Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Hermeneutik des Fortschritts

Als ich beim Lesen des Interviews von Armin Schwibach mit dem deutschen Distriktoberen der Piusbruderschaft Franz Schmidberger auf die Wendung der "2000-jährigen  Lehre" der Kirche stieß, die entweder richtig oder falsch sei, und deshalb mit dem Zweiten Vatikanum unvereinbar, fühlte ich mich an das zuletzt kritisierte Schwarzweiß-Denken in der traditionalistischen Ecke erinnert. Auch in der Auseinadersetzung mit einem Kommentator dieses Blogs wurde ebendiese Denk-Figur gegen liberale "Kirchenzerstörer" ins Feld geführt.

So kritisiert Schmidberger, dass nirgendwo in der Bibel oder bei den Kirchenvätern oder auch in päpstlichen Verlautbarungen vor dem letzten Konzil jemals von „der Kirche als Sakrament der Einheit des Menschengeschlechtes“ die Rede gewesen sei, wenige Zeilen später bezweifelt er die Identität von Allah und dem dreieinigen Gott. Nun ist aber der Begriff der Dreieinigkeit auch kein biblischer und auch die frühen Kirchenväter kannten ihn nicht. Und an die Dreieinigkeit glauben auch die Juden nicht. Glauben diese folglich auch nicht an denselben Gott wie wir? Ist der Islam nicht auch wesentlich von jüdisch-christlichen Einflüssen bestimmt? Fragen, die in einem klaren Schwarzweiß-Schema wohl keinen Platz haben.

Wie sieht es denn aus mit der konstanten 2000-jährigen Lehre der Kirche? Ein Blick auf eines der ersten frühchristlichen Großereignisse, dem so genannten Apostelkonvent zu Jerusalem, bietet vielleicht einen Einblick in die Entwicklung dieser Lehre. Geht es dort doch um die Frage nach der göttlichen Offenbarung des Evangeliums von Jesus Christus und die Konsequenzen, die daraus für die Gläubigen erwachsen.

Erfreulicherweise liegen im Neuen Testament zwei Texte vor, die über dieses Ereignis berichten. Da ist zuerst einmal der Galaterbrief des Paulus zu nennen, der von einem wesentlichen Zeugen und Hauptakteur des Konventes verfasst ist. Zum anderen setzt sich das 15. Kapitel der Apostelgeschichte (Apg) des Lukas mit diesem Treffen auseinander.

Vergleicht man einmal beide „Versionen“ miteinander, so fallen doch einige Unstimmigkeiten auf. Bereits die beteiligten Jerusalemer stimmen nicht überein: Sind es bei Lukas die Apostel, namentlich genannt werden Petrus und Jakobus, und die Ältesten, weiß Paulus nur von drei Personen zu berichten: Jakobus, Petrus und Johannes. Petrus wird bei Paulus als Judenmissionar bezeichnet, Lukas sieht ihn als Heidenmissionar. Ist Paulus nach der Darstellung der Apg lediglich ein Gesandter einer Gemeinde, ist er nach der Selbstdarstellung Verhandlungspartner auf Augenhöhe. Auch der Gegenstand der Verhandlung wird unterschiedlich wiedergegeben. Nach Lukas geht es um die Frage der Beschneidung von Heidenchristen, nach der paulinischen Darstellung um die Anerkennung seines Evangeliums. Schlussendlich sind sich die beiden biblischen Autoren auch bei der Ergebnissicherung uneins: Lukas stellt die Anerkennung der Heidenmission unter Auflagen fest, keine Beschneidung aber gewisse Speisegebote, Paulus konstatiert die Anerkennung seines Evangeliums ohne jede Auflage.

Von Harmonie kann hier also wahrlich nicht die Rede sein. Weder in Bezug auf den Sachverhalt noch in der Bewertung des ihn klärenden Konzils. Tendiert Lukas eher zu einer Hermeneutik der Kontinuität, indem er die Verbindlichkeit jüdischer Gesetzesvorschriften wenigstens in Ansätzen erhält, präferiert Paulus die Hermeneutik der Reform, indem er ganz auf den Glauben und die Taufe abzielt und die Tora und die Beschneidung ablehnt.

Im frühen Christentum streitet man sich ebenso wie auch heute um die rechte Lehre, die richtige Auslegung des Evangeliums oder kirchlicher Beschlüsse. Alleine der Streit um die Beschneidung und die Tora verdeutlicht dies. Paulus berichtet immer wieder von Leuten, die in die heidenchristlichen Gemeinden kommen und von den Christen die Beschneidung fordern. Und selbst nach diesem "Konzil" mit den „Säulen“ der frühen Christenheit kehrt kaum Ruhe ein. Es wird weiter gestritten und diskutiert. 

Der Evangelist Lukas, der ca. 30 Jahre nach Paulus schreibt, hat sogar einen anderen Apostelbegriff als Paulus. Letzterer sieht sich nämlich als einen Apostel, da ihm der Herr erschienen ist und ihm sein Evangelium offenbart hat. Deshalb sieht er dieses im Übrigen auch unabhängig von menschlicher Autorität (Gal 1,1 und 1,12). Für Lukas muss ein Apostel aber Jesus auf seinem Weg durch Galiläa gefolgt sein (Apg 1, 21f). Lukas spricht von den 12 Aposteln, in der paulinischen Literatur taucht eine Vielzahl von Aposteln auf. Im Grunde könnte man Lukas als den großen Harmonisierer deuten, der die christliche Lehre an den Zeitgeist anpassen will, Streitigkeiten herunterspielt und die Entwicklung idealisiert, um den römischen Machthabern zu vermitteln, dass sie sich um diese Bewegung keine Sorgen machen müssen, dass sie völlig harmlos und friedlich ist. Aus der weiteren Geschichte wissen wir, dass ihm dies nicht gelang. 

Und trotzdem: Auch ich glaube an einen 2000-jährigen unabänderlichen Kern des Evangeliums, so z.B. an das, was im Apostolischen Glaubensbekenntnis bezeugt wird, oder das, was die Dogmen zum Ausdruck bringen wollen. Doch um diesen Kern wird heutzutage doch kaum gestritten. Oder wo ist offenbart, dass ein Priester zölibatär zu leben hat? Wo ist offenbart, dass Frauen kein Weiheamt ausführen können? Die neutestamentlichen Zeugnisse weisen eher in die andere Richtung, wenn sie vom Bischof verlangen verheiratet zu sein (1Tim 3,2) und vielen Frauen in den frühen Gemeinden Gemeindeaufgaben übertragen wurden (Röm 16).

Wenn man sich die beiden Texte zum Apostelkonvent anschaut, dann sind diese Diskussionen auch völlig legitim! Auch vor 2000 Jahren ist heftig gestritten worden, und auch die „Hermeneutik“ eines Konzils ist nachweisbar sehr unterschiedlich gewesen. 

Und durchgesetzt hat sich der Geist Gottes, der weht, wo er will. Ansonsten wären wir Heiden im entfernten Germanien niemals Christen geworden. Hätten sich die dem Gesetz verpflichteten „Traditionalisten“ gegen das gesetzesfreie Evangelium durchgesetzt, wäre die Jesusbewegung eine jüdische Sekte geblieben. Die große Stärke des Christentums war doch immer die Anpassung an Kulturen und Zeiten (auch wenn dies nicht immer gelang), das ist ein Stück christliche Tradition! Dazu bedarf es eines festen und glühenden aber kompakten Kerns der Lehre, der eine flexible Ausgestaltung von Ausformungen in Einheit ermöglicht.

15.2.12 14:22

Letzte Einträge: The Hunger Games, Alternative für Ockenfels, Die wahren Freunde des Papstes, Familie, Gott und Vaterland, Es ist schlecht, eine Horrormeldung nicht Horrormeldung zu nennen

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


werner (24.2.12 22:19)
Ach, warum ist es so schwer zu verstehen? Schon als Schüler im Religionsunterricht lernte ich es, dass es in der katholischen Kirche nämlich eine Hermeneutik gibt, die wesenskonstitutiv ist: Die Hermeneutik des Lehramts.
Roma dixit, causa finita, so erklärt es mir heute ein geistlicher Begleiter in komplexeren Worten, die doch nur dasselbe sagen: Katholisch sein heißt, glauben, helfen, lieben, und sich in eine Tradition einreihen, die größer ist als ich.
Natürlich werden Sie nun wieder dagegenhalten, dass "Wahrheit" errungen und diskutiert werden musste. Doch die, die ihr Leben gaben (und geben) für ihren Glauben, taten dies nicht um des Diskutierens willen, sie taten es im Wissen darum, dass nicht sie, sondern das je Größere uns sagt, wofür es zu leben und zu sterben lohnt. Ein Wissen, das aus Vertrauen erwächst. Und dieses wissende Vertrauen unterscheidet uns Katholiken doch von all den anderen, auch wenn einige derer, die noch scheinbar an Bord sind, ihre metaphysische Koie verlassen haben und bereits die Beiboote wassern.


Eric Djebe / Website (1.3.12 12:39)
An diesem Kommentar ist doch Einiges sehr ärgerlich, besonders aber der Verweis auf das Glaubensmartyrium als Quelle katholischer Selbstbestätigung. Man nehme als Gegenbeispiel die Religionsgemeinschaft der Waldenser, die eine jahrhundertelange furchtbare Verfolgung durch die katholische Kirche gewaltfrei durchstand. Ich bin sehr froh, dass der katholischen Kirche - die auch die meine ist - diese Prüfung erspart geblieben ist.

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen