Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Diskontinuierliche Gedankengänge

Während kath.net seit der Wahl Papst Franziskus einen sehr gemäßigten Kurs fährt, sicherheitshalber gar den für den Erfolg der Seite lebensnotwendigen Kommentarbereich deaktivierte, etablierten sich andere Portale als Ventil aufgestauten Frustes. Eines davon nennt sich katholisches.info, die Betreiber fühlen sich dem tridentinischen Ritus verbunden und eine Nähe zur Piusbruderschaft scheint offensichtlich. Was im wiedereröffneten Kommentarbereich von kath.net nur langsam zum Vorschein tritt, hier arbeitet man sich gerade an der von Franziskus fußgewaschenen Muslima ab, ist auf katholisches.info vom ersten Tag des Pontifikates deutlich formuliert worden: Man traut dem neuen Pontifex nicht so recht über den Weg. In seinem Wappen erkannte man gleich das satanistische Pentagramm und darin eine Affinität zur verhassten Freimaurerei und zum Kommunismus, also gleich die ganz großen Geschütze.

Wie verblendet diese Traditionalisten argumentieren, wird in einem aktuellen Beitrag deutlich, in dem mit bangem Blick auf eine bereits begonnene Kurienreform, die eigentlich eine Kirchenreform sei, geschaut wird. Strategisches Mittel des Textes von Giuseppe Nardi ist die Gegenüberstellung und Abgrenzung des traditionsverbundenen Benedikts vom reformversessenen Franziskus.

Gleich zu Beginn bedient man sich allerdings eines Vokabulars, das diese Strategie als zum Scheitern verurteilte entlarvt: „Die Entschlossenheit des Papstes zu „reformieren“ wird aus seinen ersten Entscheidungen deutlich, die unübersehbar eine Diskontinuität zum Ausdruck bringen“. Die maßstabsetzenden Begriffe „Hermeneutik der Diskontinuität“ und „Hermeneutik der Reform“, die Benedikt in seiner Weihnachtsansprache 2005 vor dem Kardinalskollegium in Bezug auf den Umgang mit den Texten des Zweiten Vatikanums prägte, klingen hier deutlich an. Doch bereits in diesem Satz wird klar, dass der Autor dem Gedankengang Benedikts nicht folgen kann, da eine Reform nach dem Verständnis des damaligen Papstes durchaus eine Diskontinuität bzw. einen Bruch mit Vergangenem in sich tragen kann. „Es ist klar, daß in all diesen Bereichen [Verhältnis von Kirche und Staat, Naturwissenschaft und Glaube, Kirche und anderen Religionen], die in ihrer Gesamtheit ein und dasselbe Problem darstellen, eine Art Diskontinuität entstehen konnte und daß in gewissem Sinne tatsächlich eine Diskontinuität aufgetreten war.“

Diese Brüche und Diskontinuitäten beträfen aber niemals den Ursprung und Kern des Glaubens, sondern nur das in der Geschichte sich Verändernde, das daraus erwachse. „So können die grundsätzlichen Entscheidungen ihre Gültigkeit behalten, während die Art ihrer Anwendung auf neue Zusammenhänge sich ändern kann.“ So bleibe die Kirche im Kern immer dieselbe, so dass eine Hermeneutik der Reform auf verschiedenen Ebenen beides sei, Diskontinuität und Kontinuität. „Das Zweite Vatikanische Konzil hat durch die Neubestimmung des Verhältnisses zwischen dem Glauben der Kirche und bestimmten Grundelementen des modernen Denkens einige in der Vergangenheit gefällte Entscheidungen neu überdacht oder auch korrigiert, aber trotz dieser scheinbaren Diskontinuität hat sie ihre wahre Natur und ihre Identität bewahrt und vertieft.“

Nardi aber verfängt sich zu der Aussage: „Seine [sic] [Benedikts] antiprogressiver Widerstand, den er in seiner Hermeneutik der Kontinuität formulierte, bestand nicht zuletzt auch darin, das Verständnis für die Bedeutung, die Zentralität und die Sakralität der Liturgie zu stärken.“ So überschlagen sich die Paradoxien in Nardis Ausführungen dann auch, wenn er den falsch verstanden Ratzinger gegen Franziskus ins Felde führt. „Damit tritt ein paradox anmutender Gegensatz zu seinem Vorgänger auf. Joseph Kardinal Ratzinger eilte der von bestimmten Teilen der Kirche und Medien sorgsam aufgebaute Ruf voraus, ein „Panzerkardinal“ zu sein. Als Papst zeigte er jedoch eine gewisse Entscheidungsscheu, weil seinem Kirchenverständnis nichts mehr ein Gräuel war als ein Bruch. Er setzte auf Kontinuität und hielt Kontinuität für ein essentielles Merkmal für ein gedeihliches kirchliches Leben.“ Schon vor dem Hintergrund des Rücktritts Benedikts eine gewagte Hypothese, in Bezug auf das oben Angeführte aber völliger Unsinn.

Wirklich lustig aber ist auch das, was die Traditionalisten bei Franziskus dann fürchten: „Der Papst behält das Heft des Handelns in der Hand und zwar ganz allein. […] Mit der Kollegialität kontrastiert aber sein entschlossenes Handeln als alleinentscheidender Papst. Es besteht kein Zweifel, daß Franziskus seine Entscheidungen alleine trifft und dabei nicht zögert.“

Man glaubt es kaum, aber da wird eine unglaubliche Angst vor einem alleinherrschenden Papst als monarchisches Kirchenoberhaupt sichtbar! Kaum zu fassen! Man spricht sich indirekt sogar für mehr Kollegialität aus, weil man befürchtet, dass die Kurie entmachtet werden könnte. Halleluja!

Scheinbar ist man der Vorstellung verhaftet, dass ein Papst kontrolliert werden muss: „Wird die Kongregation [für die Glaubenslehre] auch weiterhin eine präventive Überprüfung der Texte von Papst Franziskus durchführen, wie dies bei den bisherigen Päpsten der Fall war?“, fragt man besorgt, sieht man doch schon erste Haarrisse, die sich zu schwerwiegenden Brüchen auswachsen könnten! „Und wird er sich an die Obergrenze von höchstens 120 Papstwählern halten, die seit einem halben Jahrhundert gilt?“ Kontinuität!

Sehr bedenklich auch, dass Franziskus nicht wie von Benedikt geplant einen dominikanischen Ordensmann zum neuen Sekretär der Ordenskongregation gemacht hat, der „mit dem Brandherd der rebellischen US-Ordensfrauen“ umzugehen hat. Diskontinuität!

„Progressive Kreise drängen schon lange, das Heiligsprechungsverfahren von Oscar Arnulfo Romero, des Erzbischofs von San Salvador zu Ende zu führen. Ein Verfahren, das nicht nur einfach liegengeblieben ist, sondern von der Glaubenskongregation unter Kardinal Ratzinger, dann auch als Papst Benedikt XVI. blockiert wurde.“ Diskontinuität!

Zum Glück gehören Personalentscheidungen und Zahlenverhältnisse in Entscheidungsgremien und Heiligsprechungsverfahren nicht zum Kern unseres Glaubens, man müsste die Kirche glatt verlassen, wenn dem so wäre ;-) Aber Nardis Ausführungen machen auf eindrückliche Weise klar, wie sehr sich die Tradis im Schockzustand befinden, der den gottgegebenen Verstand dann auch schon einmal ausschaltet. Ja , es gibt eine Kontinuität zwischen Benedikt und Franziskus, da wo sie angebracht ist, in den wesentlichen Bestandteilen unseres Glaubens. Das, was Benedikt theologisch vorbereitet hat, die Hermeneutik der Reform, das wird Franziskus nun hoffentlich auch in der Kirche umsetzen, gegen alle Widerstände der sich an der Macht in Rom nährenden Vasallenfürsten und zugunsten der Armen und Entrechteten.

11.4.13 11:38

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Max (13.4.13 23:53)
Vielen Dank für diesen Artikel (den ich nur nutze, der Danke gebührt auch früheren Artikeln)!

Als (werdender) Religionslehrer, der seinen Katholizismus auch immer kritisch sieht, lese ich Ihrer Kommentare mit wachsender Begeisterung. In der (katholischen) Blogosphäre sind Sie ein Unikum und ich hoffe, dass Sie Ihre Beiträge auch weiterhin veröffentlichen.

Gerade auch hier sehen Sie wieder Dinge, die man nicht auf den ersten Blick erkennt. Ihr Blick ist mir sehr hilfreich die Dinge (die ich vermutlich teilweise kritischer, verbitterter betrachten würde) anders zu sehen.

Beste Grüße
Max

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