Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Neuevangelisierung

Aufstand der Gesetzeslehrer

In Rom probten die Gestzestreuen der katholischen Kirche jüngst den Aufstand. Zwar noch eher theoretisch, aber in ihren Plänenimmerhin  sehr konkret. Kardinal Burke als ehemals oberster Richter der Apostolischen Signatur ist von seinem Werdegang her schon die ideale Führungsfigur für die Papstkritiker, der nach Aussage von Guido Horst von ekstatisch-hysterischen Rosenkranzbeterinnen frenetisch gefeiert wurde. Auch Deutschlands oberster Konvertit durfte da natürlich als zweiter noch verbleibender Dubia-Kardinal nicht fehlen. Das "Who- is-Who" der Antifranziskusfront war also vollzählig erschienen, um dem Papst vor der Haustüre noch einmal klar und deutlich Häresie vorzuwerfen.
 
Nun könnte man die ganze Aktion als weitere leere Drohung abtun, wirkliche Konsequenezen werden seit Jahren immer nur verkündet, aber nie angegangen. Spannend finde ich aber, dass Burke bei seinen Drohungen gegen Papst Franziskus diesmal auf den Apostel Paulus zurückgreift und dadurch besonders tosenden Applaus bekommt.

"Und wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel etwas anderes als das verkünden würden, was euch verkündet worden ist, 'anathema sit'."

Nun entstammt dieser Vers ausgerechnet dem Galterbrief, in dem der Apostel Paulus sehr hart mit den Gesetzeslehrern unter den Christen ins Gericht geht. Ob Burke den Brief nicht so genau kennt? Paulus geht in seiner fundamentalen Gestzeskritik so weit, dass er behauptet, dass Gestzesglaube und Christentum unvereinbar sind: "Wenn ihr also durch das Gesetz gerecht werden wollt, dann habt ihr mit Christus nichts mehr zu tun; ihr seid aus der Gnade herausgefallen." (5,4)

Lediglich in der Beurteilung der Engel liegen Burke und Paulus auf einer Linie, beide nämlich sind sich einig darin, dass das, was von einem solchen kommt, nicht unbedingt mit dem Wille Gottes übereinstimmen muss. Nach Paulus ist nämlich das ganze Gesetz von einem Engel gesandt worden, nicht von Gott. Der hat seinen Sohn gesandt, der uns das Evangelium gebracht hat, das von dem Gestz befreit: "Warum gibt es dann das Gesetz? Wegen der Übertretungen wurde es hinzugefügt, bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gilt. Es wurde durch Engel erlassen und durch einen Mittler bekanntgegeben."

Nachdem wir also auf Christus getauft sind, gilt kein Gesetz mehr für uns. Wir haben uns ausschließlich an der Liebe auszurichten, wie Paulus betont: "Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" (5,14)

Doch Paulus hat es nicht leicht mit seinem gesetzesfreien Evangelium. Aus der eigenen Kirche wird er topediert. Judenchristen, die der Meinung sind, dass Heiden sich erst beschneiden lassen müssen und das Gesetz einhalten müssen, bevor sie zu Christen werden können,, machen ihm zu schaffen. Für diese Gesetzestreuen bringt er wenig Wohlwollen auf, sie sind Feinde Cristi: "Denn was die falschen Brüder betrifft, jene Eindringlinge, die sich eingeschlichen hatten, um die Freiheit, die wir in Christus Jesus haben, argwöhnisch zu beobachten und uns zu Sklaven zu machen, so haben wir uns keinen Augenblick unterworfen; wir haben ihnen nicht nachgegeben, damit euch die Wahrheit des Evangeliums erhalten bleibe." (2,4-5)

Tja, und auf diesen Paulus berufen sich jetzt unsere modernen Gestzestreuen und glauben damit gegen Franziskus angehen zu können. Der jedoch hat den Galaterbrief ganz gelesen und verstanden, wenn er in seinem neuen Schreiben "Gaudete et exultate" schreibt:

"Wenn wir denken, dass alles von der menschlichen Anstrengung abhängt, die durch Vorschriften und kirchliche Strukturen gelenkt wird, verkomplizieren wir unbewusst das Evangelium und werden wieder zu Sklaven eines Schemas, das wenige Poren für das Wirken der Gnade offenlässt. [...]

Um dies zu vermeiden, ist es heilsam, oft daran zu erinnern, dass es eine Hierarchie der Tugenden gibt, die uns einlädt, das Wesentliche zu suchen. Der Vorrang kommt den göttlichen Tugenden zu, die Gott zum Gegenstand und Beweggrund haben. In ihrem Zentrum steht die Liebe. Das, was wirklich zählt, sagt der der heilige Paulus, ist »der Glaube, der durch die Liebe wirkt« (Gal 5,6). Wir sind aufgerufen, die Liebe aufmerksam zu pflegen: »Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt […] Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes« (Röm 13,8.10). »Denn das ganze Gesetz ist in dem einen (ení ) Wort erfüllt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Gal 5,14)."

Burke und Brandmüller sollte man dringend die Lektüre des Galaterbriefes anempfehlen, damit nicht auch sie zu "falschen Brüdern" werden, die uns Christen zu Sklaven des Gesetzes machen wollen! Franziskus wendet sich gegen eine Verkomplizierung des Evangeliums, die ein erster Schritt in die Sklaverei darstellt. Auch da ist er ganz auf der Linie des Paulus, der sein Evangelium in wenigen Worten umschreibt:

"Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der «Mißgeburt». Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe." (1 Kor 15, 3-9)

Und gegen dieses Evangelium soll Franziskus nach Ansicht seiner Kritiker nun verstoßen haben?! Für Verwirrung sogen diese Gesetzestreuen, die den Menschen die Freiheit des Evangeliums wieder nehmen wollen. Vertrauen wir den wahren Aposteln und nicht den modernen Gesetzeslehrern!


16.4.18 15:58, kommentieren

Privatschule als missionarischer Ort?

Einer meiner wenigen Helden ist Pater Mertes, der 2010 die Aufdeckung des Missbrauchsskandals in Deutschland ins Rollen brachte. Oftmals spricht er mir in seinen Standpunkten auf katholisch.de aus dem Herzen. Umso erstaunter bin ich jedes Mal, wenn er sich als Schulleiter einer Ersatzschule in krichlicher Trägerschaft zu Fragen des Bildungssystems äußert. All diese Statements erzeugen in mir eher Widerspruch. Woran liegt das?

Vor wenigen Tagen äußerte sich Klaus Mertes zu der Schließung von acht katholischen Schulen im Bistum Hamburg. Unter der Überschrift "Ohne Schulen kann die Kirche abdanken" führt er aus, dass gerade die Schule "vorrangiger Ort christlichen Glaubens ist".
 
"In aller Stille haben die katholischen Schulen jahrzehntelang Glauben und Kirche in den Herzen von vielen Menschen verankert. Sie haben so missionarisch gewirkt wie keine andere kirchliche Institution. Sie haben den Gemeinden unzählbar viele engagierte Mitglieder beschert. Sie haben Menschen in die Gesellschaft hinein entlassen, die ihrer kirchlich-schulischen Prägung ein Leben lang dankbar sind."
 
Ich frage mich, weshalb gerade eine katholische Schule ein besonders missionarischer Ort sein soll? Wird eine katholische Privatschule besonders von Kindern aus atheistischen oder nichtchristlichen Elternhäusern besucht? Vermutlich nicht. Eher sind es wohl Familien, die der katholischen Kirche sowieso schon mehr oder weniger nehe stehen, ihr zumindest so weit vertrauen, dass sie ihre Kinder in deren Obut geben.

Nein, gerade das Missionarische kann kein Argument für eine katholische Ersatzschule sein. Mission betrieben wird im Religionsunterricht einer staatlichen Schule, der für alle offen steht, die an ihm teilnehmen wollen. Wozu bedarf es da einer spezifisch katholischen Schule?

Nun muss Mertes als Schulleiter einer solchen Institution natürliuch diesen Standpunkt einnehmen. Ich wundere mich dennoch über sein entschiedenes Engagement, gerade vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals. Waren es nicht gerade Schulen mit einem gewissen elitären Denken, an denen vor allem Missbrauch betrieben wurde? Nicht nur katholische Einrichtungen, auch die Odenwaldschule ist hier zu nennen.

Wenn Mertes in einem anderen Beitrag auf katholisch.de fordert, der Staat solle diese Schulen zu 100% refinanzieren, kann ich nur sagen, der Staat sollte alle Schulen selber betreiben, dazu ist er da. Wir brauchen keine Ersatzschulen, schon gar nicht aus finanziellen Gründen. Den Kirchen ist der Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an den öffentlichen Schulen gewährt. Hier können sie für den Glauben werben, hier sind die richtigen Adressaten und hier ist eine gewisse Kontrolle gewährleistet, dass dieser Unterricht nicht übergriffig wird. Es bedarf keiner christlichen Ersatzschulen, in der Katholiken oder Protestanten in ihrem eigenen Saft schwimmen.


25.2.18 10:24, kommentieren

Lass uns nicht in Versuchung geraten

Papst Franziskus hat  mit seiner Kritik an der auch in Deutschland gebräuchlichen Übersetzung der 6. Bitte im Vaterunser eine lebhafte theologische Debatte angestoßen. Ein guter Vater führe seine Kinder nicht in Versuchung, das mache der Satan, nicht Gott. Viel Widerspruch ist nun zu lesen, nicht nur von den üblichen Verdächtigen, die jedes noch so kleine Ereignis geifernd nutzen, um gegen Papst Franziskus zu polemisieren. Auch viele Exegeten und Dogmatiker widersprechen dem Papst und sprechen sich für eine Beibehaltung der Übersetzung des griechischen Originals aus dem Matthäusevangelium aus.
 
Auf dem papstkritischen Nachrichtenportal kath.net überschlägt man sich seit Tagen mit Artikel gegen die päpstliche Kritik am "Führe uns nicht in Versuchung". Mehrfach positionierte man Texte von Joseph Ratzinger, um Franziskus zu widerlegen. Dessen Argumentation folgen auch die meisten anderen Theologen, so dass ich im Folgenden nur auf diese Darlegungen eingehen möchte.

Die Exegeten scheinen sich erst einmal einig zu sein, dass die gängige Übersetzung eine präzise Übersetzung des griechischen Originals ist. Man bemerkt zwar, dass Jesus kein Griechisch sprach, das griechische Original also schon Übersetzung und damit ein Stück weit auch Interpretation ist, doch hat man letztendlich keine zuverlässige Möglichkeit, das aramäische Original zu rekonstruieren, so dass der griechische Evangelientext in dieser Frage als einzige Quelle zu den Worten Jesu führt. So weit so gut.

Ratzinger verweist nun darauf, dass der Geist Gottes auch Jesus am Anfang seines öffentlichen Wirkens in die Wüste schickt, wo er vom Teufel in Versuchung geführt wird.

"Er muss, wie wir gesehen haben, diese Versuchungen durchleiden bis zum Tod am Kreuz und so den Weg der Rettung für uns öffnen. Er muss so nicht erst nach dem Tod, sondern mit ihm und in seinem ganzen Leben gleichsam „hinabsteigen in die Hölle“, in den Raum unserer Versuchungen und Niederlagen, um uns an die Hand zu nehmen und aufwärts zu tragen."

Nun kann man natürlich mit Franziskus einwenden, dass es trotz allem der Satan ist, der Jesus versucht und nicht Gott. Und dennoch, Gott lässt dies zu, Ratzinger betont, dass er dem Bösen ein Stück weit die Freiheit lässt, unter den Menschen zu wüten, sie in Versuchung zu führen. Die Theodizeefrage klingt hier an und die meisten Theologen wenden sich an dieser Stelle mit Ratzinger an das Buch Hiob, das sich diesem Problem auf beeindruckende Weise annähert.

"Der Blick auf das Buch Ijob, in dem sich in so vieler Hinsicht schon das Geheimnis Christi abzeichnet, kann uns zu weiteren Klärungen verhelfen. Satan verhöhnt den Menschen, um so Gott zu verhöhnen: Sein Geschöpf, das er nach seinem Bild geschaffen hat, ist eine erbärmliche Kreatur. Alles, was gut an ihm scheint, ist doch nur Fassade; in Wirklichkeit geht es dem Menschen – jedem – doch immer nur um das eigene Wohlbefinden. Das ist die Diagnose Satans, den die Apokalypse als den „Ankläger unserer Brüder“ bezeichnet, ,,der sie bei Tag und bei Nacht vor Gott verklagte“ (Offb 12,10). Die Verlästerung des Menschen und der Schöpfung ist im Letzten Verlästerung Gottes, Rechtfertigung für die Absage an ihn."

Wenn man Franziskus vorwirft mit einer zu einfachen Theologie das christliche Gottesbild weichzuspülen, darf man wohl auch hier mit Ratzingers Ausführungen ebenso kritisch umgehen. Der Satan ist im gesamten Buch Hiob ein Engel, kein Dämon, kein Teufel, nicht das Böse. Er ist Teil der himmlischen Heerscharen und geht bei Gott ein und aus, weshalb die Letztverantwortung für das satanische Wirken selbstredend bei Gott liegt. Nirgendwo im Buch Hiob ist von einer Absage des Satans an Gott oder einer Lästerung Gottes durch ihn die Rede.

"Satan will am gerechten Ijob seine These beweisen: Wenn ihm nur erst alles genommen werde, dann werde er schnell auch seine Frömmigkeit fallen lassen. So gibt Gott dem Satan die Freiheit zur Erprobung, freilich mit genau definierten Grenzen: Gott lässt den Menschen nicht fallen, aber prüfen. Hier scheint ganz leise, noch unausgesprochen, doch schon das Geheimnis der Stellvertretung auf, das in Jes 53 große Gestalt erhält: Die Leiden Ijobs dienen der Rechtfertigung des Menschen. Er stellt durch seinen im Leiden bewährten Glauben die Ehre des Menschen wieder her. So sind die Leiden Ijobs im Voraus Leiden in der Gemeinschaft mit Christus, der unser aller Ehre vor Gott wieder herstellt und uns den Weg zeigt, auch im tiefsten Dunkel den Glauben an Gott nicht zu verlieren."

An dieser Stelle werden Ratzingers Ausführungen noch problematischer. Hiob leidet stellvertretend für die Rechtfertigung des Menschen. Diese christliche Deutung hat aus meiner Sicht kaum Anhaltspunkte in diesem altestamentarischen Buch. Von einem "im Leiden bewährten Glauben" kann überhaupt keine Rede sein, denn Hiobs Glaube an einen guten Gott zerbricht total.

Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir, mein Geist hat ihr Gift getrunken, Gottes Schrecken stellen sich gegen mich. (6,4)  Einerlei; so sag' ich es denn: Schuldlos wie schuldig bringt er um.(9:22)

Hiob verliert im tiefsten Dunkel seinen Glauben! Die Welt ist für Hiob in die Hand eines Frevlers gegeben (9,24), Gott kann für ihn kein gerechter und guter Gott sein, wird er doch völlig unschuldig in tiefste Not gestürzt. Was soll das für ein Gott sein, der das zulässt?

"Das Buch Ijob kann uns auch zu einer Unterscheidung verhelfen zwischen Prüfung und Versuchung. Um reif zu werden, um wirklich immer mehr von einer vordergründigen Frömmigkeit in ein tiefes Einssein mit Gottes Willen zu finden, braucht der Mensch die Prüfung. Wie der Saft der Traube vergären muss, um edler Wein zu werden, so braucht der Mensch Reinigungen, Verwandlungen, die ihm gefährlich sind, in denen er abstürzen kann, aber die doch die unerlässlichen Wege sind, um zu sich selbst und zu Gott zu kommen. Liebe ist immer ein Prozess der Reinigungen, der Verzichte, schmerzvoller Umwandlungen unserer selbst und so Weg der Reifung. "

Auch diese Ausführungen zum Buch Hiob sind problematisch. Ratzinger sucht die Schläge Hiobs mit Prüfungen, die zu einer Reifung führen, retten zu wollen, um Gott entlasten zu können. Diesem Drang scheint also nicht nur Franziskus zu unterliegen. Hiob ist geschlagen, zerstört, von Prüfung kann gar keine Rede mehr sein. Hier betreibt auch Joseph Ratzinger eine Harmonisierung zugunsten Gottes. Etwas, was kath.net und andere aktuell Franziskus  vorwerfen.

Auch das Buch Hiob selbst richtet sich gegen eine solche Interpretation, wenn es einen der Freunde die theologische Darstellung Gottes als Erzieher und Prüfer des Menschen anführen lässt, um sie dann in Bausch und Bogen zu verwerfen.

5,17 Ja, wohl dem Mann, den Gott zurechtweist. Die Zucht des Allmächtigen verschmähe nicht! 5,18 Denn er verwundet, und er verbindet, er schlägt, doch seine Hände heilen auch. 5,26 Bei voller Kraft steigst du ins Grab, wie man Garben einbringt zu ihrer Zeit. 5,27 Ja, das haben wir erforscht, so ist es. Wir haben es gehört. Nimm auch du es an!

Diese Theologie kommentiert Gott im Buch Hiob wie folgt: Als der Herr diese Worte zu Ijob gesprochen hatte, sagte der Herr zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Gefährten; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob.(
42,7)

Doch was hat Hiob anders gemacht als seine Freunde, die Gott zu kennen scheinen und Hiob theologisch wohlfeile Ratschläge geben? Er hat Gott angeklagt, ihn herausgefordert, ihm doch zu beweisen, was er falsch gemacht habe. Hiob fordert Gott zu einem Streitgespräch heraus. Und Gott lässt sich darauf ein.

Und das scheint mir der wesentliche Punkt zu sein. Hiob reift nicht durch die überharten Prüfungen, die zerstören ihn, er reift in der Gottesschau, durch Gottes Handeln. Gott rettet ihn. Er schaut Gott und der stellt ihm unablässig Fragen, die Hiob allesamt nicht beantworten kann, so dass er erkennen muss, dass er als Mensch die Dinge wie sie sind nicht durchschaut. Doch Gott hat sich ihm im Leiden zugewendet, wie ein liebender Vater, was Hiob befriedet und veranlasst, sich bei Gott für seine unbedachten Worte und Flüche zu entschuldigen.

Doch was hat das alles mit der 6. Bitte des Vaterunsers zu tun, wie hilft das weiter? Führt Gott nun in Versuchung? Ich weiß es nicht, würde aber eher zu Franziskus Sicht tendieren. Dazu ein paar weitere Gedanken.

Wenn in der Kritik an Franziskus darauf verwiesen wird, dass man die dunkle Seite Gottes ausblende, wenn man wie er übersetzt "lass uns nicht in Versuchung geraten", dann kann das Dunkel aus meiner Sicht nur für das Unbekannte und nicht für das Böse stehen, wie z.B. Bischof Voderholzer meint. Denn dann würde man ja erst recht einem Dualismus das Wort reden, wenn Gott eben beide Seiten in sich trüge, das Gute und das Böse, gleichsam dem asiatischen Ying und Yang, zwei sich bedingende Seiten. Wir glauben aber doch an den einen guten und gerechten Gott, den Hiob anzweifelt und dann aber doch schaut.

Spannend sind in diesem Zusammenhang die Worte Jesu, die vermutlich eine Erfahrung beschreiben, die sein Leben grundlegend verändert hat und sein öffentliches Auftreten veranlasste: Da sagte er zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. Siehe, ich habe euch die Macht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten, und über die ganze Kraft des Feindes, und {nichts} soll euch schaden. (Lk 11,18f) Nun erst sind wir an dem Punkt, den Ratzinger schon bei Hiob verortet, die Absage des Satans an Gott und sein Sturz aus dem Himmel. Weiter heißt es dann im 10. Kapitel bei Lukas:

Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand weiß, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand weiß, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn  offenbaren will.  Jesus wandte sich an die Jünger und sagte zu ihnen allein: Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht.  Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.  Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?  Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben.

Unwillkürlich wird man an Hiobs Gottesschau denken, die Jünger sehen den Sohn, was viele Propheten sich erträumt haben und nie sahen. Wenn wir Christen daran glauben, dass Gott sich in diesem Jesus Christus offenbart hat, dann ist  Gott noch einen radikaleren Schritt weiter gegangen, er hat sich nun als Mensch in die Welt hineingeboren und geht nun tatsächlich mit ihm in das Dunkel, das Leid und den Tod, als unschuldig Leidender, wie Hiob. Die Jünger sehen etwas, was viele Propheten sehen wollten doch nie sahen, sie sehen den Menschensohn. Und die Zeit, da der Satan Macht im Himmel hatte, ist vorbei. Die Dämonen müssen selbst ihnen gehorchen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass es nun keine Versuchungen mehr gäbe, Jesus kämpft bis ans Kreuz mit ihnen, bereits der Gesetzeslehrer stellt ihn auf die Probe. Diese Art der Versuchung entstehen jedoch aus der Freiheit des Menschen oder auch der gefallenen Engel, böse sein zu können.  Jesus verkündet dagegen das Reich Gottes, in dem Kranke geheilt, Hungernde genährt und Tote lebendig werden, das Gegenteil von dem, was Hiob widerfährt. Kann man ihm vor diesem Hintergrund noch die Verkündigung eines Abba-Gottes mit dunklen Versuchungsabsichten zutrauen?  

Wir wissen, dass wir schwach sind und Versuchungen uns zerstören können, wir bitten Gott mit Jesus darum, uns davor zu beschützen. Durch seine Auferstehung glauben wir, dass der Tod nicht das letzte Wort hat und dass Gott uns letztendlich retten wird. In der Taufe sind wir mit Christus sakramental durch das dunkle Tal des Todes geschritten und nun mit ihm Erlöste. Wir glauben, dass uns das kein Versucher mehr nehmen kann, selbst wenn wir an Gott zweifeln, wie Hiob. Und dafür gibt es weiß Gott genug Gründe. Von Hiob lernen wir, dass die Anklage Gottes der richtige Weg ist, wie Jesus dürfen wir dann sagen: Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Beten und bitten wir aber darum, dass Gott uns vor einer solchen Erfahrung beschützt.

15.12.17 10:41, kommentieren

Von klerikalen Gruppen an den Rand gedrängt?

Seit 2013 hören wir von Papst Franziskus in einer Dauerschleife, dass die Kirche an die Ränder gehen müsse, zu den Ausgestoßenen, den Armen, den Verwundeten. Eine schmutzige, verbeulte Kirche sei besser als eine verschlossene und bequeme Kirche der Selbstsicherheit. Jetzt beweist Kardinal Müller auf beeindruckende Weise, dass er ihm offensichtlich nicht zugehört hat. Das papstkritische Portal kath.net fasst Müllers Ausführungen aus dem Vorwort eines neuen Papstversteher-Buches wie folgt zusammen:

Nach Ansicht des deutschen Kardinals sei es Papst Franziskus in „Amoris laetitia“ viel mehr um pastorale Initiativen gegangen, mit denen bestehende Ehen gestärkt und ihr Scheitern verhindert werden könnten, als um die pastorale Sorge für zerbrochene Ehen. Aus Sicht der Neuevangelisierung sei es wichtiger, alle Getauften an Sonntagen und gebotenen Feiertagen zum Besuch einer heilige Messe zu bewegen als die Frage zu klären, ob es möglich sei, dass eine zahlenmäßig begrenzte Gruppe von „Katholiken mit ungewisser Ehesituation“ rechtmäßig die Kommunion empfangen können, schreibt er.

Noch vorgestern predigte der Papst in der Frühmesse:

Anders Jesus. Von ihm berichtet das Evangelium an einer anderen Stelle, dass er „innerlich bewegt“ gewesen sei. „Darum war Jesus immer an der Seite dieser Menschen, die die klerikale Gruppe an den Rand gedrängt hatte, an der Seite der Armen, der Kranken, der Sünder, der Aussätzigen. Er war bei ihnen, weil er diese Fähigkeit hatte, sich von der Krankheit der anderen innerlich anrühren zu lassen – er war ein guter Hirte! Ein guter Hirte, der sich den anderen nähert und der zur Empathie imstande ist. Ein guter Hirte darf sich nicht des Fleisches schämen. Er darf sich nicht schämen, das verwundete Fleisch zu berühren, so wie es Jesus mit dieser Frau getan hat: Er rührte sie an, legte ihr die Hände auf, er berührte die Aussätzigen und die Sünder.“

1.11.17 10:52, kommentieren

Es ist schlecht, eine Horrormeldung nicht Horrormeldung zu nennen

Eine schwangere Frau bekommt die Diagnose, dass sie einen tödlichen Hirntumor hat. Die möglicherweise rettende Chemotherapie lehnt sie aufgrund ihrer Schwangerschaft ab. Sie fällt ins Koma und gebiert Monate später ein gesundes Kind bevor sie dann verstirbt. Was für eine traurige Geschichte von Leben uns Tod? Mit Hiob möchte man Gott anschreien:

"Du wandelst dich zum grausamen Feind gegen mich, mit deiner starken Hand befehdest du mich. [...] Ja, ich hoffte auf Gutes, doch Böses kam, ich harrte auf Licht, doch Finsternis kam." (30,21+26)

Man kann an Gott verzweifeln, wenn man von solchen Schicksalen erfährt. Haben die Kinder und der Ehemann dieser Frau nicht auch eine Mutter und Ehefrau verdient? Immer wieder drängt sich uns die Theodizeefrage auf, wie  kann ich einen guten Gott denken, wenn ich diese Schicksale betrachte? Bei Hiob führt erst seine Gottesschau zu Trost und Frieden. Auf diese hoffen auch wir, dass im Angesicht Gottes doch alles zum Guten geführt wird.

Umso erstaunter war ich, als ich diese Geschichte bei kath.net unter der Überschift 'Es ist gut, nicht nur Horrormeldungen zu erhalten' las. Wie geling es Weihbischof Laun, diese Horrorgeschichte als etwas Gutes zu bewerten? Das kann nur dann funktionieren, wenn man in einer schwarzweißen Gedankenwelt beheimatet ist. Abtreibung ist schlecht, Leben schenken ist gut. Nur, wird man den vielfältigen Schicksalsschlagen von Menschen damit gerecht? Kann man eine Frau verurteilen, die leben will?

Man macht es sich zu einfach, wenn man hier mit pauschalen Urteilen arbeitet. Diese Dilemmasituationen dürfen nicht für die eigene Ideologie missbraucht werden, damit wäre man in der Rolle der Freunde Hiobs, die ihn ununterbrochen auffordern doch endlich seine Sünde zuzugeben, die für die Strafen Gottes verantwortlich sind. Diese Freunde verurteilt Gott zuletzt. Und deshalb ist die Linie des Papstes, nicht mehr mit rigorosen Gesetzen und Pauschalurteilen zu arbeiten, sondern den Menschen Hilfe und Stütze zu sein, völlig richtig und zutiefst biblisch!

2 Kommentare 16.9.17 14:22, kommentieren

Die Opfer im Kampf der Giganten

Wie wichtig und dringend notwendig Reformen in der katholischen Kirche sind, machten neue Richtlinien der irischen Bischofskonferenz deutlich. Zum ersten Mal traut sich ein solches Gremium an ein innerkirchliches Tabuthema: Der Umgang mit Kindern von ehelos lebenden Priestern.

Ähnlich wie bei den Missbrauchsskandalen wird hier ein morsches und anachronistisches Verdrängungssystem des Klerus aufgedeckt und reformiert, das der Glaubwürdigkeit der Kirche immensen Schaden zugefügt hat und leider auch immer noch zufügt.

Zwei Welten prallen hier aufeinander. Auf der einen Seite das völlig überhöhte priesterliche Selbstbverständis, einer geistlichen Elite anzugehören, die allen weltlichen Dingen entsagt, auf der anderen Seite ein ebenso überhöhter Ehebegriff, der nicht weniger verlangt, als  im Ehebund die Treue Gottes zu den Menschen zu symbolisieren, damit ist die Ehe einzig legitimer Ort, Leben zu schaffen.

Und nun treffen diese beiden Absolute aufeinander, und das Ergebnis ist absolut schlecht: Kinder von Priestern darf es nicht geben, deshalb muss dieses "Problem" diskret gelöst werden. Die Opfer sind die Kinder, die ohne Vater aufwachsen und oftmals vor einer Mauer des Schweigens oder der Lüge stehen bzw selber zu Lüge und Heimlichkeit gezwungen werden.

Aus rein theologischer Logig steht das Ehesakrament über der nur kirchenrechtlichen Verpflichtung zum Zölibat. Man wundert sich, dass bei der Rhetorik von der sakramentalen Ehe, die auf eine Weitergabe des Lebens ausgerichtet ist, mit dem Recht des Kindes auf Vater und Mutter, die man allerorts von Bischöfen und sich selbst glorifizierenden katholischen Muttertieren hört, niemand auf die Idee kommt, den Priestervater auf eine Heirat hin zu verpflichten. Oder steht dann der Zölibat doch über allen Sakramenten und vor allem über dem Wohl des Kindes?

Und wenn es nach mir ginge, könnte der verheiratete Priester selbstverständlich seinen Beruf weiter ausüben, vermutlich sogar in vielen Fällen besser als vorher.

24.8.17 14:12, kommentieren

Entweltlichung zum Feldlazarett

Ein Bischof bringt Licht ins Dunkel, während sich eine ganze Bischofskonferenz mit dem Dunkel arrangiert. Auf der einen Seite die verbeulte Kirche der Armen, das Feldlazarett, wie Franziskus sich Kirche wünscht, auf der anderen Seite eine Kirche, die sich mit der weltlichen Macht verbrüdert, prunkvoll und reich. "Entweltlichung" forderte Benedikt XVI für die Kirche; zwei Päpste, eine Botschaft.

23.7.17 10:28, kommentieren