Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Neuevangelisierung

Eine Anekdote des Vatikan-Korrespondenten Angelo Johanni

Am frühen Morgen begab Franziskus sich wieder in den Petersdom. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da trugen vier alte und erfahrene Kardinäle und ihre Unterstützer von kath.net und der Blogözese den Fall einer Frau vor, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie warfen sie in die Mitte und sagten zu ihm: "Heiliger Vater, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Jesus hat uns im Evangelium vorgeschrieben, solche Frauen von den Sakramenten auszuschließen. Nun, was sagst du?"

Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Franziskus aber bückte sich zu der Frau hinunter und wies mit dem Finger auf das Apostolische Schreiben "Amoris laetitia".

Als die Kardinäle hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: "Wer von euch ohne Sünde ist, schließe sie von den Sakramenten aus." Und er bückte sich wieder zu der Frau hinunter und schrieb der Kardinäle Verfehlungen auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst der Älteste.

Franziskus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte hockte. Er richtete sie auf und sagte zu ihr: "Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?" Sie antwortete: "Keiner, Vater". Da sagte Franziskus zu ihr: "Auch ich verurteile dich nicht. Lass uns gemeinsam versuchen, weniger zu sündigen!"

1 Kommentar 19.11.16 10:42, kommentieren

Gott im Geringsten finden

Auszug aus der Ansprache des Papstes an die Jugend der Welt nach seinem Auschwitzbesuch:

"Schauen wir zunächst auf die sieben Werke der leiblichen Barmherzigkeit: Hungernde speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde beherbergen, Kranke besuchen, Gefangene besuchen, Tote begraben. Umsonst haben wir empfangen, umsonst wollen wir geben. Wir sind aufgefordert, dem gekreuzigten Jesus in jedem ausgegrenzten Menschen zu dienen, seinen heiligen Leib zu berühren im Ausgeschlossenen, im Hungrigen, im Durstigen, im Nackten, im Gefangenen, im Kranken, im Arbeitslosen, im Verfolgten, im Heimatvertriebenen und im Migranten. Dort finden wir unseren Gott, dort berühren wir den Herrn. Jesus selbst hat uns das gesagt, als er erklärte, welches das „Protokoll“ sein wird, nach dem wir einst gerichtet werden: Jedes Mal, wenn wir das dem Geringsten unserer Mitmenschen getan haben, haben wir es ihm getan (vgl.  Mt 25,31-46).

Den Werken der leiblichen  Barmherzigkeit folgen die der geistlichen Barmherzigkeit: die Zweifelnden beraten, die Unwissenden lehren, die Sünder zurechtweisen, die Trauernden trösten, Beleidigungen verzeihen, die Lästigen geduldig ertragen, für die Lebenden und die Verstorbenen zu Gott beten. Mit der Aufnahme des Ausgegrenzten, der leiblich verwundet ist, und mit der Aufnahme des Sünders, der seelisch verwundet ist, steht unsere Glaubwürdigkeit als Christen auf dem Spiel. Mit der Aufnahme des Ausgegrenzten, der leiblich verwundet ist, und mit der Aufnahme des Sünders, der seelisch verwundet ist, steht unsere Glaubwürdigkeit als Christen auf dem Spiel! Nicht mit den Ideen: dort!" (Die ganze Ansprache hier, Unterstreichungen von mir)

30.7.16 13:01, kommentieren

Flucht in die Scheinwelt

Theologische Sachfragen empfinde ich in der aktuellen Situation geradezu als Flucht in die wissenschaftliche (Schein-)Welt, nur weg aus der Realität, die zur Zeit kaum zu ertragen ist.
 
Das Deutschlandradio brachte vor Kurzem einen Beitrag, der sich mit der kirchlichen Aufwertung der Maria Magdalena in den Rang eines Apostels beschäftigte. Und obwohl man eine Theologin interviewte, geht in dem Beitrag doch einiges durcheinander.

"Der Namenstag der Heiligen Maria Magdalena wird in der Katholischen Kirche an diesem Freitag zum ersten Mal als Festtag einer Apostelin gefeiert. Papst Franziskus hat die Weggefährtin Jesu Christi schon vor einiger Zeit in diesen Rang erhoben. Seither gibt es also 13 Apostel statt bisher zwölf. Die Vereinigung der österreichischen Frauenorden begrüßte diese Veränderung ausdrücklich in einer Erklärung. "

Das Neue Testament unterscheidet deutlich zwischen dem Zwölferkreis und den Aposteln. Die Zwölf galten Jesus als Symbol für die jüdischen Menschen seiner Zeit. Seine Botschaft galt vor allem den zwölf Stämmen Islraels. Eine Frau hätte diese Symbolik unverständlich gemacht, so dass die Anmerkung, dass Da Vinci nun Maria Magdalena mit in das "Abendmahl" malen müsste, völlig unsinnig ist.

In der nachösterlichen Zeit entsteht das Amt des Apostels, die Zwölf werden wohl durchweg als Apostel gegolten haben, doch es kommen noch viele mehr dazu. Der bekannteste unter ihnen sicherlich der Apostel Paulus, der nachnominierte Matthias, der den Verräter Judas ersetzt, und ja, sicherlich auch Maria Magdalena, die von den frühen Kirchenvätern tatsächlich als Apostelin der Apostel bezeichnet wurde, weil sie vom Auferstandenen vor allen anderen die Verkündigung der frohen Botschaft aufgetragen bekommen hat. Letzteres ist übrigens Paulus Definition des Apostelamtes, weshalb er sich selbst auch als solchen bezeichnet: Verkündigungsauftrag vom Auferstandenen.
 
Paulus kennt viele weitere Apostel, die er scharf vom Zwölferkreis trennt (1 Kor 15, 4-9), so dass man davon ausgehen kann, dass auch die erste Transsexuelle der Kirchengeschichte, Junia (Röm 16,7), die durch eine postmortale Geschlechtsumwandlung zum Mann verändert wurde, eine weibliche Apostelin war.

Leider haben diese Erkenntnisse auch nur in der wissenschaftlichen Scheinwelt Bedeutung. Die reale Kirche wird in näherer Zukunft wohl kaum Konsequenzen daraus ziehen und Frauen zur Weihe zulassen. Zu sehr ist sie Teil der Welt und muss politisch-strategisch denken.

1 Kommentar 27.7.16 19:04, kommentieren

Der Jesus des Philosophen

Kath.net übt sich weiter in der Kritik an Papst Franziskus. Nun lässt man den Philosophen Robert Spaemann antreten, um dem Papst häretische Tendenzen nachzuweisen. "Was ich sagen wollte, war, dass einige Äußerungen des Heiligen Vaters in eindeutigem Widerspruch stehen zu Worten Jesu, zu Worten der Apostel sowie zu der traditionellen Lehre der Kirche."

Dabei stellt sich Spaemann ähnlich plumb an wie die kath.net-Papst-Kritiker zuletzt, indem mit kaum zu entschuldigender Naivität mit einzelnen Bibelversen hantiert wird. So, sagte schon mein Lehrer für Altes Testament, kann man mit der Bibel wirklich alles beweisen. Allerdings lasse sich dieses Verfahren leicht aushebeln, weil es völlig unproblematisch sei, einem jeden einzelnen Vers einen anderen zur Seite zu stellen, der das genaue Gegenteil behaupte. Das kann man ja einmal ausprobieren...

"Jesus habe etwa gebieten können "wie einer, der Macht hat und nicht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer", und Jesus verweise im Gespräch mit dem reichen Jüngling "auf die innere Einheit der Nachfolge mit der Einhaltung der zehn Gebote" (Lk 18,18-23). Jesus predige somit keineswegs bloß ein Ideal, wie dies der Papst schreibe, so Spaemann, "sondern er stiftet eine neue Realität, das Reich Gottes auf Erden"."

Um Spaemann hier in die Parade zu fahren, muss man gar nicht erst auf andere Texte der Bibel zurückgreifen, liest man die Perikope bis zu ihrem Ende, erledigt sich die Kritik von alleine. Denn nachdem Jesus auf die Schwierigkeit hingewiesen hat, die wohlhabende Menschen haben, das Reich Gottes zu erlangen und die Umstehenden sich zurecht fragen, wer denn dann überhaupt noch gerettet werde, antwortet Jesus: "Was für Menschen unmöglich ist, ist für Gott möglich." Das, was die Franziskus-Kritiker so stört, die Fokussierung auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes zuungunsten von Gesetzen und Verboten, hat Franziskus nicht erfunden, das ist die reine Lehre des Herrn.

Und da nützt Spaemann auch sein ganzes hilfloses Entweder-Oder-Christentum nicht, Jesus war nicht der Rigorist, den er da herbeiphantasiert. Er war radikal, ja, aber radikal in seiner Liebe, in seiner Menschenzugewandtheit und Barmherzigkeit. Doch Spaemann will den spaltenden Jesus, nicht den versöhnenden. Deshalb greift er auf einen Vers aus dem Matthäusevangelium zurück: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich." Doch im älteren Markusevangelium steht: "Wer nicht gegen mich ist, ist für mich." Und nu, Herr Spaemann? Scheinbar kommen wir mit dieser "Ich such mir mal 'nen Vers, der das Evangelium nach Spaemann bestätigt" nicht weiter.

Auch das angebliche Ja oder Nein in der Frage der Ehescheidung ist neutestamentlich gar nicht so eindeutig, wie der Philosoph behauptet. Gerade sein Matthäusevangelist lässt ihn da schlecht aussehen, wenn er ihm die Unzuchtsklasel (Mt 19,9) unterjubelt, die dem Mann die Scheidung ermöglicht. Und auch der von Spamann als Rigorist gezeichnete Paulus kennt Ausnahmen, die eine Scheidung ermöglichen (1Kor 7).

Letztendlich kann man Spaemann nur raten, bei seinem philosophischen Geschäft zu bleiben und den Theologen und Exegeten die Bibelarbeit zu überlassen.

2 Kommentare 25.6.16 11:09, kommentieren

Back to the roots

Zuletzt war es auf meinem Blog etwas ruhiger. Das hatte vielfache Gründe, einer davon deutet sich in meinen Gedanken zum päpstlichen Schreiben über die Familie an. Leider (oder zum Glück?) ist auch Papst Franziskus nur ein Mensch, und trotz seines Willens, die Kirche auf einen Reformkurs zu bringen, sind die Strukturen und Gegenkräfte so gewaltig, dass man ihn eigentlich für diese Mammutaufgabe nur bedauern kann. Er stößt viel an, Vieles wird bestimmt auch noch wirken, aber es braucht eben Geduld. Und die hat nicht jeder so mit Löffeln gefressen wie er.
 
Was mich an dieser ganzen katholischen Vorgehensweise nervt, hatte ich auch bereits angedeutet. Vor lauter Harmonisierung, Kontinuität und konstruierter Einheit, ist es kaum noch möglich, das, was wirklich Wesentlich ist, herauszustellen. Man hat fast den Eindruck, dass bei jeder Frage 2000 Jahre Kirchengeschichte und Lehrameinungen mitgeschleppt werden, damit auch nur ja der Anschein der sauberen und kontinuierlichen Tradition gewahrt wird. Vom ersten Papst Petrus bis zu Franziskus muss die Lehre in jeder Detailfrage schließlich rein tradiert sein. Das wird dann bei Fragen, die vor 2000 Jahren nicht gestellt waren, schwierig, gab es doch keine kirchlichen Strukturen, kein dreigliedriges Amt und auch keine Unterscheidung von sakramentaler und nichtsakramentaler Ehe.

Das Problem ist nämlich, dass das, was wirklich wesentlich ist, nicht mit Petrus beginnt, sondern mit Jesus. Der war aber Jude und nicht Katholik. Das Wesentliche liegt vor der Kirchengeschichte. Ich denke, man müsste sich mal wieder ganz radikal auf dieses Wesentliche besinnen und von da aus fragen, was uns das heute sagt, was das für unsere Fragen heute bedeutet. Unabhängig von 2000 Jahren Kirchengeschichte, die in tausend anderen historischen Konstellationen und unter tausend anderen kurlturellen Bedingungen verlaufen sind. Was ist Evangelium, wer war dieser Jesus Christus? Was bedeutet dessen Reich-Gottes-Predigt?

Schluss mit dem katholischen Harmonisierungswahn, der auch noch 300 Päpste mit all ihren Äußerungen mit in die Diskussion nimmt und alles auf eine rote Linie zu quetschen sucht. Jesus, Reich Gottes, Evangelium, Punkt.

Im Grunde ginge es um das, was auch Papst Benedikt in seiner legendären Weihnachtsansprache 2005 zum Thema machte, die Hermeneutik der Reform, die das Wesentliche, also Kontinuierliche, vom Unwesentlichen, also Diskontinuierlichen, unterschied:

"Es ist klar, daß in all diesen Bereichen (Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, etc.), die in ihrer Gesamtheit ein und dasselbe Problem darstellen, eine Art Diskontinuität entstehen konnte und daß in gewissem Sinne tatsächlich eine Diskontinuität aufgetreten war. Trotzdem stellte sich jedoch heraus, daß, nachdem man zwischen verschiedenen konkreten historischen Situationen und ihren Ansprüchen unterschieden hatte, in den Grundsätzen die Kontinuität nicht aufgegeben worden war – eine Tatsache, die auf den ersten Blick leicht übersehen wird. Genau in diesem Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf verschiedenen Ebenen liegt die Natur der wahren Reform. Innerhalb dieses Entwicklungsprozesses des Neuen unter Bewahrung der Kontinuität mußten wir lernen – besser, als es bis dahin der Fall gewesen war – zu verstehen, daß die Entscheidungen der Kirche in bezug auf vorübergehende, nicht zum Wesen gehörende Fragen – zum Beispiel in Bezug auf bestimmte konkrete Formen des Liberalismus oder der liberalen Schriftauslegung – notwendigerweise auch selbst vorübergehende Antworten sein mußten, eben weil sie Bezug nahmen auf eine bestimmte in sich selbst veränderliche Wirklichkeit."

Benedikt erläutert dann am Beispiel der Religionsfreiheit, dass die Aussagen des Zweiten Vatikanums, mit denen die Piusbrüder so große Probleme haben, weil sie die kontinuierliche 2000-jährige Lehren der Kirche verraten sehen, gerade eine Wiederbelebung oder Freilegung des eigentlichen Kerns des Evangeliums sind; nach 2000 Jahren Diskontinuität wird endlich das überdeckte Kontinuierliche, weil im Evangelium gründende, freigelegt.

"Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen und gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen. Diese darf wissen, daß sie sich damit in völligem Einvernehmen mit der Lehre Jesu befindet (vgl. Mt 22,21), ebenso wie mit der Kirche der Märtyrer, mit den Märtyrern aller Zeiten. Die frühe Kirche hat mit größter Selbstverständlichkeit für die Kaiser und die politisch Verantwortlichen gebetet, da sie dies als ihre Pflicht betrachtete (vgl. 1 Tim 2,2); während sie aber für den Kaiser betete, hat sie sich dennoch geweigert, ihn anzubeten und hat damit die Staatsreligion eindeutig abgelehnt. Die Märtyrer der frühen Kirche sind für ihren Glauben an den Gott gestorben, der sich in Jesus Christus offenbart hatte, und damit sind sie auch für die Gewissensfreiheit und für die Freiheit, den eigenen Glauben zu bekennen, gestorben – für ein Bekenntnis, das von keinem Staat aufgezwungen werden kann, sondern das man sich nur durch die Gnade Gottes in der Freiheit des eigenen Gewissens zu eigen machen kann."

Eine harte Aussage für Piusbrüder, die immer noch von einem katholischen Staatswesen träumen und andere Religionen in engen Grenzen lediglich tolerieren wollen. Doch zurück zum Thema, denn Benedikt streift bewusst oder unbewusst auch ein anderes wichtiges Thema, wenn er die "liberalen Schriftauslegung" kritisiert. Der Seitenhieb auf die historisch-kritische Methode, die sich nach Benedikts Einschätzung über das Lehramt der Kirche setzt, wenn die angewendete Methode als einzig gültige angesehen wird, führt zu einem für meinen Geschmack grundlegenden Problem. Auch das sprach ich zuletzt schon an. Warum hat die moderne Exegese, die wissenschaftliche Theologie insgesamt so wenig Einfluss auf das Lehramt. Warum spielen theologische Erkenntnisse bei lehramtlichen Dokumenten oft keine Rolle?

Aus meiner Sicht, weil das Lehramt befürchtet, dass das über 2000 Jahre ins Gleichgewicht gebastelte Kartenhaus des katholischen Kirchenrechts plötzlich über dem Fundament der Dogmen zusammenstürzen würde. Denn das würde es, weil es eben von Menschen gebaut wurde und es Diskontinuierliches im Überfluss enthält. Und so kommt es, dass selbst Franziskus sich nicht an das Kirchenrecht wagt und das wahrlich Reformerische in die Fußnoten packt.

Was der Kirche aus meiner Sicht wirklich helfen würde, wäre die erneute Fokussierung auf das Wesentliche, um das Unwesentliche diagnostizieren und ggf. entsorgen zu können. Oder es wenigstens als Unwesentliches zu benennen, damit es richtig eingeordnet werden kann.

Doch was ist das Wesentliche? Die Frage drängt sich immer mehr auf. Ich finde, dass der Neutestamentler Peter Pilhofer einen gelungenen Versuch unternommen hat, das Wesentliche des Evangeliums einmal auf den Punkt zu bringen. Ich wiederhole das hier nicht, sondern verlinke nur auf den entsprechenden Beitrag in diesem Blog.

Vorbedingung ist dabei, zu akzeptieren, dass die Bibel nicht einfach Wort Gottes ist. Man kann sich nicht hier und da ein paar Verse zusammensuchen, um was auch immer als Wille Gottes zu deklarieren. Die Texte sind von Menschen geschrieben und deshalb enthalten sie wie das Kirchenrecht Diskontinuierliches ohne Ende. Wie will ich die Aussage im Matthäusevanglium, dass Jesus kein Jota des Gesetzes verändern will, mit der Aussage, dass nicht das unrein ist, was in den Menschen gelangt, sondern das, was aus dem Menschen heraus kommt, harmonisieren? Jesus kritisiert hier die Tora, das Gesetz, er ist kein Gesetzeslehrer. Denn das Gestz rettet nicht, wie Paulus in jesuanischer Tradition später formuliert.

Und wenn das so ist, dann muss geklärt werden, wie Lehramt das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheidet. Welche Methoden werden angewendet. Es muss nachvollziehbar sein. Das ist es aber oftmals nicht, weil Erkenntnisse und sich daraus ergebende Fragestellungen der wissenschaftlichen Theologie ignoriert werden und so theologisch geforderte Antworten bzw. schlüssige Konzepte auf diese brenneden Fragen ausbleiben, Reformstau ist der Begriff, der diesen Zustand umschreibt. Das hat zur Folge, dass die ewiggleichen Fragen in der scheinbar unendlichen Mühle zwischen Reformern und Konservativen gerührt werden.

Aktuell geht es wieder um die Diakonissenweihe für die Frau. Franziskus lässt wieder hoffen, die Traditionalisten schlagen mit den bekannten Antworten zurück. Im wesentlichen Kern ist aber vom dreigliedrigen Amt für Männer nirgendwo die Rede. Es gibt da gar keinen entsprechenden Amtsbegriff, lediglich die Taufformel Gal 3,28, die besagt, dass es in Christus nicht mehr Mann und Frau gibt, weil alle eins sind in ihm. Noch weiter zurück können wir im Evangelium lesen, dass gerade die Jünger Jesus nicht verstehen, wenn eine Frau ihn vor der Kreuzigung salbt, eine Handlung, die nur jüdischen Priestern zustand; unter dem Kreuz stehen nur Frauen, weil die Männer auf der Flucht sind, und der Auferstandene erscheint einer Frau, die zur ersten Verkündigerin der Frohen Botschaft wird. Worüber diskutieren wir eigentlich? Über Diskontinuierliches!

3 Kommentare 25.5.16 11:51, kommentieren

Kommt doch mal zum Punkt

Ich gebe es zu, ich habe Amoris Laetitia, das päpstliche Schreiben zu Ehe und Familie, noch nicht vollständig gelesen. Die "wesentlichen" und diskusionswürdigen Kapitel schon, viele Kommentare und Meinungen dazu auch. Das Bild, das sich mir zeigt, möchte ich kurz erläutern, es ist eines von vielen.

Aus meiner Sicht hat sich Papst Franziskus bis an die Schmerzgrenze des Erträglichen begeben, um ja niemandem vor den Kopf zu stoßen, sodass dieser sich abwenden könnte. Ein Dokument, das alle mitnehmen will, Progressive wie Konservative, Liberale wie Fundamentalisten, Dogmatiker wie Seelsorger, Männer, Frauen.

Und vielleicht sind wir damit schon an dem diskusiionswürdigsten und kritischsten Punkt des Schreibens, weil er ein grundlegendes Problem offenbart. Einheit. Das große Bild von dem einen Leib mit all seinen Gliedern, die eine Gemeinschaft mit all ihren Charismen, ein biblisches Motiv. Der eine Leib der Kirche, den jede Amputation schmerzt, weil sie Gott selbst, Christus schmerzt. Das will Franziskus verhindern. Alle müssen mit.

Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob dieses Kriterium, die Einheit, die allgemeine Gültigkeit, das große "Integrieren" des Papstes nicht ein Problem ist, weil es vielleicht andere Kriterien gibt, die wichtiger und wesentlicher sind? Könnte es gar sein, dass das Bild der Einheit nicht nur überstrapaziert wird, sondern zutiefst unbiblisch ist, wenn man einmal von seiner Bedeutung für das Verständnis der Taufe absieht und einen Blick auf die urchristlichen Gemeindekonstellationen wirft?

Ja, alle Christen werden durch die Taufe in den Leib Christi eingefügt, alle Getauften haben Christus angezogen, wie Paulus es ausdrückt (Gal 3,28ff). Doch die judenchristlichen Gemeinden unterscheiden sich dramatisch von den heidenchristlichen, die palästinensichen von den syrischen, die thessalonische von der korinthischen, die paulinischen von den matthäischen etc. Die Evangelien selbst sind bei weitem nicht einheitlich, sondern widersprechen sich sogar in wesentlichen Aussagen, die paulinische und johanneische Eschatologie hatte ich in einem der vorhergehenden Texte schon als Beispiel erwähnt (vgl. hier).

Die Evangelisten verfolgen durchaus unterschiedliche Theologien, Lukas sagt zu Beginn seines Evangeliums, dass er mit den Vorgängerversionen völlig unzufrieden ist. Sie sind in unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Kulturen entstanden. Das, was wirklich einheitlich ist, ist im Grunde sehr wenig. Warum aber sind wir so besessen von der Ausweitung der Einheitlichkeit? Warum bewerten wir die verschiedenen Ausprägungen und Konfessionen nicht positiv? Warum muss alles einheitlich sein?

Mich interessiert kein einheitliches "Evangelium der Familie", das gibt es nämlich nicht. Jesus war beileibe kein Familienmensch, selbst für seine eigene wählt er oftmals nicht die freundlichsten Worte (Mt 12, 48f). Mich interessiert das Evangelium. Von hier aus kann ich mir dann Gedanken machen, was dieses Evangelium für die Familie, für mein Leben, für die Kirche bedeuten kann. Mit anderen Worten: Bevor ich über Gott und die Welt philosophiere und mir Gedanken mache, was Jesus wohl zu diesem und jenem aktuellen Problem gesagt hätte, muss ich wissen, was Jesus denn nun überhaupt gesagt hat, Wesentliches gesagt hat. Was bedeutet Evangelium, was sagt es aus?

Diese Frage lässt sich allerdings aufgrund der oben erwähnten Uneinheitlichkeit der Quellen nur exegetisch klären. Das allerdings ist nicht unbedingt die große Stärke des Papstes und seines Dokumentes. Es fängt schon damit an, dass die deuteropaulinischen Bücher einfach dem Apostel zugeschrieben werden, etwas, was jedem Erstsemester im Theologiestudium schon aufstoßen würde, weil die Theologien sich teilweise widersprechen. Dieses grundsätzliche Problem lehramtlicher Schreiben haben viele Theologen schon thematisiert. Gerd Häfner ist einer, den auch ich in diesem Kontext schon zitierte (vgl. hier).

Warum ist das so? Ich vermute, weil man nur so die Einheit auch in Bezug auf lehramtliche Aussagen der vergnagenen Jahrhunderte erreichen kann: Harmonisierung. Das höchste Ziel der Einheitlichkeit und Konsistenz wird über jede Erkenntnis gestellt und verhindert so einen Fortschritt in der zeitgemäßen Übersetzung des Evangeliums. Irgendwie muss der Papst also auch Humanae Vitae und alle anderen Aussagen früherer Päpste zu Fragen der Familie integrieren und harmonisieren. Eine unmögliche Aufgabe, die ein 300-seitiges Werk gebiert, das die Inkonsistenz und die unterschiedlichen Handschriften und Sichtweisen trotzdem nicht verbergen kann.
 
Da, wo Papst Franziskus vorkommt, finde ich es übrigens genial! Da taucht nicht historisches Lehramt und Philosophie, sondern Evangelium auf. Aber so wie Worte Jesu nicht in jedem Vers des NT vorkommen, so kommt Franziskus eben auch nicht in jeder Zeile dieses Dokumentes vor. Aber zu viele Köche verderben oftmals den Brei.

Doch dieses Problem ist beileibe kein Problem Franziskus, es ist ein katholisches. Blickt man in die Kommentare, die einzelne Bischöfe zum päpstlichen Schreiben verfasst haben, trifft man auf das gleiche Phänomen. Sich selbst bestätigende katholische Worthülsen aus lehramtlichen Äußerungen, wo man nur hinschaut. Evangelium ist irgendwie alles, was das Lehramt in Jahrhunderten so von sich gegeben hat. Das Evangelium selbst, den Kern erfährt der Leser gar nicht mehr. Meiner Meinung nach ein Problem, das auch ein Stück weit die Situation der Kirchen in Europa erklärt. Worte, Bilder und Vorstellungen, mit denen der moderne Mensch wirklich auch gar nichts mehr anfangen kann, dominieren die Sprache unserer Hirten.

Ein Beispiel: Bischof Oster kommentiert das päpstliche Schrieben auf kath.net:

"Jesus hat auch das Gesetz des Alten Bundes nicht aufgehoben, aber er hat es mit seinem ganzen Leben und seiner ganzen Existenz erfüllt. Und die Erfüllung war eben sein Weg der Ganzhingabe, der Weg ans Kreuz, der Durchgang durch das Leiden und den Tod hinein in das Licht der Auferstehung. Er selbst ist in Person die Versöhnung von Wahrheit und Liebe als Barmherzigkeit. Er selbst konnte ungeheuer streng und unerbittlich sein – gegen die Heuchler, gegen die Pharisäer, gegen jede Art von ungerechtem Zorn, gegen das unreine Herz, das eine Frau auch nur lüstern ansieht, gegen alle, die nicht bereit sind zur Umkehr und andere Menschen und Situationen. Und zugleich war er ein Abgrund an Liebe, Barmherzigkeit und persönlicher Hingabe, das Lamm Gottes, das für die Seinen zum Schlachten geführt wird, um sie von ihren Sünden und ihrer Herzensverhärtung zu heilen, das Lamm, das seinen Mund nicht auftut, sich nicht wehrt, sich kreuzigen lässt für die, die er liebt, ganz besonders für seine Freunde, aber auch für seine Mörder!"

Jesus hat das Gesetz nicht erfüllt, er hat es massiv kritisiert, sich selbst darüber gestellt. Jesus ist über das Gesetz hinweggegangen. Gerade die Ehescheidung, die ja ein besonders schwieriges Thema der beiden Synoden war, die zu dem päpstlichen Schrieben geführt haben, ist da ein bezeichnendes Beispiel. So war es dem jüdischen Mann ausdrücklich per Toragesetz erlaubt, seiner Frau einen Scheidebrief auszustellen! Jesus setzt dieses Gesetz des Mose außer Kraft, er erfüllt es nicht, es hat keine Bedeutung für ihn, er schafft es ab. Sabbatgesetze, Reinheitsgesetze, sie interessieren ihn nicht, ihn interessiert das Heil der Menschen. Nur deshalb kann der Apostel Paulus sagen, dass die Übertretungen erst durch das Gesetz erzeugt werden. Ohne Gesetz gibt es keine Übertretung. Dieser Gedanke gipfelt in der Aussage, dass das Gesetz nicht rettet, nicht heilt und nicht von Gott kommt. Hier sind wir mitten im Evangelium, denn retten tut nur der Glaube an den Herrn. Und der kommt vor jeder Umkehr zuerst einmal zu uns und bietet Heil an, Reich Gottes. Deshalb weiß Paulus im Galaterbrief zu sagen:

"Alle aber, die nach dem Gesetz leben, stehen unter dem Fluch. Denn in der Schrift heißt es: Verflucht ist jeder, der sich nicht an alles hält, was zu tun das Buch des Gesetzes vorschreibt. Daß durch das Gesetz niemand vor Gott gerecht wird, ist offenkundig; denn: Der aus Glauben Gerechte wird leben. Das Gesetz aber hat nichts mit dem Glauben zu tun, sondern es gilt: Wer die Gebote erfüllt, wird durch sie leben. Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; denn es steht in der Schrift: Verflucht ist jeder, der am Pfahl hängt. Jesus Christus hat uns freigekauft, damit den Heiden durch ihn der Segen Abrahams zuteil wird und wir so aufgrund des Glaubens den verheißenen Geist empfangen. [...] Warum gibt es dann das Gesetz? Wegen der Übertretungen wurde es hinzugefügt, bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gilt. Es wurde durch Engel erlassen und durch einen Mittler bekanntgegeben. Einen Mittler gibt es jedoch nicht, wo nur einer handelt; Gott aber ist «der Eine»."


Und  auch bei seiner Deutung der Bergpredigt muss man Bischof Oster widersprechen. Jesus kritisiert nicht denjenigen, der eine Frau auch nur lüsternd anschaut, das wäre Kinderexegese, er kritisiert diejenigen, die sich als Unfehlbare, Reine und Unbefleckte darstellen und glauben, über anderen Menschen zu stehen, sich anmaßen Menschen verurteilen zu können. Doch Jesus macht ihnen in der Bergpredigt klar, dass sie alle die Gnade Gottes, sein Amnestieangebot, das Reich Gottes brauchen. Wir sind alle Sünder, ein Satz, den der Papst nicht aufhört zu wiederholen. Auf uns alle geht Jesus zu und lebt uns die heilende Gnade Gottes vor und bietet sie uns an. Können wir umkehren und von da an ohne weitere Schuld und Sünde leben, Herr Bischof? Nein, würde man die Bergpredigt so naiv auslegen, müssten wir alle blind und ohne Arme durch die Weltgeschichte laufen. Wir brauchen die Gnade Gottes. Immer, auch nach  jeder Umkehr, immer wieder. Jesus kritisiert die Gestzeslehrer, die Besserwisser und selbstgerechten Heiligen, die glauben andere zu überragen. Die bringt er in der Bergpredigt auf den Boden der Tatsachen zurück. Hast du nie lüsternde Gedanken, nimmst du dir niemals etwas, was dir nicht gehört, denkst du nie daran, ewtas Böses zu tun? Wer kann das schon verneinen? Niemand!

Jetzt höre ich schon das böse Wort Relativismus, das alle Fans von Papst Benedikt in diesem Kontext im Munde führen. Aber ist es kein Relativismus, wenn der Weinbergbesitzer alle Tagelöhner gleich bezahlt, auch die, die erst kurz arbeiten (Mt 20ff)? Ist das kein Relativismus, wenn Jesus gerade zu denen geht, die die größten Sünder sind? Ihnen einfach alles vergibt, sie nicht verurteilt? Ohne die Schwere der Taten zu unterscheiden? Das Gesetz, das unterscheidet, interessiert ihn nicht.

Noch einmal der Apostel Paulus, der erklärt, dass das Gesetz verstümmelt, bestraft und knebelt. Doch das ist nicht die Botschaft Jesu! Das ist nicht Evangelium. Seine Botschaft lautet: Ich bin bei euch und helfe euch, ohne Verurteilungen. Vertraue mir und du wirst gesund, heil, Mensch. Dann wirst du nicht perfekt sein, Petrus beweist das immer wieder, aber du wirst ein besserer Mensch.

Dass Oster im Kontext der Ehescheidungsproblematik ausgerechnet auf die Bergpredigt des Mätthäus rekurriert, ist auch erstaunlich. Kennt Matthäus doch einen Fall, der die Scheidung gerade erlaubt, die Unzucht der Frau, etwas, was Jesus kategorisch ablehnt, weil er die völlig rechtslosen und dem Mann ausgelieferten Frauen vor männlicher Willkür schützen will. Ein schönes Beispiel dafür, wie die Evangelisten die radikale Botschaft des Herrn beginnen zu harmonisieren und zu verharmlosen. Und ein schönes Beispiel, dass sich der Männerclub im Vatikan einmal genauer durch den Kopf gehen lassen sollten, bevor sie über Frauen und Familien befinden. Jesus geht es um Verantwortung, der Stärkere hat sich um den Schwächeren zu kümmern, ihn aufzurichten, so wie er selbst die Kranken und Armen aufrichtete. Reich Gottes schafft.

Deshalb muss man Theologie betreiben, Exegese betreiben, wenn man wirklich ernsthalft an das Evangelium gelangen möchte, dieses verkünden will. Mit auswendig gelernten Sätzen aus vergangenen Tagen ist Verkündigung nicht möglich, da kann man zurecht nur laufen gehen. Das muss man dem Papst und Bischof Oster entgegenen. Lasst eure Sprechruinen stecken und verkündet das Evangelium ohne den ganzen historischen und lehramtlichen Ballast vergangener Tage. Zurecht wird seit dem Zweiten Vatikanum kaum noch dogmatisiert, es schadet mehr als es nützt. Es knebelt die Kirche und ihre Verkündigung. Von diesen Knebeln will uns das Evangelium doch gerade befreien. Auch Kirchen-Gesetze retten nicht, nur der Glaube an den Herrn, der in die Gottes- und Nächstenliebe mündet, weil Gott mir meine Schuld nicht anrechnet und mich rechtfertigt und in Freiheit setzt, dieser Glaube rettet mich. Mit dieser Verantwortung versuche ich umzugehen und ich weiß, ich werde auch scheitern, aber Jesus hilft mir wieder auf, immer wieder.

Dass Franziskus Verkündigung kann, bewies er übrigens erst vor Kurzem, als er das Evangelium einigen Jugendlichen auslegte. Wer keine Lust auf 300 Seiten hat und nur Franziskus will, der kann hier klicken.

14.4.16 18:19, kommentieren

Glaube die Wahrheit und geh

Papst Franziskus hat mit den Piusbrüdern gesprochen. Und die sind nun völlig verstört, weil sie Franziskus Haltung als paradox empfinden.

 „Das Wort ,paradox‘ ist hier angebracht, paradox im Sinne eines Willens, zu so etwas wie einem ,3. Vatikanum‘ voranzukommen, im schlimmsten Sinne, den man diesem Wort nur geben kann, und andererseits in dem Willen, der Priesterbruderschaft zu sagen: ,Ihr seid willkommen‘. Das ist nun wirklich ein Paradox, fast schon der Wille, die Gegensätze zu vereinigen.“

Spannend ist die Art und Weise, wie die Brüder dieses Geschehen nun metaphysisch deuten, spricht ihr Generaloberer doch in diesem Kontext von "göttlicher Vorsehung", die dem Papst den Willen, die Gemeinschaft überleben zu lassen, eingepflanzt habe. Ein spannender Gedanke...

Ließe ich mich einmal auf eine solche Vorstellung ein, dass Gott uns mit bestimmten historischen Ereignissen etwas sagen will, uns beauftragt diese heilsgeschichtlich auszulegen - immerhin eine Methode, die auch in der Bibel vorkommt, etwa bei Paulus, wenn er darüber sinniert, weshalb die Juden Christus überwiegend ablehnten - käme ich auf die Idee, dass die Piusbruderschaft ein Stachel im Fleisch der Kirche ist. Sie führt uns vor Augen, wie eine Kirche aussieht, die Glaubenswahrheiten zu absoluten Wahrheiten macht. Eine Gefahr, der die katholische Kirche immer ausgesetzt ist, außerhalb der Kirche kein Heil.

Mit dieser Haltung muss Franziskus geradezu als Paradoxon verstanden werden, denn er ist kein Dogmatiker, sondern Seelsorger in der Welt. Und in der Welt bewegt er sich vor allem an den Rändern, da, wo eben auch die Piusbrüder sind, die sich selbst allerdings für den unveränderlichen Kern des Katholischen halten. Ein Paradoxon, tatsächlich.

Wie sehr jedoch die Gefahr der totalen Selbstüberhöhung auch im Zentrum der Kirche besteht, zeigt Kardinal Dolan, der sich kritisch zu den Erwartungen an das anstehende Lehrschreiben zu Ehe und Familie äußerte.

"Ich wünschte, ich hätte Tausende Leute vor der Kirchentür schreien: 'Wir wollen Kommunion! Wir wollen wieder in die Kirche!' Ich wünschte, die machten das, aber das tun sie nicht."

Hier thront ein Bischof in der Bischofskirche auf seinem goldenen Bischofsstuhl und wartet darauf, dass die Menschen zu ihm kommen. Doch die Menschen sind nicht da, sie sind an den Rändern, draußen, in der Welt. Da gehört die Kirche hin, den päpstlichen Marschbefehl  hören wir nun seit drei Jahren. Wann machen sich auch die Bischöfe auf den Weg?

6.4.16 10:20, kommentieren