Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Dialog, Zeitgeist und die Entweltlichung der Kirche

Entweltlichung – das scheint mir eine geeignete Überschrift für die Reden und Predigten des Papstes in Deutschland zu sein. Es waren theologisch-philosophische Grundsatzreden, die den konkreten Kontakt zur Realität der Welt nur andeuteten, ihn auf direktem Wege eher vermieden. Damit ist noch nichts über die Qualität der Worte des Papstes ausgesagt. Viele kritisieren sie, einige loben sie und alle finden Anknüpfungspunkte, um sich in Ihrer Meinung zu Welt und Kirche bestätigt oder widerlegt zu sehen. Die Diskussion um die Zielrichtung der Reden erinnert mich an die Auseinandersetzung von Exegeten um die rechte Auslegung des Neuen Testamentes. Jeder führt „seine“ Verse an, um die eigene Position zu bekräftigen.

Was meint Benedikt XVI, wenn er dieses Wort verwendet? Meint er hier ein Gegenüber zur Welt, das konstitutives Element der Kirche ist. Eine Kirche, die der Welt ununterbrochen ihre Schwäche und Sündhaftigkeit vor Augen führt, so wie es wohl viele fundamentalistische Katholiken verstehen? Träfe dies zu, müsste man diesen wohl entgegen halten, dass die 2000-jährige Kirchengeschichte wohl nichts bewirkt haben könnte, eine Wirkung von Kirche in die Welt hinein so gar nicht erst möglich wäre. Dann  hätten wir hier die Kirche und da die Welt. Dies hat der Papst so wohl nicht meinen können, unterstreicht er doch gerade in der hoch gelobten Rede vor dem Bundestag den positiven Einfluss des Christentums auf die Europäische Kulturgeschichte.

Ein prinzipielles sich gegen den Zeitgeist Stellen ist hier wohl nicht gemeint, schließlich beruht dieser Zeitgeist auch auf christlichen Wurzeln und einer Jahrhunderte langen Auseinandersetzung zwischen Christentum und Welt. So gründet unser demokratischer Rechtsstaat auf einem jüdisch-christlichen Fundament. Und auch die Kirche hat umgekehrt im Laufe dieses Miteinanders viel Weltliches angenommen. Und hier kommen wir wohl der Intention der Rede des Papstes ein Stück näher.

Mit Paul VI stellt der Papst Christus, dann die Liebe des dreieinigen Gottes und schließlich die missionarische Ausrichtung der Kirche in den Vordergrund, um die Entweltlichung genauer zu umschreiben. Armut, Demut, Anbetung sieht er dabei als entscheidende Faktoren, auf die Kirche sich in ihrer missionarischen Pflicht in dieser Welt besinnen sollte. Erst so könne sich die Kirche wahrhaft weltoffen geben und die Menschen von der Botschaft des Evangeliums überzeugen. Politische und materielle Last, Gewohnheiten und Konventionen müsse die Kirche abstreifen, um den Glaubenskern des Evangeliums für die Menschen greifbar zu machen, so dass diese über Gott zu sich selbst finden können.

Es wundert mich, dass diese „Kirchenkritik“ in der ganzen Debatte überhört wird. Und diese Kirchenkritik ist grundsätzlicher Art, sie gilt nicht nur für die Kirche in Deutschland, sie kann nur für die Kirche an sich gelten!

Was aber heißt dies nun konkret für die Kirche in der Gesellschaft? Wie müsste sie sein, was müsste sich ändern? Diese Fragen stellt der Papst auch und antwortet mit Mutter Theresa: „Sie und ich.“ Und er bestätigt anschließend, dass wir alle angesprochen sind und dass es tatsächlich Anlass für Veränderungen gibt. So möchte ich im Folgenden meine persönliche Antwort geben.

Immer wieder wird von „rechtskatholischer“ Seite die Zeitgeistigkeit und der Anachronismus der Reformdebatte in der deutschen Kirche betont. Forderungen nach einer Lockerung des Zölibats, nach Frauenpriestertum und einer Änderung im Umgang mit wiederverheiraten Geschiedenen seinen alte Zöpfe und fußten lediglich in einer falschen Anbiederung an den Zeitgeist. Deshalb möchte ich an einem dieser Streitpunkte aufzeigen, dass diese Deutung lediglich eine politische Strategie, ein Trick in der hart geführten innerkirchlichen Debatte ist.

Tatsächlich ist die Unmöglichkeit Frauen zu Priesterinnen zu weihen in dem Apostolischen Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“ 1994 definitiv entscheiden worden. Trotzdem hat die Diskussion seither nicht aufgehört. Woran liegt das?

Die Argumentation beruht auf der bereits 1976 veröffentlichten Erklärung der Glaubenskongregation „Inter Insigniores“. In der Vorbereitung dieses Textes ist durch eine undichte Stelle im Vatikan an die Öffentlichkeit gedrungen, dass die Päpstliche Bibelkommission, besetzt mit führenden Exegeten, zu dem Ergebnis gekommen ist, dass man aufgrund des Neuen Testamentes die Frauenordination nicht untersagen könne (Groß, Walter: Bericht der päpstlichen Bibelkommission (1976), in: ders. (Hrsg.): Frauenordination – Stand der Diskussion in der Katholischen Kirche, München 1996, S. 25-31). Dieses Ergebnis hat jedoch im Folgenden keinen Einfluss auf die lehramtliche Entscheidung genommen.

Es wird vielmehr auf das Vorbild Christi verwiesen, der nur Männer zu Aposteln wählte, die konstante Tradition der Kirche, die niemals anders handelte und das Lehramt, das an dieser Lehre auch beharrlich festhielt. Soziologische und kulturelle Gründe werden hingegen ausgeschlossen.

Problematisch wird diese Argumentation vor dem Hintergrund theologischer und exegetischer Arbeiten nicht zuletzt auch aus dem Bereich der feministischen Theologie. Ohne hier im einzelnen die facettenreichen Überlegungen, Ergebnisse und Forderungen darstellen zu wollen, möchte ich einige wenige Punkte aufgreifen, wissend, dass sich Vieles in der Diskussion befindet und oft nur Wahrscheinlichkeiten angenommen werden können.

Dass Jesus die Zwölf als engsten Kreis um sich scharrte, wird wohl von keinem Theologen bezweifelt. Als Sinnbild für die Ausrichtung seiner Botschaft auf ganz Israel, auf alle 12 Stämme, waren sie im Bereich des Judentums ein verständliches Symbol. Eine Frau in diesen Kreis aufzunehmen, hätte diese Aussage verunmöglicht.

Die Zwölf sind aber nicht mit allen Aposteln gleichzusetzen, so würde beispielsweise Paulus herausfallen. Dieser nennt in 1Kor 15,5-7 in Abgrenzung zu den Zwölf auch „alle Apostel“, die er teilweise auch in den Briefen mit Namen nennt. Bei einem dieser Namen ist man sich gar unsicher, ob es sich nicht um eine Frau handelt (Röm 16,7), da der männliche Name Junias in der antiken Welt unbekannt war, Junia als Mädchenname aber gut belegt. Allerdings kann auch so übersetzt werden, dass Junia nicht als Apostelin, sondern nur als „unter den Aposteln bekannt“, bezeichnet wird.

In den paulinischen Briefen taucht eine Vielzahl von Frauen auf, die aktiv am Gemeindeleben teilnehmen, ihre Häuser zur Verfügung stellen, Botschafter und Prophetinnen sind. Phoebe wird in Röm 16,1 als Diakonin bezeichnet, strittig ist allerdings, ob hier schon ein Amt im Sinne unseres Diakons gemeint ist. Diese Relativierung des Status eines Mitarbeiters findet man allerdings in Bezug auf männliche Kollegen nicht.

Die Pastoralbriefe weisen Ämterspiegel auf, in denen Anforderungsprofile für Amtsträger festgelegt werden, auch hier tauchen die Frauen als Diakone auf. Von den Bischöfen wird im Übrigen verlangt, dass sie nur ein Mal verheiratet sein dürfen!

Auch spätere kirchliche Zeugnisse (z.B. Plinius der Jüngere, Syrische Didaskalia) belegen das Diakonissenamt im 2. und 3. Jahrhundert.

Beschäftigt man sich mit der frühesten Kirche, dann kommt man an einem Phänomen nicht herum: die Parusie. Warum werden die ersten Evangelien erst ca. 40 Jahre nach der Kreuzigung verfasst. Warum glaubt der Apostel Paulus zu Beginn seiner Schreibertätigkeit, dass er nicht mehr sterben wird? Die Antwort ist in der frühchristlichen Parusieerwartung gegeben. Jesus und auch seine Nachfolger glaubten, dass das Gericht Gottes unmittelbar bevor stünde. In dieser Zeit der Parusie galt es nun alle Kräfte auf die Mission zu konzentrieren, um soviele Menschen wie möglich zum Heil zu führen. Ehe, Familie, Freundschaften, soziale Stellung, finanzielle Mittel, alles galt es aufzugeben und der Mission unterzuordnen.

Wenn wir an den Beginn dieses Textes mit dem päpstlichen Begriff der Entweltlichung denken, dann deuten sich hier schon Zusammenhänge an. Die weltlichen Dinge müssen zurückstehen, die Zeit ist knapp und muss genutzt werden. Dies wird mitunter auch ein Grund für die rasante Ausbreitung des Christentums in der antiken Welt gewesen sein.

Der entscheidendere Grund aber ist das, was diese neue Religion zu sagen hat. Eine der frühesten Taufformeln finden wir im Galaterbrief des Apostels Paulus. Er hat diese Formel wohl schon von seinen Vorgängern übernommen: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus.“ Diese radikale Botschaft, dass in der Taufe alle Christen gleich sind vor Gott, unabhängig von sozialem Status, Geschlecht oder auch Abstammung, diese Botschaft war nicht aufzuhalten. Die Paulusbriefe belegen nicht nur den Erfolg dieser Botschaft, sie führen uns auch deren praktische Umsetzung in den Gemeinden vor Augen.

Diese frühchristliche Zeit der Parusie schafft etwas, was man so wohl in der 2000-jährigen Kirchengeschichte kaum mehr radikaler umgesetzt findet. Doch dieses Ideal ist in der Welt von damals und auch von heute nur gegen starke Widerstände zu leben. Und so kann man in der frühen Kirchengeschichte beobachten, wie Vieles von diesen enthusiastischen Anfängen auch wieder zurückgedrängt wird. Die radikalen Wandermissionare sterben aus, das Christentum etabliert sich, verfestigt sich und verortet sich. Für die Leitung und Organisation greift man auch auf weltliche Strukturen zurück. Das Modell des Familienvaters (pater familias) wird im heidenchristlichen Bereich zum Vorbild für das die Apostel ablösende Bischofsamt. Aus den Ältesten (presbyter) im jüdischen Bereich werden die Priester. Nur so kann in der Auseinandersetzung mit innerkirchlichen Irrlehren und in der Abgrenzungen gegenüber dem Judentum die Tradition der rechten Lehre garantiert werden. Ein Stück Welt zieht in die bis dahin von „charismatischen“ Wanderpredigern geführte Kirche ein.

Und so verstehe ich den Papst, um zum Thema zurück zu kommen, in seiner Rede von der Entweltlichung der Kirche. Wir alle müssen zur Radikalität des frühen Christentums zurückfinden, die in der Radikalität der Botschaft und Person Jesu gründet. Nur dann vermag unser Glaube so zu strahlen, dass dieses Leuchten zum Licht für die Welt wird, das auch die Menschen von heute ersehnen und erkennen. Dieser Jesus eckte an, weil er sich nicht an überkommene Strukturen, Gesetze und Rituale hielt, vielmehr suchte er sie umzudeuten, etwas Neues zu schaffen, um den verdunkelten Kern des Gottesglaubens darin zum Glänzen zu bringen. Reinheitsgebote, Ehescheidungsgesetze zum Nachteil von Frauen, Fastengebote, sogar das Sabbatgebot ordnete er sich und seinem Evangelium unter. Schon Johannes der Täufer, ein weiterer Radikaler, versuchte wahrhaftige Gottesfurcht zu lehren, unabhängig von religiösem Status oder Abstammung. Diese Linie baut Jesus weiter aus, sie ist beim ersten Märtyrer Stephanus nachzuweisen und in der Predigt des Paulus stark ausgeprägt. Nicht Strukturen und Gesetze retten den Menschen, nur der Glaube an Gott vermag dies zu leisten. Der Glaube an einen Gott, der sich dem Menschen zuwendet und sich in dieser Zuwendung den weltlichen Strukturen des Menschen ausliefert, um seine Liebe und Gnade zu offenbaren.

Entweltlichen wir die Strukturen unserer Kirche und kehren wir zurück zur Radikalität der Botschaft Jesu. Dann ist es mit Paulus gut, wenn man ehelos lebt; wem dieses Charisma allerdings nicht geschenkt ist, der sollte wie Petrus und andere Apostel zusammen mit einer Frau dem Missionsauftrag nachkommen (1Kor 9,5), da ansonsten das Böse droht, wenn man etwas zu leben versucht, für das man nicht geschaffen ist (1Kor 7,5). Vor dem Hintergrund der Missbrauchsfälle eine wie ich finde weitsichtige Anweisung! Dann sollten Frauen, die im Gottesdienst prophetisch reden, nicht vom Wort dieser Rede durch „aufreizendes“ Auftreten ablenken (1 Kor 11,5). Und auch in Sachen Ehescheidung gibt es eine erstaunlich praxisorientierte Weisung des Apostels, die sich sogar über die Lehre des Herrn hinwegsetzt. Er erlaubt einem christlichen Ehepartner die Scheidung von einem ungläubigen Partner (1Kor 7,15).

Stellen wir die Botschaft Jesu und seiner Apostel wieder in den Mittelpunkt unserer Kirche und entweltlichen wir sie auf der Grundlage des Evangeliums. Dann, so bin ich fest überzeugt, könne wir gar nicht auf einen Pfad geraten, der den Glauben in unserer Zeit verdunkelt. Dann werden auch wir wieder als Licht für die Welt leuchten.

30.9.11 20:40

Letzte Einträge: Die wahren Freunde des Papstes, Familie, Gott und Vaterland, Es ist schlecht, eine Horrormeldung nicht Horrormeldung zu nennen, Wissen, wie der Osterhase läuft, Mary can do it, Lass uns nicht in Versuchung geraten

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Clemens Kreiss (9.10.11 08:50)
Nicht schlecht Herr Schnitzler, theologisch brillant. Respekt!

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen