Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

WOW! GO, Franziskus, GO!

Franziskus scheint so langsam richtig in Fahrt zu kommen. Die Interviews, Ansprachen und Predigten auf dem Weltjugendtag in Rio hatten es in sich. Da macht jemand ernst mit der Reform der Kirche, die Zeit des Stillstandes scheint endgültig vorbei! Offensichtlich ist es angebracht, sich das Dolkument der V. Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik in Aparecida vom Mai 2007 zu besorgen (hier) und eingehend zu studieren. Hier scheint die theologische Ausrichtung und der reformatorische Ansatz Franziskus grundgelegt zu sein!!

Nachfolgend mein persönliches "Best-of-Franziskus". Die vollständigen Texte sind auf kath.net veröffentlicht (hier und hier). Eine weitere Kommentierung erscheint mir überflüssig. Deshalb sei nur noch kurz angemerkt, dass ich auf die von Franziskus angekündigte "Theologie der Frau" besonders gespannt bin!

Die „Änderung der Strukturen" (von zeitgebundenen zu neuen) ist nicht das Ergebnis einer Untersuchung über die Organisation des kirchlichen Amtsapparats, aus der sich eine statische Umorganisierung ergäbe, sondern die Folge der Dynamik der Mission. Was veraltete Strukturen fallen lässt, was dazu führt, die Herzen der Christen zu verändern, ist eben gerade der missionarische Charakter.

Sorgen wir dafür, dass unsere Arbeit und die unserer Priester mehr pastoral als administrativ ist? Wer ist der hauptsächliche Nutznießer der kirchlichen Arbeit: die Kirche als Organisation oder das Volk Gottes in seiner Ganzheit?

Ist es für uns ein übliches Kriterium, unser Urteil in der Pastoral auf den Ratschlag der Diözesanräte zu stützen? 

Es ist gut, sich an die Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils zu erinnern: Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi (Past. Konst. Gaudium et spes). Hier liegt das Fundament des Dialogs mit der Welt von heute.

Die Antwort auf die Lebensfragen des Menschen von heute, besonders der jungen Generationen, bringt, wenn man auf ihre Ausdrucksweise achtet, eine fruchtbare Änderung mit sich, die mit Hilfe des Evangeliums, des Lehramtes und der Soziallehre der Kirche durchzuführen ist. Die Szenerien und die Areopage sind verschiedenster Art. So gibt es zum Beispiel in ein und derselben Stadt verschiedene imaginäre Kollektive, die „unterschiedliche Städte" bilden. Wenn wir nur in den Maßstäben der „Kultur von immer" verharren, im Grunde einer Kultur auf ländlicher Basis, wird das Ergebnis schließlich eine Vereitelung der Kraft des Heiligen Geistes sein. Gott ist in allen Teilen: Man muss ihn zu entdecken wissen, um ihn in der Sprache jeder Kultur verkünden zu können; und jede Wirklichkeit, jede Sprache hat einen anderen Rhythmus.

Der Klerikalismus ist ebenfalls eine sehr aktuelle Versuchung in Lateinamerika. Seltsamerweise handelt es sich in der Mehrheit der Fälle um eine sündige Komplizenschaft: Der Pfarrer klerikalisiert, und der Laie bittet ihn höflich, ihn zu klerikalisieren, weil es sich im Grunde für ihn als bequemer erweist. Das Phänomen des Klerikalismus erklärt weithin den Mangel an Reife und christlicher Freiheit in einem großen Teil des lateinamerikanischen Laientums. [...] Der Entwurf der Bibelgruppen, der kirchlichen Basisgemeinden und der Pastoralräte geht in die Richtung der Überwindung des Klerikalismus und eines Anwachsens der Verantwortung der Laien.

Die Kirche ist eine Stiftung, doch wenn sie sich zum „Mittelpunkt" erhebt, „funktionalisiert" sie sich selbst und verwandelt sich allmählich in eine NGO. Dann maßt die Kirche sich an, eigenes Licht zu besitzen und hört auf, jenes "mysterium lunae" zu sein, von dem uns die heiligen Väter sprechen. Sie wird immer selbstbezogener, und ihr Bedürfnis, missionarisch zu sein, schwächt sich ab. Aus einer „Stiftung" wird sie zu einem „Werk". Sie hört auf, Braut zu sein, um schließlich das Wesen einer „Verwalterin" anzunehmen; von einer Dienerin verwandelt sie sich in eine „Kontrolleurin". Aparecida will eine Kirche, die Braut, Mutter, Dienerin ist, eine, die den Glauben erleichtert, nicht ihn kontrolliert.

„Eine Kirche ohne Frauen ist wie ein Apostelkollegium ohne Maria. Die Rolle der Frau ist die Ikone der Jungfrau, der Gottesmutter. Und die Gottesmutter ist wichtiger als die Apostel. Die Kirche ist weiblich, weil sie Braut und Mutter ist. Man muss weiter voran gehen. Eine Kirche ohne Frauen, die in ihr aktiv sind, kann man nicht verstehen. [...] Wir haben noch keine Theologie der Frau hervorgebracht. Man muss sie machen.

Was die Priesterweihe von Frauen betrifft, hat die Kirche gesprochen und nein gesagt. Johannes Paul II. hat mit einer definitiven Formulierung gesprochen, diese Tür ist zu. Doch erinnern wir uns daran, dass Maria wichtiger als die Apostel-Bischöfe ist, und so ist die Frau in der Kirche wichtiger als die Bischöfe und Priester.

Wenn ein Mensch homosexuell ist und guten Willens den Herrn sucht, wer bin ich da, dass ich diesen verurteile?

Halleluja!!!!!

29.7.13 20:19

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bisher 14 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Stefan Kraft (29.7.13 20:26)
Alles (aus meiner Perspektive, versteht sich) nicht schlecht. Natürlich bin ich auch auf die Theologie der Frau gespannt. Andererseits hat Franziskus ja auch die gelebte Homosexualität "pauschal" verurteilt, und damit auch, wenn sie Ausdruck einer echten Beziehung ist. Aber ich finde es wichtig, dass Franziskus deutlich macht, dass eine Diskriminierung Homosexueller, eben nur weil sie diese Art der Sexualität haben, nicht sein darf. Diese Seite des Katechismus wurde m.E. einerseits von außen nicht wahrgenommen, andererseits auch von der Kirche oft genug nur halbherzig angegangen - wobei letzteres ersteres sicher auch bedingte.


MC / Website (29.7.13 20:30)
Ich freue mich, dass Sie sich so über die Botschaft des Papstes freuen. Ich frage aber trotzdem, warum sie daraus jetzt den großen Aufbruch ablesen. Das ist doch alles nix Neues, das hat man vorher auch schon von Päpsten gehört?


Volker Schnitzler (29.7.13 21:02)
Franziskus scheint aber im Gegensatz zu anderen ein Mann der Tat und nicht des Wortes zu sein...


MC / Website (29.7.13 21:19)
Mögen Sie das vllt. etwas genauer erklären. Da kann ich mir jetzt, um ehrlich zu sein, alles und gar nix drunter vorstellen.


Volker Schnitzler (29.7.13 21:28)
Nun, während Benedikt die theologische Grundlage legte und von der Entweltlichung der Kirche sprach, setzt Franziskus dies nun um und macht Schluss mit Prunk und Protz, unheiligen Bankgeschäften, Korruption und Seilschaften. So schwer ist das doch nicht zu verstehen und es ist ganz offensichtlich zu beobachten. Es bleibt lediglich abzuwarten, ob er sich auch wirklich durchsetzen kann?! Aber an seinem Willen zur Reform scheint kein Zweifel zu bestehen.


Paul Simon (29.7.13 21:40)
Zum Freiburger Blogger MC:
a) Mit den Worten von Papst Franziskus ist die von Papst Benedikt XVI. beschlossene Nichzulassung Homosexueller zum Priestertum de facto kassiert. b) Papst Franziskus spricht offen von einer Änderung der Strukturen der Kirche von zeitgebundenen zu neuen. In konservativen Kreisen wird die Rede von einer Änderung der Kirchenstrukturen tabuisiert bzw. die Gottesfrage / Gotteskrise dagegen ausgespielt. c) Keine Polemik gegen das ZdK kann sich mehr auf den Papst berufen: Franziskus ermahnt die Bischöfe, ihr Urteil auf den Ratschlag der Diözesanräte zu stützen.


MC / Website (29.7.13 22:16)
@Volker Schnitzler:
Ich danke für die Präzisierung. Nur Weise ich darauf hin, das Papst Franziskus, so sehr ich ihn schätze, momentan noch kaum etwas gemacht hat. Weder hat er mit unheiligen Bankgeschäften Schluss gemacht (zumindest nicht mehr als sein Vorgänger), noch die Korruption oder die Seilschaften bekämpft. Wir können also die begründete Hoffnung haben, mehr aber auch nicht.

@Paul Simon:
Wieso eigentlich Freiburger Blogger?
a) das seh ich nicht.
b) Ich bin konservativ und habe keine Probleme mit Strukturänderungen.
c) Das ZdK ist kein Diözesanrat und nicht heiliggesprochen. Dort, wo das ZdK den Aussagen des Papstes widerspricht, kann sich Polemik oder Kritik nach wie vor auf solche Aussagen stützen.


Paul Simon (29.7.13 23:34)
Zum Einwand a) des Bloggers MC: Erklären Sie mir bitte, wie sich der Satz "Wenn jemand homosexuell ist und guten Willens nach Gott sucht, wer bin ich, darüber zu urteilen?" mit der Nichzulassung von Homosexuellen zum Priesteramt vereinbaren lässt. Außerdem würde mich interessieren, ob es mal eine ähnliche Aussage von Benedikt XVI. gab.


MC / Website (30.7.13 10:12)
@Paul Simon:
Papst Franziskus sagt hier nichts neues, sondern bringt das in Erinnerung, was allgemein gelehrt wird. Nicht Homosexuell sein ist eine Sünde, sondern dieselbe zu praktizieren ist es. Das können sie im KKK nachlesen, der wesentlich von Kardinal Ratzinger mit ausgearbeitet wurde, ebenso im Schreiben über die Seelsorge für homosexuellen Menschen und dessen Folgedokument über die Nichtdiskriminierung bezüglich homosexueller Menschen, die beiden auch von Kardinal Ratzinger unterschrieben wurden. Da der Papst also nichts neues sagt, kann man daraus auch keine Veränderung der Bestimmungen herleiten. Für die Frage der Vereinbarkeit wenden sie sich bitte an einen Kirchenrechtler.


Regina Grotefend-Müller (30.7.13 12:37)
Papst Franzens neuerliche Äußerungen z.B. zu homosexuellen Priestern kann und mag ich einfach nicht hochjubeln, wie es inzwischen gemacht wird. Im Zusammenhang hat er gesagt ( ins deutsche via google-Übersetzer ):

"Wenn eine Person Homosexuell und den Herrn suchen und den guten Willen, wer ich bin, um zu beurteilen? Sie sollten nicht zu diskriminieren oder zu marginalisieren diese Leute, es sagt auch der Katechismus. Das Problem für die Kirche ist nicht der Trend. Sie sind Brüder. Wenn man v e r l o r e n (ist), so muss er geholfen werden, und man muss unterscheiden, ob es ein g u t e r M e n s c h ist. " http://sappino.blogautore.espresso.repubblica.it/2013/07/29/papa-bergoglio-%c2%abi-gay-sono-persi%c2%bb/

Der schwule katholische Theologe Dr.David Berger verweist sehr eindringlich auf diesen (und andere) Zusammenhänge. Natürlich ist auch hier der Spielraum zwischen " richtiger" Interpretation und Spekulation groß.

http://www.vice.com/de/read/der-papst-franziskus-hat-nichts-gegen-schwule-nur-gegen-sex?fb_action_ids=10200842204512044&fb_action_types=og.likes&fb_source=other_multiline&action_object_map=%7B%2210200842204512044%22%3A515127641892186%7D&action_type_map=%7B%2210200842204512044%22%3A%22og.likes%22%7D&action_ref_map=%5B%5D


Stefan Kraft (30.7.13 13:41)
Tja, was hat er gesagt, wie hat er es gemeint?
Letztendlich muss m.E. klar sein: Selbst wenn Franziskus die entsprechenden Stellen des Katechismus würde ändern wollen, hätte er das nicht en passant bei einem Interview im Flugzeug gemacht. So etwas bräuchte Jahre oder Jahrzehnte Diskussion in der Kirche usw.
Er hat eben die Position der Kirche nochmals bekräftigt; das war mir schon klar. Die Frage, die sich mir stellt, ist deswegen, ob er betonen wollte, dass Diskriminierung - egal, aus welcher Ecke man kommt - einfach nicht sein darf. Hier muss ich Regina zustimmen, der Interpretationsspielraum ist ziemlich groß.

Zu den anderen Äußerungen: Ich bin mal wieder in der Mitte zu finden. Sagt Franziskus etwas grundsätzlich anderes als seine Vorgänger? Nein, denn natürlich sieht auch er sich der katholischen Tradition verpflichtet. Und doch glaube ich, dass er innerhalb des "vorgegebenen Spielraums" durchaus andere Akzente setzt und anders herangeht, als es seine Vorgänger gemacht haben.
Also: Großer Unterschied zu den Vorgängern, was den Inhalt angeht? Nicht unbedingt. Kein Blatt Papier passt zwischen ihn und seine Vorgänger? Das glaube ich aber auch nicht.

Ich denke, wir sollten noch ein, zwei Jahre abwarten - in der Kirche brauchen manche Sachen einfach ihre Zeit, und dann wird man genauer sehen, wofür Franziskus steht.


Stefan Kraft (30.7.13 17:53)
Zwei Analysten vom National Catholic Register:

http://www.ncregister.com/daily-news/misinterpreting-francis/

http://www.ncregister.com/blog/jimmy-akin/7-things-you-need-to-know-about-what-pope-francis-said-about-gays


Regina Grotefend-Müller (30.7.13 22:38)
http://ncronline.org/blogs/ncr-today/changing-subject-or-changing-church


Volker Schnitzler (31.7.13 07:28)
Wunibald Müller bringt es ganz gut auf den Punkt.

http://www.domradio.de/nachrichten/2013-07-30/wunibald-mueller-ueber-kirche-papst-franziskus-und-homosexuelle

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