Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Zur aktuellen Antisemitismusdebatte

Das Thema Antisemitismus geistert plötzlich wieder allgegenwärtig durch die Medien. Als ob der jemals weg gewesen wäre?! Vor dem Hintergrund des Gazakrieges blüht er aktuell nur besonders farbenprächtig auf und offenbart in seiner Blütenpracht ganz erstaunliche Kreuzungen.

Auch auf katholischen Nachrichtenportalen und einigen Blogs ist der Antisemitismus deshalb ein großes Thema, kann man doch die Gelegenheit nutzen, die sorgsam gehegte Islamophobie in unüberbietbarer Ignoranz auszuleben. Endlich kann man die gewalttätige Fratze des Islam dokumentieren und wort- und bildgewaltig in Szene setzen.

Alexander Kissler kommt in einem Beitrag auf Cicero online noch recht moderat daher, wenn er die „ansteigenden antijüdischen Stereotype des Islam“, die sich in Deutschland offenbaren, mitunter in der Einwanderungspolitik begründet sieht (hier). Sein Artikel zum Judenhass in Deutschland ist aber schon sehr islamlastig. Auf dem katholischen Auge scheint er da eher blind zu sein, vom Antijudaismus in der traditionalistischen Szene kein Wort (z.B. hier oder hier).

Und so kommt Hubert Gindert vom Forum Deutscher Katholiken auf die Idee, doch vor allem christliche Asylanten aufzunehmen, die seien zudem gebildet und deshalb auch integrationsfähig (hier).

Michael Gurtner diskutiert auf kath.net die Frage, „wie der eigene Kulturkreis auf die immer stärker auftretenden islamischen Präsenzen reagieren und welche Haltung ihr gegenüber eingenommen werden soll“ (hier). Dabei warnt er vor einer Durchmischung der gegensätzlichen Kulturen, die eine Übernahme Europas durch den Islam nach sich ziehen würde, ein Islam dessen typische Merkmale Zwang und Gewalt seien. Da es eine Gleichberechtigung von Gegensätzlichen aber niemals geben könne, müsse sich Europa entscheiden: Islam oder Christentum!

Das beängstigende Szenario wird dann auf Zölibat und mehr zu Ende gedacht. Der CDU-Politiker Peter Helmes spricht dort aus, was viele wohl denken: „Deutschland befindet sich im Krieg.“ Und der Gegner wird klar umrissen: „Wir stehen an einem Scheideweg von nationaler und existenzieller (!) Bedeutung: Überlassen wir das Land unserer Väter den Moslems, den kriminellen Banden, den Sozialschmarotzern aus der ganzen Welt und den sie fördernden Gutmenschen, oder kehren wir zurück zur Vernunft und zu unserer eigenen Identität?“

Wir sollten in der aktuellen Antisemitismusdebatte sehr vorsichtig sein, damit wir den den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben. Islamistische Hassprediger gilt es vonseiten des Staates aus zu bekämpfen, beim Tatverdacht der Volksverhetzung gehören sie verhaftet und vor ein Gericht gestellt. Man kann nur hoffen, dass die Polizei bei den noch anstehenden Demonstrationen in dieser Hinsicht wirklich durchgreift. Doch gibt es diese Hassprediger eben nicht nur unter Muslimen. Die gerissenen Demagogen, die jetzt grundsätzlich gegen alle Muslime und den Islam hetzen, sind nicht viel besser. Auch diese wähnen sich in einem Krieg. Noch ist es Rhetorik, aber es gab in Deutschland schon ein Trio das ernst gemacht hat mit der Lösung des Problems.

Differenzierung ist das Gebot der Stunde! Zurecht weist Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch jüdische Studien, darauf hin, dass Kritik an der Politik der Regierung Israels natürlich legitim ist, doch die Regierung steht nicht für alle Israelis (vgl. hier) und vor allem sind nicht alle Juden Israelis (hier). Wer hier nicht differenziert, der geht dem Antisemitismus schon in die Falle. Und ebenso sollten wir zwischen islamistischen Hetzern und friedlichen Muslimen unterscheiden. Letztere haben im Übrigen auch schon eindeutig Stellung gegen die antisemitische Hetze bezogen (hier).

Bevor wir uns in der katholischen Kirche also zu schnell auf der richtigen Seite gegen den Antisemitismus wähnen und andere glauben ermahnen und belehren zu können, sollten wir zuerst einmal unseren eigene Laden auf Vordermann bringen und die christlichen Hetzer, Antisemiten und Islamophoben in die Schranken weisen... und das natürlich mit Argumenten.

25.7.14 10:22

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bisher 13 Kommentar(e)     TrackBack-URL


schwarzes Schaf (25.7.14 12:58)
Was Hubert Gindert schreibt ist in Bezug auf die Integrationsfähigkeit richtig.

Der Islam ist keine Religion, die man in Deutschland behandeln kann wie eine x-beliebige "Konfession" neben anderen.

Vor vielen Jahren schrieb Joseph Ratzinger (der Name sagt ihnen sicher was) mal über den Islam, daß…
„…der Islam insgesamt eine völlig andere Struktur des Miteinander von Gesellschaft, Politik und Religion hat. Wenn man heute im Westen die Möglichkeit islamischer Fakultäten oder die Vorstellung von Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechts diskutiert, dann setzt man voraus, daß alle Religionen irgendwo gleich strukturiert sind; daß alle sich in ein demokratisches System mit ihren Rechtsordnungen und ihren Freiräumen, die diese Rechtsordnung gibt, einfügen. Dem Wesen des Islams aber muß das an sich widersprechen. Er kennt nun die Trennung des politischen und des religiösen Bereiches, die das Christentum von Anfang an in sich trug, überhaupt nicht. Der Koran ist ein ganzheitliches Religionsgesetz, das die Ganzheit des politischen und gesellschaftlichen Lebens regelt und darauf aus ist, daß die ganze Lebensordnung eine solche des Islams sei. Die Scharia prägt eine Gesellschaft von Anfang bis zu Ende. Insofern kann er zwar solche Teilfreiheiten, wie unsere Verfassung sie gibt, schon ausnutzen, aber es kann nicht sein Zielpunkt sein, daß er sagt: Ja, jetzt sind wir auch Körperschaft des öffentlichen Rechts, jetzt sind wir genauso präsent wie die Katholiken und die Protestanten. Da ist er immer noch nicht an seinem eigentlichen Punkt angelangt, das ist noch ein Entfremdungspunkt.“


schwarzes Schaf (25.7.14 12:59)
Insofern sind Integrationen, in der Form einer immer weiteren Vermischung bis zur Auflösung der eigenen, fremden Identität; bis dahin, daß man die Leute nicht mehr als "Fremde" erkennt, nicht denkbar

Bei den Juden sieht es ähnlich aus. Die Juden haben nicht zuvorderst eine Religion, sondern sie sind zuerst einmal ein Volk. – Ein von Gott auserwähltes Volk.
Dieses Bewußtsein hat sie davor bewahrt, selbst als sie in der Diaspora verstreut waren, weiterhin Juden zu bleiben.

Integration wird vielfach als Assimilation verstanden: Der Islam wie auch das Judentum lassen sich aber beide nicht in unsere Gesellschaft assimilieren.


schwarzes Schaf (25.7.14 13:02)
Der Satz: „Dieses Bewußtsein hat sie davor bewahrt, selbst als sie in der Diaspora verstreut waren, weiterhin Juden zu bleiben.“

Es muß heißen: „Dieses Bewußtsein hat sie befähigt, selbst als sie in der Diaspora verstreut waren, weiterhin Juden zu bleiben.“


schwarzes Schaf (25.7.14 13:46)
Da der Islam kein rein religiöses System ist, sondern auch ein politisches, kann er nicht in eine Demokratie integriert werden.

Vielleicht ist die Seite weniger "verdächtig" als Joseph Ratzinger: http://www.islamreligion.com/de/articles/224/

„Der Westen macht beim Verständnis der islamischen Tradition einen natürlichen Fehler, indem er annimmt, dass Religion für Muslime das gleiche bedeutet wie für die Anhänger der meisten anderen Religionen seit der industriellen Revolution und für einige Gemeinschaften sogar bereits zuvor; das bedeutet, ein Lebensbereich, der für bestimmte Angelegenheiten reserviert und von anderen Lebensbereichen abgetrennt ist. Dies entspricht nicht der islamischen Weltsicht. So etwas gab es in der Vergangenheit nicht, und auch die modernen Versuche, es so zu machen, werden als Verirrung angesehen.“


Volker Schnitzler (25.7.14 13:48)
Danke, dass Sie das oben Gesagte noch einmal wiederholen. Vielleicht wird das, was ich kritisiere, jetzt noch sichtbarer?!

Ratzinger?!... Ja, da war was... Ist das nicht der, der auch das Folgende geschrieben hat? "Es gibt einen noblen Islam, den zum Beispiel der König von Marokko verkörpert, und es gibt eben den extremistischen, terroristischen Islam, den man aber auch wieder nicht mit dem Islam im Ganzen identifizieren darf, da würde man ihm auf jeden Fall unrecht tun.“

Sie sollten sich davor hüten, Joseph Ratzinger mit in ihre einseitige Argumentation einzubinden! Und weshalb sollte jemand, der sich hier integrieren möchte, seine Religion aufgeben? Würden Sie das im umgekehrten Fall machen? Integration heißt nicht Assimilation!


schwarzes Schaf (25.7.14 14:19)
Im Gegensatz zur Assimilation bedeutet Integration in der Tat, daß die Einwanderer die eigene „kulturellen Identität“ zu bewahren.

Wenn aber zur „kulturellen Identität“ auch gehört, daß Religion und Staat zusammen ein geschlossenes System bilden, das dem deutschen Staatssystem entgegensteht, kann es eine eigentliche Integration nicht geben.
Also müßte die „kulturellen Identität“ aufgegeben werden und es handelt sich dann um Assimilation.

Und genau das verstehen die meisten hier in Deutschland unter „Integration“: Die Leute sollen sich so verhalten wie die Deutschen und mit ihrer „kulturellen Identität“ (außer bei Folklore-Abenden) möglichst wenig in Erscheinung treten.

Das geht aber nicht ohne Aufgabe der „kulturellen Identität“. – Und daß sich die Einwanderer dagegen wehren und sich abschotten, ist nur zu verständlich.

Integration wird meist als Assimilation verstanden. – Am Ende soll ein multi-kulti-Einheitsbrei stehen.
Das hat der Syrer Bassam Tibi (Islamische Zuwanderung - Die gescheiterte Integration) schon recht gut beschrieben und auch kritisiert.


Volker Schnitzler (25.7.14 14:37)
Ja, die NPD glaubt auch immer genau zu wissen, was "die meisten hier in Deutschland" hinter "vorgehaltener Hand" so denken. Ich kenne persönlich kaum jemanden, der so denkt. Ich lebe übrigens auch in der Nachbarschaft mit Muslimen und habe mit ihnen tagtäglich auch beruflich zu tun, doch von Abschottung und Abwehr spüre ich kaum etwas. Vielmehr freue ich mich sehr darüber, dass Integration wirklich vielfach funktioniert, die jungen Menschen viel weniger Vorurteile und Berührungsängst als in meiner Generation haben. Und diese Realität lasse ich mir von rechten Weltverzerrern auch nicht kaputt reden ;-)Vielleicht noch ein Letztes... All das, was Sie den Muslimen da vorwerfen, das ist doch im Grunde das Ideal, von dem auch die Traditionalisten fantasieren, der Gottesstaat. Da idealisiert man Monarchien und Königshäuser und träumt von einer katholischen Gesellschaftsordung, wo alles andere höchstens noch geduldet wird. Aber wem sag ich das ;-)


schwarzes Schaf (25.7.14 14:46)
Ich werfe den Muslimen gar nichts vor!

Aber fragen Sie mal ihre Nachbarn wie viele der muslimischen Gesetze sie einhalten und wie viele nicht. Fragen sie, wo sie sich Freiheiten nehmen, die sie strenggläubig eigentlich nicht hätten.

Da sieht es wahrscheinlich ähnlich aus wie bei den "Taufscheinchristen". Auf dem Papier z.B. katholisch, aber wenn man nach der Sonntagspflicht, der Beichtpflicht etc. fragt, bekommt man nur in Kopfschütteln.
Auch diese Katholiken sind nämlich wunderbar vom Mainstream assimiliert.


Volker Schnitzler (25.7.14 15:08)
Da kommen wir das Sache näher! Jetzt haben Sie sich verraten. Scheinbar integrieren sich die meisten Muslime also doch ;-)

Hüben wie drüben gibt es überkommene Gesetze, die es zu reformieren gilt. Fundamentalistische Traditionalisten können von mir aus jeden Tag in die Messe gehen, ihre Haltung ist ein Übel! Ebenso wie es die von fundamentalistischen Islamisten ist. Mit beiden ist ein friedliches Zusammenleben unmöglich, weil ihre ganze Existenz auf Vorurteilen gründet: Die bösen Ungläubige oder die bösen Muselmanen. Man kommt aus dem Schwarzweißdenken einfach nicht heraus...


schwarzes Schaf (25.7.14 15:13)
Nein, sie integrieren sich nicht, sondern die angesprochenen assimilieren sich.

Wer mag objektiv entscheiden ob Gesetze des Islam oder der Kirche "überkommen" sind?
Wer mag entscheiden welches Gesetz zu reformieren ist?
Mit welcher Vollmacht wird dies entschieden?

Natürlich kann man sich, wie sie, hinstellen und sagen: „Es gibt überkommene Gesetze. Wer sich noch daran hält ist ein Fundamentalist.“

Allerdings ist diese Position auch fundamentalistisch. Lediglich das Fundament ist ein anderes.


Volker Schnitzler (25.7.14 16:26)
Nun, ich hab meine Nachbarn noch nicht in der Kneipe gesehen und den Schweinefleischdöner gibt es da auch noch nicht zu essen...

Alles entscheidet sich an der Liebe, an der Gottes- und Nächstenliebe. Und bei uns Katholiken entscheidet das Lehramt über die Lehre, sehr gut im Übrigen beim letzten Ökumenischen Konzil. Da ist mal ordentlich mit den Vorurteilen gegenüber anderen Religionen aufgeräumt worden, weshalb die Fundis seither toben! Religionsfreiheit, wo gibt es denn sowas?! Wir wollen einen katholischen Staat ;-)


schwarzes Schaf (25.7.14 16:42)
Was das Konzil betrifft. Das lehrt in Lumen Gentium:
„Darum könnten jene Menschen nicht gerettet werden, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in sie aber nicht eintreten oder in ihr nicht ausharren wollten.“

Das ist etwas ist der alte Satz „Außerhalb der Kirche kein Heil“ in neuen Worten.

Bei dem Satz habe ich eher den Eindruck das ganz andere "toben" als die "Fundis".
;-)


Volker Schnitzler (25.7.14 17:02)
Das sollten Sie dann mal den Piusbrüdern erzählen, wer weiß, vielleicht sind Sie ja in der Lage die Missverständnisse, die Benedikt nicht ausräumen konnte, aus der Welt zu schaffen?! Nur Mut! An Engagement scheint es Ihnen ja nicht zu fehlen ;-)

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