Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Neuevangelisierung

Weihnachten ohne Lichtershow

Papst Franziskus steht zur Zeit ganz schön unter Beschuss. Die Kirche zeigt sich darin mal wieder von einer unschönen Seite. Intrigen, Skandale, Lügen, nichts lassen hohe Würdenträger und ihr traditionalistisches Klientel aus, um dem Papst zu schaden. Auch dem papsttreuen kath.net fällt es immer schwerer, nicht auf die Linie der Konkurrenz von gloria.tv oder katholisches.info abzugleiten. Doch so kritisch ich kath.net auch sehe, eines muss man dem Portal zugutehalten: Es lässt den Papst immer wieder authentisch zu Wort kommen.

Das allerdings ist dann auch durchaus demaskierend, wenn man die Seite einmal mit Verstand quer liest. Die Zerissenheit der Tradis wird dann nämlich mit Händen greifbar, weil Franziskus Predigt diamentral zur kath.net-Linie steht.

Dies fiel mir gerade heute Morgen wieder auf, als ich die päpstliche Predigt bei der Christmette und anschließend das Interview mit Johannes Hartl auf kath.net las. Bei einem Portal, das sich deutlich gegen jedweden "postfaktischen Journalismus" stellt, verwundern manipulative und von Vorurteilen geprägte Fragestellungen doch sehr.

"kath.net: Im deutschsprachigen Raum hat man das Gefühl, dass nicht wenige Kirchenvertreter wie beispielsweise Bischöfe öffentlich oft vor allem mit politisch-korrekten Aussagen auftreten. Ein deutscher Kardinal wird bei einer Google-Abfrage hauptsächlich in Zusammenhang mit der AFD oder mit Flüchtlingen gefunden, fast nie in Zusammenhang mit Jesus. Gläubige Katholiken sind darüber alles andere als glücklich. Wie schätzt Du diese Situation ein, dass die Kirche bei der Jesus-Botschaft so stumm geworden ist?"

Deutschsprachige Bischöfe sprechen also politisch korrekt, was mit einer evangeliumskonformen Verkündigung nicht einhergehen kann. Man äußert sich lieber politisch als christlich. Und anstatt diesem Schwachsinn zu widersprechen, nimmt Starprediger Johannes Hartl die Vorlage dankbar auf:

"Hartl: Man kann sich jetzt natürlich endlos über manche Kirchenleute ärgern. Doch fruchtbarer finde ich es, selbst mit gutem Beispiel voran zu gehen. Fakt ist selbstverständlich: wir reden von allem möglichen, aber viel zu wenig von Jesus. Wir brauchen zeugnishafte, bekennende Rede von Gott. Natürlich wünsche ich mir diese viel mehr von den Bischöfen und Pfarrern. Doch auch im Alltag ergeben sich so viele Gelegenheiten, in denen man unverkrampft und bekenntnisfroh davon berichten kann, was einem Jesus bedeutet. Das Evangelium hat nichts an seiner Kraft verloren. Es breitet sich überall dort aus, wo es mutig bekannt wird. Und zum Glück gibt es gute Initiativen wie YOUCAT, Alphakurse, Wege erwachsenen Glaubens oder Radio Horeb (um nur wenige zu nennen), in denen die Verkündigung wieder ganz in den Mittelpunkt gestellt wird."

Also: Nicht über Bischöfe ärgern, die sich weigern, das Evangelium zu verkünden, aufstehen und selber verkündigen! Eine perfekte Überleitung zum eigentlichen Ziel des Interviews, Werbung für Hartls MEHR-Konferenz zu betreiben, dem Kontrastprogramm zu der lauen deutschsprachigen Verkündigung der Bischöfe... Hier kommt Jesus endlich einmal zu Wort, Hartl sei Dank!

"Hartl: Wir haben tatsächlich schon wieder fast doppelt so viele Anmeldungen wie das letzte Mal. Und eine solche Verdoppelung haben wir die letzten Jahre schon öfter erlebt, seit wir einmal mit 130 Teilnehmern gestartet haben. Also: ich bin mir nicht sicher, wie lange es noch Resttickets gibt, doch unter mehr.gebetshaus.org bekommt man zumindest aktuell noch Tickets. Der Sinn der MEHR ist ganz einfach: gemeinsam zu erleben, wie faszinierend Jesus ist. Diese Faszination verändert alles. Tausende Menschen, denen es um Jesus geht, in einer Atmosphäre von Tag-und-Nacht-Gebet, das seit über 5 Jahren nicht abreißt: das ist einfach was ganz Einzigartiges."

Für läppische 140 Euro kann man dann auch eine ganz andere Show erleben als in einer kirchensteuerfinanzierten Bischofsmesse. So etwa Ben Fitzgerald, der von göttlichen Visionen beauftragt einen "Kreuzzug" in Europa startet, um den Europäern Jesus, den sie  zu 98% nicht kennen, näher zu bringen. Bei Walter Heidenreich kann man dann "geistliche Kampfschulung" trainieren. Es ist also Aktion angesagt, im Gebetshaus zu Augsburg, wie soll da ein deutschsprachiger Bischof auch mithalten können? Mit AfD-Kritik und Engagement für Flüchtlinge sicherlich nicht, da sind sich kath.net und Johannes Hartl offenbar sicher.

Lassen wir die politisch korrekten deutschen Oberhirten also einmal beiseite und lauschen wir dem Wort des Papstes in der gestrigen Christmette, gibt er sich doch auch alle Mühe, den wahren Kern des Christentums herauszustellen. Allerdings kommt er ohne Begriffe wie Kreuzzug und Kampfschulung aus, das sei schon vorausgeschickt, damit die Enttäuschung nicht zu groß wird.

"Wenn wir das wahre Weihnachten feiern wollen, lasst uns dieses Zeichen betrachten: die zerbrechliche Einfachheit eines kleinen Neugeborenen; die Sanftheit, mit der er daliegt; die zarte Liebe, welche die Windeln ausdrücken, die ihn umhüllen. Dort ist Gott."

Zerbrechlich, Einfachheit, klein, Sanftheit, zart, Liebe... Ob sich mit diesem etwas verweichlichten und femininen Vokabular etwas reißen lässt?

"Mit diesem Zeichen offenbart uns das Evangelium ein Paradox: Es spricht vom Kaiser, vom Statthalter, von den Großen jener Zeit, aber dort taucht Gott nicht auf; er erscheint nicht im Nobelsaal eines königlichen Palastes, sondern in der Armut eines Stalls; nicht im Prunk der äußeren Erscheinung, sondern in der Einfachheit des Lebens; nicht in der Macht, sondern in einer Kleinheit, die überrascht. Und um ihm zu begegnen, muss man dorthin gehen, wo er ist: Man muss sich niederbeugen, sich erniedrigen, klein werden."

Bedeutet dies etwa, Jesus nicht auf einer prunkvollen Bühne mit effektvoller Lichtshow zu suchen, sondern im Angesicht der Armen, der Hungernden, der Vertriebenen? Franziskus scheint das so zu meinen:

"Lassen wir uns anfragen vom Kind in der Krippe, aber lassen wir uns auch anfragen von den Kindern, die heute nicht in einer Wiege liegen und von der Liebe einer Mutter und eines Vaters umhegt sind, sondern in den elenden „Futterkrippen der Würde“: im unterirdischen Bunker, um den Bombardierungen zu entkommen; auf dem Bürgersteig einer großen Stadt, auf dem Boden eines mit Migranten überladenen Schleppkahns. Lassen wir uns anfragen von den Kindern, die man nicht zur Welt kommen lässt; von denen, die weinen, weil niemand ihren Hunger stillt; von denen, die nicht Spielzeug, sondern Waffen in den Händen halten."

Auch der Papst ein politisch Korrekter, der die Jesus-Botschaft verschweigt? Wohl kaum. Jesus begenet nach Franziskus gerade im Angesicht eines armen Menschen, weil er selber in die Armut geboren wurde und sich zuerst den Armen angenähert hat. Dort unten ist Jesus zu finden, nicht da oben auf der Showbühne.

Und deshalb bin ich froh, dass ich einen Bischof habe, der dies immer wieder predigt. Fremdenfeindlichkeit, Hass gegenüber Flüchtlingen und Christentum sind unvereinbar. Es ist eine wichtige Botschaft, eine Botschaft des Evangeliums. Wer das nicht erkennt, hat trotz lichtdurchfluteter Hallen nichts verstanden.

25.12.16 08:00, kommentieren

Kirchenpolitik und göttliche Offenbarung

Es ist schon eine wirkliche Farce, was sich da gerade um das Apostolische Schreiben "Amoris laeitia" herum abspielt. Nun hört man heute zum ersten Mal die gewichtige Stimme Kardinal Müllers, dem Präfekten der Glaubenskongragtion, zu dem Thema.

In Bezug auf die Streitfrage um die Zulassung wiederverheiratet Geschiedener meint Müller: "Wir können sicher davon ausgehen, dass der gerechte und barmherzige Gott immer unser Heil will, in welcher Not wir uns auch befinden. Es steht aber nicht in der Macht des Lehramtes, die Offenbarung Gottes zu korrigieren oder die Nachfolge Christi bequem zu machen."

Das finde ich eine ganz sinnvolle und schlüssige Aussage! Ich wundere mich allerdings, dass die Wogen gerade im Zusammenhang mit "Amoris laetitia" so hoch schlagen, denn es ist doch ganz offensichtlich in der Offenbarung Gottes grundgelegt, dass er ein zutiefst barmherziger ist. Er selbst gibt sich in die Welt hinein, um gerade den Sündern, den Armen und Ausgestoßenen nahe zu sein. An dieses Programm hält sich auch Franziskus, der wie Jesus zu diesen Menschen geht und ihnen nicht ihre Verfehlungen vor den Schädel knallt, sondern eine helfende und heilende Hand ausstreckt. "Ich verurteile dich nicht!" Das ist die Stimme Gottes gegenüber der Ehebrecherin. "Ich bin bei dir!"

Den Papst nun in seinem jesuanischen Tun zu kritisieren, ist schon ein starkes Stück. Als Johannes Paul II 1994 die Unmöglichkeit der Kirche, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, definitiv entschied und autoritär jede weitere Diskussion untersagte, hörte man aus den Reihen dieser Kritiker keinen Widerspruch. Und das, obwohl die Päpstliche Bibelkommission schon 1976 feststellte, dass es im Neuen Testament keine klaren Hinweise gibt, die ein solches Verbot rechtfertigten. Ohne eindeutigen konkreten Anschluss an die Offenbarung wurde eine definitive Lehrentscheidung getroffen, mit der deutlichen Forderung, jede weitere Diskussion dieser Frage einzustellen. Aus den Reihen der heutigen Kritiker gab es damals nur Zustimmung, sie spürten keine Sorge um die Lehre, keine Verwirrung der Gläubigen, die es damals wie heute natürlich gibt, weshalb Franziskus zum Glück das frühchristliche Diakonissenamt wieder in den Blick rückt.

1 Kommentar 1.12.16 16:49, kommentieren

Eine Anekdote des Vatikan-Korrespondenten Angelo Johanni

Am frühen Morgen begab Franziskus sich wieder in den Petersdom. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da trugen vier alte und erfahrene Kardinäle und ihre Unterstützer von kath.net und der Blogözese den Fall einer Frau vor, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie warfen sie in die Mitte und sagten zu ihm: "Heiliger Vater, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Jesus hat uns im Evangelium vorgeschrieben, solche Frauen von den Sakramenten auszuschließen. Nun, was sagst du?"

Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Franziskus aber bückte sich zu der Frau hinunter und wies mit dem Finger auf das Apostolische Schreiben "Amoris laetitia".

Als die Kardinäle hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: "Wer von euch ohne Sünde ist, schließe sie von den Sakramenten aus." Und er bückte sich wieder zu der Frau hinunter und schrieb der Kardinäle Verfehlungen auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst der Älteste.

Franziskus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte hockte. Er richtete sie auf und sagte zu ihr: "Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?" Sie antwortete: "Keiner, Vater". Da sagte Franziskus zu ihr: "Auch ich verurteile dich nicht. Lass uns gemeinsam versuchen, weniger zu sündigen!"

1 Kommentar 19.11.16 10:42, kommentieren

Gott im Geringsten finden

Auszug aus der Ansprache des Papstes an die Jugend der Welt nach seinem Auschwitzbesuch:

"Schauen wir zunächst auf die sieben Werke der leiblichen Barmherzigkeit: Hungernde speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde beherbergen, Kranke besuchen, Gefangene besuchen, Tote begraben. Umsonst haben wir empfangen, umsonst wollen wir geben. Wir sind aufgefordert, dem gekreuzigten Jesus in jedem ausgegrenzten Menschen zu dienen, seinen heiligen Leib zu berühren im Ausgeschlossenen, im Hungrigen, im Durstigen, im Nackten, im Gefangenen, im Kranken, im Arbeitslosen, im Verfolgten, im Heimatvertriebenen und im Migranten. Dort finden wir unseren Gott, dort berühren wir den Herrn. Jesus selbst hat uns das gesagt, als er erklärte, welches das „Protokoll“ sein wird, nach dem wir einst gerichtet werden: Jedes Mal, wenn wir das dem Geringsten unserer Mitmenschen getan haben, haben wir es ihm getan (vgl.  Mt 25,31-46).

Den Werken der leiblichen  Barmherzigkeit folgen die der geistlichen Barmherzigkeit: die Zweifelnden beraten, die Unwissenden lehren, die Sünder zurechtweisen, die Trauernden trösten, Beleidigungen verzeihen, die Lästigen geduldig ertragen, für die Lebenden und die Verstorbenen zu Gott beten. Mit der Aufnahme des Ausgegrenzten, der leiblich verwundet ist, und mit der Aufnahme des Sünders, der seelisch verwundet ist, steht unsere Glaubwürdigkeit als Christen auf dem Spiel. Mit der Aufnahme des Ausgegrenzten, der leiblich verwundet ist, und mit der Aufnahme des Sünders, der seelisch verwundet ist, steht unsere Glaubwürdigkeit als Christen auf dem Spiel! Nicht mit den Ideen: dort!" (Die ganze Ansprache hier, Unterstreichungen von mir)

30.7.16 13:01, kommentieren

Flucht in die Scheinwelt

Theologische Sachfragen empfinde ich in der aktuellen Situation geradezu als Flucht in die wissenschaftliche (Schein-)Welt, nur weg aus der Realität, die zur Zeit kaum zu ertragen ist.
 
Das Deutschlandradio brachte vor Kurzem einen Beitrag, der sich mit der kirchlichen Aufwertung der Maria Magdalena in den Rang eines Apostels beschäftigte. Und obwohl man eine Theologin interviewte, geht in dem Beitrag doch einiges durcheinander.

"Der Namenstag der Heiligen Maria Magdalena wird in der Katholischen Kirche an diesem Freitag zum ersten Mal als Festtag einer Apostelin gefeiert. Papst Franziskus hat die Weggefährtin Jesu Christi schon vor einiger Zeit in diesen Rang erhoben. Seither gibt es also 13 Apostel statt bisher zwölf. Die Vereinigung der österreichischen Frauenorden begrüßte diese Veränderung ausdrücklich in einer Erklärung. "

Das Neue Testament unterscheidet deutlich zwischen dem Zwölferkreis und den Aposteln. Die Zwölf galten Jesus als Symbol für die jüdischen Menschen seiner Zeit. Seine Botschaft galt vor allem den zwölf Stämmen Islraels. Eine Frau hätte diese Symbolik unverständlich gemacht, so dass die Anmerkung, dass Da Vinci nun Maria Magdalena mit in das "Abendmahl" malen müsste, völlig unsinnig ist.

In der nachösterlichen Zeit entsteht das Amt des Apostels, die Zwölf werden wohl durchweg als Apostel gegolten haben, doch es kommen noch viele mehr dazu. Der bekannteste unter ihnen sicherlich der Apostel Paulus, der nachnominierte Matthias, der den Verräter Judas ersetzt, und ja, sicherlich auch Maria Magdalena, die von den frühen Kirchenvätern tatsächlich als Apostelin der Apostel bezeichnet wurde, weil sie vom Auferstandenen vor allen anderen die Verkündigung der frohen Botschaft aufgetragen bekommen hat. Letzteres ist übrigens Paulus Definition des Apostelamtes, weshalb er sich selbst auch als solchen bezeichnet: Verkündigungsauftrag vom Auferstandenen.
 
Paulus kennt viele weitere Apostel, die er scharf vom Zwölferkreis trennt (1 Kor 15, 4-9), so dass man davon ausgehen kann, dass auch die erste Transsexuelle der Kirchengeschichte, Junia (Röm 16,7), die durch eine postmortale Geschlechtsumwandlung zum Mann verändert wurde, eine weibliche Apostelin war.

Leider haben diese Erkenntnisse auch nur in der wissenschaftlichen Scheinwelt Bedeutung. Die reale Kirche wird in näherer Zukunft wohl kaum Konsequenzen daraus ziehen und Frauen zur Weihe zulassen. Zu sehr ist sie Teil der Welt und muss politisch-strategisch denken.

1 Kommentar 27.7.16 19:04, kommentieren

Der Jesus des Philosophen

Kath.net übt sich weiter in der Kritik an Papst Franziskus. Nun lässt man den Philosophen Robert Spaemann antreten, um dem Papst häretische Tendenzen nachzuweisen. "Was ich sagen wollte, war, dass einige Äußerungen des Heiligen Vaters in eindeutigem Widerspruch stehen zu Worten Jesu, zu Worten der Apostel sowie zu der traditionellen Lehre der Kirche."

Dabei stellt sich Spaemann ähnlich plumb an wie die kath.net-Papst-Kritiker zuletzt, indem mit kaum zu entschuldigender Naivität mit einzelnen Bibelversen hantiert wird. So, sagte schon mein Lehrer für Altes Testament, kann man mit der Bibel wirklich alles beweisen. Allerdings lasse sich dieses Verfahren leicht aushebeln, weil es völlig unproblematisch sei, einem jeden einzelnen Vers einen anderen zur Seite zu stellen, der das genaue Gegenteil behaupte. Das kann man ja einmal ausprobieren...

"Jesus habe etwa gebieten können "wie einer, der Macht hat und nicht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer", und Jesus verweise im Gespräch mit dem reichen Jüngling "auf die innere Einheit der Nachfolge mit der Einhaltung der zehn Gebote" (Lk 18,18-23). Jesus predige somit keineswegs bloß ein Ideal, wie dies der Papst schreibe, so Spaemann, "sondern er stiftet eine neue Realität, das Reich Gottes auf Erden"."

Um Spaemann hier in die Parade zu fahren, muss man gar nicht erst auf andere Texte der Bibel zurückgreifen, liest man die Perikope bis zu ihrem Ende, erledigt sich die Kritik von alleine. Denn nachdem Jesus auf die Schwierigkeit hingewiesen hat, die wohlhabende Menschen haben, das Reich Gottes zu erlangen und die Umstehenden sich zurecht fragen, wer denn dann überhaupt noch gerettet werde, antwortet Jesus: "Was für Menschen unmöglich ist, ist für Gott möglich." Das, was die Franziskus-Kritiker so stört, die Fokussierung auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes zuungunsten von Gesetzen und Verboten, hat Franziskus nicht erfunden, das ist die reine Lehre des Herrn.

Und da nützt Spaemann auch sein ganzes hilfloses Entweder-Oder-Christentum nicht, Jesus war nicht der Rigorist, den er da herbeiphantasiert. Er war radikal, ja, aber radikal in seiner Liebe, in seiner Menschenzugewandtheit und Barmherzigkeit. Doch Spaemann will den spaltenden Jesus, nicht den versöhnenden. Deshalb greift er auf einen Vers aus dem Matthäusevangelium zurück: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich." Doch im älteren Markusevangelium steht: "Wer nicht gegen mich ist, ist für mich." Und nu, Herr Spaemann? Scheinbar kommen wir mit dieser "Ich such mir mal 'nen Vers, der das Evangelium nach Spaemann bestätigt" nicht weiter.

Auch das angebliche Ja oder Nein in der Frage der Ehescheidung ist neutestamentlich gar nicht so eindeutig, wie der Philosoph behauptet. Gerade sein Matthäusevangelist lässt ihn da schlecht aussehen, wenn er ihm die Unzuchtsklasel (Mt 19,9) unterjubelt, die dem Mann die Scheidung ermöglicht. Und auch der von Spamann als Rigorist gezeichnete Paulus kennt Ausnahmen, die eine Scheidung ermöglichen (1Kor 7).

Letztendlich kann man Spaemann nur raten, bei seinem philosophischen Geschäft zu bleiben und den Theologen und Exegeten die Bibelarbeit zu überlassen.

2 Kommentare 25.6.16 11:09, kommentieren

Back to the roots

Zuletzt war es auf meinem Blog etwas ruhiger. Das hatte vielfache Gründe, einer davon deutet sich in meinen Gedanken zum päpstlichen Schreiben über die Familie an. Leider (oder zum Glück?) ist auch Papst Franziskus nur ein Mensch, und trotz seines Willens, die Kirche auf einen Reformkurs zu bringen, sind die Strukturen und Gegenkräfte so gewaltig, dass man ihn eigentlich für diese Mammutaufgabe nur bedauern kann. Er stößt viel an, Vieles wird bestimmt auch noch wirken, aber es braucht eben Geduld. Und die hat nicht jeder so mit Löffeln gefressen wie er.
 
Was mich an dieser ganzen katholischen Vorgehensweise nervt, hatte ich auch bereits angedeutet. Vor lauter Harmonisierung, Kontinuität und konstruierter Einheit, ist es kaum noch möglich, das, was wirklich Wesentlich ist, herauszustellen. Man hat fast den Eindruck, dass bei jeder Frage 2000 Jahre Kirchengeschichte und Lehrameinungen mitgeschleppt werden, damit auch nur ja der Anschein der sauberen und kontinuierlichen Tradition gewahrt wird. Vom ersten Papst Petrus bis zu Franziskus muss die Lehre in jeder Detailfrage schließlich rein tradiert sein. Das wird dann bei Fragen, die vor 2000 Jahren nicht gestellt waren, schwierig, gab es doch keine kirchlichen Strukturen, kein dreigliedriges Amt und auch keine Unterscheidung von sakramentaler und nichtsakramentaler Ehe.

Das Problem ist nämlich, dass das, was wirklich wesentlich ist, nicht mit Petrus beginnt, sondern mit Jesus. Der war aber Jude und nicht Katholik. Das Wesentliche liegt vor der Kirchengeschichte. Ich denke, man müsste sich mal wieder ganz radikal auf dieses Wesentliche besinnen und von da aus fragen, was uns das heute sagt, was das für unsere Fragen heute bedeutet. Unabhängig von 2000 Jahren Kirchengeschichte, die in tausend anderen historischen Konstellationen und unter tausend anderen kurlturellen Bedingungen verlaufen sind. Was ist Evangelium, wer war dieser Jesus Christus? Was bedeutet dessen Reich-Gottes-Predigt?

Schluss mit dem katholischen Harmonisierungswahn, der auch noch 300 Päpste mit all ihren Äußerungen mit in die Diskussion nimmt und alles auf eine rote Linie zu quetschen sucht. Jesus, Reich Gottes, Evangelium, Punkt.

Im Grunde ginge es um das, was auch Papst Benedikt in seiner legendären Weihnachtsansprache 2005 zum Thema machte, die Hermeneutik der Reform, die das Wesentliche, also Kontinuierliche, vom Unwesentlichen, also Diskontinuierlichen, unterschied:

"Es ist klar, daß in all diesen Bereichen (Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, etc.), die in ihrer Gesamtheit ein und dasselbe Problem darstellen, eine Art Diskontinuität entstehen konnte und daß in gewissem Sinne tatsächlich eine Diskontinuität aufgetreten war. Trotzdem stellte sich jedoch heraus, daß, nachdem man zwischen verschiedenen konkreten historischen Situationen und ihren Ansprüchen unterschieden hatte, in den Grundsätzen die Kontinuität nicht aufgegeben worden war – eine Tatsache, die auf den ersten Blick leicht übersehen wird. Genau in diesem Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf verschiedenen Ebenen liegt die Natur der wahren Reform. Innerhalb dieses Entwicklungsprozesses des Neuen unter Bewahrung der Kontinuität mußten wir lernen – besser, als es bis dahin der Fall gewesen war – zu verstehen, daß die Entscheidungen der Kirche in bezug auf vorübergehende, nicht zum Wesen gehörende Fragen – zum Beispiel in Bezug auf bestimmte konkrete Formen des Liberalismus oder der liberalen Schriftauslegung – notwendigerweise auch selbst vorübergehende Antworten sein mußten, eben weil sie Bezug nahmen auf eine bestimmte in sich selbst veränderliche Wirklichkeit."

Benedikt erläutert dann am Beispiel der Religionsfreiheit, dass die Aussagen des Zweiten Vatikanums, mit denen die Piusbrüder so große Probleme haben, weil sie die kontinuierliche 2000-jährige Lehren der Kirche verraten sehen, gerade eine Wiederbelebung oder Freilegung des eigentlichen Kerns des Evangeliums sind; nach 2000 Jahren Diskontinuität wird endlich das überdeckte Kontinuierliche, weil im Evangelium gründende, freigelegt.

"Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen und gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen. Diese darf wissen, daß sie sich damit in völligem Einvernehmen mit der Lehre Jesu befindet (vgl. Mt 22,21), ebenso wie mit der Kirche der Märtyrer, mit den Märtyrern aller Zeiten. Die frühe Kirche hat mit größter Selbstverständlichkeit für die Kaiser und die politisch Verantwortlichen gebetet, da sie dies als ihre Pflicht betrachtete (vgl. 1 Tim 2,2); während sie aber für den Kaiser betete, hat sie sich dennoch geweigert, ihn anzubeten und hat damit die Staatsreligion eindeutig abgelehnt. Die Märtyrer der frühen Kirche sind für ihren Glauben an den Gott gestorben, der sich in Jesus Christus offenbart hatte, und damit sind sie auch für die Gewissensfreiheit und für die Freiheit, den eigenen Glauben zu bekennen, gestorben – für ein Bekenntnis, das von keinem Staat aufgezwungen werden kann, sondern das man sich nur durch die Gnade Gottes in der Freiheit des eigenen Gewissens zu eigen machen kann."

Eine harte Aussage für Piusbrüder, die immer noch von einem katholischen Staatswesen träumen und andere Religionen in engen Grenzen lediglich tolerieren wollen. Doch zurück zum Thema, denn Benedikt streift bewusst oder unbewusst auch ein anderes wichtiges Thema, wenn er die "liberalen Schriftauslegung" kritisiert. Der Seitenhieb auf die historisch-kritische Methode, die sich nach Benedikts Einschätzung über das Lehramt der Kirche setzt, wenn die angewendete Methode als einzig gültige angesehen wird, führt zu einem für meinen Geschmack grundlegenden Problem. Auch das sprach ich zuletzt schon an. Warum hat die moderne Exegese, die wissenschaftliche Theologie insgesamt so wenig Einfluss auf das Lehramt. Warum spielen theologische Erkenntnisse bei lehramtlichen Dokumenten oft keine Rolle?

Aus meiner Sicht, weil das Lehramt befürchtet, dass das über 2000 Jahre ins Gleichgewicht gebastelte Kartenhaus des katholischen Kirchenrechts plötzlich über dem Fundament der Dogmen zusammenstürzen würde. Denn das würde es, weil es eben von Menschen gebaut wurde und es Diskontinuierliches im Überfluss enthält. Und so kommt es, dass selbst Franziskus sich nicht an das Kirchenrecht wagt und das wahrlich Reformerische in die Fußnoten packt.

Was der Kirche aus meiner Sicht wirklich helfen würde, wäre die erneute Fokussierung auf das Wesentliche, um das Unwesentliche diagnostizieren und ggf. entsorgen zu können. Oder es wenigstens als Unwesentliches zu benennen, damit es richtig eingeordnet werden kann.

Doch was ist das Wesentliche? Die Frage drängt sich immer mehr auf. Ich finde, dass der Neutestamentler Peter Pilhofer einen gelungenen Versuch unternommen hat, das Wesentliche des Evangeliums einmal auf den Punkt zu bringen. Ich wiederhole das hier nicht, sondern verlinke nur auf den entsprechenden Beitrag in diesem Blog.

Vorbedingung ist dabei, zu akzeptieren, dass die Bibel nicht einfach Wort Gottes ist. Man kann sich nicht hier und da ein paar Verse zusammensuchen, um was auch immer als Wille Gottes zu deklarieren. Die Texte sind von Menschen geschrieben und deshalb enthalten sie wie das Kirchenrecht Diskontinuierliches ohne Ende. Wie will ich die Aussage im Matthäusevanglium, dass Jesus kein Jota des Gesetzes verändern will, mit der Aussage, dass nicht das unrein ist, was in den Menschen gelangt, sondern das, was aus dem Menschen heraus kommt, harmonisieren? Jesus kritisiert hier die Tora, das Gesetz, er ist kein Gesetzeslehrer. Denn das Gestz rettet nicht, wie Paulus in jesuanischer Tradition später formuliert.

Und wenn das so ist, dann muss geklärt werden, wie Lehramt das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheidet. Welche Methoden werden angewendet. Es muss nachvollziehbar sein. Das ist es aber oftmals nicht, weil Erkenntnisse und sich daraus ergebende Fragestellungen der wissenschaftlichen Theologie ignoriert werden und so theologisch geforderte Antworten bzw. schlüssige Konzepte auf diese brenneden Fragen ausbleiben, Reformstau ist der Begriff, der diesen Zustand umschreibt. Das hat zur Folge, dass die ewiggleichen Fragen in der scheinbar unendlichen Mühle zwischen Reformern und Konservativen gerührt werden.

Aktuell geht es wieder um die Diakonissenweihe für die Frau. Franziskus lässt wieder hoffen, die Traditionalisten schlagen mit den bekannten Antworten zurück. Im wesentlichen Kern ist aber vom dreigliedrigen Amt für Männer nirgendwo die Rede. Es gibt da gar keinen entsprechenden Amtsbegriff, lediglich die Taufformel Gal 3,28, die besagt, dass es in Christus nicht mehr Mann und Frau gibt, weil alle eins sind in ihm. Noch weiter zurück können wir im Evangelium lesen, dass gerade die Jünger Jesus nicht verstehen, wenn eine Frau ihn vor der Kreuzigung salbt, eine Handlung, die nur jüdischen Priestern zustand; unter dem Kreuz stehen nur Frauen, weil die Männer auf der Flucht sind, und der Auferstandene erscheint einer Frau, die zur ersten Verkündigerin der Frohen Botschaft wird. Worüber diskutieren wir eigentlich? Über Diskontinuierliches!

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