christus Jesus.

 

Das ist für mich der Kern des Evangeliums: Durch den Glauben an Jesu Leben, Tod und Auferstehung sind wir ohne Unterschied vor Gott gerechtfertigt. Vieles andere ist biblischer Zeitgeist.

10.3.11 17:42

Letzte Einträge: Die wahren Freunde des Papstes, Familie, Gott und Vaterland, Es ist schlecht, eine Horrormeldung nicht Horrormeldung zu nennen, Wissen, wie der Osterhase läuft, Mary can do it

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen