Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Von roten und braunen Früchtchen

Nachdem nun die katholische Kirche zukünftig nicht mehr befürchten muss, dass sie mit erotischer Literatur in Verbindung gebracht wird, kann sie sich endlich wieder den wichtigen Problemen in unserer Gesellschaft widmen. Schließlich ist es nicht so, dass es nicht genug Themen gäbe, zu denen sich eine Kirche, die positiv in diese Gesellschaft hineinwirken möchte, äußern könnte.

An der nach dem Aufdecken der Zwickauer Neonazi-Terrorzelle aufgeflammten Debatte um rechte Gewalt in Deutschland z.B. sollte sich die Kirche mit einem eindeutigen Standpunkt beteiligen. Doch was ist über eine Stellungnahme  von Erzbischof Zöllitsch hinaus von den deutschen Bischöfen bisher zu hören gewesen? Die Empörung über ein paar unzüchtige Bücher schien einigen von ihnen leichter zu fallen.

Nun könnte man sagen, dass es sich beim Weltbild-Skandal um eine innerkatholische Angelegenheit handelt, die - gerade vor dem Hintergrund des vom Papst aufgetragenen Prozesses der Entweltlichung – Priorität hat. Gut! Die Morde der Neonazis sind sicherlich keine christlich motivierten Taten gewesen, sie liegen damit eben im Bereich der Welt, in die hinein die Kirche – gestärkt durch die Reinigung des Entweltlichungsprozesses  – wirken möchte, um den Menschen Gott wieder näher zu bringen.

Nimmt man beim Thema Rechtsradikalismus die Kirchenführung einmal aus dem Blick und fokussiert auf Stellungnahmen aus dem konservativ-katholischen Milieu, dann hält man sich dort weniger bedeckt. Alexander Kissler war einer der ersten, der bereits am 16. November mit einem beruhigend-relativierendem Artikel  auf Cicero online Stellung bezog. Eine Stunde später wusste man immerhin, dass hier weniger ein „terroristisches Netzwerk“ zugeschlagen habe als ein Grüppchen mit „nur ganz wenigen Unterstützern“.

Den Vergleich mit der RAF bewertet Kissler mit Elmar Theveßen als völlig deplaziert, handelt es sich doch lediglich „um psychopathische Serienmörder, denen die politischen Visionen“ fehlten. Nebenbei bemerkt – und wenn es nicht so demaskierend wäre, gehörte es auch nicht in diesen Zusammenhang – moniert Kissler, dass die Fernsehsender der populistischen Versuchung erlegen seien, Bilder und Filmsequenzen aus dem Video der Mörder zu zeigen. War es nicht auch Kissler, der neben freizügigen Buchcovern genüsslich die vermeintlich skandalösen Titel der erotischen Werke zitierte?!

Doch zurück zum Wesentlichen: Der beschwichtigende Ton im Zusammenhang mit der rechtsterroristischen Mordserie wird auf kath.net dann noch einmal getoppt. So spricht Helmut Matthies von mutmaßlichen Tätern, von einer Massenbewegung sei aufgrund sinkender Zahlen im rechten Milieu nicht auszugehen. Die Zahlen rechter Gewalttaten werden dann noch schnell mit der von Linksextremisten verglichen und als vergleichsweise gering eingestuft, um dann der EKD anzuraten, nicht nur gegen Rechts- sondern auch gegen Linksextremismus vorzugehen (siehe auch hier). Auffällig: Matthies sieht in der RAF einen Vorläufer der Zwickauer Mörderbande. Scheinbar glaubt er nicht wirklich an die durchgeknallten Einzeltäter. Oder ihm ist die Kritik an der Haltung der EKD viel wichtiger, als hier schlüssig zu argumentieren.

Wie wenig kath.net an einer wirklichen Kritik an rechtem Gedankengut gelegen ist, kann man den Artikeln entnehmen, die seither veröffentlicht wurden. Neben der Geschichte  eines rechten Totschlägers, der im Gefängnis zu Gott gefunden hat (übrigens im Widerspruch zu Matthies ein schönes Beispiel für den Erfolg evangelischer Arbeit mit Rechtsradikalen), kann man sich über pakistanische Muslime informieren, die Mädchen zu Sexsklavinnen abrichten. Dabei ist weniger die eigentliche Nachricht das Verwerfliche, vielmehr die bewusst unterlassene Differenzierung, die man im Fall der angeblich christlichen Motive des Norwegers Breivik vehement einforderte. Der deutliche Zusammenhang, der hier zwischen dem Muslim-Sein und den Verbrechen hergestellt wird, kann aufgrund ebendieser Erfahrungen wohl nur als böswillig bezeichnet werden. Weder kann ein mit Drogen dealender, pakistanischer Vergewaltiger als typischer Muslim noch ein kinderschändender Priester als typischer katholischer Geistlicher bezeichnet werden.

Nur Kissler, der auch gerne für kath.net schreibt, schafft es noch, in einem seiner pseudointellektuellen Ergüsse auf The European, dem ganzen Treiben die Krone aufzusetzen. Scharf verurteilt er hier das Bemühen des Staates, rechtes Gedankengut aus den Köpfen der Menschen heraus zu bekommen.  „An der Schädeldecke endet das staatliche Zugriffsrecht.“ Nein, jeder einzelne von uns, gerade Lehrer, Politiker, Mitarbeiter der Kirche und des Staates, hat dafür zu sorgen und daran zu arbeiten, dass dieses verbrecherische Gedankengut, das schon viele Millionen Opfer gekostet hat, aus den Köpfen der Menschen verschwindet.

Wo bleiben die scharfen Worte der deutschen Bischöfe zu diesem Milieu innerhalb des Katholizismus, das sich da auf diesen Internetseiten tummelt? Die Kommentatoren formulieren übrigens weniger vorsichtig. Wo bleibt ein Kardinal Meisner, der sich in den letzten Wochen so um das Image der Kirche bemühte, der diesem Treiben auf kath.net und anderswo öffentlich entgegentritt? Wo bleibt ein Kardinal Marx? Vor allem aber: Wo bleiben die österreichischen Bischöfe, in deren direktem Verantwortungsbereich kath.net liegt? Ich schäme mich als Katholik für ein solches Portal.

25.11.11 18:11

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bisher 11 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Stephan (26.11.11 12:47)
Hier noch eine eindeutige Stellungnahme der baden-württembergischen Religionsgemeinschaften gegen rechte Gewalt: http://www.drs.de/index.php?id=105&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=19490&tx_ttnews[backPid]=27&cHash=87ffc66ea4


Volker Schnitzler (26.11.11 13:13)
Danke für den Link! Schön, dass es Diözesen gibt, die sich in diese Richtung engagieren!


Mark Schoeller (26.11.11 15:51)
Gut, dass diese Verharmlosung einmal angesprochen wird. Nicht Islamisten oder Linksradikale haben in den letzten 10 Jahren die meisten Menschen getötet, es waren die Neonazis!


Werner (1.12.11 17:47)
Dass die Berichterstattung von kath.net sich nicht durch liberales Gedankengut auszeichnet, ist sicherlich jedem klar, der einmal einige Minuten auf diesem Portal verbracht hat.
Die Ausrichtung von kath.net ist also sicherlich tendenziös.(Doch am Rande gefragt: Welches publizistische Medium ist das nicht?)
Dieser Website jedoch in Verbindung mit radikalen Verbrechern in Verbindung zu bringen, ist doch sehr dick aufgetragen, wenn nicht sogar infam. Solche Unterstellungen führen weder zur Verständigung zwischen den polarisierten Gruppen noch tragen sie zur Glaubwürdigkeit der Kritiker von kath.net bei.


Volker Schnitzler (2.12.11 01:19)
Ich stelle keine Verbindung von kath.net zu radikalen Verbrechern her, ich kritisiere die Verharmlosung dieser Verbrechen.


Werner (3.12.11 01:38)
Sie kritisieren, dass kath.net die Verbrechen verharmlose. Dieses Problem sehe ich jedoch nicht. Ihr genanntes Beispiel - nämlich der Bericht über einen rechten Totschläger, der im Gafängnis zu Gott gefunden hat - wird von Ihnen selbst ja als schönes Beispiel evangelicher Arbeit beschrieben. Inwiefern die Berichterstattung über diese Form der evangelischen Mission als Verharmlosung rechtsradikaler Umtriebe zu werten ist, bleibt eine offene Frage. Auch A. Kissler als Kornzeugen verirrter Tendenzen anzuführen führt doch zu nichts. Wenn Kissler schreibt, dass "das Zugriffsrecht an der Schädeldecke endet", dann formuliert er damit, was einen freiheitlich-pluralistischen Staat von einer Diktatur unterscheidet. Das Recht auf freie Meinungsbildung birgt die Gefahr in sich, dass bei einigen diese Freiheit zu fragwürdigen Ergebnissen führt. Wer dem Staat "das Recht auf die Schädeldecke" zuspricht, vertritt schon eine harte Linie, die wir doch zu überwunden geglaubt haben. Wollen wir zu denen gehören, die andere zu ihrem Glück zwingen wollen? Sind die, die sich gegen diesen Anspruch wehren, gleich Verharmloser der politisch Irregeleiteten?


Volker Schnitzler (3.12.11 01:41)
Ich kritisiere den typischen Reflex in einer bestimmten Ecke, gleich nach solch einer schrecklichen rechtsradikalen Tat auf Verharmlosung und Gegenangriff zu setzen. Statt sich mit dem Thema Rechtsradikalismus auseinander zu setzen, mit seinen offenbar unterschätzen Gefahren, mit seinen Morden und seinem Terror, bringt man die Geschichte eines Rechtsradikalen, der zu Gott gefunden hat. So schlimm können diese Jungs also gar nicht sein. Weiter pflegt man genüsslich seine Islamphobie und zeichnet ein Bild von Muslimen als Kinderschänder und Vergewaltiger, was vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals schon wirklich eine dreiste Geschichte ist. Und noch einmal: Wenn wir nicht daran arbeiten, dass diese Gedanken aus den Schädeln der Menschen kommen, dann wird es immer wieder zu solchen Taten kommen. Damit meine ich natürlich Aufklärung, Bildung und Auseinandersetzung und keine Hirn-OP. Also versuchen Sie mir hier nicht den schwarzen Peter zuzuschieben, setzen Sie sich lieber auf kath.net dafür ein, dass die islamophoben, homophoben und rechten Kommentare ein entsprechenden Echo bekommen; allerdings wird man Ihre Kommentare erfahrungsgemäß überhaupt nicht mehr freischalten. Da dürfen Sie dann für Ihr Recht auf freie Meinungsäußerung eintreten!


Werner (3.12.11 21:15)
Ich achte Ihr Engagement in der Sache.
Doch sehe ich ein Problem in der Motivation des Engagements. Wenn Sie dafür plädieren, dass radikale Gedanken aus den Schädeln der Menschen herausgeklopft werden sollen (natürlich durch Bildung, Aufklärung und nicht durch eine Hirn-OP!!), dann ist das natürlich wichtig und richtig. Doch Kisslers Argument, dass der Staat kein Zugriffsrecht auf das Hirn bzw. die Weltanschuung der Menschen hat, können Sie doch nicht wirklich als Beleg für Verharmlosung politischer Verbrechen heranziehen.
Rousseau wollte auch die Leute zu ihrem Wohlergehen bekehren, wenn nötig mit Gewalt - und das Ganze endete in logischer Konsequenz unter der Guillotine.
Freiheit und Pluralismus halten die Gefahr der falschen Meinung offen. Wenn aus der falschen Meinung Verbrechen resultieren, dann muss der Staat vorgehen, aber er hat trotzdem kein Zugriffsrecht auf das Hirn der Bürger!
In diesem Punkt ähneln sich rechte und linke Katholiken doch sehr. Beide nehmen für sich Anspruch, dem Staat Übergriffe auf die Meinungsbildung zuzusprechen. Sage in diesem Sinne keiner, dass die "liberalen Katholiken" frei von Indoktrinationsgelüsten wären.


Volker Schnitzler (3.12.11 23:49)
Ist es eine nachvollziehbare Reaktion nach dem Aufdecken dieser Terrorzelle, zuerst einmal festzuhalten, dass die Gedanken auch von Rassisten und Terroristen frei sind, dass der Rechtsradikalismus eigentlich ein untergeordnetes Problem ist und dass Linksextremismus und Islamismus doch viel schlimmer sind??

Ich sehe mich auch nicht als linken Katholiken, Verbrechen sind Verbrechen, ob RAF oder NSU. Warum aber packt man jetzt überhaupt wieder die RAF aus? Eine Abwehrreaktion aus welcher Motivation heraus? Und was Bildung, Aufklärung und eine sachliche Auseinandersetzung mit Indoktrination zu tun haben, das müssen Sie mir bitte erklären?! Glauben Sie etwa, dass es überzeugende Argumente für rechtes, rassistisches Gedankengut gibt, dem man nichts entgegensetzen kann? Das sehe ich dann tatsächlich anders.


werner (4.12.11 11:28)
Selbstverständlich gilt es, gegen Extremisten überzeugende Argumente ins Feld zu führen. Trotzdem müssen wir zwischen Verhalten und Haltung unterscheiden. Staatlicherseits kann nur Verhalten, aber keine innere Haltung sanktioniert werden. Dies ist Diktaturen vorbehalten. Im öffentlichen freien Diskurs können wir Argumente austauschen - in der Hoffnung, dass auch die Verirrten sie hören und reflektieren. Doch niemand hat ein absolutes Zugriffsrecht auf die Haltung, das bleibt - trotz aller damit verbundenen Schwierigkeiten - ein Privileg des autonomen Individuums.
Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, sehe ich doch die Gefahr, dass Sie einigen Medien wie kath.net vorschreiben wollen, wie diese zu berichten haben. Wenn kath.net darüber berichtet, dass ein ehemalige rechter Schläger im Knast bekehrt wurde - wieso ist das Verharmlosung? Unterstellt man der Gegenseite nicht immer das Schlimmste, könnte man den inkriminierten Artikel doch auch anders lesen: Wie, wenn kath.net gerade die Kraft des Glaubens herausstellen wollte; ein Glaube, der so stark ist, dass selbst die allerschlimmsten Verbrecher noch von ihm überzeugt und geläutert werden können?
Oder Ihr Problem mit den insinuierten mangelnden Aufschrei der Bischöfe? Wenn Sie danach suchen, werden Sie von den meisten Bischöfen eine Stellungnahme zu den Verbrechen finden. Aber diese Stellungnahmen werden nicht von den säkularen Medien gehört. Die Kirche wird z.Zt. in der öffentlichen Wahrnehmehmung vornehmlich mit Missbrauch assoziiert, in diesem Bereich kommt eine Schlagzeile immer gut. In den meisten anderen Bereichen geht die Stimme der Kirche aber nur noch als Randnotiz in die Meldungen ein.
Ich sehe also von keiner Seite die Gefahr der Verharmlosung. Vielmehr habe ich Angst davor, dass einige Kommentatoren die Verbrechen instrumentalisieren, um der unlieben Gegenseite Verharmlosung zu unterstellen. Dabei dachte ich, dass es doch angeblich kath.net und Co seien, die für Verunglimpfung zuständig sind!


Volker Schnitzler (4.12.11 12:28)
In Bezug auf den rechten Schläger finde ich den Zeitpunkt des Artikels und das Fehlen von verurteilenden und solidarischen Artikeln bedenklich. Ansonsten gebe ich Ihnen damit Recht. Allerdings widerspricht gerade dieser Artikel dem Vorwurf Matthies, der behauptete: "Im Blick auf Rechtsaußen sollte sich die evangelische Kirche einmal fragen, warum es ihr nicht gelingt, irgendeinen positiven Einfluss zu nehmen."

Warum veröffentlicht ein katholisches Portal dann die Vielzahl von bischöflichen Stellungnahmen nicht? Lesen Sie die Kommentare zu den vereinzelten Stellungnahmen, die veröffentlicht wurden?

Ist es berechtigt, einen Zusammenhang zwischen rechtsradikaler Haltung und dem daraus resultierenden Verhalten zu sehen und vorsichtig und präventiv zu agieren? Mir ist noch kein Neonazi begegnet, und die begegnen mir sehr oft, die sich aus ihrer Haltung heraus nicht auch verhalten. Ich möchte kath.net auch nicht das Geringste vorschreiben, ich möchte das ansprechen, was mir aus meiner katholischen Sicht als bedenklich erscheint. Dabei ist mir völlig bewusst, dass dies eben meine Sicht ist. Gerne diskutiere ich darüber, z.B. auch mit Ihnen. Wenn es aktuell zu Treffen von Verantwortlichen im Vatikan mit katholischen Journalisten auch aus der neokonservativen Ecke gekommen ist, dann hege ich auch die Hoffnung, dass hier positiv auf die Arbeit dieser Leute eingewirkt wird.

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