Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Vom Wehen des Geistes und Gebetsstürmen

Papst Franziskus imponiert mir immer mehr. Und ich muss zugeben, nicht alle seine Positionen sind die meinen! Es ist nicht seine theologische oder kirchenpolitische Ausrichtung, die meine Sympathie weckt, obwohl die vielen kleinen Zeichen immer noch die Hoffnung in mir aufkeimen lassen, dass er die heißen Eisen, die im Grunde seit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils hinter geöffneten Kirchenfenstern glühen und von der frischen Luft mit Sauerstoff versorgt werden, wirklich bereit ist zu schmieden, bevor zu viel Asche sie erstickt.

Nein, was mich wirklich begeistert, das ist Franziskus Offenheit und sein grenzenloses Vertrauen in den Geist Gottes. Ersteres ergibt sich wohl aus Letzterem. Die durch Indiskretion an die Öffentlichkeit gelangten Gesprächsfetzen aus einer Privataudienz mit der lateinamerikanischen CLAR zeichnen ein deutliches Bild. All seine bisherigen Entscheidungen haben das eine Ziel, offen zu bleiben, um sich vom Geist Gottes führen zu lassen. Deshalb ist auch so vieles nicht geplant, ergibt sich spontan und entzieht sich der Kontrolle des gewaltigen Vatikanapparates.

Der Verbleib im Gästehaus, das morgendliche Frühstück mit den Gästen, die morgendlichen Messen, die spontanen Predigten, der regelmäßige Kontakt zu den Menschen auf dem Petersplatz, all das unterstreicht sein Gottvertrauen. Er lässt sich führen und sieht gar nicht so sehr sich selbst am Werk, sondern Gott.

„… diese Gesten stammen nicht von mir. Sie sind mir nicht eingefallen. Ich bin weder mit einem Plan nach Rom gekommen, noch habe ich einen entworfen, als sie mich wählten. Ich habe mich so verhalten, weil ich spürte, dass der Herr genau dies wollte. Aber diese Gesten stammen nicht von mir – da gibt es einen Anderen … und das stärkt mein Vertrauen.“

Dies Haltung lässt mich hoffen, weil sie nicht versucht, Gott in Kirchengesetze und dogmatischen Konstitutionen einzusperren. Diese Haltung öffnet Wege, Türen und Möglichkeiten, die Kirche weiter zu bringen, anstatt nur Überkommenes zu bewahren und sich zu verschließen.

„Ihr werdet Fehler machen, ihr werdet anderen auf die Füße treten. Das passiert. Vielleicht wird sogar ein Brief der Glaubenskongregation bei euch eintreffen, in dem es heißt, dass Ihr dies oder jenes gesagt hättet…. Macht Euch darüber keine Sorgen. Erklärt, wo Ihr meint erklären zu müssen, aber macht weiter…. Macht die Türen auf. Tut dort etwas, wo der Schrei des Lebens zu hören ist. Mir ist eine Kirche lieber, die etwas falsch macht, weil sie überhaupt etwas tut, als eine Kirche, die krank wird, weil sie sich nur um sich selbst dreht“

Wenn das keine Rehabilitation der lateinamerikanischen Orden und auch der amerikanischen Frauenorden ist, was ist es dann?! Nur so geht es! Die Armen sind das Evangelium, sagt Franziskus. Nichts anderes können wir im Neuen Testament nachlesen. Jesus begibt sich zu den Armen und Ausgestoßenen, weil die seinen Botschaft zu würdigen wissen, weil sie erkennen, wie sehr wir als Menschen des Heils bedürfen. Die religiös und politisch Mächtigen nehmen seine Lehr nicht an, diese bekämpfen ihn. Vor dem Hintergrund muss man wohl auch Franziskus Forderung nach einer armen Kirche sehen, die sich mit den Armen der Welt solidarisiert. Und wer wäre näher bei den Armen dieser Welt, als die Brüder und Schwestern der amerikanischen Orden?! Lasst die Glaubenskongregation Glaubenskongregation sein, beantwortet die Briefe brav und erklärt euch, antwortet in Liebe und macht eure Arbeit weiter, was für eine Botschaft. Das ist eine wahrhaft jesuanische Botschaft! Nicht Gesetze retten, die Liebe Gottes zu den Menschen, die wir an unseren Nächsten weiterzugeben haben, die rettet!

Auch seine Kritik an gnostischen und pelagianischen Strömungen in der Kirche finde ich durchaus begründet. Beides sehr elitäre Ausrichtungen, die nicht die Armen, sondern das individuelle Heil von einigen Auserwählten im Blick haben. Die gnostischen Evangelien unterscheiden sich genau darin von den biblischen. Jesus ist für ALLE gestorben, er hat keine Geheimlehre für einen kleinen Trupp von Auserwählten begründet.

Spannend ist auch die Tatsache, dass Franziskus gerade traditionalistische Kräfte mit dem Pelagianismus in Verbindung bringt, was auf den ersten Blick vielleicht etwas verwundern mag, ist die Selbsterlösung doch eher ein Vorwurf, den man den liberaleren Theologien macht. Doch ist auch diese Diagnose Franziskus sehr schlüssig, wenn man sich sein Beispiel einmal genau vor Augen führt. Wenn traditionalistische Gruppen glauben, die Gnade Gottes wäre von der Anzahl an gebeteten Rosenkränzen abhängig, dann bewegen sie sich im Grunde nicht mehr auf christlichem Boden. Das ist dann schon eher magisches Denken, dass man Gott wie eine Puppe mit den Fäden von Gebetsstürmen bewegen könnte.

Mit dem Begriff der „Homo-Lobby“ hat Franziskus nun aber in ein Wespennest gestochen. Das, was im Grunde immer klar war, was die katholische Kirche aber immer wieder von sich gewiesen hat, jetzt scheint es (in-) offiziell bestätigt. Es gibt im gesamten Klerus, ob in Rom oder anderswo eine beträchtliche Anzahl homosexuell veranlagte Geistliche. Es wäre dringend angebracht, dieses Thema einmal unvoreingenommen, offen und ohne Angst zu analysieren und zu diskutieren. Die billigen Rezepte vergangener Jahrhunderte, die man gleich wieder auf vielen traditionalistischen Seiten lesen kann (Homosexualität führe zu Pädophilie etc.) sind unerträglich. Warum flüchten so viele homosexuell veranlagte Menschen in den Priesterberuf? Hat das vielleicht mit einer falschen katholischen Sexualmoral zu tun? Müsste man diesen Menschen, denen man ein Leben in Enthaltsamkeit zwingend vorschreibt, nicht andere Möglichkeiten bieten? Kann die Liebe zwischen zwei Menschen etwas Schlechtes sein? 

Die Kirche steht hier vor einem riesigen Problem. Der Missbrauchskandal, der scheinbar eine katholische Färbung im Vergleich zu Missbräuchen außerhalb der Kirche hat, wird auch in Deutschland nicht in dem groß propagierten Maße aufgearbeitet. Was ist denn seit der Entlassung von Professor Pfeiffer passiert. Wo sind die Ergebnisse? Man hört und sieht nichts mehr davon.

Wenn man die Geschichte von David Berger einmal exemplarisch heranzieht, dann zeigen sich doch hier deutlich die Mechanismen, die er auch in seinem Buch als typisch katholische herausarbeitet. Der Papst bestätigt sie im Grunde mit seinen Aussagen. Was tut man diesen Leuten nur für ein Leid an. Selbstverleugnung, Selbsthass, Schuldgefühle, ein Leben im Untergrund, in der Illegalität, das ist es doch, was einen homosexuellen Katholiken, besonders einen Geistlichen, erwartet. Und wenn diese Fassade aufbricht und zusammen stürzt, dann schlägt das Pendel ins andere Extrem. Auch das kann man bei David Berger beobachten. Ein menschlich nachvollziehbare Reaktion, die dann aber auch von den üblichen Verdächtigen nochmals gegen diese Menschen verwendet wird. In einem Medrum-Interview mit Gabriele Kuby wird David Berger schon in die Nähe der Sodomie gerückt. Diese homophobe Propaganda finde ich beschämend und widerwärtig.

So kann man nur der Aufforderung Franziskus folgen und für ihn beten, dass er möglichst wenige Fehler macht! Er steht mit der Kurienreform und anderen Reformen vor einer geradezu unmenschlichen Aufgabe…

14.6.13 11:14

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Regina G.-M. (14.6.13 11:28)
Als Ergänzung hier ein aktuelles Interview mit David Berger im NDR:

http://www.ndr.de/ndrkultur/audio163207.html


Volker Schnitzler (14.6.13 21:30)
Danke für den Link!!

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