Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Von der schwindenden Macht eines Drachentöters

Je länger Franziskus in seinem Amt als Bischof von Rom wirkt, desto seltener hört man die anfangs allgegenwärtigen und monotonen Unkenrufe von dem Blatt Papier, das unmöglich zwischen Benedikt und Franziskus passe. Ein Bild, das bei derart unterschiedlichen Persönlichkeiten wohl auch nur schwer aufrecht zu halten gewesen wäre.

Doch was unterscheidet die beiden Päpste denn voneinander? Einen sehr bezeichnenden Hinweis konnte man gestern erhalten, als wieder einmal private Worte des Papstes an die Öffentlichkeit drangen. Fast könnte man meinen, dass eine Strategie hinter dieser Vorgehensweise steckt. In einem Telefonat mit einem befreundeten Journalisten äußerte sich Franziskus zu den Schwierigkeiten gerade zu Beginn seines Pontifikates. So habe es ihn große Anstrengungen gekostet, sich gegen die „zahlreichen Herrscher“ im Vatikan durchzusetzen, die über ihn und seinen Terminplan verfügen wollten. „Ich allein, nicht meine Sekretäre, muss entscheiden, wen ich treffen soll.“

Die Entscheidung, nicht in den päpstlichen Palast zu ziehen, sondern im Gästehaus Santa Marta zu bleiben, ist wohl eine erste Maßnahme gewesen, sich dieser Kontrolle zu entziehen. Und in diesem Zusammenhang zieht Franziskus dann auch selbst eine Grenzlinie zu seinen Vorgängern, wenn er sie als „Gefangene ihrer Sekretäre“ bezeichnet. Anders als der sensible und - wie Franziskus selbst sagt – weise Benedikt, der Georg den Drachentöter an seine Seite stellte, um mithilfe dessen starker Schulter die Flut von Menschen und ihren Begehrlichkeiten abzuhalten, taucht Franziskus genau in diese Flut ein, um selbst entscheiden zu können, wem er sich zuwendet und wem nicht. Klassische Konzerte scheinen jedenfalls nicht zu Franziskus Prioritäten zu gehören, die überwiegend muslimischen Flüchtlinge auf Lampedusa schon eher. Und nur so ist es auch zu erklären, dass der heroische Georg nun zwei Herren dienen kann.

Das, was Paul Badde in seinem Artikel über den Privatsekretär des Papstes als übermenschliche Stärke verehrt, das lehnt Franziskus kurzerhand ab, die Kontrolle durch einen mächtigen Privatsekretär. Und nur so kann es ihm auch gelingen an die Peripherie, zu den Menschen vorzudringen und nicht als gottgleiche Symbolfigur über diesen zu schweben. Und gerade hier tut sich dann auch gleichzeitig wieder eine Anbindung an seinen Vorgänger auf, der mit seiner mutigen Entscheidung, von diesem Amt zurückzutreten, zur Entmythologisierung des Papstamtes beigetragen hat. Diese Kontinuität bei gleichzeitiger Transformation ist im Übrigen etwas typisches in der Kirchengeschichte, von Anfang an.

14.7.13 10:32

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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Stefan Kraft (14.7.13 16:22)
Mittlerweile bewerte ich die Amtszeit Benedikt XVI. etwas differenzierter, als ich es während seines Pontifikats gemacht habe.

Mein Eindruck ist, dass er sich auf seinen Ruhestand gefreut hat, dann aber doch noch pflichtbewusst die Aufgabe als Papst übernommen hat. Dabei ist er wohl immer der Universitätsgelehrte und Theologe geblieben, der lieber weniger mit der "Realpolitik" zu tun haben wollte bzw. für diese Aufgabe nicht ganz geeignet war. (Das soll nicht negativ gemeint sein - jeder Mensch hat bestimmte Stärken und Schwächen, und ich weiß auch nicht, ob ich für eine Führungsposition geeignet wäre.)

Ihre Einschätzung, dass sich Benedikt den Sekretär Gänswein geholt hat, um die "Begehrlichkeiten" der äußeren Welt abzuhalten, passt dazu. Ich denke in diesem Zusammenhang auch an seine Regensburger Rede - an einer Universität wäre ein solcher Beitrag in einem Seminar vor geeignetem Publikum sicherlich angemessen diskutiert worden, in der "Realpolitik" der Welt wurde die Aussage dann wohl von vielen - durchaus auch unbewusst - falsch verstanden.

Schließlich hat Benedikt wohl erkannt, dass er in seinem fortgeschrittenen Alter - und vielleicht auch einfach, weil es seinem Wesen nicht entspricht - den Vatikan nicht mehr in angemessener Weise lenken kann. Ein mutiger Schritt, wie ich finde.

Wird es Franziskus gelingen, nötige Änderungen durchzuführen? Ich hoffe es natürlich.

Zum Abschluss sei noch gesagt, dass ich die Bandbreite der katholischen Kirche durchaus schätze. Ich selbst bin wohl als "liberal" oder "links" einzuordnen, aber ich finde es wichtig, dass durch die Pluralität der Kirche viele Sachen von verschiedenen Standpunkten - und vielleicht erst so angemessen - diskutiert werden.


MC / Website (14.7.13 21:02)
Ich glaube, mit Papst Franziskus ist eher ein Stück Normalität in den Vatikan eingekehrt. Auch Johannes Paul II. hatte, als er noch agil war, sehr viel Kontakt mit seinen Mitmenschen gehabt, mehr als uns heute klar ist.

Benedikt kam schon als alter Mann auf den Stuhl Petri und war, das ist vllt. noch wichtiger, Theologe. Damit unterscheidet er sich durchaus von seinen Vorgängern in den letzten Jahrzehnten. JPII war vor seiner Wahl Erzbischof und davor Moraltheologe. Paul VI. war von Hause aus Diplomat und Verwaltungsfachmann, ebenso wie seine drei Vorgänger.

Benedikt war also eine Ausnahmeerscheinung, und entsprechend ungewöhnlich war sein Pontifikat, das eher versuchte, theologische Grundlagen abzustecken als Pastoral zu betreiben. Als Ausnahme war ihm das auch möglich. Dazu passt denn auch sein Gelehrtenleben.


Stefan Kraft (14.7.13 23:39)
@MC: Interessanter Kommentar, vielen Dank! Er deckt sich (in meinen Augen) darüber hinaus durchaus mit meinen Überlegungen.


Laurenz Stark (16.7.13 08:38)
Vielleicht ist es ganz gut, vor den Toren des Vatikans nicht den Drachen zu sehen, sondern Menschen an der Peripherie? Besonders, weil der Drache auch innerhalb ganz ordentlich gewütet hat...

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