Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Dan Browns Einfluss auf die Wissenschaft

Nun doch noch ein paar lose Gedanken zum „sensationellen“ Papyrusfund, der aufgrund seiner Andeutung, Jesus sei verheiratet gewesen, für einiges Medienecho sorgte. Der in koptischer Sprache verfasste Papyrusschnipsel wird von der Wissenschaftlerin Karen King in das 4. Jhd. datiert. Sie übersetzt ihn bis zum achten Vers wie folgt:

«1. [. . .] nicht zu mir. Meine Mutter gab mir das Leben [. . .] 2. Die Jünger sagten zu JS [. . .] 3. verneint. Maria ist dessen würdig [. . .] 4. [. . .] Es sagte JS zu ihnen: Meine Frau [. . .] 5. [. . .] sie kann meine Jüngerin sein [. . .] 6. Lasst böse Menschen anschwellen [. . .] 7. Ich, ich wohne (oder: existiere) mit ihr, damit [. . .] 8. ein Bild [. . .]»

Sowohl aufgrund der verwendeten Sprache als auch inhaltlich weist das Fragment große Verwandtschaft zu Texten auf, die in der Vergangenheit in Ägypten gefunden wurden. Hier vor allem zum Evangelium des Philippos und dem der Maria.

Neben der koptischen Sprache wird in diesen beiden gnostischen Evangelien ebenfalls eine besondere Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena angedeutet. Und auch in der kritischen Haltung einiger Jünger dieser Maria gegenüber findet sich eine Parallele. So heißt es im Evangelium des Philippos: "Der Heiland liebte Maria Magdalena mehr als alle Jünger und er küsste sie oftmals auf den Mund." 

Und im Evangelium nach Maria hört man Petrus sagen: „Schwester, wir alle wissen, dass der Retter dich [Maria Magdalena] lieber hatte, als all die anderen Frauen. Später wendet Andreas ein: "Sagt doch, was denkt ihr über das, was sie gesagt hat? Ich glaube nicht, dass der Retter so geredet hat. Seine Lehren haben eine andere Bedeutung. Sollen wir ihr etwa zunicken und alle auf sie hören? Hat er sie uns vorgezogen?“

Nun ist die Gnosis sicherlich ein synkretistisches und völlig uneinheitliches Gebilde und gerade ihre Ursprünge liegen zum großen Teil im Dunkeln. Typisch aber scheint die Vorstellung eines vollkommen fernen obersten Gottes zu sein, der nicht der Schöpfer der Welt ist. Diese ist vielmehr durch unvollkommene Kräfte (Demiurgen) entstanden, lediglich ein göttlicher Funke (Seele) im Menschen hält diesen am Leben. Dieser wartet auf Erlösung durch Erkenntnis (Gnosis). 

Zudem liegt in den gnostischen Systemen ein ausgeprägter Dualismus vor, der z.B. im Gegensatz von Geist und Materie zum Ausdruck kommt. Die weibliche Seele eines Menschen bedarf der Vervollkommnung durch eine männliche Gotteskraft. So könnte etwa der Traum der Maria, der im gleichnamigen Evangelium beschrieben wird, eine solche Vervollkommnung bedeuten. Durch eine „hohe Gestalt“, die in die Welt kam, wurde die Seele Marias „aus der Welt gerettet“ und hat so Erkenntnis (Gnosis) erlangt.

Weiter zeichnet sich die Gnosis durch einen mehr oder weniger ausgeprägten Doketismus aus, eine Lehre, die davon ausgeht, dass das Göttliche (Jesus) nicht wirklich leiden und sterben kann, dies für die Menschen nur so erschien. So schreibt das Philippos-Evangelium: „Die sagen: Zuerst ist der Herr gestorben und dann auferstanden, sie irren.“ Im Sakrament des Brautgemaches, mit dem sich dieses Evangelium sehr ausführlich beschäftigt, wird veranschaulicht, wie gnostische Auferstehung zu denken ist. Der männliche „Engel“ oder „Bruder“ verbindet sich in einem rituellen Hochzeitfest mit der weiblichen Seele. In diesem „Sakrament des Brautgemachs“ erreicht der Gnostiker die Erlösung und Auferstehung.

So sprechen die Abwertung von Materie und Welt und die Gnosis als geistiger Prozess wohl gegen eine oberflächliche und zu konkrete Deutung dieser Texte. Im Philipposevangelium beispielsweise wird ein Kuss mitnichten als körperlicher Ausdruck von Zuneigung verstanden, wenn es heißt: „Die Endgültigen werden durch einen Kuss schwanger, durch die Gnade, die unter uns ist.“

Und auch der Begriff "Gefährtin", der in der damaligen Zeit soviel wie Ehefrau bedeutete, wird in der Gnosis wohl eher eine übertragene, geistige Bedeutung haben, wenn Philippos schreibt: „Drei gingen jederzeit mit dem Herrn, seine Mutter Maria und ihre Schwester und Magdalena, die man seine Gefährtin nennt. Maria ist nämlich seine Schwester und seine Mutter und seine Gefährtin.“

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich die gnostischen Evangelien dramatisch von den vier viel älteren (1.Jhd.) kanonischen Evangelien unterscheiden. Es liegt ein völlig konträres Gottesbild zugrunde, Jesus wird eher als geistige Erlösergestalt gedeutet, die eben NICHT Mensch war. Der Jesus der Bibel wird aber als wahrhaft leidender (Gott-)Mensch, der am Kreuz gestorben ist und am dritten Tag auferstand, dargestellt. Sein Evangelium richtet sich dann an alle Menschen und nicht nur an eine gnostische Elite.

Richtig ist allerdings, dass Jesus - für einen jüdischen Rabbi untypisch - auch Frauen in seine Jüngerschaft aufnahm. Den Frauen wird in den Evangelien sogar eine herausragende Stellung zugesprochen, weil sie diejenigen sind, die ihm bis zum Schluss nachfolgen. Während die Apostel und Jünger auf der Flucht in ihre Heimat Galiläa sind, stehen die Frauen um Maria Magdalena unter dem Kreuz. Deshalb sind es diese Frauen, denen der Auferstandene zuerst erscheint, die diese frohe Kunde dann den Aposteln und Jüngern verkünden.

Wenn man allerdings berücksichtigt, dass sich Jesus zu Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit im Umfeld Johannes des Täufers aufhält, der ein ausgesprochener Asket und apokalyptischer Prediger war. Und wenn man zudem seine kritische Haltung auch gegenüber seiner Familie (Mk 3,23, Mk 3,33ff) betrachtet, dann fällt es schwer, sich diesen Jesus als verheirateten Ehemann vorzustellen. Von Dan Brows The Da Vinci Code einmal abgesehen gibt es auch nach dem Papyrusfund für diese These keinerlei historisch brauchbaren Belege.

8.10.12 14:03

Letzte Einträge: Brückenbau mit Abrissbirne, Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, The Hunger Games, Alternative für Ockenfels, Die wahren Freunde des Papstes

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