Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Inklusion statt Exklusion

Die Äußerungen des Papstes zur Homosexualität haben die katholische Welt aufgewirbelt. Die einen sehen eine Kursänderung in der Bewertung dieser sexuellen Veranlagung, die anderen verweisen darauf, dass der Papst lediglich die katholische Lehre wiedergegeben hat. Einige sind dabei so betriebsblind, dass sie ihm den Teil des Katechismus, den der Papst scheinbar wohlwissendlich ausgelassen hat - dass nämlich gelebte Homosexualität Sünde sei - trotzdem in den Mund legen.

Was ist nun von den Worten des Papstes zu halten? Ich tendiere dazu, sie wie Wunibald Müller zu deuten. Der Papst hat einen offenbar homosexuell veranlagten Priester auf einem sehr verantwortungsvollen Posten im Vatikan bestätigt. Das sind zuerst einmal die Fakten, an denen man sich z.B. auf katholisches.info gerade die Zähne ausbeißt. Das traditionalistische Lager wettert auf diesem Forum schon etwas länger mehr oder weniger offen gegen Franziskus. Hier wirken die Beruhigungspillen des „alles im grünen Bereich“ schon nicht mehr.

Und diese Unruhe scheint mir sehr berechtigt. Franziskus ist ein Mann des Evangeliums. Dieses hat die Kirche nach seiner Auffassung bis an die existentiellen Peripherien der Welt zu tragen. Und dieses Evangelium ist eine Liebesbotschaft, die nur durch die Nächstenliebe transportiert werden kann. Diese nach Johanna Rahner „gefährliche“, weil weltverändernde Botschaft des Evangeliums überwindet eine elitär-gnostische "Exlusion" und führt zu einer potentiellen "Inklusion" der Menschen, zuerst der Armen und Hilfsbedürftigen.

Indem Franziskus gegen eine selbstgefällige Selbstbeweihräucherung der Kirche ankämpft und sie aus dem Zentralismus zurück in die Welt schickt, wird sich die Kirche in den kommenden Jahren sicherlich verändern.

Ihr werdet Fehler machen , ihr werdet anderen auf die Füße treten. Das passiert. Vielleicht wird sogar ein Brief der Glaubenskongregation bei euch eintreffen, in dem es heißt, dass Ihr dies oder jenes gesagt hättet…. Macht Euch darüber keine Sorgen. Erklärt, wo Ihr meint erklären zu müssen, aber macht weiter…. Macht die Türen auf. Tut dort etwas, wo der Schrei des Lebens zu hören ist. Mir ist eine Kirche lieber, die etwas falsch macht, weil sie überhaupt etwas tut, als eine Kirche, die krank wird, weil sie sich nur um sich selbst dreht“

Ich setze große Hoffnungen in Franziskus, weil mir seine Menschenzugewandtheit und seine Liebe aber auch sein Mut imponieren. Hier liegt die Kraft für Veränderungen begründet. Er geht völlig angstfrei vor und vertraut auf den Beistand Gottes. Allerdings ist er auch erfahren genug, nicht gleich mit der Brechstange zu agieren. Das würde zu Spaltungen und einer Vertiefung der Grabenkämpfe in der Kirche führen. Alleine seine dezenten Andeutungen lösen ja schon einen immensen Wirbel aus. Würde er den definitiven Ausschluss von Frauen von der Priesterweihe aufheben, bekämen die Piusbrüder riesigen Zulauf. Und auch bei der Bewertung der Homosexualität muss er behutsam sein.  

Auffällig ist doch, aus welcher Ecke die Kritik an Franziskus nach seinem Interview auf dem Rückflug von Rio kommt. Zum einen aus der traditionellen Ecke, zum anderen von homosexuell veranlagten Katholiken. David Bergers Kritik  ist dabei vielleicht sogar die heftigste. Franziskus hat nun die schwierige Aufgabe, zwischen diesen Positionen zu vermitteln, eine Position der Mitte einzunehmen. 

Was wäre doch für die Kirche und ihre Glaubwürdigkeit gewonnen gewesen, wenn sie die Stärke und die Liebe Franziskus auch im Fall Berger gehabt hätte. Wenn es tatsächlich dieses Netzwerk homosexueller Mitarbeiter im Vatikan gibt, wenn es homosexuelle Priester und Laien in der Kirche gibt, und wenn David Berger mit seinen Thesen Recht hat, dass diese Menschen erpresst werden, in Angst leben, sich verstecken müssen, was wäre es doch für eine Chance gewesen, diesen David Berger in die Reform der Kirche mit einzubinden, statt ihn zu vertreiben. Inklusion statt Exklusion. Nun richtet sich seine Verbitterung nachvollziehbar gegen die Kirche und ein riesiges Potential geht verloren…

Das gleiche gilt für Klaus Mertes. Sein Buch zu den Missbrauchskandalen ist das Beste, was ich zu diesem Thema von einem Katholiken gelesen habe. Warum bindet man ihn nicht in die Reform- und Aufklärungsarbeit mit ein?

Ich mag Menschen, die mir sagen, "Damit bin ich nicht einverstanden". Das sind die loyalen Mitarbeiter.“

Franziskus scheint auf ehrliche und aufrichtige Menschen zu setzen, Menschen, die wie er Sünder sind, die Fehler machen, die aber offen und ehrlich sind. Das macht mir große Hoffnung. Er hält an Monsignore Ricca fest, trotz allem! Und das ist gut so.

„Ich denke oft an den heiligen Petrus, der eine sehr schwere Sünde beging, als er Christus verleugnete. Und trotzdem wurde er Papst.“

Warum haben Sie in Brasilien nichts zur Abtreibung und zur gleichgeschlechtlichen Ehe gesagt?

"Die Kirche hat dazu bereits argumentiert, die Kirche hat dazu eine eindeutige Position. Während der Reise nach Brasilien war es notwendig, in positivem Ton zu sprechen."

Ja, was nützt es, über bereits gelegte Eier zu streiten. Die positive Botschaft des Evangeliums gilt es wieder in den Vordergrund zu rücken. Mit dieser radikal-reformatorischen Liebesbotschaft lassen sich auch ganz harte Schalen knacken. Wenn Franziskus in der Frage der Rolle der Frau in der Kirche die Theologie auffordert, dann stimmt mich auch dieser Ansatz positiv. Neben der Priesterweihe bleiben noch unzählige Möglichkeiten, Frauen neue Wege in der Kirche zu eröffnen. Und auch die Frage der wiederverheiratet Geschiedenen scheint Franziskus umgehend angehen zu wollen. Es bleibt also spannend…

31.7.13 09:02

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bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Martina (31.7.13 10:09)
Jahrzehnte lang haben wir uns einen Wolf gehofft, ich bin nicht mehr in der Lage, so weiter zu machen.
Ich glaube an keine Veränderung, wenn ich keine Fakten sehe. Bis jetzt werden immer nur Sprüche gemacht, gute Ansätze zerredet und die Killerphrase "Kirchenspaltung" tut ein Übriges.
"Hoffen und harren macht manchen zum Narren!"
Es ist aus und vorbei, wenn etwas geschieht, werde ich mich freuen, bisher schaut es nur nach weiterer Stagnation aus, egal, wer unter mir Papst ist.


Stefan Kraft (31.7.13 10:32)
Der Vollständigkeit halber einer unter zahlreichen Links, der die Äußerung des Papstes (hier in englischer Übersetzung) wiedergibt:

http://www.ncregister.com/blog/jimmy-akin/7-things-you-need-to-know-about-what-pope-francis-said-about-gays

Es stimmt, er scheint zwischen "being gay" und "fact of a lobby" zu unterscheiden. Wie schon zahlreich geschrieben wurde, ist hier aber auch der Interpretationsspielraum ziemlich weit.

Ansonsten m.E. kein schlechter Kommentar von Ihnen, Herrn Schnitzler. Vielleicht bin ich dann doch etwas pessimistischer, was Franziskus angeht, aber nicht wirklich pessimistisch.


Stefan Kraft (31.7.13 13:13)
Eher als allgemein interessanter Artikel gemeint, nicht unbedingt zur obigen Diskussion:

http://www.post-gazette.com/stories/news/world/what-a-pope-can-and-cannot-do-doctrine-limits-new-pope-on-changes-678697/

Es zeigt auch, dass man sich innerhalb der Kirche manchmal nicht einig ist, was geändert werden kann und was nicht.


Stefan Kraft (31.7.13 17:26)
Ach ja, hat Franziskus den Teil des Katechismus "anscheinend" oder "scheinbar" "wohlwissendlich ausgelassen"? Ein kleiner, aber feiner Unterschied. ;-)


Volker Schnitzler (31.7.13 18:08)
Er hat ihn ausgelassen, obwohl er ihn kennt.


Stefan Kraft (31.7.13 19:10)
Mein letzter Kommentar war auch nicht ernst gemeint, ich wollte nur auf den (bei einem Lehrer doch hoffentlich bekannten! ;-) ) Unterschied zwischen "anscheinend" und "scheinbar" hinweisen. Natürlich muss es "anscheinend" heißen.


Volker Schnitzler (31.7.13 21:29)
Glauben Sie mir, auch Lehrer sind nicht vollkommen fehlerfrei ;-) Und ob der Papst die Auslassung anscheinend wohlwissendlich oder scheinbar wohlwissendlich vorgenommen hat, das kann ich nicht beurteilen ;-)

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