Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Von unaufgeklärten Aufklärern

Der talkshow-erfahrene Philosoph und Vorzeigeatheist Michael Schmidt-Salomon ruft aktuell zu weniger Respekt vor religiösen Gefühlen  auf. „Menschen als Menschen wertzuschätzen“ sei eine Selbstverständlichkeit, ihre Überzeugungen zu respektieren sei jedoch wenig hilfreich. So hätten Respektlose keinen Respekt verdient. 

So weit so undifferenziert. Mit dem Bild eines hasserfüllten Neonazis vor Augen, der gerade mit seinen Springerstiefeln auf ein am Boden liegendes, wehrloses Opfer eintritt, mag man ihm vorschnell zustimmen. Tauscht man den Kahlkopf gegen einen Islamisten aus, wird man wohl auch noch nicht von Schmidt-Salomons These abweichen. Respekt vor Menschen, die andere mit Füßen treten, fällt äußerst schwer 

Und doch wird der aufgeklärte Mensch - für einen solchen hält der Philosoph sich schließlich auch - selbst diesen Tätern eine gewisse Achtung entgegenbringen können und unter Beachtung der individuellen Lebensgeschichten zu einem differenzierten Urteil kommen können. Kaum wird man zum Ausgleich Tritte und Schläge als gerechte Strafen fordern, sondern aufgrund der allgemeinen Menschenwürde ein faires Gerichtsverfahren. Respektlosigkeit für Respektlosigkeit erscheint mir eine wenig aufgeklärte Forderung.

Doch genau dies ist Schmidt-Salomons Argumentationslinie. Er führt die Respektlosigkeit der Muslime auf ein "Defizit" zurück, das in der heiligen Schrift dieser Menschen begründet liegt. Nicht nur, dass er hier alle Muslime, aufgeklärte wie Fundamentalisten, über einen Kamm schert. Indem er einzelne Suren aus dem Koran losgelöst von ihrem Kontext zitiert, versucht er die Respektlosigkeit von Muslimen gegenüber Ungläubigen als Glaubensinhalt und somit als verpflichtendes Verhalten darzustellen. Ähnlich unprofessionell geht er dann mit den biblischen Versen um, die er sich für seine Argumentation ausgesucht hat.  

An dieser Stelle musste ich unwillkürlich an meinen Professor für Altes Testament denken, der nicht müde wurde zu wiederholen, dass man mit biblischen Einzelversen alles begründen könne, wenn man diese einzelne Verse nur aus dem Textzusammenhang reißt. Darüber hinaus traute er es sich zu, jedem auf diese Weise erzeugten „Beleg“ einen ebenfalls biblischen Vers vorzulegen, der das genaue Gegenteil beweist.

Doch so darf man mit heiligen Texten einfach nicht umgehen. Darüber sollte sich der Philosoph vielleicht einmal aufklären lassen, zumal die Texte, die er hier zitiert, vor vielen Jahrhunderten entstanden sind und so nicht einfach aus dem Blickwinkel heutigen Denkens abgeurteilt werden dürfen.

Achtfach begründet Schmidt-Salomon im weiteren Verlauf seiner Ausführungen die Verurteilung der "Ideologie des falschen Respekts". Die Heilung des „Krankheitsbildes“ der „Kritikphobie“ sei die „systematische Desensibilisierung“ durch fortdauernde Kritik. Indirekt bezeichnet er die Macher von Karikaturen und Schmähvideos als „Künstler“, was eine weitere Auseinandersetzung mit seinem Ansatz überflüssig macht.

Hannes Stein zeigte im Zusammenhang mit der Beschneidungsdebatte die antisemitische Tradition vieler großer Aufklärer (vgl. auch hier) angefangen bei Voltaire über Diderot, Kant, H. G. Wells bis zu Christopher Hitchens auf und kommt zu dem Ergebnis:

„Die Tradition der Aufklärung dagegen gilt immer noch als weitgehend unschuldig […]Der Antisemitismus ist aber mehr als ein moralisches, er ist auch ein intellektuelles Problem. Ein Denken, das vom Judenhass angefressen wurde, ist von innen her faul. Solange die Aufklärer, Fortschrittsfreunde und Gottesleugner sich also weigern, ihre eigene judenfeindliche Tradition in Augenschein zu nehmen, solange sie dieses Erbe wie bewusstlos immer weiter tragen, stimmt mit ihnen etwas ganz Grundsätzliches nicht.“

Schmidt-Salomon fügt sich wohl bestens in diese Tradition ein und ist auch deshalb zu kritisieren. Vielleicht hört die vielbeschworene Meinungsfreiheit da auf und fängt der Respekt da an, wo man Menschen verletzen könnte, ob nun mit Springerstiefeln oder mit Bildern und Worten?!

23.9.12 16:28

Letzte Einträge: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, The Hunger Games, Alternative für Ockenfels, Die wahren Freunde des Papstes, Familie, Gott und Vaterland

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen