Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Diskussionen aus der Mottenkiste

Aus konservativ-traditionalistischen Kreisen kennt man Angriffe gegen das sogenannte Berufschristentum und die wissenschaftliche Theologie zur Genüge. Gut bezahlte Beamte, die sich mit Problemen beschäftigen, die die Welt nicht interessieren. Was da allerdings gerade an der Humboldt-Universität in Berlin los ist, das kann auch ich tatsächlich kaum fassen.

Da bezweifelt der protestantische Theologe  Notger Slenczka die Bedeutung des Alten Testaments für das Christentum, genauer, die kanonische Relevanz der jüdischen Bibel für den christlichen Gottesdienst (alle relevanten Texte hier). Das Fremde und Exklusive der jüdischen Religion wird dem Universalen des Christentums gegenübergestellt. Einige Texte könnten zwar durch eine christliche Hermeneutik angeeignet werden, bei vielen alttestamentlichen Texten  entstünde aber ein Widerstand gegen das fremde Gottesbewusstsein.

Jetzt bin ich kein Theologieprofessor und habe vielleicht das eine oder andere Argument nicht ganz durchschaut oder in seiner theologischen Tragweite verstanden, doch eines ist doch klar: Jesus war Jude und seine Botschaft vom beginnenden Reich Gottes richtete sich exklusiv - um einmal diesen Begriff aus der Argumentation Slenczkas zu benutzen - an das Volk Israel. Dies unterstrich Jesus mit dem Errichten des Zwölferkreises, der die 12 Stämme des Volkes symbolisierte, die somit als Empfänger seiner Botschaft gekennzeichnet waren.

Die Universalität der jesuanischen Botschaft  ist, anders als Slenczka behauptete, ebenfalls schon im AT angelegt, so spricht etwa der Prohet Jesaja vom Licht für alle Völker, das von Israel ausgeht. Und selbst der Apostel Paulus hält sich an das Beispiel Jesu, wenn er auf seinen Missionsreisen zuerst einmal zu den Juden geht. Die Synagogen der Diaspora sind seine erste Anlaufstelle, wenn er in eine neue Stadt kommt. Er hält sich an die Rangfolge, die Slenczka  mit Schleiermacher ablehnt, dass das Evangelium zuerst zu den Juden kommt und erst in einem zweiten Schritt zu den Heiden. Das 13 Kapitel der Apostelgeschichte veranschaulicht dieses Konzept des Paulus (auch Apg 14,1 oder 17,1), der in seiner Predigt die christliche Deutung der alttestamentarischen Schriften erläutert.

Und wie selbstverständlich benutzen die ersten Christen die Schriften des Alten Testamentes als ihre Bibel, die christlichen Schriften enstehen schließlich erst Jahrzehnte nach der Kreuzigung, als man sich bewusst wurde, dass die Wiederkunft des Herrn wohl noch auf sich warten lassen würde. Über 100 mal wird im NT das Wort "Schrift" in Bezug auf alttestamentliche Texte verwendet! Die Hermeneutik im Umgang mit diesen Schriften ist aber natürlich eine christliche, was bedeutet, dass die alttestamentlichen Geschichten als auf den Messias Jesus Christus ausgerichtet gedeutet werden (vgl. Apg 13).

Auch Slenczkas Gegenüberstellung von alttestamentarischem Tun-Ergehen-Zusammenhang und seiner christlichen Überwindung hin zu einem barmherzigen Gott der Gnade ist zu einfach. Schon das Buch Hiob lehnt diese Idee vehement ab und weist einen individuellen Weg durch das Leiden zu Gott und rechnet zudem mit naiven Gottesbildern ab, wie Slenczka sie wohl im Blick hat.

Auch Slenczkas Abgrenzung des AT vom NT aufgrund der Tatsache, dass einige Texte besser, andere schlechter und mache gar nicht zum Ausdruck des christlichen Selbstbewusstseins geeignet seien, verfängt nicht. Gilt nicht dasselbe für neutestamentliche Texte? Werden nicht auch in der Offenbarung des Johannes die Frevler vernichtet (etwa in 20, 15), eine Aussage, die Slenczka ausschließlich dem alttestamentlichen "Gott der Vergeltung" zuschreibt. Überhaupt könnte man die Offenbarung als letztem Buch der Bibel eine abschließende Zusammenschau von Judentum und Christentums nachsagen, wenn es von den Propeten und Heiligen spricht, die gelitten haben und nun zu ihrem Heil geführt werden.

Das Alte Testament ist Heilige Schrift für Juden wie für Christen, der Zugang mag unterschiedlich sein, dennoch bleibt es die Heilige Schrift, in der von dem einen Gott erzählt wird, dessen Gläubige sich aus diesem Stamm in zwei Verästelungen entwickelt haben.

27.4.15 15:07

Letzte Einträge: Brückenbau mit Abrissbirne, Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, The Hunger Games, Alternative für Ockenfels, Die wahren Freunde des Papstes

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