Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Von der Selbstdemontage eines Parawissenschaftlers

Schon sei Tagen erregt die ZDF-Sendung „Das Geheimnis der Geburt Jesu“ auf kath.net die Gemüter (hier und hier). Nun weiß ich nicht, ob in der Dokumentation wirklich von einem Faktencheck die Rede war, so wie die Kritiker behaupten. Ersichtlich wird aus der Kritik aber, dass man sich in der Sendung wohl auf Ergebnisse der historisch-kritischen Methode bezog. Die aber ist nach Michael Hesemann „längst durch viele historische Fakten und archäologische Funde widerlegt worden.“  Das ist mir neu! Und ich wusste auch gar nicht, dass DIE historisch-kritische Methode als systematisches Verfahren zur Gewinnung von Erkenntnissen, als Methode eben, widerlegbar ist?!

Scheinbar will Hesemann die Wissenschaft durch die Parawissenschaft ersetzen. Seine Kritik an der ZDF-Sendung führt sich allerdings ad absurdum, indem er den ZDF-Fakten nun die eigenen Fakten entgegengesetzt. So weiß Hesemann zu berichten, dass die schwangere Maria „13 Jahre“ alt war und zudem eine „fromme Jüdin aus bestem Hause“. „Fakt ist nur, dass Jesus in einer Stallhöhle geboren wurde“, weiß Hesemann weiter zu berichten. Zudem seien die Magier aus dem Morgenland „persische Priester“ gewesen. „Ihr Prophet, Zarathustra, hatte die Geburt des Heilsbringers Saoschyant vorhergesagt.“ Und Fakt sei zudem, dass „Jesus eindeutig aus dem Hause Davids stammte“. Alles in allem meint Hesemann „beweisen“ zu können, „dass die Evangelisten wahrheitsgemäß berichteten.“

Nun sind die Evangelien keine Geschichtsbücher oder historische Berichte im eigentlichen Sinne, sondern vor allem Glaubenszeugnisse, die sich jedoch auf historische Ereignisse beziehen. Deshalb macht es Sinn, sie mit totgesagten wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen, um die historischen Fakten und geschichtlichen Entwicklungen nachvollziehen zu können. Wichtig ist dabei aber die Trennung zwischen historischen und theologischen Aussagen. Erstere können wissenschaftlich ergründet werden, zweitere können im Glauben angenommen werden.

Wendet man die historisch-kritische Methode auf die beiden biblischen Weihnachtsgeschichten an, so ergeben sich einige Probleme. Schon die bei Lukas und Matthäus angeführten Stammbäume stellen den Leser vor mancherlei Schwierigkeiten, sind sie doch im wahrsten Sinne gegenläufig. Führt der Stammbaum des Matthäus von Abraham bis Jesus, so führt der des Lukas in umgekehrter Reihenfolge von Jesus bis Adam. Die Generationen von Adam bis Abraham bietet nur Lukas. Bringt man den beiden gemeinsamen Abschnitt von Abraham bis Jesus einmal in die gleiche Reihenfolge, so fällt auf, dass es so gut wie keine Übereinstimmungen gibt. Selbst Jesu Opa ist nicht identisch. Da braucht es dann wieder den Parawissenschaftler Hesemann, um hier eine historisch brauchbare Deutung zu liefern.

Und auch die Behauptung, die Stammbäume intendierten, die Abstammung Jesu aus dem Hause Davids zu beweisen, wird von einigen Wissenschaftlern eher kritisch gesehen, da der Stammbaum nach Josef zu Maria wechselt, der Davide Josef wird aber gerade nicht als Vater Jesu bezeichnet. Vielmehr scheinen die Stammbäume einen Abriss des Volkes Israel zu liefern, welches in Abraham wurzelt und in Jesus seinen Höhepunkt findet.

Die beiden Weihnachtsgeschichten erzählen durchaus unterschiedliche Geschichten, die aus verschiedenen Traditionen zu entstammen scheinen. So ist es auch ziemlich schwierig, die jeweiligen Zeitangaben des Geburtsjahres Jesu in eine schlüssige Theorie zu bringen. Herodes der Große stirbt 4 v.Chr., die Stadthalterschaft des Quirinius führt ins Jahr 6/7 n.Chr., ein Graben von 10 Jahren.

Fraglich ist auch, wie die Römer in Bethlehem eine Steuererhebung durchführen konnten, wenn dieser Ort damals doch zu Judäa gehörte und somit zum Königreich Herodes und eben nicht unter römischer Administration stand. Neben Lukas gibt es keine weitere historische Quelle, die von diesem Zensus weiß. Auch die Umsetzung, dass alle Menschen zu ihrem Geburtsort wandern mussten, halten viele Wissenschaftler für praktisch nicht durchführbar.

Es macht wenig Sinn, die Weihnachtsgeschichten mit aller Gewalt wissenschaftlich beweisen oder aber widerlegen zu wollen, dazu haben wir aus historischer Sicht einfach zu wenig Handhabbares zur Verfügung. Es bleiben auf beiden Seiten nur die Spekulationen und das Jonglieren mit Wahrscheinlichkeiten.

Der theologische Wert dieser Geschichten ist aber das Entscheidende: Gott hat sich selbst in die Welt hinein geboren. Und dies nicht in Pracht und königlicher Herrschaft, sondern in Armut und Schmutz. Aus diesem Kind erwächst ein Zimmermann, dessen Evangelium nach seiner Kreuzigung und der von vielen Zeugen berichteten Auferstehung in Blitzgeschwindigkeit die antike Welt erobert. Gibt es einen besseren Hinweis auf die göttliche Macht als diese historisch nachvollziehbare Entwicklung??

Thomas Söding bringt die Problematik um die Weihnachtsgeschichten am Beispiel der Jungfrauengeburt auf den Punkt:

„Wenn aber die Jungfrauengeburt ein Ereignis“ gewesen ist, wie der Papst betont, dann – wie die Auferstehung Jesu von den Toten – in dem Sinn, dass die Grenzen von Raum und Zeit definitiv überschritten worden sind. Dann ist aber eine historische Beweisführung prinzipiell unmöglich. Sie kann immer nur das Außen, nie das Innen erreichen. Dass es keine natürliche Erklärung gibt, sagt ja schon Maria: „Wie kann das geschehen, da ich keinen Mann erkenne“(Lk 1,34). Umgekehrt folgt aus der Tatsache, dass die Biologie eine Parthenogenese nur als Kuriosität im Tierreich kennt, keine Widerlegung der Weihnachtsgeschichte. Deshalb hebt der Papst zu Recht auf den Glauben ab.“

Manchmal drängt sich einem der Eindruck auf, dass sowohl den Beweisern wie den Widerlegern gleichsam der Glaube fehlt…

28.12.12 12:34

Letzte Einträge: Brückenbau mit Abrissbirne, Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, The Hunger Games, Alternative für Ockenfels, Die wahren Freunde des Papstes

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


flora (6.6.16 17:52)
Zu den Methoden des Herrn Hesemann:

Michael Hesemann – verbotener Reliquienhandel

https://unaecclesia.wordpress.com/2015/06/23/6/

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