Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Es rumort im Zauberturm

Das Lehramt der größten katholischen Nachrichtenseite im Internet begehrt mehr und mehr gegen Papst Franziskus auf. Lange Zeit wehrte man sich dagegen, wie andere ultrakonservative Portale in eine Anti-Franziskus-Position zu verfallen, doch diese Haltung wird zunehmend aufgegeben. Zwar hat der weiße Zauberer des größten virtuellen Zauberreiches bislang noch nicht selbst zum Kriegsstab gegriffen, seinen Propagandaminister schickte er zuletzt aber schon einmal gen Rom.
 
"Hier irrt der Papst" war das Motto dieser unfehlbaren Exhortation. Dass Pety bei seiner hochtheologischen Darlegung gleich einen anonymen rechtsaußen Blog als Gewährsmann zitiert, weist auf die Qualität seiner Ausführungen. Peinlicher geht es kaum, auch nicht in der Art der Argumentation. Gewalttätige Mission ist im Islam Programm, im Christentum ein Ausrutscher von Einzelnen, an denen die Hauptverantwortlichen nie beteiligt waren. Dabei war es Papst Urban II und nicht Papst Franziskus, der ein Bibelwort des Matthäusevangeliums in sein antichristliches Gegenteil verkehrte, um einen Krieg biblisch zu legitimieren. "Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig." Das Schwert zum Kampf... Gott will es!

Auch hier wird wieder deutlich, wie wichtig eine vernünftige und professionelle Exegese ist, damit wirklich Evangelium und nicht Machtinteressen mit der Bibel verkündet werden. Das gilt sicherlich ebenso für den Koran. Wer nicht zwischen dem, was im Neuen Testament und dem, was Päpste und Theologen aller Zeiten daraus gemacht haben, unterscheidet, der kommt zu den unnglaublichsten Konstruktionen.

Ein schönes Beispiel für eine wirre Bibelauslegung bietet aktuell ein weiterer strammer Kämpfer des weißen Zauberers auf kath.net, der Philosoph Josef Seifert (hier). Auch er unterwegs im Auftrag,  Irrlehren im päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“ aufzudecken. "Viele barmherzig klingende Passagen würden die Lehre der Kirche auf den Kopf stellen", zitiert ihn kath.net.

Und wie kann es anders sein, das Problem ist Franziskus Auslegung der Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin. Dabei ist nun die Auslegung des Philosophen ein Paradebeispiel dafür, wie man wahrlich meisterlich an der Reich-Gottes-Botschaft Jesu vorbeiinterpretieren kann.

"Wenn der Papst etwa das Gleichnis von der Ehebrecherin (Joh 8,1-11) zitiere, dann sei es für Paare in irregulären Situationen sicher tröstlich, wenn ihnen gesagt würde sie seien nicht exkommuniziert. Allerdings fehle der entscheidende letzte Satz des Gleichnisses: 'Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.' Das Dokument verschweige das Herzstück: den Aufruf zur Konversion".

Wenn dieser Satz das Herzstück des Evangeliums ist, würde ich noch heute aus der Kirche austreten! Der von den Schriftgelehrten vorgeführten Ehebrecherin droht die Steinigung, Jesus wendet diese Gewalttat aber genau damit ab, dass er den Klägern und Richtern klar macht, dass auch sie Sünder sind, dass kein Mensch frei von Sünde ist. "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie." Zurück bleiben nur Jesus und die Frau, alle anderen ziehen beschämt vondannen.

Das Kernstück ist nicht die Aufforderung, nicht mehr zu sündigen, das KÖNNEN Menschen gar nicht. Das Kernstück ist die bedingungslose Amnestie der Sünderin, voraussetzungslose Barmherzigkeit, das Fehlen jeder Spur von Verurteilung, das Zugehen Jesu auf die Sünderin; das ist der Kern des Evangeliums. Und erst DAS eröffnet den Horizont für ein neues Leben, weil die Frau ihre Würde vor Gott zurückerhält.

Und wenn das nicht falsch ist, dann muss mir bitte einmal jemand erklären, wie man gerade Menschen in kritischen Lebenssituationen den Leib Christi verweigern kann? Gott jedenfalls geht mit seiner Inkarnation den Weg hin zu den Sündern, in die Welt, Jesus geht hin zu den Sündern, Ausgestoßenen und Verlorenen, er macht sich schmutzig. Wie kommt die Kirche auf die Idee, diese Menschen von ihm fern halten zu müssen? Ich begreife es nicht! Und auch die abschließende Papstschelte von Seifert begreife ich nicht.

„Wie können Jesus und seine allerheiligste Mutter diese Worte lesen und mit denen von Jesus selbst und seiner Kirche in Verbindung bringen ohne zu weinen“, fragt Seifert. 'Lasst uns deshalb mit Jesus weinen, mit tiefem Respekt und Zuneigung für den Papst und mit dem tiefen Schmerz, der aus der Pflicht kommt, seine Fehler kritisieren zu müssen', fügt er hinzu."

Ich frage mich, wie man Seiferts Jesusbild und seine Papstschelte auf einem katholischen Portal veröffentlichen kann, ohne zu weinen? Doch letztlich wird der weinende Jesus auch ihn in seine Arme schließen.

15.6.16 12:41

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Regina (15.6.16 22:14)
Die Zulassungsbeschränkungen zur Eucharistie sind ins Zentrum der katholischen Lehre gerückt. Die Asylpolitik in der Schweiz, in Österreich und in Teilen Deutschlands wird trotz der mutig angesagten Willkommenskultur und trotz der Solidarität der Mehrheit in der Bevölkerung ständig verschärft. In anderen Ländern hindern Stacheldrahtverhaue fliehende Mitmenschen, das Gastrecht des Asyls in Anspruch zu nehmen. Es ist, als sei Verschlossenheit der Schlüssel zur Identität geworden.
In der Welt des versöhnten Daseins werden dagegen Grenzen geöffnet.Solange nur die Schulden der anderen in den Blick genommen würden, blieben die Grenzen geschlossen. In der Tat ist mit vorgerechneten Obergrenzen für das, was der eigenen Identität gerade noch zumutbar wäre, die humane Begegnung mit Andersglaubenden, mit Flüchtlingen und mit politischen Feinden nicht denkbar.

Der Menschensohn ging an die Wurzeln der Verschlossenheit. Er lebte aus der Erfahrung, dass Gott die Sonne über Gut und Böse aufgehen lässt: «Die Schuld ist dir vergeben».
Nun wird auch offenbar, was Religion bedeutet. Sie ist eine behutsame Grenzüberschreitung, welche die Integrität aller hochachtet. Die Grenzüberschreitung des Herzens lässt in sich den anderen zu und freut sich mit dem anderen an der Begegnung, die beide Seiten verändert und bereichert. Es geht nicht nur um den eigenen Katechismus, um die eigene Sprache und um die eigene Nation. Es geht um das Einander-Verstehen-Lernen in den verschiedenen Sprachen.
Als Gast auf Erden wurde der Menschensohn zum Zeichen für die Grenzüberschreitung, durch welche Gott selbst uns körperlich berührt.

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