Balken und Splitter

Tragendes und Beladenes, Witziges und Spitzes; bohrende Gedanken zur Lehre eines Zimmermanns
 
 

Antijudaismus

75 Jahre Reichspogromnacht

Die österreichische Bischofskonferenz trifft zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 selbstkritische Töne (hier).

„Wir sehen heute klar, dass auch die Kirche durch Akzente ihre Verkündigung im Sinn einer Verachtung des Judentums mitverantwortlich für jenes Klima war, in dem sich der nationalsozialistische Antisemitismus ausbreiten konnte.“

"Wehret den Anfängen", so die Losung des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick, der auch aktuell einen gefährlichen "Alltags-Antisemitismus" ausmacht.

Ein Beitrag zur Progromnacht ganz anderer Art auf dem Blog ZEIT ZU BETEN . Sehr lesenswert!!

8.11.13 16:29, kommentieren

Kardinal Marx gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

Kardinal Marx gedachte am gestrigen Allerseelentag auf dem KZ-Friedhof am Leitenberg bei Dachau der Opfer des Nationalsozialismus (hier).

„Schrecklich, dass es diesen Ort gegeben hat. Aber noch schrecklicher, noch schlimmer, wenn wir ihn vergessen und verdrängen. Dann haben wir das Zeichen, das Dachau in die Geschichte Deutschlands und der ganzen Welt setzt, nicht verstanden.“

Auch vor kritischen Worten in Bezug auf das Schweigen vieler Christen zur Zeit des NS-Regimes scheute er sich nicht.

Der Schrecken wird nicht kleiner. Er wird größer, weil uns die Dimension bewusst wird, weil wir immer neu ratlos davor stehen, wie so etwas passieren konnte in unserem Land. Wir waren nicht dabei, und es steht uns nicht zu, zu urteilen. Aber wir sind doch betroffen und bedrückt über das Schweigen der Christen, vor allem der Verantwortlichen.“

1 Kommentar 3.11.13 13:13, kommentieren

Starke Worte vor der Sommerpause

Auf seine unnachahmlich einfache und demütige Art stellt Franziskus heute nüchtern fest, dass es in der Kirche alte, hinfällige Strukturen gibt.

„Im christlichen Leben, auch im Leben der Kirche, gibt es alte Strukturen, hinfällige Strukturen: es ist notwendig, sie zu erneuern! Und die Kirche war demgegenüber immer aufmerksam, im Dialog mit den Kulturen... Immer lässt sie sich den Orten, den Zeiten und den Menschen entsprechend erneuern. Diese Arbeit hat die Kirche immer getan! Vom ersten Moment an. Erinnern wir uns an die erste theologische Auseinandersetzung: ist es notwendig, der gesamten jüdischen Praxis zu folgen, um Christ zu werden, oder nicht? Nein! Sie haben ‚Nein’ gesagt! Die Heiden können eintreten, wie sie sind: Heiden... In die Kirche eintreten und die Taufe empfangen. Eine erste Erneuerung der Struktur... Und so ist Kirche immer vorangegangen, indem sie es dem Heiligen Geist überließ, diese Strukturen, Strukturen von Kirchen zu erneuern. Habt keine Angst davor! Habt keine Angst vor der Neuheit des Evangeliums! Habt keine Angst vor der Neuheit, die der Heilige Geist in uns schafft! Habt keine Angst vor der Erneuerung der Strukturen!"

Das, wofür 300 Theologie-Professoren 2011 mit ihrem Memorandum  noch heftig kritisiert wurden, nämlich die Forderung nach Strukturreformen, spricht der Papst hier gelassen aus. Die Zeit des ängstlichen Bewahrens scheint in Rom endgültig vorbei zu sein. Gott sein Dank!

Und diesmal wird wohl auch keine Gegenreaktion von führenden Kardinälen zu erwarten sein, die mit der Diagnose einer Gotteskrise von den überkommenen Strukturen ablenken wollen, so als ob man beides unabhängig voneinander behandeln könnte.

Christus ist das Neue, so überschrieb die Zeit 2011 einen Auszug aus dem Jesusbuch Benedikt XVI, den ich damals in meinem ersten Blogeintrag  kommentierte und mit dem Memorandum zusammen dachte. Offenbart sich Benedikt hier wieder als theologischer Vordenker  dessen, was Franziskus nun in die Hand nimmt und umsetzt (ähnlich wie in der gestern veröffentlichten Enzyklika Lumen fidei)?! Es wäre dringend notwendig!

1 Kommentar 6.7.13 16:12, kommentieren

Update

In einem äußerst tendenziösen Artikel mit dem Titel Frankreichs jüdischer Bildungsminister: „Wir müssen katholische Religion durch eine republikanische Religion ersetzen“ wird der Antisemitismus zum Thema im Kommentarbereich. Im Gegensatz zu anderen Portalen wird hier offensichtlich nicht nach Belieben zensiert. Das muss man bei aller Kritik anerkennen.

Um so erschreckender sind allerdings die antisemitischen Äußerungen so manches Kommentators! Ich erspare mir hier eine weitere Dokumentation...

1 Kommentar 3.7.13 08:32, kommentieren

Ein munteres Frage-Antwort-Spielchen

Antisemitismus bedient sich Stereotypen über Juden. Eine gängige Strategie, um den Vorwurf des Antisemitismus abzuwehren, ist das Anführen von Beispielen, in denen Juden die eigene Position ebenfalls einnehmen. Ebendieser Strategie bediente sich 2006 auch Ahmadinedschad, als er ein paar jüdische Antizionisten zu einer Holokaustleugner-Konferenz einlud.

Mit Holokaustleugnern hat man im traditionalistischen Katholizismus ja nun auch so seine Erfahrungen machen können, wenn sich auch die Piusbruderschaft zum Glück von einem Herrn Williamson getrennt zu haben scheint. Doch ist damit nicht schon gleich auch das gesamte Problem des Antijudaismus innerhalb dieser Strömungen getilgt. So wird heute auf katholische.info das gängige Vorurteil der jüdischen Geldmacht mal wieder in Stellung gebracht. Dabei bedient man sich selbstverständlich der oben beschriebenen Strategie und versteckt die Ressentiments hinter einem Juden.

„Nun hat sich Rahm Israel Emanuel, der Bürgermeister von Chicago, der bereits Stabschef des Weißen Hauses unter Obama war, und bekannt ist für seine Geschicklichkeit als Fundraiser zu Wort gemeldet. Er erklärte offenherzig, daß heute die Gelder von der Homo-Lobby kommen. Wörtlich sagte Emanuel: „Gays are the next Jews of fundraising“ (Die Schwulen sind die nächsten Juden des Fundraising). Emanuel ist selbst Jude.“

Anschließend zitiert man den CEO von Goldman Sachs, einer bekanntermaßen von einem Juden gegründete Firma, mit den Worten, dass „es eine Frage der Bürgerrechte ist, aber auch des Geschäfts.“ Damit beantwortet man die Frage, ob es den Firmen mit ihrer finanziellen Unterstützung um reine Menschenfreundlichkeit gehe, umgehend.

Auf die Fragen, die nun folgen, gibt der Artikel keine Antworten, antisemitische Antworten aber werden seit Jahrhunderten tradiert.

„Die Frage ist also vielmehr: Warum unterstützen solche ökonomischen Kaliber die „Homo-Ehe“? Was steckt wirklich dahinter? Um welches „Business“ handelt es sich? Und vor allem, welchen Ausmaßes? Gibt es dieses „Geschäft“, das Goldmann Sachs, Bloomberg und andere für New York behaupten  überhaupt?“

Bloomberg, ist das nicht auch ein Jude?!

Auf Wikipedia kann man unter Antisemitismus die Antworten von Wilhelm Marr, einem Antisemiten aus dem 19. Jhd., nachlesen:

„Der Jude“ sei mit der „Geldmacht“ identisch und beherrsche die „Germanen“, die ihren „Kampf ums Dasein“ gegen „Verjudung“ und „Zersetzung“ seit 1848 praktisch verloren hätten. […] Er besitze und lenke die kritische Presse, infiltriere die Nation mit egoistischem Gewinnstreben, kalter Zweckrationalität, fremden Ideen und Tendenzen: Rationalismus, Materialismus, Internationalismus, Individualismus, Pluralismus, Kapitalismus (Manchesterliberalismus), Demokratie, Sozialismus und Kommunismus. Er sei Schuld am Zerfall (Zersetzung) traditioneller Gesellschaftsstrukturen, an Ausbeutung, Wirtschaftskrisen, Kapitalkonzentration und Inflation, Uneinigkeit und Schwäche der Nation. Als Zusammenfassung solcher anti-jüdischen und rassistischen Stereotype wurde der Begriff „Antisemitismus“ im Kaiserreich rasch Allgemeingut.“

Doch diese Antworten hat katholisches.info hoffentlich nicht im Blick?!

5 Kommentare 29.6.13 12:38, kommentieren

Christen können keine Antisemiten sein

"Christen können keine Antisemiten sein." Franziskus bringt eine offensichtliche Wahrheit einfach einmal nüchtern auf den Punkt. Und diese Meldung bringt natürlich auch kath.net. Gleichzeitig blinkt rechts neben dem Text die Werbeanzeige für die Junge Freiheit, die Regina Wamper in ihrer Untersuchung „Das Kreuz mit der Nation. Christlicher Antisemitismus in der Jungen Freiheit“ wie folgt beschreibt:

„Religion und Glaube spielen in der völkisch-nationalistischen Wochenzeitung Junge Freiheit eine zentrale Rolle. Dadurch werden Bilder von Juden und Judentum vermittelt, die längst vergessen schienen.

Diese Bilder, ihre Verknüpfungen und Bezüge tradieren einen christlichen Antisemitismus und ein Verhältnis zum Christentum, das sich durch ein Zusammenspiel von christlich-fundamentalistischen Themen und völkischem Nationalismus auszeichnet. Die in der Jungen Freiheit vermittelten Bilder von Juden und Judentum belegen gleichzeitig, dass Antijudaismus eine immer noch aktuelle Form der Judenfeindschaft ist, und dass dieser christliche Antisemitismus mit Strategien des modernen und sekundären Antisemitismus verschränkt und gekoppelt ist.“

Ein Buch, das ich mit den Worten Wolfgang Ockenfels empfehlen möchte: „Eine lohnenswerte Lektüre!“

Auch katholisches.info bringt die Meldung, allerdings auf dem Ohr des vom Papst zitierten Konzilsdokument Nostra Aetate völlig taub, dafür im Ausdeuten des Ungesagten völlig neben der Spur, hörte man doch den Papst deutlich gegen Gender- und Homo-Ideologie predigen.

Spannender aber sind die Kommentare unter dem Text. Hier nur drei besonders bezeichnende:

"Richtig, kein Christ kann Antisemit sein aber gerade deshalb muß die Judenmission ein Herzensanliegen eines katholischen Papstes sein."

"Eine Lüge,katholiken haben keine gemeinsame Wurzeln mit Juden. Schade, dass Bischof von Rom weiss das nicht !!!"

"Also das mit den „älteren Brüdern“ kapiere wer will. Wer war denn zuerst da? Der Glaube dieser Juden oder der wahre Glaube? Das Judentum ist doch ein Abfall von der wahren Religion Daher müssten die Juden wenn überhaupt als Geschwister, dann als jüngere Geschwister angesprochen werden. Schließlich sind die Katholiken die Nachfolger des Bundsvolkes! Mit dem neuen wurde der alte Bund ja schließlich aufgehoben. Alles andere wäre unsinnig."

In der Kommentarspalte bestätigen sich die Analyseergebnisse von Regina Wamper, wenn sie die Position des rechtskatholischen Antijudaismus beschreibt:

"Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erkenne die katholische Kirche zwar das Judentum als gleichwertige Religion an, das Judentum aber beharre auf seinem Wahrheitsanspruch. So komme es zu einer ›Rejudaisierung‹ des Christentums, da das Judentum nach wie vor christenfeindlich sei. ProtagonistInnen einer offeneren Kirche würden mit der Forderung nach gleichberechtigtem Dialog diese ›Judaisierung‹ begünstigen. Dies habe antichristliche Effekte. Der Dialog mit Islam und Judentum sei durch den Einzug freimaurerischer Ansichten in die katholische Kirche unter Aufgabe des christlichen Fundaments zustande gekommen. Jede Behauptung der Gleichwertigkeit der abrahamitischen Religionen führe zur Verwässerung, Relativierung, ›Zersetzung‹ und schließlich zur Vernichtung des christlichen Glaubens. Die christliche Religion wird als einzige und absolute Wahrheit gesetzt. Dialog solle demnach nur dann stattfinden, wenn er auf Mission ausgerichtet sei.

Der neutestamentliche Antijudaismus stehe in keiner Kontinuität zum modernen oder sekundären Antisemitismus. Antijudaismus sei gerechtfertigt als Selbstverteidigung gegen jüdischen ›Antichristianismus‹, der sich auch im Talmud zeige. Kritik am Antijudaismus gilt hier als Kritik an den Grundlagen des Christentums und wird somit als existenziell bedrohlich konstruiert. Der Antijudaismus entspringe der Ablehnung und Tötung Jesu durch JüdInnen und finde darin seine Legitimation. [...]

Relativierungsstrategien, ein Bestreiten der Singularität der Shoa, lassen sich häufig z.B. in der Debatte um Abtreibung auffinden. So sei der Vergleich zwischen Abtreibung und Shoa richtig und konsequent. Kritik an dieser Aussage, besonders von jüdischer Seite wird als Instrumentalisierung der Geschichte begriffen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland schränke durch ›Vergleichsverbote‹ die Meinungsfreiheit in Deutschland ein und begünstige damit antisemitische Haltungen. Hier wird schuldumkehrend die Ansicht vertreten, vermeintlich ›jüdisches Handeln‹ habe einen fördernden Einfluss auf Antisemitismus.“

3 Kommentare 25.6.13 18:43, kommentieren

lustige Judenwitze

So, jetzt habe ich mich doch dazu durchgerungen, zwei kurze Gedanken zu den vermeintlichen Vorkommnissen  im Würzburger Priesterseminar abzugeben. Nein, ich hab keine Ahnung, was an den Vorwürfen dran ist. Und ja, ich kann mir durchaus vorstellen, dass hier etwas aufgebauscht wird. Vielleicht ist es aber auch schlimmer, ich weiß es wie gesagt nicht.

Trotzdem zwei grundsätzliche Gedanken! Ein Priesteramtskandidat, der Judenwitze in Zusammenhang mit KZ, Drittes Reich und SS erzählt, Witze also, die "menschenverachtenden Charakter" haben, der weist wohl tatsächlich nicht die Reife auf, den Beruf des Priesters zu ergreifen. Alleine die Tatsache, dass Jesus ein Jude war, unterstreicht die Dummheit dieses wahrscheinlich sehr jungen und unerfahrenen Mannes. Vielleicht sollte man grundsätzlich auf ein Mindestalter im Priesterseminar setzen. Junge Bübchen, die nichts vom Leben wissen und ihre Identität noch auf Frei.Wild-Konzerten suchen, werden wohl nur schwerlich zu einem guten Priester heranreifen.

Und wenn man dann einmal die Gegenreaktionen zu der Meldung auf den einschlägigen katholischen Blogs betrachtet (hier oder hier oder hier), dann belegen diese Geschmacklosigkeiten, dass diese Dummheit, die der Nährboden für Antisemitismus ist, nicht nur bei unreifen Bübchen sein Unwesen treibt. Hier gilt es achtsam zu sein und die Dinge beim Namen zu nennen.

13 Kommentare 1.6.13 11:31, kommentieren