Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder

Der Psychoanalytiker Tilmann Moser schrieb in den 70er Jahren über die "Gottesvergiftung" durch problematische Gottesbilder und löste damit eine heftige Diskussion aus. Aktuell kann man auf Publik-Forum (hier) ein sehr interessantes Interview mit ihm lesen, in dem er den Kulturverlust einer immer säkulareren Gesellschaft bedauert und neben der Gottesvergiftung auch die "segensreiche Einwirkung eines tragfähigen Glaubens" anerkennt.

So relativiert er zwar die Bewertung Freuds, die Religionen seien "kollektive Neurosen", die auf infantiler "Bedürftigkeit nach Trost und Führung" fußten, zu einem gläubigen Menschen macht ihn das aber dann doch nicht, wenn er den Glauben als kindlich und das Leben ohne Gott als erwachsen bewertet.

Bewundernswert ist aber dennoch seine Aufrichtigkeit, wenn er am Ende des Interviews in Bezug auf das Christentum von Rätselhaftem spricht und für ihn ungeklärte Fragen formuliert.

"Sie selbst stellen die Frage nach dem Schöpfer nicht?

Moser: Nein. Aber dennoch bleibt das Christentum auch für mich ein Rätsel. Ich frage mich, wie es kommt, dass dieser geschichtliche Jesus mit seinen paar Leuten zu einer Weltbewegung geworden ist. Und warum auch heute noch so viele kluge Menschen an der Kirche hängen. Wie kommt es zu der Wirkung dieser Idee? Hängt das mit der Krise des Römischen Reiches zusammen? Mit den großen sozialen Problemen damals? Dass er ein Prophet der Armen war? Und wieso ist daraus eine reiche, protzende Weltkirche geworden? Das ist ein historisches Rätsel, auf das ich keine Antwort habe."

Und tatsächlich spricht er hier auch einen für mich ganz entscheidenden Punkt an. Die Botschaft dieses Handwerkers und seiner Bauern und Fischer geht nach einem grandiosen Scheitern und der totalen Verzweiflung und Auflösung aufgrund von unzähligen Erscheinungen und Visionen innerhalb einer Generation einmal um die gesamte bekannte Welt.  Und Erfolgsrezept ist tatsächlich das Angebot der unterschiedslosen Gottes-Kindschaft für jeden Menschen, sei er nun Sklave oder Freier, Jude oder Heide, Mann oder Frau. Und so bin ich als gläubiger Mensch dann auch gerne staunendes Kind ;-)

22.8.14 09:53

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