Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

fertige Antworten und Selbsttäuschung

Das heute von kath.net veröffentlichte idea-Interview  mit dem Theologen Klaus Berger hat mir noch ein paar neue Impulse geliefert, fundamentalistisch-traditionalistisch gefärbte Mitchristen zu verstehen. In einer schon fast unerträglich einseitigen Verurteilung disqualifiziert Berger die „liberale Theologie“ samt der historisch-kritischen Methode. Die wissenschaftliche Kritik zerfläddere und zerstöre die Bibel, übrig bliebe NICHTS, vielleicht noch die Tatsache, dass Jesus gelebt habe. Das Ergebnis sei eine Masse an Theologiestudenten, die ihren Glauben verloren hätten. Dabei werden gleich alle Professoren über einen Kamm geschoren, die Diagnose scheint eindeutig, die Krankheit in einem unheilbaren Stadium.

Man fragt sich, was denn die Alternative zu einer wissenschaftlich-kritischen Theologie sein soll. Muss man Berger erst auf die Probleme fundamentalistischer Sekten aufmerksam machen, die die Bibel so lange mit Übersetzungen harmonisieren, bis alle Widersprüche, die die Texte nun einmal enthalten, getilgt sind? Dann bleibt allerdings ein Gott, der beim besten Willen nichts mehr mit Liebe und Menschlichkeit zu tun hat. Ein definierter, greifbarer und eindeutiger Gott, der uns seine Gesetzessammlung vorlegt, die wir einfach nur einzuhalten haben. So wird der Mensch zum Unmenschen.

Doch zurück zu Berger. Warum aber zeichnet er solch ein einseitiges und völlig unrealistischen Bild von liberalen Theologen, die als Pseudo-Naturwissenschaftler nur noch an das glauben, was sie mit modernen Methoden beweisen können. Einen solchen Theologen habe ich im Übrigen noch nie kennen gelernt. Und auch den von ihm erwähnten tut man mit einer solch undifferenzierten Bewertung Unrecht an.

Die Antwort auf Bergers Motivation scheint mir auch in dem Interview enthalten zu sein. Als er gefragt wird, weshalb er denn glaube, antwortet er: „Weil es die Auferstehung Jesu gibt. Ohne Auferstehung wäre alles hoffnungslos, und unser ganzes Dasein auf der Erde würde in einem dunklen Loch enden. Dann bliebe uns nur der Nihilismus, die Lehre von der Nichtigkeit allen Seins.“

Es ist diese Angst, die ihn antreibt und so wütend und ungerecht macht, die Angst, dass es ihm so wie den Theologiestudenten gehen könnte, dass er seinen Glauben verlieren könnte und ein NICHTS übrig bliebe. Und diese Angst nehme ich ernst, über eine solche Angst hüte ich mich zu urteilen. Vielleicht ist diese Angst auch etwas, was in jedem von uns steckt, die Angst vor Sinnlosigkeit, Endlichkeit und Tod. Vor kurzem hat Kardinal Marx sinngemäß gesagt, dass es keinen Menschen gibt, der niemals im Glauben gezweifelt hat. Auch dieser Zweifel hat wohl auch irgendwie mit dieser grundsätzlichen Angst zu tun, die ganz tief in uns Menschen steckt.

Vor dem Hintergrund dieser Angst kann ich Herrn Berger ein Stück weit verstehen. Ich halte aber seine Rezepte für völlig kontraproduktiv. Die Lösung kann nicht eine wohlig warme Harmonisierungs-Theologie sein, die nur das belegt, was von der Kirche gelehrt wird. Bei der die Dogmen die Ergebnisse wissenschaftlichen Arbeitens vorgeben. Dann könnte man auf Theologie ganz verzichten, sie wäre völlig wertlos.

Nein, Theologie muss wissenschaftlich, muss kritisch sein! Wenn Theologiestudenten mit dieser Kritik nicht umgehen können, dann ist das nicht die Schuld der Theologie, dann ist das vielmehr ein deutliches Zeichen für einen unreifen und naiven Glauben, für den die Gemeinden, Familien und Katecheten, letztlich die Kirche verantwortlich ist. Die Aufgabe des Theologen ist es jedenfalls nicht, den Glauben zu stärken oder auszubilden, der Glaube wird in einem wissenschaftlichen Studium auf eine harte Probe gestellt. Doch am Ende, und das habe ich persönlich mit vielen anderen so erfahren, reift er doch und wird stärker, weil man sich mit der Kritik auseinander gesetzt hat und nicht vor ihr weggelaufen ist. Erst so ist man dann in der Lage, anderen auch Glauben zu vermitteln. Und dazu gehört auch das Eingeständnis des Zweifelns und der Angst.

Bergers Lösung: „Es kommt eben darauf an, dass wir wieder ganz von vorne anfangen: mit einem schlichten, einfachen Glauben, der weiß, warum er glaubt“, führt in eine Sackgasse, weil dieser Weg eben Theologen, Priester und Religionslehrer schafft, die nicht fest im Glauben stehen, die, wenn die Kritik auf sie einschlägt, ebenso ihren Glauben verlieren werden, dann aber als Pfarrer, Lehrer oder Professor.

Ich muss bei dieser ganzen Überlegung immer wieder an das Buch Hiob denken. Hiob hadert mit Gott, er macht ihm Vorwürfe, er verliert den Glauben daran, dass Gott wirklich gut und barmherzig ist. Mit einer solchen Situation werden auch die meisten Christen einmal in ihrem Leben konfrontiert, der Zweifel, von dem Kardinal Marx sprach. Die Fundamentalisten erinnern mich immer wieder an Hiobs Freunde, die ihm einreden wollen, gesündigt zu haben oder Gott auf andere Weise rechtfertigen zu müssen, weil er doch dieses unendliche Leid Hiobs nicht grundlos zulassen kann. Doch Hiob wehrt sich gegen die fundamentalistischen Rezepte, dass es etwas gebe, das diese Strafe Gottes rechtfertige. Er akzeptiert die Lösung, dass Gott ihn so zu einem besseren Menschen erziehe, nicht, auch nicht, dass dieses Leid irgendwie noch etwas Positives haben könnte. Er schreit und schimpft mit Gott, weil er gottesfürchtig gelebt hat, doch er sucht Gott auch weiter. Und Gott rechtfertigt ihn dafür und urteilt über die Freunde, die die Antworten der Tradition lieferten, Antworten, zu denen sie offenbar nicht aus eigener Erfahrung gelangt sind, Antworten, die sie übernommen, gelernt haben. Doch so wird man Gott wohl nicht erkennen. Diese Antworten führen zur Selbsttäuschung. Und Hiob wird dafür gelobt, diese nicht zugelassen zu haben. Er schaut letztlich Gott und erkennt, dass er als Mensch nichts weiß und nichts versteht, dass es keine fertigen Antworten gibt. Aber die Gottesschau gibt ihm in seinem Leid neue Hoffnung. Er atmet auf…

Und auch Jesus geht hart mit den Menschen um, die glauben, Gott zu kennen und ihn in Gesetzen und Geboten verschreiben zu können. Die Menschen, die an Jesus glauben, können wie Hiob Gott schauen. Das verändert sie, das lässt Reich Gottes geschehen und wachsen. Doch es sind eben nicht die Menschen mit den fertigen Antworten und Lösungen, es sind gerade die Menschen, die in existentiellen Situationen stecken: Ehebrecherinnen, Prostituierte, Zöllner, Ausgestoßene und Kranke. Und wenn mir jemand auf der Grundlage des Evangeliums erzähle will, ich müsse mich gegen die Ausgestoßenen der heutigen Zeit stellen, seien es Homosexuelle, Vergewaltigte, Geschiedene, Andersgläubige etc., dann kann  ich mich nur wundern.

Und so glaube ich, dass man durch die harte Schule der kritischen wissenschaftlichen Reflexion gehen muss, gerade als Theologe. Es gibt nicht die einfachen Lösungen und Antworten, wenn es um Gott geht. Der Zweifel und die Kritik gehören dazu, sie sind Gaben Gottes, die wir verpflichtet sind anzuwenden. Ein von oben verordneter, wohlig warmer Kuschelgott bedroht meinen Gottesglauben viel mehr als jede kritische Wissenschaft dies je tun könnte, denn er ist eine Täuschung. Und diese Erkenntnis ist ebenfalls eine harte Erfahrung. Doch die sollte man keinem Theologiestudenten vorenthalten.

Wer allerdings in diesem vereinfachten und handhabbaren Kuschelgottesglauben verharrt, der muss sich mit Leibeskräften gegen jede Kritik auflehnen, ist sie doch eine Bedrohung dieses Gottesbildes, an dem die ganze Angst vor Tod und Nihilismus beschwichtigt wird. Deshalb feuern die Fundamentalisten und Traditionalisten auch aus allen Rohren auf die kritische Bibelexegese, die die fertigen Rezepte der Traditionalisten infrage stellt.

Und deshalb gilt es, sich gegen traditionalistische Gottesbilder aufzulehnen, wie Hiob aufzuschreien und sie anzuprangern!  So können wir hoffen, wie Hiob im kritischen Glauben zur Gottesschau zu gelangen.

28.5.13 19:45

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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ameleo / Website (30.5.13 00:41)
Die Notwendigkeit, in der Auseinandersetzung mit der Exegese auch mit dem eigenen Glauben zu ringen und ihn so letztlich zu vertiefen, hast du - auch gemessen an meinen eigenen Erfahrungen - sehr gut auf den Punkt gebracht! Danke! Auch MC auf dem Blog "Demut jetzt" hat sich mit diesem Thema auseinandergesetzt (http://bit.ly/18vOr9C). Ich habe eben auf euch beide verwiesen (http://bit.ly/12PG1n4).


Stefan Kraft (30.5.13 10:46)
Ich frage mich, ob hinter Klaus Bergers Ansatz nicht auch mehr steckt und er sich nun mit einer (in meinen Augen zu stark) "vereinfachenden" theologischen Richtung einlässt.


MC / Website (2.6.13 12:25)
Habe den Post mit Interesse gelesen und die Gedanken in einem eigenen Artikel aufgenommen:
http://demut-jetzt.blogspot.de/2013/06/die-historisch-kritische-exegese-und.html?showComment=1370168360632#c6004575519829492722


Annuntiator (7.6.13 00:07)
Schon mal mit Selbstkritik versucht? Das fehlt der historisch-kritischen Methode. Sie kommt so selbstherrlich daher, daß ihre Anhänger_innen nichts anderes gelten lassen.

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